Brennpunkte

Amok:
Die Fratze des Bösen



In letzter Zeit mehren sich Nachrichten über Amokläufer und andere Gewalttäter. Bisher glaubten wir uns in Europa vor den schlimmsten Auswüchsen dieser irrationalen Anfälle von Mordlust gefeit. Aber seit den Ereignissen in Bad Reichenhall und Meißen müssen wir einsehen, dass der Amoklauf kein nordamerikanisches Phänomen ist. Bad Reichenhall: Ein 16-Jähriger plünderte die Waffensammlung seines Vaters. Bilanz: Fünf Tote, drei Verletzte. Sogar die Hauskatze zählte zu den Opfern. Meißen: Ein 15-jähriger Schüler stach mit zwei Küchenmessern auf seine Lehrerin ein und tötete sie.

Genau betrachtet handelte es sich bei beiden Vorfällen nicht um Amokläufe, lief doch der Bad Reichenhaller Täter nicht herum, sondern schoss wie ein Heckenschütze aus sicherer Deckung auf ahnungslose Opfer, während der Meißener Schüler »nur« einen Menschen auf seinem Gewissen hat, dessen Hinrichtung er zudem vorher gegenüber Mitschülern mehrfach angekündigt hatte. Nimmt man den Ausdruck allerdings nicht wörtlich, kann man ihn auf jegliche Form von Mordtat beziehen, bei der ein Einzeltäter plötzlich wahllos und scheinbar ohne Grund Menschen tötet, bevor er sich selbst umbringt oder von Sicherheitskräften getötet wird. Bisher konnten wir uns damit herausreden, dass sich in den USA dank der lockeren Waffengesetze solche Vorfälle ereignen mussten, schlicht wegen der hohen Verteilungsdichte an Waffenbesitzern, die gleichsam die Waffen zu Selbstentzündungen prädestiniere (natürlich ein absurdes Argument).

Die Zeit zitierte einen Lehrer der Meißener Schule, der von der zunehmenden Gewaltatmosphäre als einer Folge des auf Selektion und Konkurrenz ausgerichteten Schulsystems sprach. »Was ihre Noten betrifft, sind die Schüler immer aggressiver geworden. Und die Eltern verhalten sich genauso wie die Jugendlichen.« Schon 1983 diagnostizierte Sloterdijk in seiner »Kritik der zynischen Vernunft«: »Im Grunde glaubt kein Mensch mehr, dass heutiges Lernen „Probleme” von morgen löst; fast sicher ist vielmehr, dass es sie auslöst.« Damals hatte Sloterdijk nur das westdeutsche Schulsystem im Auge. Geändert hat sich bis heute nicht viel. Im Gegenteil: die Beschleunigung der sozialen Wandlungen durch die wirtschaftliche Globalisierung hat die Perspektivelosigkeit vieler noch verschlimmert. Aber diese Aspekte des Problems werden in der Regel nie ernsthaft debattiert und wenn, werden daraus keine Konsequenzen gezogen. So sucht man etwa die Frage, was zunehmende Gewalttätigkeit, ja die Zunahme von Amokläufen mit sozialer Kälte und Auflösung aller Bindungen in einer immer ausschließlicher von ökonomischen Kriterien bestimmten Gesellschaft zu tun hat, in den öffentlichen Auseinandersetzungen meist vergebens. Politiker wiegeln ohnehin immer ab.

Haben wir auch die sich mehrenden Familiendramen in die Kategorie der Amokläufe einzuordnen? Werden doch hier in einem einzigen Geschehen mitunter mehr als vier Menschen Opfer eines Täters, der sich am Ende selbst hinrichtet. Besteht das Gemeinsame all dieser Ereignisse darin, dass es sich in Wahrheit um erweiterte Selbstmorde handelt? Sind Amokläufer Selbstmörder, die aufgrund ihrer herostratischen Seelenlage nicht still dahinscheiden können, sondern nur mit Getöse? Orientieren sie sich an Vorbildern, an denen sie erlebt haben, wie bekannt ein Täter wird, der solche Taten vollbringt? Selbstmord als Versuch, postmortale Prominenz zu erlangen und in die Annalen der Geschichte einzugehen? Ein verzweifelter Akt, durch den ein von der Sinn- und Bedeutungslosigkeit seiner Existenz überzeugtes Individuum ultimative Bekanntheit zu erlangen und seinem Leben durch eine finale Handlung doch noch eine Bedeutung zu verleihen versucht? Gewiss ist dieser Aspekt bei den wirklichen Amokläufern nicht zu vernachlässigen. Das Besondere an diesen Tätern ist ja nicht, wie etwa bei Raub- oder Giftmördern (letztere übrigens meist Frauen) darin zu sehen, dass sie sich etwas aneignen wollen, was der andere besitzt, oder dass sie sich eines jahre-, wenn nicht jahrzehntelangen Quälers entledigen wollen.

Was allerdings erschreckt, ist das Alter der Täter. Sie werden immer jünger. Je jünger, desto geringer die Kraft, die das Ich gegen die Aggression und die Neigung zur Gewalttat entwickeln kann. Desto größer auch die Gefahr, dass vom Ich unabhängige seelische oder geistige Kräfte vorübergehend oder dauernd Besitz vom Menschen ergreifen.

Die Zahl der Morde, die ein amerikanischer Jugendlicher in seiner »Fernsehkarriere« sieht, geht in die zehntausende. All diese Bilder leben im Unterbewussten fort und prägen Verhaltensschemata, das bezeugt die Introspektion. Gibt es denn jemanden, der diese Situation nicht kennt: endlose Auseinandersetzungen mit irgendwelchen Leuten, die unter Umständen eine Menge Geld kosten, auf jeden Fall an den Nerven zehren und Magengeschwüre hervorrufen. Die Frustrationen sammeln sich immer mehr an, die Wut staut sich immer mehr auf, schließlich platzt einem angesichts der Erfolglosigkeit der eigenen Bemühungen der Kragen und man denkt: Ich bringe sie alle um! Natürlich denkt man das nur, – vielleicht für einen Augenblick. Aber gedacht hat man den Gedanken und damit bewiesen, dass man sich den Massenmord vorstellen konnte. In jedem Menschen steckt ein Massenmörder. Nur funktionieren bei den meisten die Mechanismen der Hemmung oder das Ich drängt solche »Inspirationen« zurück. Amokläufer hingegen werden von der Macht der Aggression, der Verzweiflung oder auch der Langeweile fortgerissen und der Gedanke wird zur Tat. Ein mächtiger Affekt überwältigt einen Menschen und lässt ihn zum Täter werden. Nach diesem Verständnis ist auch die Langeweile, die aus der Sinn- und Orientierungslosigkeit entspringt, ein mächtiger Affekt.

Amoklauf ist in der Regel eine Übersprungshandlung. Schleusen werden eingerissen, Menschen verlieren alle Besinnung und töten. Aber besessen sind Amokläufer ebenso wie Serienkiller. Nur ist die Besessenheit des Serienkillers eine kalte Besessenheit, die des Amokläufers eine heiße, kochende, akute. Schleichende Vergiftung und akute Wahnsinnsanfälle: eiskalte Berechnung und Überhitzung. Das ist die Symptomatologie. Eine Erklärung ist ohne geisteswissenschaftliche Dämonologie nicht möglich. Erst recht nicht eine denkbare Therapie, bei der es darum ginge, die Täter als Opfer zu erkennen, die von ihrer Besessenheit befreit werden müssen.

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