Natur und Umwelt




November – Raureif

So wie mit dem Frühling im März die Farben erwachen, so ersterben sie mit dem November. Das Grün der Wiesen und Weiden, der Wälder erlischt, wenn die Sonne nur noch einen seichten Kreisbogen über den Horizont beschreibt. Die bunten Blumen, die uns wie eine Antwort auf das Licht und die Wärme der Sonne erscheinen, sind verwelkt, verdorrt und vergangen.

Totenmonat nennt man den November, den wohl schwermütigsten, trübsten und tristesten Monat des Jahreslaufs. Im November regiert der Nebel, die feuchte, kriechende Kälte. Dem Gemüt ist eine Last auferlegt, man spürt den Abschied von den langen, extrovertierten Tagen meist schmerzlich. Man fühlt sich auf sich zurückgeworfen, oftmals einsam und melancholisch. Vielleicht bemerkt man, wie auch die Vögel nun schweigen und kein Insektensummen mehr die Luft erfüllt. Zwei Feiertage fallen in diese Zeit: Allerheiligen und Allerseelen – Tage des Totengedenkens. Mit dem Frühling wird uns die Erde zu einer lieben Heimat, im November kommt es uns vor, als weise sie uns zurück – doch können wir ihr und ihrer Umstände nicht entfliehen.

Aber wenn uns die Jahreszeiten durch eine große Bandbreite von Eindrücken und Stimmungen führen, lernen wir dadurch tiefer zu sehen. Neben dem heiteren Überschwang bringen sie uns ernste und fast krisenhafte Bedenken, und wir stehen dadurch im Spannungsfeld von Zuversicht und Hoffnungslosigkeit, Freude und Leid.

»Sterben unser Los – Wiedersehen unsere Hoffnung« stand auf dem Grabstein der Großeltern, auf den ich als Kind in langen Stunden blickte, meist fröstelnd und missmutig, weil die Tradition die Teilnahme am Gräberumgang zu Allerheiligen forderte.

Als Erwachsener beobachtet man, wie die Generationen sich wandeln und dem gewöhnlichen Bewusstsein bloß die unausweichliche Realität des Abschieds und eine sehr vage Hoffnung eines wohl ganz anders gearteten Vereintseins bleibt. Und man bemerkt, dass man in schweren Stunden leichter an die Existenz eines seelisch-geistigen Lebens denkt, als wenn das sinnliche Dasein die vollste Erfüllung gewährt.
Es entschwindet im November die Vegetation. Der Nebel verschleiert die Sonne und damit bleiben Licht und Wärme in ihrer eigenen, erhabenen Sphäre. Im November lernen wir ihrer zu entbehren, sich zu sehnen und sich auf sie zu freuen – und sie damit auch wieder neu zu schätzen. Denn Wertschätzung lernt man am besten durch auferlegten oder bewussten Verzicht. Was hätte ich als achtjähriges Kind doch darum gegeben, dem Opa, der auf seinem alltäglichen Spaziergang verunglückte, noch einmal sagen zu können, wie gern ich ihn hatte. Und wie hat dieses Erlebnis den Wunsch gestärkt, etwas wie ein Seelengeheimnis zu suchen und zu enträtseln, Begegnungen bewusster und sozusagen einmaliger zu erleben. Ja, wie man in tiefste Geheimnisse einzudringen vermag, wenn ein Unglück über das Leben hereinbricht und die Oberflächlichkeit des Alltags als solche entlarvt.

In diesem Sinne ist der November eine Fastenzeit, die eine Läuterung mit sich bringt – eine Zeit der Trübnis vielleicht, wie der Nebel trübe ist und das Licht der Sonne nicht mehr bis zum Boden der Erde vordringen lässt. Und doch kann dieser Dunst zu herrlichen Formen auskristallisieren und als reinweißer Raureif die Flur verzaubern – vergänglich zwar, aber doch erhebend, wenn der Nebel sich lichtet und die Sonne wenige Strahlen auf die Erde schickt.

Martin Sinzinger



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