Leserforum


Das »große Opfer«

Ruth Ewertowski: »Ist’s erlaubt, dass man den Göttern eine Spende macht?« (11/99, S. 33)

[…] Frau Ewertowski zitiert Rudolf Steiners Äußerung zum »großen Opfer«. Dieses große Opfer ist die willentliche Emanation des Geistes, sein Sich-Ausgießen – nicht in die, sondern als Welt!

Nach dem Zitat stellt die Autorin dann die Frage: »Wäre es nicht denkbar, dass der durch die Mysterien des Denkens eingeweihte Sokrates genau in dieser Haltung in den Tod geht, der dann doch eine echte Hingabe und ein Opfer wäre …?«. Die Antwort auf diese Frage ist ein ganz klares Nein. Das von Steiner angesprochene Opfer besteht eben gerade in der Inkarnation, in der Aufgabe des Bei-Sich-Seins des Weltgrundes, der theosophisch Gott, anthroposophisch MENSCH oder ICH (beides großgeschrieben) heißt, zugunsten einer pluralistischen, lebendigen Welt, die eine SELBSTERFAHRUNG durch den Umstand ermöglicht, dass ICH MIR in unterschiedliche Individuen begegne und ich – das einzelne Individuum – wiederum MICH als Welt erfahren kann. Auch das Opfer des Christus Jesus ist nicht sein weltlicher Tod, sondern die Inkarnation des Christusgeistes in einen sterblichen Leib.

Seine Todesüberwindung schließlich besteht nicht in der bloßen Auferstehung nach dem, was wir Tod nennen, sondern als Tod wird hier umfassender im geistigen Sinne das Inkarniertsein, das weltliche Leben bezeichnet. Den Anschluss an das geistige Leben, an den Weltengrund, an MICH während dieser freiwillig eingegangenen Todeserfahrung, die wir gewöhnlich Leben nennen, aufrecht zu erhalten – das ist die Todesüberwindung Christi. Und das Bemühen, diese Todesüberwindung zu bewerkstelligen, ist Anthroposophie.

Insofern kann man vielleicht sagen, dass Sokrates den Tod überwunden hat. Aber sein Opfer besteht nicht im freudigen Trinken des Schierlingsbechers. Es ist auch gar nicht originär sein (also Sokrates’) Opfer. Es ist MEIN, also unser aller Opfer. Und es besteht in der Erschaffung der Welt aus MIR. […]

Felix Hau



Kämpfer für die Wahrheit

Klaus B. Harms: Wehrmachtsausstellung. Falsche Bilder vom richtigen Tod? (11/99, S. 11)

Zum Ende des 20. Jahrhunderts scheinen es vor allem Nicht-Deutsche zu sein, die Ereignisse neuerer europäischer Geschichte noch einmal in ein anderes Licht rücken.

Der Brite John Cornwell wirft in »Hitlers Pope« (deutsch: »Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat«, C.H. Beck, Nov. 99) die Frage nach einer verheerenden Komplizenschaft des Vatikans mit dem NS-Regime auf. Sein Landsmann Niall Ferguson bringt alte Bastionen ins Wanken, indem er einmal vorurteilsfrei die Politik aller Mächte vor 1914 untersucht und z.B. viel Kriegslüsternes bei den Deutschen nicht finden kann (»The Pity of War«, dt.: »Der falsche Krieg«, DVA, April 99).

Nimmt es da wunder, dass wiederum nichtdeutsche Historiker der Kritik an der Wehrmachtsausstellung zum Durchbruch verhelfen? Offensichtlich bedarf die deutsche Nabelschau von Zeit zu Zeit der Anregung von außen.

Allerdings darf man im Falle der Ausstellung nicht vergessen, dass auch viele Deutsche (nicht nur Rechte!) beharrlich die Unschärfen thematisiert haben (vgl. z.B. Rüdiger Proske: »Wider den liederlichen Umgang mit der Wahrheit«, Dritte Streitschrift, Hase & Koehler 1999). Zu denken geben sollte Michael Stürmer:

»Die Wehrmachtsausstellung ist nicht auf dem Weg verunglückt. Sie hatte von Anfang an etwas Pauschales, Eiferndes, Selbstgewisses und das ist ihr zum Schicksal geworden. Wenn Geschichte, nach dem Wort von Marc Block, der in der Résistance fiel, der Dialog der Lebenden mit den Toten ist, dann bedarf sie der Demut, der unbestechlichen Ehrlichkeit und der aufklärerischen Liebe zu den Menschen. Dann kann sie auch das Tabu von Tod und Trauer ertragen helfen.«

Stefan Hinz, München



»Drittes Glied« zwischen Staat und Wirtschaft

Jesaiah Ben Aharon: Die globale Situation am Ende des 20. Jahrhunderts (10/99, S. 59f.)

[…] Es gibt da sicher viele Mitglieder, die sich für das Recht der Freiheit im Geistes- und Kulturleben einsetzen; dadurch sind die NGOs [Nichtregierungsorganisationen] bzw. die »zivile Bürgergesellschaft« aber noch nicht das fehlende »dritte Glied« zwischen Staat und Wirtschaft. Sie sind auch nicht einfach nur eine neue in jeder Hinsicht zu begrüßende Kraft, sondern sie können durchaus zu einem entwicklungshemmenden Problem werden, wenn sie von einseitigen FanatikerInnen für – eventuell unausgesprochene – Spezialinteressen missbraucht werden. Dieser Gefahr kann wiederum nur durch eine Stärkung und Differenzierung des rechtsstaatlichen Systems und seiner demokratischen Funktionen begegnet werden.

[…] Soweit ich es aufgrund des Aufsatzes von Jesaiah Ben Aharon erkennen kann, waren an den Konferenzen, die zur PA 21 geführt haben, nur VertreterInnen des Rechts- und des Wirtschaftslebens beteiligt (also keine des »dritten Gliedes«), und es ging hauptsächlich um Rechtsfragen, nämlich Grenzziehungen der Entscheidungsbefugnisse in einzelnen Bereichen des sozialen Lebens. Und das ist ein interessantes Phänomen.

Denn hier ist durch die Zusammenarbeit zweier einander oft polar gegenüberstehender Bereiche des Rechtslebens, nämlich der NGOs und des staatlichen Rechtsbereiches ein erster Schritt hin zu einer Befreiung des Geistslebens vollzogen worden. Unter Beteiligung von VertreterInnen des Wirtschaftslebens wurde gemeinsam eine Art Keim für ein freies Geistes- und Kulturleben gelegt. Hier wäre es noch interessant gewesen zu erfahren, welche Art von Beitrag bzw. sozialer Eigenschaft durch die VertreterInnen des »Geschäftslebens« in die Gespräche eingebracht wurde […].

Ameli Zieseniß, Adelheidsdorf



Architekturkritik

Klaus B. Harms: »Geistige Energie im Dienste der Individualität. Hans Scharoun und die Krankheit unserer Zeit« (10/99, S. 25 f.)

Es bleibt Herrn Harms unbenommen, für das Stadtbaukonzept eines Hans Scharoun zu votieren, das vor fast einem halben Jahrhundert in Deutschland planerisches Leitbild war, seit Jahrzehnten jedoch von der Fachwelt als überholt angesehen wird. […]

Merke: 1. Wie in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens und der Kunst vermitteln auch im Bereich der Architektur pauschalisierende Polemiken und Rundumschläge keine Erkenntnis. […]

2. Wenn es eine unerlässliche Voraussetzung gibt, die ein Kritisieren aus anthroposophischem Bewusstsein heraus rechtfertigt, dann ist dies die Achtung vor der Leistung anderer. Wo bleibt in diesem Artikel auch nur ein Anflug von Respekt vor der Stadtbaukunst eines Renzo Piano, der auf der Grundlage des preisgekrönten Konzepts von Hilmer und Sattler eine Figur erarbeitet hat, die alles hinter sich lässt, was in Berlin in den letzten 200 Jahren städtebaulich geleistet wurde? […]

3. […] Eine geistig verantwortbare Architekturkritik nimmt die Menschen an der Hand und lehrt sie auf der Grundlage einer positiven, weltoffenen und kenntnisreichen Auseinandersetzung mit den Architekturphänomenen das Wahrnehmen, Würdigen, Unterscheiden und auch Kritisieren. Nur wenn Architekturkritik sich zu einer solchen wachen, kompetenten und letztlich positiv gestimmten Bewusstheit gegenüber dem Baugeschehen durchringt, werden auch die Bauherren und Architekten in ihrem Bemühen bestärkt, zukunftsfähige Architektur für das neue Jahrtausend zu schaffen.

Harald Streck, Stuttgart


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