Aus der Hand der Schöpfung
Fortschritt und Modernität sind jene zwei Säulen, auf die die selbstbewusste Gesellschaft der Ersten Welt baut, um ihre mit dem Zwang zu steigendem Lebensstandard ausgestattete Existenz zu sichern. An diesen Werten soll auch die Landwirtschaft teilhaben, vor allem soll sie ihren Teil zu deren Verwirklichung beitragen. Aber welche aller gegenwärtigen Bewirtschaftungsweisen ist die Modernere und Fortschrittlichere? Noch immer sind die beiden Begriffe »Fortschritt« und »Modernität« von der konventionellen, spezialisierten und industrialisierten Landwirtschaft fest gebucht. Die ökologische oder biologische Anbaumethode kämpft dagegen mit dem Image einer kulturfeindlichen, rückwärtsgewandten Naturromantik. Inzwischen sind auch die ureigensten Begriffe der Ökobewegung wie »Energie sparen« und »Schutz der Umwelt« von einer aufs höchste technisierten Landwirtschaft übernommen worden. Deshalb vielleicht ist es an der Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen: Inwieweit taugen derartige Begriffe noch für die Beantwortung der Eingangsfrage nach der Modernität einer Landwirtschaftsmethode?
Es hat sich eine Vorstellung von den ökologischen Landbauweisen in den Köpfen festgesetzt, die eine tiefergehende und weiterführende Debatte über eine sinnvolle zukunftsfähige Landbewirtschaftung behindert. Diese Vorstellung geht mit bestimmten, in der Umgangssprache verwendeten Grundbegriffen einher, die falsch oder zumindest schief sind.
Umgangssprachlich ist der Begriff »Naturkost« kennzeichnend geworden für Lebensmittel aus biologisch-dynamischem und organisch-biologischem Anbau. Er stammt aus den Siebzigerjahren, der Anfangszeit der Ökobewegung, und leitet sich aus der Negation der konventionellen, chemieorientierten Landwirtschaft ab. Gestützt von Adjektiven wie »naturbelassen«, »natürlich«, »naturnah« und »unbehandelt«, gaukelt er eine Wunschwelt vor. »Natur« wird in diesem Zusammenhang als ein sentimentaler Hochwertbegriff benutzt. Mit dem Alltag jeglicher Lebensmittelerzeugung hat er jedoch nichts Gemeinsames. Nahrungsmittel aus der Hand der Schöpfung als hätte es die Kulturentwicklung über tausende von Jahren nicht gegeben! Das Vergessen von Kultur in der Begrifflichkeit der Alltagssprache der Ökobewegung reißt den Graben auf, der eine Verständigung zwischen den ökologischen Landbaumethoden und einer fortschrittsorientierten und modernen Gesellschaft verhindert. Das Problem beginnt mit der Definition von Natur. Solange Natur nicht definiert werden kann, ist Naturkost auch nicht definierbar. Jeder kann sich seinen eigenen Begriff davon machen. Der eine sucht auf der Ebene der DNS, der andere im Urwald. Stets suggeriert das Wort »Naturkost« die Vorstellung von Unberührtheit und ursprünglicher Vitalität. Auch die Koalition der Ökolandwirtschaft mit den Naturschutzverbänden zur verstärkten Vertretung ihrer jeweiligen Interessen hat die Präzisierung des Bildes von Agrarkultur nicht gerade befördert. Das Kenntnisniveau über ökologischen oder gar biologisch-dynamischen Landbau ist in der breiten Öffentlichkeit nach wie vor gering. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist es auf das Prädikat »nicht gespritzt« reduziert. Selbst unter den ökopraktizierenden Kollegen ist der intellektuelle Diskurs über Unterschiede sowie Vor- und Nachteile der verschiedenen Landbaumethoden wenig verbreitet. Daran ändern auch die gesetzlich verbindlichen Richtlinien zur Erzeugung derartiger Lebensmittel wenig, da sie mit dem Handwerkszeug und der Sprache des Verbotes nicht an die Substanz eines positiven Zukunftszieles herankommen. Der Vorteil für den Verbraucher wird in der Regel lediglich in der Schadstoffarmut des Endproduktes gesehen.
Kommerzialisierung der Umwelt
Fortschritt und Entwicklung sind als vermeintliche Garanten für Wohlstand und Arbeit im Laufe der letzten zwei Jahre zu erstrangigen Anliegen der Bevölkerung in Deutschland aufgestiegen. Dabei ist mit Fortschritt der industrielle Ausbau und der Schulterschluss von Wissenschaft und Wirtschaft gemeint. Einer zunehmend industrieorientierten Gesellschaftsentwicklung wird die Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen am ehesten zugetraut. Dies hat sich am deutlichsten gezeigt, als die Sozialdemokratische Partei im Zuge des Bundestagswahlkampfes ihres Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder die Bedenken gegen die Gentechnologie aufgegeben und diese als Wachstumsbranche Nummer eins anerkannt hat. Damit hat sie, wie vorher Tony Blair in England und Bill Clinton in Amerika, »Fortschrittswillen« bewiesen und Wahlen gewonnen.
Der Schutz der Umwelt, ein ehemals vorrangig genanntes ethisches Ziel der Deutschen, ist vollständig kommerzialisiert worden und darf in keinem Firmenlogo mehr fehlen.
Die Industrie hat den Schutz der Umwelt übernommen, was am sichtbarsten wird an der Branche der Agrochemie. Ihre Forschungen und Neuentwicklungen sind nach eigenem Bekunden ganz dem Schutz der Umwelt unterworfen. Die Agrochemie »schützt« die Umwelt vor der Agrochemie.
Die Politik beschwört dabei die Verknüpfung der Ökologie mit der Ökonomie, womit allerdings lediglich gesagt ist, dass so weitergemacht werden kann wie bisher. Auf diese Weise hat die Industrie die für sie in Gefahr geratene Definitionsmacht über die Vorstellungen von Fortschritt und Entwicklung mittels Wörtern, die keinen Inhalt mehr haben, wieder für sich gesichert.
Umweltfreundlicher Technofood
Durch die Benutzung von Sekundärenergie konnten Formen der Nahrungsmittelproduktion entwickelt werden, die sich nicht mehr nach den Rahmenbedingungen des Ortes und seiner klimatischen, topographischen und sozialen Bedingungen richten müssen. Heute ist es grundsätzlich überall möglich, Nahrungsmittel zu produzieren. Der Import von Tomaten und Gurken aus Schweden nach Deutschland beispielsweise ist keine Seltenheit mehr und zwar das ganze Jahr über. Im dunklen schwedischen Winter sorgt eine zwanzigstündige Belichtung mit Natriumhochdrucklampen für die zweitausend Lux, die notwendig sind, um Tomaten und Gurken reifen zu lassen. Wirtschaftlich möglich macht das der durch Wasserkraft gewonnene billige Strom in Schweden. Die Firmen werben mit der sauberen Luft und dem sauberen Wasser aus Schwedens unberührter Natur. Aber die Pflanzen wurzeln nicht in Schwedens Boden, sondern in künstlich hergestellter Mineralwolle. Siebenundneunzig Prozent der in Holland produzierten Fruchtgemüse wachsen in bodenunabhängigen, geschlossenen Systemen. Für einen gesetzlich verankerten hundertprozentigen Anbau im geschlossenen System lagen die Verordnungen der holländischen Regierung bereit. Die Umsetzung war für das Jahr 2000 vorgesehen, scheiterte letztlich aber am Widerstand der Rosenzüchter. Diese konsequente Vorgehensweise wird mit einem gestiegenen Umweltbewusstsein der Verbraucher begründet.
Die Arbeit
Die unterschiedlichen Ausprägungen landwirtschaftlicher Betriebe ziehen grundverschiedene Arbeitsqualitäten nach sich. In jenem Tomatenproduktionsbetrieb im thüringischen Erfurt arbeiten einhundertdreißig Hilfskräfte auf zehn ha Unterglasfläche. Vier Betriebsleiter organisieren eine monotone, einer Fließbandarbeit gleichen Beschäftigung. Das ganze Jahr über werden Tomaten angebaut. In der strukturschwachen Gegend arbeiten die Hilfskräfte für nicht einmal neun Mark die Stunde. In der Haupterntezeit werden bis zu vierzig Tonnen Tomaten pro Tag geerntet. Computer steuern die Faktoren des Wachstums und der Reife.
Die Geschäftsführer sind studierte Betriebswirtschafter ohne gärtnerische Ausbildung. Das einzige Kriterium ihrer Betriebsgestaltung ist die Produktivität dieser Anlage. Das größte Problem aus Sicht der Betriebsführung sind die unmotivierten Arbeiterinnen und Arbeiter ein Umstand, der offenbar nur die Funktionäre verwundert.
Die Arbeit ist nämlich grauenhaft. Im Winter, wenn draußen Schnee liegt, Tomaten zu ernten, ist absurd, ist psychisch belastend. Nur die Aussicht auf neun deutsche Mark pro Stunde lässt die Leute in dieser strukturschwachen Gegend zur Arbeit gehen. Es ist zu hoffen, dass Betriebe dieser Art relativ schnell zur Vollautomatisierung übergehen, um den Arbeitern jene unwürdigen Verrichtungen zu ersparen.
Entspricht diese Form der Arbeit dem Wert »Modernität«? Ein vollautomatischer Betrieb, der eine monotone, unmenschliche Arbeit wegrationalisiert, ist aus Sicht der Menschenwürde sicher modern. Aber ob heutzutage, bei 10 Millionen Arbeitslosen in Europa, nicht doch ein Fehler im System vorliegt, darüber muss weiter nachgedacht werden. Eingangs wurde festgestellt, dass gerade die Sicherheit auf einen Arbeitsplatz mit »Fortschritt« und »Entwicklung« in Verbindung gebracht wird. Nun müssen aus dem Blickwinkel der Arbeit und ihrer Erhaltung und Sicherung andere Betriebsformen in der Landwirtschaft betrachtet werden.
In einem vielfältigen Betrieb sind die Arbeiten abwechslungsreich. Die Automatisierung hält sich in Grenzen und übernimmt nur die schweren Tätigkeiten wie etwa die Bodenbearbeitung. Die Erfahrung des Ganzen und die Ausübung einer breiten gärtnerischen Qualifikation fordert und erfüllt den Menschen natürlich auf andere Weise als eine nie endende monotone Arbeit. Die Vielfalt der Tätigkeiten macht die Einheiten überschaubar und abwechslungsreich. Immerhin sind es ja siebzig verschiedene Kulturpflanzen, mit denen gearbeitet wird.
Folgende Arbeiten stehen in einem guten gärtnerisch-landwirtschaftlichen Betrieb zur Verfügung: züchten, hacken, jäten, aussäen, pflanzen, pflügen, eggen, kreiseleggen, walzen, bürsten, häufeln, ernten, waschen, verkaufen, packen, gießen, aufleiten, stutzen, abwiegen, melken, misten, füttern, Futter holen, streuen, schlachten, käsen, dreschen, Getreide reinigen, Bäume fällen, anheizen, mahlen, kneten, ausleiben, Brot in den Ofen schieben und herausholen, Kraut schneiden, einstampfen und so weiter.
Es sind die Stimmungswechsel, ein Spektrum an Erfahrungen und eine Fülle von Eindrücken, die eine Substanz entstehen lässt, aus der heraus Alltagsarbeit menschlich wird. Und: vielfältige Betriebe schaffen nachgewiesenermaßen mehr Arbeitsplätze als spezialisierte.
Die Spaltung von Natur und Kultur
Bis in die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts waren es die klimatischen, topographischen, geologischen und auch immer sozialen Verhältnisse, die eine für eine Region geeignete Kulturform entstehen ließen. Arbeitsstil, Sprache, Sorten, Tierrassen und auch Geräte waren typisch.
Selbst voneinander entlegene Gegenden, die gleiche Rahmenbedingungen aufwiesen, hatten Gleiches entwickelt, nebeneinanderliegende Orte mit unterschiedlichen Anbaubedingungen wie z.B. Steilhänge dagegen oft sehr Unterschiedliches.
Die Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens Anfang des 20. Jahrhunderts entfesselte die Technologisierung der Landwirtschaft. Mit der Einführung des synthetischen Stickstoffs als Nährstoffzufuhr im Pflanzenbau wurde die siamesische Verbundenheit von Natur und Kultur gedanklich und begrifflich aufgekündigt. Eine Polarisierung zwischen Natur und Kultur begann sich nun in der Praxis der Landwirtschaft rasch durchzusetzen. Die Ökonomie, also das existenzielle Überleben, war früher das verbindende Glied. Nun ist die Ökonomie das Skalpell, mit dem die siamesischen Zwillinge getrennt werden. Die Agrarwirtschaft war einst eingebunden in die Gesetzmäßigkeiten der Natur und in die Gesetze der Sitte, in die Gebräuche und die Traditionen. Seit der Aufkündigung dieser Autoritäten befindet sich die Agrikulturentwicklung im freien Fall in die Verantwortung des einzelnen Menschen. Die Auflösung dieser Gemeinschaften war auch Hintergrund der Einführung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise. Die Landwirtschaft in der Einheit von Naturprinzipien und Kulturleistung fortzuführen und nicht zu spalten, war der Impuls der ersten so arbeitenden Bauern in den Zwanzigerjahren. Schon damals war abzusehen, dass die Entfesselung der Lebensmittelproduktion aus der Balance zwischen Natur und Kultur Einseitigkeiten schafft, die langfristig in eine Instabilität führen. Die Pflanzenzüchtung kann heute neben dem ökonomischen Desaster der landwirtschaftlichen Betriebe als die sichere Bestätigung der damaligen Hypothese herangezogen werden. Das Auftreten von neuen Krankheitsstämmen an den Kulturpflanzen ist der Missachtung des Gleichgewichtes anzulasten.
Leitbilder
Für die Betriebsentwicklung und Betriebsausrichtung ist entscheidend, welches Leitbild der Wirtschaftende, also der Bauer oder der Gärtner, von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion hat. Dies ist der Hauptunterschied zu vergangenen Zeiten, in denen der kollektive, aus den Kriterien des Überlebens abgeleitete Imperativ die Rahmenbedingungen setzte und die Entscheidungen fällte. Heute ist es eben nicht mehr so, dass der ökonomische Druck die Richtung so zwanghaft vorgibt, dass kein Spielraum mehr bleibt. Es ist eher der Fall, dass der Betriebsleiter die Entscheidungen so fällt, dass er die Spielräume verliert oder erhalten kann.
In den Siebzigerjahren war die Zeit der großen Rebflurbereinigungen am Kaiserstuhl. Mit großem Enthusiasmus wurde hunderte Hektar bereinigt und Reben gepflanzt. Die Zukunft der Winzer schien gesichert. Der Ausbau des Weines wurde der Zentralkellerei in Breisach überlassen, die aber schon nach einem Jahrzehnt mit den Weinmassen nicht mehr zurecht kam, sodass der Weinpreis in den Keller fiel. Die Winzer des Kaiserstuhls gerieten kollektiv in die Spezialisierungsfalle.
Die Überbewertung der Ökonomie in dem engen Sinne des betriebswirtschaftlichen Gewinnes und einer monetären Rendite hat als tragische Konsequenz die Aufgabe aller anderen Faktoren, die in der Lebensmittelproduktion im Ganzen wie auch in dem einzelnen Betrieb eine Rolle spielen.
Die agrarpolitische Beratung hat in den vergangenen Jahrzehnten, seit der Regierungserklärung Adenauers aus dem Jahre 1953, die Bauern in konsequentestem Maße dazu verführt, ihre Betriebe zu industrialisieren, damit ihre Selbstständigkeit abzugeben und dem Imperativ der Betriebswirtschaft zu opfern. Das Diktat der Gemeinwesens wurde durch das Diktat der Betriebswirtschaft ersetzt.
Dies macht sich bei den Bauern am stärksten bemerkbar, die noch ganz in der Tradition der Hofnachfolge stehen. Im einundzwanzigsten Jahrhundert ist es aber unumgänglich, dass auch Bauern ihre Berufswahl bewusst und individuell treffen und nicht als Glied einer langen Ahnenreihe.
Der Bauer als Künstler
Joseph Beuys hat mit seinem »erweiterten Kunstbegriff« dazu aufgerufen, dass jeder Mensch seine künstlerischen Fähigkeiten erkennen und einsetzen solle. Er hat damit nicht gemeint, dass jeder Mensch malen muss, wie es oft interpretiert wird, sondern er hat auf die aktive und bewusste Gestaltungskraft des Einzelnen an dessen individuellem Ort hingedeutet. Er hat sozusagen dem Alltäglichen die Würde und das Freie des Kreativen verliehen. Jede Handlung nämlich, die ausgeübt wird, ist letztlich Gestaltung in irgendeiner Form. Also gilt es zu erkennen, dass ich als Mensch tatsächlich immer aktiv und immer am Konstruieren bin.
Der Kunstgriff des Bauern und Gärtners hebt die Natur auf eine höhere Ebene. Im Erkennen der Lebensgesetze liegt der Schlüssel zur Steigerung der Erträge, ohne die Naturgrundlage zu ignorieren. Ein herausragendes Kriterium der Gesetzmäßigkeiten ist die Vielfalt: Leben ist Vielfalt Vielfalt ist Leben.
Eine Handvoll belebter Erde trägt soviel Organismen, wie die Erde Menschen. Alle stehen untereinander in Beziehung und beeinflussen sich gegenseitig. Dabei sind Aufbau und Abbau die Rhythmen des Lebendigen. Dies zeigt sich im Boden am Humusaufbau und -abbau, bei den Pflanzen am Wachsen und Absterben, bei den Tieren an den Intervallen ihrer Populationen. Erst die Beachtung dieser Rhythmen kann Wirtschaften bedeuten.
Die Ökonomie bekommt die Bedeutung des Haushaltens, wie es die Griechen verstanden haben. Haushalten mit den Dingen und der Natur, nicht nur mit dem Geld.
Die Kunst des Bauern und Gärtners besteht darin, die verschiedenen Ebenen seines Betriebes so zueinander in Beziehung zu bringen, dass sie sich fördernd berühren und verweben. Das Leitbild solch einer Wirtschaftsweise ist ein Organismus, in dem die einzelnen Organe aufeinander abgestimmt sind, sich gegenseitig bedingen und das Ganze erst lebensfähig und damit leistungsfähig machen.
Vier Glieder
Die mineralische Grundlage, die Pflanzenwelt, die Tiere und die Menschen das sind die vier Glieder, mit denen der Bauer wirtschaftet. Der mineralische Boden ist vorgegeben. Mit ihm hat der Landwirt genauso umzugehen wie mit dem Wasser und dem Klima seines Ortes.
Die Pflanzenwelt ist der Ausdruck des Lebendigen. Sie ist das sprießende und sprossende, mit der Sonne korrespondierende Aufbauelement. Die Tierwelt eines Betriebes und seiner Umgebung hat seelische, verbindende Qualitäten. Die Insekten schaffen Verbindungen zwischen den Pflanzen. Die höheren Tiere stellen durch ihre Verdauung die Verbindung von Pflanze, Tier und Boden her. Die Regenwürmer verbinden das Organische mit dem Mineralischen.
Der Mensch ist die denkend gestaltende Instanz. Ohne ihn gibt es zwar die Natur, nicht aber die Kultur. Erst seine Kunst bringt eine Ordnung in das Gefüge, die der Natur zu der Leistungsfähigkeit verhilft, sodass sie den Mensch ernähren kann. Erst die Ideen und die Vorstellungen des Menschen oder der Menschengemeinschaft, die auf einem Hof leben und arbeiten, machen den Betrieb zu einer Individualität. Die Einzigartigkeit jedes Betriebs ist die Komposition der vier beschriebenen Ebenen nach der Gedankenarbeit des Menschen und ihrer praktischen Umsetzung. Jeder Hof ist der Abdruck dessen, was die Menschen, die dort arbeiten, denken, empfinden und wollen. Darüber hinaus sind die Menschen, die die Erzeugnisse eines Hofes erwerben und essen, nicht ohne Einfluss. Es ist spannend und ergiebig, den Hof, den man besucht, mit dem selben Blick zu betrachten, mit dem man ein Kunstwerk, eine Plastik zum Beispiel oder ein Bild, anschauen würde. Erst dann kommt man an die Kriterien heran, einen Landwirtschaftsbetrieb nach modernen, wirklich modernen, Gesichtspunkten beurteilen zu können nämlich: Mit welcher Intention sind die Menschen hier am Werk?
Mit diesem Bild von Landwirtschaft vor Augen lässt ein Betriebsleiter einen vollständig anderen Betriebstyp entstehen. Die Spezialisierung auf eine oder wenige Kulturen ist nicht mehr möglich. Der Betrieb entfaltet sich nicht nur in die Größe, sondern auch in die Breite. Vor- und nachgelagerte Arbeitsbereiche wie Pflanzenzüchtung und Saatgutvermehrung wird in den Betriebskreislauf mit aufgenommen. Ebenso die Veredelung der Produkte wie die Milchverarbeitung und die Gastronomie.
Ein Kohlrabi ist in einem Betrieb, der die Saatgutproduktion mit aufgenommen hat, bis zu vierzehn Monaten in Pflege, Zwiebeln bis zu drei Jahren. Es entstehen Lebensmittel, die den Charakter des betrieblichen Umfeldes angenommen haben, wenn alle Schritte des Lebens einer Pflanze oder eines Tieres an einem Ort stattgefunden haben. Ein Lebensmittel dieser Produktion gleicht einer Komposition eines Musikstückes, dessen Komponist alle Einzelteile zum Ganzen zusammenfügt. Das Getreide bekommt wieder einen Wert über die Prämie hinaus. Es wird am Hof zu Brot verbacken. Es entstehen Kreisläufe. Die Ökonomie bekommt den Inhalt des Wirtschaftens im Ganzen, nicht nur für die monetäre Rendite. Kälber, die geboren werden, erneuern die eigene Herde und sind nicht für die verbrecherische Herodesprämie geboren. Es entstehen keine großen, unüberschaubaren Strukturen, sondern solche, die auf persönliche Verantwortung ausgerichtet sind.
Einige Erhebungen der letzten Jahre ergaben, dass vielfältige Betriebe pro Fläche und Umsatz wesentlich mehr Arbeitsplätze schaffen als spezialisierte und hoch automatisierte Betriebe. Es entstehen also Arbeitsplätze, und die Arbeit wird vielfältig und gehaltvoll, überschaubar, sie bekommt mehr Sinn und Inhalt. Der Betrieb löst sich mehr und mehr von äußeren Abhängigkeiten. Er benötigt immer weniger Hilfsmittel oder Rohstoffe von außen.
Saatgut wird selbst produziert, Dünger wird in den Kreisläufen frei. Die Fruchtbarkeit des Bodens steigt mit dem Freiraum, den der Betriebsleiter sich nimmt. Es wird direkt vermarktet an eine Vielzahl von Menschen. Markttechnisch versklavte Bauern sind nicht in der Lage, eine nachhaltige Wirtschaft zu betreiben. Die Eingangsfrage nach dem Betriebstyp, der es verdient, modern und fortschrittlich genannt zu werden, muss also von dem Gesichtspunkt her neu beurteilt werden, ob er geeignet ist, möglichst vielen Menschen Raum zu geben zur kreativen Entfaltung in einem wirtschaftlich sinnvollen Zusammenhang dies vor der hintergründigen Tatsache, dass der Verlust des Gemeinwesens für jeden die Chance zur individuellen Emanzipation in sich birgt.
Den Freiraum, den in früheren Zeiten und heute Künstler beanspruchen, braucht heute und in Zukunft jeder Bauer und Gärtner, um aus den verschiedenen Lebensbereichen, mit denen er arbeitet, Lebensmittel zu erzeugen, die den Menschen in seiner Vielschichtigkeit auch wirklich ernähren. Aus den Wahrnehmungskriterien der Kunstbetrachtung leitet sich dann die Einschätzung der Zukunftsfähigkeit ab.