Feuilleton


WEGE ZU EINEM NEUEN MUSEUM
Berlin auf dem Weg ins nächste Jahrtausend


Matthias Mochner


Im Foyer des Grand Louvre in Paris, unter der gläsernen Pyramide stehend, begegnen sich Menschen aus aller Welt. Eine Welt wie in der Halle eines riesigen Bahnhofs. Herkunft und Sprache, ein rastloses Kommen und Gehen auf Rolltreppen in Glas und Stahl, die zu den einzelnen Sammlungen des größten Museums von Frankreich führen. Nicht selten mehr als zehntausend Besucher täglich suchen hier in der Vergangenheit Geschaffenes. Begegnungen mit Kunst, wenn man so will, weltoffen und vielleicht gerade wegen des babylonischen Sprachengewirrs in der »Bahnhofshalle« unter der Pyramide des chinesischen Stararchitekten I.M. Peis, der in Berlin für den Erweiterungsbau des Historischen Museums im Zeughaus verantwortlich zeichnet. Wenige hundert Meter weiter, im Musée d’Orsay in Paris – einst wirklich ein Bahnhof – lässt sich Ähnliches beobachten.

Auch Berlin verfügt zehn Jahre nach dem Fall der Mauer über einen umfunktionierten Bahnhof, den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart-Berlin, doch weltstädtische Orte der Kultur gibt es nach wie vor nur wenige. Der Hamburger Bahnhof hat sich, weitgehend der Sammlung internationaler Kunst von Erich Marx vorbehalten, seit seiner Eröffnung im Winter 1996 noch nie so recht mit Leben füllen wollen. Pariser Zustände sind im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel, dem Aushängeschild der Berliner Museumslandschaft, noch am ehesten anzutreffen, doch harrt die veraltete Präsentation ebenso der konzeptionellen Überarbeitung wie die Infrastruktur. Beides dürfte sich im Rahmen der für die nächsten Jahre geplanten Umgestaltung der Museumsinsel verändern, wenn hier die archäologischen Sammlungen konzentriert ausgestellt werden.

Nun ist Berlin nicht Paris und Paris nicht Berlin. Und nur insofern ist der Vergleich legitim, als damit die Frage aufgeworfen werden soll, welche Erwartungen die Welt an Berlins Museumslandschaft in den nächsten Jahren stellen könnte und welche Chancen die gegenwärtige Situation in Berlin enthält. Denn in der Tat besitzt die Stadt an der Spree so viele Museen wie keine andere bundesrepublikanische, doch dürften nur die wenigsten von sich beanspruchen, schon jetzt umzusetzen, was jüngst Iso Camartin gefordert hat, nämlich ein Ort »gesteigerter Wahrnehmung« zu sein. Für das Brücke-Museum, das seit Jahren kontinuierlich Wanderausstellungen zu den Expressionisten konzipiert, darf – bei geringem Etat – dies gelten. Selbstverständlich auch für das Bauhaus-Archiv, Museum für Gestaltung, das Haus am Waldsee, das Haus der Wannsee-Konferenz, das Heimatmuseum Kreuzberg oder die Institutionen Schwules Museum, Werkbund-Archiv, das noch junge, sehr innovative Projekt Keramik-Museum sowie vor allem für das Museum der Verbotenen Kunst, die Stiftung Topographie des Terrors und Das Verborgene Museum e. V. Dokumentation der Kunst von Frauen. Hinzufügen ließe sich noch das Mies van der Rohe-Haus, die Mori-Ôgai-Gedenkstätte und das Museum Berlin-Karlshorst sowie die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Doch welchen Bekanntheitsgrad genießt die Arbeit dieser Museen außerhalb von Berlin?

Keineswegs vollständig, zeigt die Aufzählung all jener ja größtenteils auf Berlin selbst bezogenen Museumsinstitutionen, dass Internationales vor allem in der sich verändernden großen Galerienszene (etwa Aedes East, Blickensdorff oder Neuer Berliner Kunstverein) sowie bei Kulturinstituten wie beispielsweise dem Institut für brasilianische Kultur oder Tschechisches Zentrum zu finden ist, wobei auch das Künstlerhaus Bethanien, die Akademie der Künste oder das Podewil zu nennen sind.
Stille Arbeit im Kleinen also, die parallel zu derjenigen der großen Institutionen verläuft, wie der Berliner Festspiele GmbH, den Staatlichen Museen zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz – mit rund 17 Häusern die weitaus größte (auch verwaltungsmäßig) Museumsinstitution der BRD – und den mit Kapital ausgestatteten Ausstellungsorten Deutsche Guggenheim Berlin oder Kunstforum der Grundkreditbank verläuft.

Interessanterweise nimmt Entscheidendes von hier seinen Weg in die Diskussion um die Berliner Kulturlandschaft. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst z.B. organisierte im Herbst 1999 zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Photographie aus Anlass der geplanten Gründung eines Museums für Fotografie in Berlin (dessen Leiter schon ernannt ist!), das international besetzte Symposium Centrum für Fotografie.Fotografie im Centrum, um das Für und Wider eines solchen Museums in Berlin, welches das erste seiner Art in Deutschland wäre, zu diskutieren. Wohlgemerkt, die Initiative kam nicht von den Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz. Auch der 1990 gegründete und seit 1991 in einer ehemaligen Margarinefabrik in der Auguststraße 69 heimische Verein Kunst-Werke Berlin hat sich – nicht zuletzt aufgrund enger Zusammenarbeit mit der New York Kunstszene – zu einem der wichtigsten Orte für zeitgenössische Kunst in Berlin entwickelt. Und mit artservices – in der Linienstraße 117 – besitzt Berlin neben Stattreisen und Kulturbüro – die wohl kreativste Institution im Bereich Kunstvermittlung überhaupt, verantwortlich für die Betreuung der Besucher (Ausstellungsführungen) der letzten Documenta, der noch jungen Kunstmesse art Berlin und demnächst auch der Expo 2000.

Die Diskussionen kreisen in Berlin heute weniger um den Gegensatz von West und Ost, hier entfachte im Jahre 1994 das im Auftrag des Senats für Kulturelle Angelegenheiten erstellte Gutachten zur Situation der Bildenden Künste in Berlin eine heftige Debatte Zur Lage der Kunst in Berlin. Vielmehr wird die zukünftige Arbeitsweise der Berliner Festspiele GmbH oder die Zukunft der so wichtigen Berlinischen Galerie und der Stiftung Stadtmuseum Berlin erörtert. Mit dem historischen Erbe der Stadt tut man sich darüber hinaus schwer. Der langjährige Direktor des derzeit wegen Umbau geschlossenen Historischen Museums z.B. wechselte unerwartet am 1. 12. 1999 das Metier und wurde Feuilletonchef bei der Welt –, und die über die Frage eines Denkmals für die ermordeten Juden geführte Diskussion füllt inzwischen Tausende von Seiten. Schließlich wird immer wieder das Fehlen einer Kunsthalle Berlin bzw. einer großen Ausstellungshalle nach dem Muster der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD angemahnt.

Letztere steht in der Tat in Bonn und nicht in Berlin, wo jetzt die Politik gemacht wird, wobei die Tatsache, dass internationale Großausstellungen nur selten den Weg nach Berlin finden, auch unabhängig vom Umzug der Politiker zu konstatieren bleibt. Es fehlt ein Raum, in welchem die These vom Museum als Kathedrale permanent realisiert werden könnte, wobei dies Lösungen suggeriert, die tatsächlich lediglich Teilaspekte berühren. Im Martin-Gropius-Bau – unmittelbar neben dem emporwachsenden Neubau für die Stiftung Topographie des Terrors auf historischem Terrain plaziert – fanden große Ausstellungen bisher statt. Als eine der wenigen kam Afrika – The Art of a Continent auf Initiative der Zeitgeist Gesellschaft zur Förderung der Künste e. V. 1996 aus dem Ausland (London) und ging später nach New York. Die Epoche der Moderne. Kunst im 20. Jahrhundert (1997) dagegen war ebenso speziell für Berlin konzipiert wie das von den Mitgliedern der deutschen Sektion des internationalen Kunstkritikerverbandes (AICA) als »Ausstellung des Jahres 1999« prämierte Riesenprojekt Das XX. Jahrhundert – Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland. Damit ist nicht bestritten, dass internationale Ausstellungen in Berlin gastieren, man denke an Sensation: Young British Artists From the Saatchi Collection 1999 im Hamburger Bahnhof. Doch bleibt die Frage weitgehend offen, welche Wege in Berlin Kultur- und Museumslandschaft in den nächsten Jahren eingeschlagen werden.

Wege zu einem neuen Museum hat die amerikanische Architekturkritikerin Victoria Newhouse ihre ausgezeichnete Studie über Museumsarchitektur im 20. Jahrhundert 1998 betitelt. Mit dem Jüdischen Museum von Daniel Libeskind besitzt die sich ihres rund eine Generation währenden Inseldaseins entledigende Stadt ein Museum, das mittels grandioser Architektur an dieser Diskussion beteiligt ist und neben Norman Forsters eiförmiger Glas-Stahl-Kuppel des Reichstags zur zweiten großen Touristenattraktion in Berlin avanciert. Weit über 50.000 Besucher kamen 1999 zu Führungen durch das noch leere Haus – ein Unikum in der Geschichte der Institution Museum, dessen Eröffnung für Herbst 2000 vorgesehen ist.

Die Welt blickt auf Berlin, die Stadt gerät kulturell in einen anderen Fokus. Dies birgt Chancen aber auch Gefahren in sich. Gemessen an einer immensen internationalen wie nationalen Berichterstattung in den Medien in den vergangen Jahren nimmt sich Berlins Antwort Zur Lage der Kunst in Berlin gleichsam sehr verhalten aus. Ob aus kluger Voraussicht oder aber mangelnder Selbstwahrnehmung, lässt sich schwer ermessen. Als relativ unbedeutend dürfte zu betrachten sein, ob man im Jahre 2000 für Carolus – Kaiser Karl V. und seine Epoche (25.2.- 21.5.) an den Rhein und nicht an die Spree fährt, weil die Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn und nicht in Berlin steht. Wichtiger könnte sein zu klären, inwiefern die Qualität von Ausstellungen, die in Berlin konzipiert werden, an Berlins Mythos einer kulturellen Metropole anzuknüpfen vermögen, sofern man dies wünscht. Im Martin-Gropius-Bau wird man jedenfalls vom 14.5.-29.10.2000 die Millenium-Ausstellung 7 Hügel – Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts zelebrieren.

Es ist in Deutschland (noch) üblich, unerfüllte Erwartungen in Bezug auf die Kultur häufig mit dem Hinweis auf fehlende Finanzen zu beklagen, was allerdings wesentlich darüber hinwegsieht, dass gerade deutsche Museen weniger an Geld als vielmehr an Ideen Mangel leiden (W. Lippert, 24.3.99 in: Die Welt).

Berlins Museen stehen, wie andere westliche Ausstellungsinstitutionen auch, vor der schwierigen Aufgabe, in einer Zeit, in der sich der Staat unaufhaltsam seiner Pflicht der Kulturförderung entzieht (entziehen muss?), Entwürfe, ja lebendige Visionen zu entwickeln, die Perspektiven aufzuzeigen vermögen für Begegnungen von Menschen über die Kunst (der Gegenwart und derjenigen der Vergangenheit). Und dies ist keine Frage der Finanzen, sondern eine solche der Ideen und damit harte Arbeit, an deren Ende sicherlich nicht so unsägliche Projekte, wie etwa The Story of Berlin, einer Ausstellung zu Berlins Vergangenheit auf 7000 m2, die »ein Erlebnis mit garantierter Gänsehaut« verspricht, stehen, sondern Projekte, die langfristige Spuren in kulturellen Topographie einer Stadt wie Berlin hinterlassen können.

Ein mögliches Beispiel ist das Haus der Kulturen der Welt, keine reine Ausstellungsinstitution, jedoch inzwischen aus der Museumslandschaft von Berlin nicht mehr wegzudenken. Untergebracht in der »Schwangeren Auster«, der ehemaligen Kongresshalle Berlins, befindet sich das Haus der Kulturen heute in unmittelbarer Nähe des politischen Geschehens – das 1,4 km lange Bundeskanzleramt ist nur wenige Meter entfernt. Am 4.9.99 feierte die Institution ihr 10-jähriges Bestehen. Fast 2,3 Mio sahen seit 1989 rund 6.600 Veranstaltungen in der John-Foster-Dulles-Allee 10. Das sind knapp 200.000 Menschen jährlich – zuweilen waren es 340.000. Über 2.100 Gastveranstaltungen fanden statt und bis zu 1.300 Besucher täglich sahen im Sommer 1999 Alexander von Humboldt. Netzwerke des Wissens. Die Qualität der Arbeit der Institution, die im Januar 1989 mit nur 24 Mitarbeitern (jetzt sind es 43) ihre Arbeit aufnahm, scheint gerade für eine Metropole wie Berlin elementar, was sich daran zeigt, dass in der Öffentlichkeit die Vorstellung vorhanden ist, das Haus der Kulturen der Welt sei wesentlich älter. Vermehrt fragen bundesrepublikanische Städte nach dem »Wie« der Arbeit an. Für Berlin zweifellos ein Glücksfall, dass Toleranz und Weltoffenheit – hier leben über 150 Nationalitäten – ernst genommen und praktiziert werden. Vielleicht ist es die Ironie der Geschichte, dass man sich im Konferenzraum K1 im Haus der Kulturen exakt an jener Stelle befindet, an der einst im Salon der Bettina von Arnim über Bildung und Kunst diskutiert wurde.

Ein weiteres, kontrovers diskutiertes Beispiel ist die erste Dauerausstellung »Faszination Bild – Kulturkontakte Europa« im neuen Museum Europäischer Kulturen Berlin, das am 24.6.99 eröffnet wurde. Die Neugründung reflektiert Veränderungen im Selbstverständnis der Institution Völkerkundemuseum getragen vom Gedanken des europäischen Einigungsprozesses: »Europa soll zusammenwachsen, und die Museumspolitik muss im Rahmen des Möglichen ihren Teil dazu beitragen« (Katalog, S. 13). Dies ruft zwangsläufig Widerspruch hervor, denn ob, warum und wie Museen auf die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Europa antworten wollen, können, ja sollten, ist keineswegs klar. Immerhin, die für 5 Jahre konzipierten Kulturkontakte in Europa: Faszination Bild auf 1700 m2 Ausstellungsfläche sind im Gespräch, und das ist gut und im Sinne ihrer Initiatoren, deren Vision es ist, »ein Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas zu werden« (Presseinfo). Und hier, im Miteinander von Gesprächen als Basis für nachfolgende Handlungen – und von einem solchem Miteinander ist zuweilen in Diskussionen zum Thema Museum mit Bezug auf Berlin zu hören –, könnte auch der Schlüssel für von allen Beteiligten erhoffte Synergieeffekte liegen. Berlins Wege zu einem neuen Museum bleiben spannend.



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