Natur und Umwelt


Dezember – Tanne

Wenn es bei uns »richtig« Weihnacht sein soll, dann muss es kalt sein, und der Schnee soll die Flur möglichst dick bedecken, mit Schneewächten an windexponierten Lagen und zugefrorenen Seen. Dann unterscheidet sich der Dezember richtig vom Grau in Grau des vorhergegangenen Novembers. Dann spürt man die edle Ruhe und Würde, die sich mit den jungfräulichen Schneeflächen trefflich illustriert. Diese erhabene, etwas einsame Ruhe bereitet wohl auf die Festtage am besten vor.
Im Dezember sind die abbauenden Prozesse zu einem Ende gekommen. So nimmt man im ansonsten kahlen Wald nun die grünen Nadelbäume viel deutlicher wahr. Und man sieht, nicht nur ein Same, eine Wurzel, ein Keim überdauert den Winter, nein, sogar ein grüner Baum ist erhalten geblieben.
Die wintergrünen Pflanzen haben unsere Vorfahren, welche die Rythmen der Natur und damit geheimnisvolle Analogien zum Leben und auch zum menschlichen Dasein intensiv erlebten, wohl sehr fasziniert. Wir sehen dies in der Bedeutung von Mistel, Stechpalme, Thuja, Wacholder und eben auch von Kiefer, Fichte und Tanne.

Bei uns hat man die Tanne zum Weihnachtsbaum erwählt. Man hat sie zum Lichterbaum bestimmt. Dies mag erklärbar werden, wenn man den »Tannenbaum« nicht in forstlicher Kultur, sondern an seinem natürlichen Standort betrachtet. Am schönsten im Gebirge, als mächtiger Solitär. Mit frischem Schnee auf den Ästen kann man ihn einmal mit der kindlichen Begeisterung ansehen, der Freude über die verzauberte, verhüllte Landschaft – und mit der Freude des Wartens aufs Christkind.
Tanne wie Fichte haben einen aufrechten, geraden Stamm. Die Äste bilden, anders als bei den Laubbäumen, einen klaren Kegel. Bei jüngeren Bäumen weisen sie nach oben, bei älteren schwingen sie in einem weiten Bogen nach unten. Von deren Hauptzweigen hängen oft lange, schlanke Ästchen wie Fahnen herab.

Die Fichtenzweige sind meist rundherum mit Nadeln besetzt, welche spitz auslaufen. Bei der Tanne dagegen stehen sie in zwei entgegengesetzten Reihen am Zweig und sind an der Spitze gerundet. Beide Bäume sind, wie auch Kiefer und Lärche, recht harzreich. Ihr Holz ist von Harzadern durchzogen und duftet intensiv. Es scheint, dass sie damit ihre recht unscheinbare Blüte aufwiegen: Staubgefäße der männlichen Blüten und Kätzchen, die zu Zapfen verholzen, bei den weiblichen. Und dieser Duft verströmt sich auch im Winter. Ein Tannenbaum aromatisiert das ganze Zimmer, und der typische Geruch sengender Nadeln erinnert wohl jeden, der noch mit echten Kerzen am Adventskranz und Weihnachtsbaum groß geworden ist, an die erwartungsfrohe Winterszeit.

Die volkstümliche, mehr unbewusste Imagination erwählte die Tanne zum Weihnachts- und Lichterbaum. Sie fasste diese stille Stimmung in wohlvertraute Worte: »Von draußen vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr. / Allüberall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen …«

Aber diese Lichtlein, so denke und befürchte ich, werden nur dann auf den Tannen sitzen, wenn wir sie suchen und erhoffen, wenn wir die stille Wesenssphäre der Natur und der Jahreszeiten durch wache Beachtung wieder beleben, und die Kinder tatsächlich eine Beziehung zu einem geistigen Geheimnis aus den Herzen der Eltern und Erzieher heraus ahnen können.

Martin Sinzinger



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