Eindrücke von der Ausstellung
Odysseus: Mythos und Erinnerung«, Haus der Kunst, München (bis 9.1.2000)
Seitdem die »Ilias« Homers, die »Odyssee« und die »Kyklischen Epen« (8.-7. Jh. v.Chr.) ein Bild des Odysseus entworfen haben, hat er nichts von seiner Faszination verloren. Intelligenz, Kühnheit, Wissensdrang, Einfallsreichtum und Durchhaltekraft sind die Eigenschaften, mit denen er seine Abenteuer bestand und die Kunst zu eindrucksvollen Darstellungen inspirierte.
Die Ausstellung hat die bedeutendsten antiken Kunstwerke aus aller Welt zusammengetragen. Episoden aus dem Odysseus-Mythos darstellend, sind Vasenmalereien, Wandgemälde, Mosaiken und bildhauerische Werke aus Ton, Marmor und Bronze zu sehen.
Im Mittelpunkt steht die Inszenierung der Taten des Odysseus in der Höhle von Sperlonga in Süditalien, ein Hauptwerk hellenistischer Gruppenschöpfungen und gleichzeitig Höhepunkt der Ausstellung. Diese seit 1957 in langjähriger Arbeit wiederhergestellte »Odyssee in Marmor« zeigt die Ausstellung samt nachgebauter Höhle und Wasserbecken 1. (Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe) Die vier Skulpturengruppen stellen auf dramatische Weise Taten des Odysseus dar: Rettung des Leichnams von Achill, Palladium-Raub, die Blendung des Polyphem in der Höhle und das Vorbeischiffen am Ungeheuer Skylla auf den Fluten der Charybdis. Diese Inszenierung war Teil der Villa des römischen Kaisers Tiberius (4-37 n.Chr.), ein Adoptivsohn des Kaisers Augustus, der nach der Zeitenwende die Zerstörung Trojas in den Zusammenhang der Gründung Roms stellen ließ.
Die Eifersucht Heras, der Gemahlin des Zeus, löste das Paris-Urteil, den Trojanischen Krieg und schließlich die Flucht Aeneas aus, der in Italien das römische Volk gründen sollte. Die Inszenierung von Sperlonga zeigt, dass Odysseus hierbei eine entscheidende Rolle spielte. Er wusste um die drei Bedingungen für den Fall Trojas und konnte sie erfüllen. Er rettete den Leichnam und die Waffen des Achill, die dessen Sohn bei der Eroberung der Stadt tragen musste. Er raubte das Götterbild der Athena, unter dessen Schutz Troja stand, und er holte Philoktet nach Troja, damit dessen unfehlbare Pfeile Paris, den Gatten der Helena und letzten Verteidiger der Stadt, töteten. Mit der Kriegslist des hölzernen Pferdes eroberte Odysseus die Stadt Troja, die in Rom neu entstehen sollte.
Einen weiteren Akzent der Ausstellung bildet die Rekonstruktion der Grotte von Baiae im versunkenen Palast des Kaisers Claudius (41-54 n. Chr.), die bei einer Unterwassergrabung im Golf von Neapel entdeckt wurde. Claudius hatte die Grotte mit Marmorstatuen seiner Familie und des Odysseus, der den Riesen Polyphem mit Wein betäubte und blendete, ausstatten lassen. Im tonnengewölbten Nymphäum, das mit einer zweifach zurückspringenden Apsis und Rechtecknischen ausgestattet war, fanden sich zwei Statuen, weitere in den Wandnischen des Trikliniums.
Eine Sonderstellung nehmen die Landschaftsfresken von Esquilin unter den von der Odyssee inspirierten antiken Denkmälern ein. »Die klassische Zeit hatte einen besonderen Sinn für die inneren Reaktionen der Menschen auf das, was ihnen widerfährt. Ganz besonders interessierte sie sich für die drei Frauen, mit denen Odysseus eine tiefere Begegnung hatte: Kirke, Nausikaa und Penelope. ( ) In der Odyssee leben die Frauen, die Odysseus trifft, nicht ein eigenes Leben. Ihre Rollen sind vom Ablauf der Erzählung bestimmt. Ihre Gestalten sind nicht unabhängig gezeichnet von der Charakterisierung des Helden. Die Überwindung von Prüfungen, denen eine jede von ihnen Odysseus unter-zieht, verstärkt die Grundzüge seiner Persönlichkeit. ( ) Die Festigkeit, Klugheit, die ungläubige Nüchternheit, die sie zwingt, Gewissheit haben zu müssen, dass sie ihren Gatten wirklich wiedersieht, machen Penelope zu einer exemplarischen Gestalt.«2
Eine Wiederbegegnung nach langer Zeit erleben in dieser Ausstellung Kopf und Rumpf der Penelope. Die Statue gehörte einst zur Ausstattung des königlichen Palastes in Persepolis. Der im Museum in Teheran aufbe-wahrte Torso wird zum ersten Mal außerhalb des Iran gezeigt, und der in einer Kopie überlieferte, zugehörige Kopf der Gattin des Odysseus stammt aus der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen.
Im 4. Jahrnundert ging das Interesse für Mythendarstellungen auf die unteritalienische Vasenmalerei über. Auf einem Glockenkrater aus Syrakus haben Odysseus und Diomedes den Kundschafter mit dem von Homer erwähnten Otterhelm in die Knie gezwungen und ihm die Hände auf den Rücken gebunden. Besonders eindrucksvoll ist die der einzigen auf einer Scherbe etwa zur Hälfte erhaltenen Figur des Odysseus, die in der Beugung seines Körpers, in der vorgestreckten Hand und dem nach oben gerichteten Blick das Flehende dieser Bewegung zeigt. Die griechische und besonders die klassische Kunst versuchen den ganzen Ausdruck in die Körperbewegung zu legen. Daher ist häufig auch in einem Bruchstück noch der Geist des Ganzen enthalten.
Mit Odysseus ist die Erinnerung an große Taten, an die Erkundung ferner Länder, an kluge und kühne Überlebenskunst anschaulich gebildet und verdichtet. Und doch ist der Mythos nicht der Bericht vom Leben eines einzelnen Menschen. »Der Mythos ist das, was von der Erinnerung an solche Menschen nicht verloren gehen soll und deshalb von Generation zu Generation immer wieder neu erzählt und im Bilde dargestellt wird.«
Katalog: 400 Seiten mit 426 Farb- und 62 S/W-Abbildungen, Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 49 Mark.