Leserforum



Architektur in Berlin:
Wisniewski vergessen


»Architektonisch ist in Berlin alles verloren« (Rogers, zitiert im vorigen Heft der Drei, S. 25) – »Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf« (Bibelstelle – durch Johann Sebastian Bach noch leidlich bekannt)

Der Aufsatz von Harms über Berlins Architektur findet seine Abrundung erst durch eigene Anschauung. In wohlwollendster Jahreszeit, gleichzeitig bei leerster Stadt, also an einem strahlenden Frühlingsmorgen gegen 5.00 Uhr (Zumutung?) setze der Leser sich aufs Rad und betrachte Regierungsviertel, Pariser Platz, Friedrichstraße, Potsdamer Platz. Das genügt; ihm wird so schlecht, dass ihm Max Liebermann, an dessen Haus (Nachbau) er gerade vorbeikam, zwangsläufig in den Sinn fährt: »Ick kann janich so ville fressen, wie ick kotzen möchte.«

Innerlich ausgehöhlt gelangt er schließlich zur Philharmonie. Staatsbibliothek, Musikinstrumentenmuseum, Philharmonie und Kammermusiksaal leuchten in der schon intensiveren Morgensonne, aber nicht allein wegen der güldenen Außenhaut, nein: dieser Architekt hatte keine Legobausteine im Kopf.

Scharoun, Prediger in der Wüste, der Mann, »der immer den ersten Preis kriegt, aber nicht gebaut wird«, »Spinner, will ausjerechnet in die toteste Jejend Postdamer Platz« und was es an Liebenswürdigkeiten mehr gab.

Ein Begnadeter mit weitem Blick voraus: die Mauer war gerade gebaut, Berlins Zukunft lag völlig im Dunkel. Zorn, Angst, Apathie, Hoffnungslosigkeit breiteten sich aus – pure Ketzerei, was Scharoun dachte und auch noch aussprach! Auch die eigene Zukunft spürte er; so gründete er die »Architektengemeinschaft Scharoun/ Wiesniewski«. Und er legte fest: »Stirbt einer der Partner … so führt der andere das Werk fort.«

Das Werk –! Von allen Ritterschlägen, die er im Laufe von Jahrzehnten erhielt, war für Wisniewski dieser der wichtigste: Studium bei Scharoun, Mitarbeiter, Projektleiter, Partner und schließlich Fortführer des Scharounschen Werkes.

Dessen Lebensgang endete alsbald; auf dem jungen Mann lagen nun eine immense Last und Verantwortung und das doppelt: Scharoun gegenüber und der Stadt gegenüber. Jahre zuvor hatte Scharoun ihn bereits mit der gesamten Planung zur Errichtung der Philharmonie betraut. (Man betrachte den Bau einmal in seiner Kompliziertheit genauer!") Jetzt aber stand er vor der kaum gediehenen Staatsbibliothek; der Kammermusiksaal stand noch völlig in den Sternen – von ihm gibt es aus Scharouns Hand überhaupt nur eine einzige Skizze.

Von dem Institut für Musikforschung plus Musikinstrumentenmuseum schließlich gab es lediglich eine Vorstudie, sonst nichts. Das heißt: von den bislang vier Bauten dessen, was Scharouns Forum umfassen soll, ist als einziger Bau komplett unter Scharouns Leitung nur die Philharmonie entstanden. Alles andere wurde weitgehend oder vollständig von Wisniewski entwickelt. Da ist es absolut unverständlich, ein Unding, wenn dessen Name in Harms' Aufsatz nicht einmal erwähnt wird.

Es geht ja noch weiter. Das Forum ist solange unvollständig, wie das Künstler-Gästehaus nicht steht – und es könnte längst. Exakt dort, wohin es soll, wurde eine Militärplantage von sogenannten Götterbäumen gepflanzt: ebenso stumpfsinnig wie sinnlos, ja: trostlos in ihrem grauen Schotter.

Wisniewski ist seit fast dreißig Jahren mit oder für Scharoun tätig. Niemand kennt genauer, was es – von Anfang an! – an Störungen bzw. Zerstörungen gab. Hasser, die Scharoun erledigen wollen, bestimmen das Baugeschehen der Stadt mit – wehe ihr! Man sehe sich die gewalttätige Bedrängung des Musikinstrumentenmuseums an, man lasse die Zersägung des Areals durch eine Hauptverkehrsstraße auf sich wirken: Wehe dem, der von der Musikforschung hinüber zur Staatsbibliothek will!

Nicht genug damit: die von Anbeginn (!) vorgesehene Erweiterungsfläche für die Staatsbibliothek (unerlässliche Magazine) wurde von der Stadtverwaltung für ein Musical (das siebente in Berlin) plus Spielbank verkauft. Bei näherer Betrachtung dieser Dinge finden sich bislang weitere acht massive Angriffe auf die Scharounsche Konzeption, deren Abwehr auch dem Stabilsten übermenschliche Kräfte abverlangt.

Zu den verheerendsten Taten der Gegenwelt gehört die Schändung ausgerechnet des kostbarsten dieser Gebäude: Plötzlich musste die schwingende Rabitzdecke des Konzertraumes der Philharmonie gegen starren Beton ausgetauscht werden – durch nichts zu rechtfertigen. Dem Haus wurde damit das Herz ausgerissen; Karajan war tot – dergleichen hätte er niemals geduldet. Die einzigartige Akustik, elastisch, quasi federnd, weich und doch klar, ist dahin. Ein Juwel, wie auf dem ganzen Erdball nicht zu finden, vernichtet, als hätte es das nie gegeben. Jetzt ist die Akustik grob, hart und sogar knallig. Ganz simpel die Rechnung: die Leute sterben ja weg und dann weiß niemand mehr, wie die Akustik war oder besser: wie sie sein könnte. Man horche in beliebige Konzertsäle, wo auch immer, oder man stelle sich vor, jemand würde Bayreuth »entholzen« und stattdessen betonieren! Es haben sich 20000 Konzertbesucher gegen diesen Wahnsinn gewendet – nichts half. Es siegte die Gewalt der Stadtregierung – oder das Millionengeschäft – oder siegten beide?

Berlins Kulturgeschehen torkelt seit Jahren: die andere Schändung traft das Schiller-Theater, wichtigste Sprechbühne nach 45 nicht nur von ganz Berlin, sondern des gesamten deutschsprachigen Raumes. Jeder weiß um die Barlog-Epoche von drei Jahrzehnten. Erst wurde der große, helle, heiter-lichte Zuschauerraum (Theodor Heuß, Ernst Reuter, Wilhelm Furtwängler haben einmal das Haus eröffnet) schwarz (!) gestrichen. Später wurde das Haus stillgelegt; sein Geist wurde bis in den Tod seiner bedeutendsten Schauspieler verfolgt – es gibt ihn nicht mehr.

Was gilt den Stadtgewaltigen Schiller? »Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen / und das Erhaben in den Staub zu ziehn« und »Den lauten Markt mag Momus unterhalten / ein edler Sinn liebt edlere Gestalten!«

Peinlich, so sollte man denken, für jeden, der Verantwortung zu tragen hat. Aber Überlegungen zur Zukunft des Haus reichten schon zu einer Abfüllstation für Coca Cola. Berlin hatte nach 45 zwei Kultussenatoren, welche den Titel in Ehren trugen: Tiburtius und Arndt. Das ist viele Jahre her.

In dem eingangs erwähnten Aufsatz werden Scharouns Forum und der Potsdamer Platz als Ausdruck zweier diametral entgegengesetzter Lebensbedingungen bezeichnet. Aber selbst an einem strahlenden Frühlingsmorgen, wenn die Sonne die trostloseste Trostlosigkeit vergoldet, zeigt sich, dass der Potsdamer Platz mit dem, was sich nördlich anschließt, so etwas wie eine Todesbekundung darstellt für das, was die Kultur einer Stadt mit bedeutender Tradition darzustellen hätte.

Wenn nicht der Geist unsrer Schwachheit doch noch aufhilft. Immerhin haben 36000 Menschen durch ihre Unterschrift die Vollendung des Forums im Sinne Scharouns gefordert. Allerdings ist das auch schon wieder über ein Jahr her.

Edwin Nicaeus



Täuschung oder Selbst-Täuschung?

»Die SPD in der Krise« von Christoph Strawe (Heft 10/99, S. 13)

»Und die Lüge humpelt durch das Land« wurde in der Nazizeit nicht nur dort geflüstert, wo »aktuell« gelogen wurde, nein, auch dort, wo mit schiefen Betrachtungen über Vergangenes agitiert wurde.

Es ist jedem Autor unbenommen, eine Analyse dort vorzunehmen, wo ein Vorgang undurchsichtig erscheint oder wo eine Menschenvereinigung eine fragwürdige Richtung für ihr Tun beibehält oder einschlägt.

Gemeint ist der Artikel »SPD in der Krise«, in dem so getan wird, als seien bestimmte Negativerscheinungen neu. Grob, einseitig wird die Parteigeschichte durcheilt, nicht ohne den Leser zuvor gründlich mit Offenbarungen wie der folgenden zu belämmern: »Die Sozialdemokratie hat in ihrer Geschichte wiederholt schwierige Anpassungsprozesse an veränderte Situationen durchmachen müssen« – ja wer denn nicht?!

Keine Silbe aber darüber, wieviele Totalitaristen in der »Mehrheitssozialdemokratie« blieben und Verheerendes anrichteten! Huschhusch geht's in Richtung »Wandlung zur Volkspartei« – nicht eine Silbe über den Zusammenschluss von SPD und KPD im Osten zur SED, so gedrückt von den Sowjets das auch war. So recht rein ist das Gewissen der SPD auch heute keineswegs.

Dann aber Lafontaine als eine Art gedanklicher Heilsbringer in Sachen »Ziele, für die wir uns begeistern können« – wieder so eine Plattitüde, die täglich in beliebigen Varianten zu hören ist. Keine Silbe jedoch über Oskar & Erich, so rechtes Einheitsgespann gegen die deutsche Vereinigung, und das machte in der SPD Schule: Es lassen sich erschreckend viele Beispiele beibringen.

Keine Silbe über wirkliche Charaktere in der SPD, so dünn sie gesät sind, wie Schumacher und Reuter! Beide waren von entscheidender Bedeutung für die SPD und, so ist nicht erst heute zuzugeben, für ganz Deutschland.

Dem Tenor des Artikels entspricht es schließlich, von Zusammenbruch des Staats-»Sozialismus« zu reden – das war krasser Staats-Kapitalismus ! Wie gut eignen sich doch Fiktionen zur Verneblung der Gehirne, und eine (vermeintliche) Selbsttäuschung »der« SPD auch nur andeutungsweise für deren Täuschung des Wählers als Entschuldigung heranzuziehen, ist böse. […]

Edwin Nicaeus



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