Wehrmachtsausstellung
Falsche Bilder
vom richtigen Tod?
Welche Legende schiebt sich zwischen Wahrheit und ihre Illustration? Wie authentisch ist ein Foto? Vor allem eines, das viele tote Menschen zeigt und einige Lebende in Uniformen von Hitlers Wehrmacht? Wie genau arbeiten deutsche Historiker, die eine geschichtliche »Tatsache« Völkermord beweisen wollen? Wie seriös ist die aufsehenerregende »Wehrmachtsausstellung« des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS)? Ein polnischer und ein ungarischer Historiker diskreditieren durch skrupulöse Recherchen den Ruf der Ausstellungsmacher mit dem Vorwurf: Schlampiger Umgang mit den Quellen!
In den »Vierteljahresheften für Zeitgeschichte« versucht der polnisch-deutsche Historiker Bogdan Musial nachzuweisen, dass in der Ausstellung »Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht 1941 1944« in neun Fällen bei Fotografien, die angebliche Gräueltaten der Wehrmacht zeigen, falsche Zuordnungen vorgenommen wurden. Nach Recherchen in deutschen, polnischen und ukrainischen Archiven sowie durch Gespräche mit Zeitzeugen weist Musial darauf hin, dass zentrale Fotos, welche deutsche Soldaten vor vielen nebeneinander liegenden Leichen zeigen, nicht als Nachweis für Verbrechen der Wehrmacht dienen können, die Musial im Übrigen generell nicht leugnet.
Musial kann dokumentieren, dass es sich bei den Toten um Inhaftierte handelte, die auf Befehl von Berija, dem damaligen Chef des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, auf der Flucht vor den vorrückenden deutschen Truppen im Sommer 1941 von den Sowjets liquidiert wurden. Es soll sich dabei um mehrere zehntausend Opfer handeln, deren Leichen erst vom NKWD vergraben und anschließend von deutschen Truppen exhumiert wurden. Zur Identifizierung seien die Leichen dann nebeneinander gelegt und von deutschen Soldaten fotografiert worden. Zahlreiche dieser Fotos seien später in die UdSSR gelangt, wo man sie dann als »Beleg« für Verbrechen der Wehrmacht ausgab. Nach Ansicht Musials handelt es sich bei den deutschen Soldaten auf den inkriminierten Bildern also um Beobachter und nicht um Täter am Tatort. Musial über die unlogische Suggestion der Hamburger Ausstellung: »Folgt man den Angaben der Ausstellungsmacher, dann hätten Wehrmachtssoldaten diese Menschen zunächst getötet, sodann vergraben und danach wieder ausgegraben, um anschließend die fraglichen Aufnahmen machen zu können.«
Für den polnischen Historiker steht dennoch fest, dass auch deutsche Einheiten Massenerschießungen vorgenommen haben, nachdem der NKWD sein Mordhandwerk beendet hatte. Allerdings seien diese Verbrechen zumeist nicht fotografisch dokumentiert. Unterstützt wird Musials Recherche von dem ungarischen Historiker Krisztan Ungvary, der in einem Bericht für die Zeitschrift »Geschichte und Wissenschaft im Unterricht« erklärt, dass nur zehn Prozent der etwa 800 Ausstellungsbilder eindeutig Wehrmachtsverbrechen zeigen würden. Ungvary schreibt, dass viele dieser Verbrechen von ungarischen, finnischen und kroatischen Soldaten oder von sogenannten »Hilfswilligen« aus der Ukraine, Russland und den baltischen Staaten begangen worden seien oder von Angehörigen der SS und von Hitlers Sicherheitsdienst (SD).
Diese neuen Recherchen werfen mehrere Fragen auf. Wie präzise haben die Hamburger Historiker um den Ausstellungsmacher Hannes Heer gearbeitet für eine Bilderschau, die in den vergangenen Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen und Anfeindungen, von ganz rechts bis in die CDU hinein, in Deutschland geführt hat, inklusive einem Bombenanschlag in Saarbrücken? Welche Rolle spielten vorgefasste Urteile bei der Bildauswahl, bei den Bildunterschriften und im gesamten Kontext der Ausstellung? Hätte man sich nicht angesichts eines solch brisanten Themas viel strenger und nachhaltiger der naiven Vorstellung gegenüber verschließen müssen, historische Fotos böten eine authentische visuelle Wahrheit?
Aus der Geschichte dieses Jahrhunderts weiß man, wie mit dem Mittel der Fotografie und des Films Geschichtsschreibung und damit Wahrheit manipuliert wird, bis in unsere Zeit hinein und frei nach Belieben. Da gab es die Retousche eines »offiziellen« Fotos, mit der Stalin den von ihm verdammten und später von seinen Häschern mit dem Eispickel erschlagenen Leo Trotzki aus dem Gang der Geschichte »auszulöschen« gedachte. Da war die cineastische Beschönigung des Nationalsozialismus in der »deutschen« Filmästhetik der Leni Riefenstahl. Da waren die sterilen Fernsehbilder aus dem Golf-Krieg, die ein tatsächlich grauenhaftes Geschehen als »clean« und fern von individueller Verletzung, Schmerz und Tod suggerierten um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Hamburger Wehrmachtsausstellung war, in der Tat, ein Pionierunternehmen nicht nur, was die Verwendung von Fotos als historische Quelle anging, sondern auch unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Lernprozesse, von denen die Zunft der Historiker durchaus profitiert. Vor allem entzündete sich damit erneut, was seit 1945 in der Welt ist und nicht zur Ruhe kommt eine ehrliche und vollständige Aufarbeitung der Verbrechen und des Alltags im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg, die bis heute höchst ungenügend nur geschehen ist. Der deutsche Historikerstreit in den 80er Jahren, die Debatte um Daniel Goldhagens These von »Hitlers willigen Vollstreckern« und die Diskussion um Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998, welche einer solchen möglichst vollständigen Aufarbeitung einen Bärendienst erwies, sind Indiz für dieses Defizit.
Die Glaubwürdigkeit der Wehrmachtsausstellung ist erschüttert. Es geht dabei nicht nur um handwerkliche Fehler, sondern zum einen auch darum, dass deutsche Historiker Sekundärquellen aus Osteuropa viel zu oft ignorieren, entweder aus Gründen der Sprachbarriere oder einfach, weil man Vorurteile hegt oder schlicht zu bequem ist. Noch tiefgreifender aber ist die Frage, ob man mit öffentlicher Emotionalisierung durch Bilder Strategien zur Erhöhung der Akzeptanz eines Themas verfolgen darf, wie sie jetzt im Zuge der neuen Polemiken um die Wehrmachtsausstellung diskutiert wird. Das ist ein Thema, das sich tagtäglich und massenhaft in der Medienwelt stellt. Können Bilder als Medium solche komplexen Sachverhalte überhaupt zureichend erklären? Ist es nicht sehr riskant, Fotos wie oft üblich nicht nur als sinnliche Illustration für einen »guten Zweck«, als wohlfeile inszenatorische Applikation zur Legitimation eines Themas zu nehmen, sondern ganz genuin auch als ernst zu nehmende »Quelle« historischer Erkenntnis? Das Verhältnis von echtem Weltgeschehen und seiner reproduzierten, bildhaften Vermittlung ist oft trotz aller guten wissenschaftlichen Vorsätze von Ungenauigkeiten, Verzerrungen, Veränderungen, Weglassungen, Unterschlagungen gekennzeichnet, bis hin zu absichtlichen Manipulationen.
Mit diesen Unschärferelationen, die im Medium Bild als »Abbild« signifikant begründet sind, tut sich auch die Geschichtsschreibung schwer. Sollen Fotos mehr sein als ein Appell an das Gefühl, wollen sie mehr vermitteln als Rührung, Trauer, Wut oder Entsetzen, sollen sie faktische Berichte qua Optik sein und Erklärungsgrundlagen für ein Geschehen liefern, so müssen sie mit ihrer Botschaft durch eine »Erzählung« in einen ganzheitlichen Kontext gesetzt werden.
Die neuen Erkenntnisse der osteuropäischen Historiker entschulden die Wehrmacht keineswegs pauschal. Zu erwarten ist jetzt aber, dass ein seit über 50 Jahren wogender Streit, der im Grunde ein Generationenstreit ist, wieder neu aufflammt: Die Debatte zwischen denen, welche »die Lebenslüge von der sauberen Wehrmacht vertreten und denen, die dagegen Einspruch erheben«, wie es der Historiker Peter Steinbach, zugleich Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, ausdrückt. Und zu vermuten ist, dass eine revisionistische Kampagne von rechts die Kritik Musials und Ungvarys nutzen wird