Am Leiden gereift:
Wir Menschen des
20. Jahrhunderts
1900-2000: Der Mensch entwirft sich aus der Zukunft
Es sind einhundert Jahre vergangen, seit das zwanzigste Jahrhundert begrüßt wurde als eine Epoche des Fortschritts und des Friedens. Nur einhundert Jahre. Doch die Welt von damals mit ihrem naiven Optimismus ist uns fremd geworden, die Menschen des Jahrhundertbeginns sind uns ferne gerückt, sodass wir fragen müssen, ob das zwanzigste Jahrhundert überhaupt eine in sich geschlossene Geschichtsepoche ist.
Ja, werden heute viele Menschen sagen, es ist die Epoche der Weltkriege, der Diktaturen, der immer anonymer werdenden Massengesellschaft, der mafiosen Machtstrukturen Wer diese Bilanz zieht, kann nur verzweifelt auf das zwanzigste Jahrhundert blicken. Und nicht anders auf das folgende. Aber vergessen wir über den Ereignissen nicht die Menschen, die sie durchlebt und durchlitten haben, die an ihnen gereift sind. Ist das zwanzigste Jahrhundert denn vor allem die Epoche Stalins, Hitlers, Maos, Pol Pots und Milosevics oder derjenigen, die unter Diktaturen aufrecht blieben, die durch ihre Haltung ein Zeugnis für die Würde des Menschen abgelegt haben? Zeigt sich der Charakter des Jahrhunderts im lauten Getriebe der Ereignisse oder erst in der Stille? Und das zwanzigste Jahrhundert hat seine stille Seite, die im Rückblick zur Sprache kommen darf.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist immer mehr der Strom der Kulturtradition versiegt, der das Selbstverständnis des Menschen zuvor getragen hatte. Diese Tradition, die vor zweieinhalb Jahrtausenden in Griechenland begonnen hat, möchte ich als Persönlichkeitskultur bezeichnen, als eine Kultur, die Achtung vor der individuellen Eigenart des Einzelnen hatte. Stattdessen entwickelte sich nun ein Denken, das den Menschen als Produkt einer gesetzhaft wirkenden Vergangenheit verstand, durch Vererbung oder durch Umwelteinflüsse. Der Missbrauch des biologischen und des sozialwissenschaftlichen Denkens schuf ein Klima, in das die beiden machtvollen Gespenster des zwanzigsten Jahrhunderts eingreifen konnten: der Rassenwahn und der Klassenkampfwahn. Deren Macht ist noch keineswegs gebrochen und kann wohl auch erst überwunden werden, wenn eine neue Art des Denkens bestimmend wird.
Diese hoffnungsvolle Tendenz wurde eingeleitet um die Mitte des Jahrhunderts, als der Mensch sich immer weniger als Produkt der Vergangenheit verstand, zum Beispiel in der Biografie-Forschung und -Beratung. Der Mensch, so wurde deutlich, trägt in sich ein Konzept, einen individuellen Entwurf seines Lebens, den er verwirklichen will. Er identifiziert sich nicht mit demjenigen, der er geworden ist, sondern mit demjenigen, der er werden kann und will. Der Mensch ist erst dann mit sich selbst einig, wenn er aus seiner Zukunft auf die Gegenwart hin lebt.
Der Sinn eines lebenswerten Lebens liegt nicht in dem, was schon erreicht ist, in einer Kultur, die an die Nachwelt überliefert werden kann, sondern in einer menschlichen und menschheitlichen Kultur, auf die wir zuleben. Für die Würde des Menschen und der Menschheit haben die Besten des Jahrhunderts gelitten.
Die Schwelle zu einem neuen Leben überschreiten
Das Ende der traditionsgebundenen Persönlichkeitskultur und den Durchbruch zu einem neuen Selbstverständnis des Menschen haben am radikalsten wohl diejenigen erlebt, die durch die Lager gegangen sind. Sie konnten nicht damit rechnen, in ihr bisheriges Leben zurückzukehren, sie waren darauf angewiesen, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln um überleben zu können. Sie sind die Lehrer einer neuen Kulturstufe geworden.
Den Eintritt in die Welt des Lagers schildert Alexander Solschenizyn: »Lass, wenn du über die Schwelle des Gefängnisses trittst, deine Angst um das vergangene warme Leben zurück. Sprich es dir selbst vor: Das Leben ist zu Ende. [ ] Die Freiheit sehe ich nicht wieder. [ ] Die Familie ist für mich gestorben und ich für sie. Mein Körper ist mir von heute an eine überflüssige fremde Last. Einzig meinen Geist und mein Gewissen will ich bewahren. Und sieh, solch ein Häftling bringt die Untersuchung ins Wanken. Nur der wird siegen, der sich von allem losgesagt hat.«
(1. Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe)
Die Schwelle, die am Gefängnistor überschritten wird, ist eine Art Todes-Erlebnis. Der Mensch gibt nicht sein Leben auf, aber er gründet es nicht mehr auf die Verbindung mit dem Leibe. Die überflüssige Last trägt er, aber er ist sie nicht. Die neue Identität wird im Geist, im Gewissen gefunden. Und sie ist stärker als die leibgebundene Existenz, denn wer sich »von allem losgesagt hat«, kann nicht mehr durch Angst zur Anpassung gezwungen werden, er »bringt die Untersuchung ins Wanken.« Damit wird nicht in der Theorie, sondern praktisch ein Menschenbild überwunden, das bis heute durch viele Naturwissenschaftler und auch Theologen vertreten wird: Der Geist oder die Seele des Menschen sei nur denkbar in der Verbundenheit mit dem Leibe.
Dass der Mensch im Lager sich auf der geistigen Seite der Todesschwelle befindet, wird vielleicht noch deutlicher, wenn er in das alte Leben zurückkehrt. So berichtet der russische Schriftsteller Andrej Sinjawski: »Das Interessanteste, das ich in diesen ersten Tagen und Wochen nach der Entlassung erlebt habe, war das Gefühl eines Gestorbenen, der auf dem Fest des Lebens erscheint. [ ] Die Empfindung einer nachtodlichen, zweiten Existenz entsteht aus unserer Teilnahmslosigkeit am Leben. [ ] Man verliert das Gefühl für seinen Körper und seine Seele. Es bleibt nur der nackte Standpunkt, und somit empfindet man seine eigene Anwesenheit in der Welt als gespenstisch. [ ] Und dann ist es so, als stündest du vor allen Menschen nackt da, und diese Nacktheit schnürt dir die Seele zu. [ ] Trotz allem lernt man dort [im Lager] einsehen, dass alles zu Ende geht. Trotz allem ein Ort des Todes. Und ich war dort. Wenn auch nur am Rande, aber ich war dort. Die Menschen aber langweilen sich mit einem Toten.«2
Nicht nur die Bindung des Ich an den Leib hört auf, sondern auch das Gefühl für Körper und Seele erlischt. Was bleibt, ist der »nackte Standpunkt«. Das Wort »nackt«, das Sinjawski wiederholt verwendet, ist aus der mystischen Literatur wohl vertraut. Es meint die unmittelbare Berührung des Menschen mit der geistigen Welt. Das also ist die nachtodliche, zweite Existenz, von der Sinjawski spricht: Auf die Welt zuzugehen ohne den Panzer der gewohnten Empfindungen und Urteile, das Leben an sich heranzulassen. Wie man die Welt dann erlebt, kann kaum ausgesprochen werden, jedenfalls kaum vor solchen Menschen, die in der Schutzschicht ihres Alltags-Ich leben.
Was genau ist die Schwelle des Todes? Gehe ich auf sie zu oder kommt sie mir entgegen? Der spanische Widerstandskämpfer Jorge Semprun sagt: »Plötzlich ist mir eine Idee gekommen, [ ] dem Tod nicht entronnen zu sein, sondern ihn durchquert zu haben. Vielmehr von ihm durchquert worden zu sein.« Doch »die meisten Deportierten hatten keinen Blick mehr. Er war erloschen, umnebelt, blind geworden vom grellen Licht des Todes. Die meisten von ihnen lebten nur noch dahin: mattes Licht eines toten Sterns, ihr Auge.«3
Dass die Augen ausdruckslos werden in der Angst und in der Qual der Lagerhaft, wäre wohl leicht verständlich. Aber Jorge Semprun sieht es anders: Sie sind erblindet am grellen Licht des Todes. Sie hatten nicht die Kraft, dieses Licht zu ertragen. Wenn nun aber der Mensch seiner »nachtodlichen«, seiner zweiten Existenz gewachsen ist? Dann erhält das Antlitz einen eigentümlichen Glanz, von dem der französische Widerstandskämpfer Jacques Lusseyran spricht: »Wohl verloren wir alle durch die Entspannung und die Erleichterung, welche die Befreiung bewirkte, sehr schnell unsere Schönheit, jenen Glanz des Martyriums, der uns an der Schwelle des Todes umhüllt hatte.«4
Schönheit in den ausgemergelten, durch Hunger und Schlafmangel gezeichneten Gesichtern der Häftlinge? Das ist sicher nicht die Art von Schönheit, die wir bei der Ansagerin im Fernsehen gewohnt sind. Aber vielleicht die friedvolle Schönheit, die uns von Menschen im Sarg entgegenleuchten kann. Eine Schönheit, die gar nicht für jeden sichtbar ist, sondern für die wir erst einen Sinn entwickeln müssen. Denn hier gilt es wahrzunehmen, wie die Existenz jenseits der Todesschwelle das irdische Bild wandelt. Und es für den Ausdruck der geistigen Welt weiht. Das hat auch Hans Erich Nossack in den Tagen der Bombenangriffe auf Hamburg während des Zweiten Weltkrieges erlebt: »Das Antlitz der Menschen von damals, wer dürfte es je vergessen. Die Augen waren größer geworden und durchsichtig, wie sie es auf Ikonen sind. Das kalte, geizig trennende Fensterglas war zersprungen, und durch die weiten Öffnungen wehte ungehemmt die Unendlichkeit hinter dem Menschen ins Unendliche vor ihm und heiligte sein Antlitz zum Durchgang für Ewiges.«5
Erleben wir im Auge nicht schon bei einer freundschaftlichen Begegnung, dass es durchlässig ist für die Seele des anderen? Das offenbar meint Nossack nicht, er denkt an eine andere Dimension. Als im Angesicht des Todes das trennende Fensterglas des Auges zersprang, öffnete sich der Blick nicht in die Seele des Gegenübers, sondern »Ewiges« strömte durch das Auge. Nicht der andere, sondern DER MENSCH im anderen wurde sichtbar. Für eine kurze Zeit. Diese Augenblicke sind Brennpunkte in der Geschichte des Jahrhunderts und offenbaren dessen spirituelle Substanz.
... und jenseits dieser Schwelle leben
Wer durch das Tor des Lagers geht, betritt eine Welt, in der alles durch den Willen der Machthaber geregelt ist. Scheinbar gibt es keine Möglichkeit, sich diesem Willen zu entziehen. Jedenfalls nicht für denjenigen, der die gegebenen Verhältnisse als die bestimmende Realität nimmt. Aber Der russische Historiker Dmitrij Lichatschow berichtet von Bardygin, einem seiner Mitgefangenen: Er »war vollkommen abgetaucht in seine philosophische und religiöse Welt. Weder dem, was um ihn herum vorging, noch denen, die ihn daran hinderten, in seiner inneren Welt zu leben, schenkte er irgendwelche Aufmerksamkeit. Jeder, der für seine Unabhängigkeit kämpft, wird damit bereits abhängig [ ] Er war unbesiegbar und darum, wie mir scheint, für die Machthaber am gefährlichsten«.6
Von einem Widerstandskämpfer erwarten wir oft, dass er eine Waffe in die Hand nimmt oder dass er mindestens demonstriert. Nichts dergleichen tut Bardygin, er tut überhaupt nicht etwas. Sondern er lebt sich in einer Welt, die das Ich des Menschen negieren will. Diese innere Haltung nennt Lichatschow bei einem anderen Mitgefangenen »echten Widerstand«.7 Und das ist eine der großen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit Diktaturen: Die innere Haltung des Menschen, des Einzelnen, ist eine historische Tatsache. Sie hat nicht nur Folgen, sondern sie wirkt durch sich, in der Stille und aus der Kraft der Stille. Das klingt vielleicht so, als ob diese Art des Widerstands das Vorrecht derjenigen sei, die in eine »philosophische und religiöse Welt« eintauchen können. Doch »auch die Nachkommen der Bauern verlangte es danach, schöpferisch tätig zu sein. Mit welcher Liebe und Professionalität bauten sie die Baracken der Kinderkolonie«.7
War und ist es nicht immer wieder der Wille einzelner Menschen, MENSCH zu sein, der Diktaturen zu Fall bringt? Als Mahatma Gandhi in Indien auftrat, hat er nicht gegen die Kolonialherrschaft gekämpft, sondern er hat das freie Indien in sich verwirklicht und er hat es in das Gefängnis mitgenommen. Das echte Russland gab es in der Seele eines Boris Pasternak, als im Kreml andere herrschten. Burmesische Kultur lebt in der Haltung Aung San Suu Kyis, während die Militärdiktatur das Land unterdrückt.
Gewiss sind in bestimmten Augenblicken auch Aktionen gegen Diktatoren notwendig. Wenn aber die Aktionen einen Machtanspruch der herrschenden Macht entgegenstellen, bestätigen sie letztlich doch das Prinzip der Macht. Und der Machthaber kann den Widerstand mit seinen Mitteln brechen. Diejenigen, die den Aufstand im Warschauer Getto (1943) begannen, wussten, dass sie die weitere Vernichtung der Juden nicht aufhalten konnten, dass also ihre Aktion »sinnlos« war. Aber es ging ihnen nicht darum, etwas zu erreichen, sondern sie wollten nicht bloße Objekte von Verbrechen sein, sie wollten sich diesen initiativ stellen. Und den letzten Rest der Selbstbestimmung bewahrte schließlich jener Jude, der auf den Wagen sprang zur Gaskammer. Er entschied, wann er starb und wie.
Nur wer an Wunder glaubt, ist ein Realist
In der eigenen Welt, die stärker ist als die Diktatur der Lagerordnung, entwickelt der Mensch ein Denken, das sich auf der geistigen Seite der Todesschwelle bewegt. Im Lager, so sagt Andrej Sinjawski rückblickend, »denkt und spekuliert man intensiver als in Akademikerkreisen. Die Gedanken sind nicht angelesen, sondern wachsen aus dem Knochenmark. Nirgends ist des Menschen Geist so dicht und so salzig wie hier am Rande der Welt. Ein fester Teig. [ ] Der Mensch im Gefängnis entspricht dem Begriff Mensch am meisten. Er ist der natürliche Mensch, der elementare Mensch sozusagen. Einfach deshalb, weil er im Gefängnis abgeschieden, ausgeschieden ist. Weil dort, hinter den Gittern die Freiheit liegt«.8
Gedanken, so pflegen wir zu sagen, spiegeln die Wirklichkeit wider, die vor unserem Denken in der Welt schon vorhanden ist. Hier ist von einer anderen Art der Gedanken die Rede. Sie »wachsen aus dem Knochenmark« hervor. Ihren Gehalt verdanken sie nicht der Welt, sondern dem Menschen. Dem Menschen, der die Welt, wie sie ohne ihn geworden ist, in sich sterben lässt und der durch den Knochenmann in sich eine neue Welt erstehen lässt, aus verantwortlichem Engagement eine neue und eigene Welt, die so exakt ist wie die Mechanik unseres Knochengerüsts und die aus der Tiefe spricht, aus dem Knochenmark. Hier wird Sinjawskis Sprache imaginativ: Er erlebt diese Gedanken als dicht und salzig.
Auch andere Menschen im zwanzigsten Jahrhundert, auch in den gewohnten bürgerlichen Verhältnissen, sind an diese Erfahrung herangekommen. So der österreichische Bankier und Finanzpolitiker Felix Somary (1881-1956), der kurz vor seinem Tode auf die Frage des Sohnes, wie er die politischen Ereignisse so deutlich habe kommen sehen, geantwortet hat: »Ich spüre das Kommende in meinen Knochen; es hat nicht allein mit Wissen zu tun. Es meldet sich nicht im Kopf, sondern im Knochenmark.«9 Hier geht es nicht um schöngeistige Fragestellungen, sondern um die harten politischen Fakten. Und es ist interessant, dass Somary nicht von seinen Gedanken über die Ereignisse spricht, sondern von Erkenntnissen, von einem »Es«, das sich im Knochenmark meldet.
Jenseits der Todesschwelle, dort wo aus dem Knochenmark ein neues geistiges Leben ersteht, beginnt für Sinjawski der »elementare Mensch«, der dem Begriff Mensch am meisten entspricht, der aus der Freiheit lebt. Die Gitter des Gefängnisses werden zum Sinnenschein, weil DER MENSCH im Menschen bestimmend wird.
Das Todeserlebnis ist für Sinjawski die Schwelle zwischen der Welt, die den Menschen von außen bestimmen will, und der Welt der Freiheit. Und es ist der Ort der Entscheidung. Denn nur der einzelne Mensch kann bestimmen, ob er zu dem wird, der dem Begriff Mensch entspricht, der das Schöpferwort vom Ebenbild Gottes verwirklicht oder ob er absinkt. Lichatschow schildert in seinen Lebenserinnerungen die Belagerung von St. Petersburg im Zweiten Weltkrieg. Es herrschte furchtbare Not, das Leben, das die Menschen bisher geführt hatten, versank ins Nichts. »Im Hunger haben die Menschen sich offenbart, entblößt, sich frei gemacht von jeglichem Flitter: Die einen erwiesen sich als bemerkenswerte, unvergleichliche Helden, die anderen als Bösewichter, Schufte, Mörder, Menschenfresser. Dazwischen gab es nichts. Alles war wirklich. Der Himmel hatte sich aufgetan und im Himmel sah man Gott. Die Guten sahen ihn klar vor sich. Es geschahen Wunder.«10
Das sind gewichtige Worte in dem Mund eines prominenten Wissenschaftlers, eines Historikers, der ehrlich berichtet, was er erlebt hat. Wenn ich die Worte vom offenen Himmel und von den Wundern lese, fühle ich mich in die Welt der Evangelien versetzt. Die Schlichtheit der Aussage, die Unmittelbarkeit zum Himmel, die Kraft des Wunders das ist ein urchristlicher Zug des oft geschmähten zwanzigsten Jahrhunderts. Wer nur von den furchtbaren Verbrechen, nicht aber von den stillen Helden des Jahrhunderts spricht, geht an der Wahrheit vorbei. Zu den Helden gehören nicht nur die wenigen Großen, sondern die vielen Ungenannten, Unbekannten.
Von einem solchen, von einem Mitgefangenen im Archipel Gulag, berichtet Alexander Solschenizyn. Es ist Grigorij Iwanowitsch. Als er in das Lager kam, litt er unter Gelenkrheumatismus eine denkbar ungünstige Voraussetzung, um den Arbeitsalltag zu überleben. Aber Grigorij Iwanowitsch hat nicht um Schonung gebeten, er hat sich nicht unterworfen, auch nicht den kleinen und »harmlosen« Willkürmaßnahmen der Aufseher. »Nur um sein Gewissen nicht zu verraten. Und er hat es nicht verraten. Das kann ich bezeugen. Mehr noch: Dank der wunderbaren Wirkung, die der lautere, makellose Geist eines Menschen auf seinen Körper hat (an eine solche Wirkung wird heute nicht mehr geglaubt, man versteht dieses Phänomen nicht mehr) kräftigte sich der Organismus des nicht mehr jungen Grigorij Iwanowitsch im Lager. Seinen Gelenkrheumatismus wurde er völlig los«.11 Und im Winter, der ja in Russland bekanntlich recht kühl werden kann, hatte er für die Arbeit keine andere Kleidung als Papiersäcke, in die er Löcher für Kopf und Arme geschnitten hatte, aber er erkältete sich nicht.
Das ist doch wohl, medizinisch betrachtet, unmöglich. Ein Wunder. Aber es ist die Wirklichkeit. Und wer nicht an Wunder glaubt, ist eben kein Realist.
Die Lager sollten die Macht eines atheistischen Materialismus zeigen, aber die wenigen, die innerlich aufrecht blieben, haben den Vorhang vor der Wahrheit des Menschen beiseite geschoben, vor der Wahrheit, die der Wiener Psychiater Viktor Frankl im Rückblick auf seine eigene Haft in einen Satz zusammengefasst hat, der zum Meditationstext einer modernen Menschenkunde werden kann: Der Mensch »ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Lippen«.12
Zu Beginn des Jahrhunderts hat Rudolf Steiner dargestellt, dass der Mensch in die irdische Existenz seine leibliche Wesenheit mitgebracht hat und dass in der Kulturentwicklung seine seelische Wesenheit differenziert ausgebildet wird. Durch seine individuelle Initiative könne der Mensch die seelischen Wesensglieder in geistige umwandeln und sie damit seinem ewigen Wesen eingliedern. Wenn man diese Schilderungen liest, hat man den Eindruck, dass von einer fernen Zukunft die Rede ist. Wenn Menschen in den Leiden des zwanzigsten Jahrhunderts durch ihre aufrechte Haltung tief in die seelischen und leiblichen Vorgänge verwandelnd eingegriffen haben, sind jedoch große Schritte auf diesem Weg bereits vollzogen worden. Die Entwicklung des Menschen in positiver Richtung ist schneller erfolgt, als dies zu Beginn des Jahrhunderts angenommen werden konnte. Die Entwicklung einzelner Menschen gewiss. Aber es sind immer Einzelne, die vorangehen, während die Entwicklung in negativer Richtung bei anderen Menschen mit einer Ent-Individualisierung verbunden ist.
Die Existenz des Menschen ist ein wirkliches Risiko, für ihn selbst und für die Erde. Weil anders die Hoffnung nicht erfüllt werden kann, die in dem Schöpferwort vom Ebenbild Gottes liegt. Das zwanzigste Jahrhundert hat die Dramatik der Entscheidung aufgezeigt, das beginnende Jahrtausend wird sie treffen.