»Jede Meditation wird dadurch beeinträchtigt, dass man von der Verpflichtung ausgeht, sie machen zu müssen. Deshalb ist es bei den persönlichen Meditationen durchaus notwendig, dass diese persönliche Meditation allmählich übergeht in etwas im Menschen, was er seelisch empfindet wie einen Durst nach der Meditation. ( ) Wenn die Meditation etwas wird, ohne das man nicht sein kann, dass man der Seele gegenüber fühlt, als ob es zum ganzen Leben der Seele gehörte, dann ist die Meditation richtig empfunden.«1
»Der Erfolg ist nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde vollbracht werden, sind wertlos gegenüber der höheren Welt. Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In dieser Liebe soll sich ausleben alles, was den Geheimschüler zu einer Handlung treibt. Dann wird er auch nicht erlahmen, einen Entschluss immer wieder in Tat umzusetzen, wie oft er ihm auch misslungen sein mag. Und so kommt er dazu, nicht erst die äußeren Wirkungen seiner Taten abzuwarten, sondern sich an den Handlungen selbst zu befriedigen.«2
1. Überschuss
Der Mensch ist das einzige Wesen, das mit sich unzufrieden ist oder sein kann, erst recht das einzige, das an dieser Unzufriedenheit arbeiten kann. Er findet sich vor, um nicht so zu bleiben. In keinem Moment seines Daseins ist er einfach, was er ist (auch wenn er sich das gelegentlich wünscht), sondern er ist auch derjenige, der mehr oder weniger dafür einsteht: Er verantwortet es, so zu sein. (Und selbst »die Seele baumeln lassen« ist eine Art, etwas aus sich zu machen.) Die Umstände prägen ihn, und er lässt sich prägen. Doch zu seinen Bedürfnissen (die er freilich vor sich verschleiern kann) gehört es auch, seinen Zustand selbst aufzugreifen, um ihn umzuwandeln, sich gezielt zu verändern, neue Fähigkeiten zu erwerben. Dies zu erreichen erfordert ein bestimmtes regelgemäßes Verfahren: Man muss »üben«. Dieser Begriff kennzeichnet die rhythmische Wiederholung eines Tuns und die darauf verwendete Aufmerksamkeit und Bemühung. Indem der Mensch übt (kein Tier tut es), betätigt er das in sich, was hinausgeht über alles, »was er ist«.
2. Bewusstsein
Kein Üben ist ganz ohne Denken bzw. Erkennen. Die Methodik, das planmäßige Vorgehen, das es verlangt, setzt die Beteiligung eines reflektierenden und entwerfenden Bewusstseins voraus (noch beim mechanischsten körperlichen Training). Das Üben kann sich darüber hinaus auch ausdrücklich den Kräften des Bewusstseins zuwenden und an ihnen arbeiten. Es gibt auch mentale Fertigkeiten, die methodisch entwickelt werden können: mehr und differenzierter zu sehen, plastischer vorzustellen, sich genauer zu erinnern usw. Auch hier geht es darum, ein Können zu erlangen, nicht Wissen zu vermehren. Hier ist also, allgemein gesagt, das Bewusstsein sowohl Vollzieher als auch Gegenstand des Übens. Und doch scheinen sich beide, Akteur und Aktionsfeld, sozusagen nicht direkt zu begegnen. Das zeigt sich daran, dass das Bewusstsein abwarten muss, wie es das Gedächtnis usw. sich infolge des Übens verändert. Ja, gerade dieser fehlende Kontakt des Bewusstseins mit sich selbst, mit seinen eigenen Tiefen macht ein längerwährendes Üben nötig.
3. Ausrichtung
Beim anthroposophischen Übungsweg handelt es sich in besonderem Sinne um eine Erkenntnisschulung, die sich in Konzentration und Meditation entfaltet. Sie will, anders als ein mentales Training, keine der Fähigkeiten oder Techniken, sich in der Sinneswelt zu orientieren, zu größerer Effizienz in dieser Welt bringen. Sie blickt zunächst auf das Erkennen selbst, nicht auf das, was man damit will. Das Erkennen soll (der Art nach) ein anderes werden, nicht erst seine Gegenstände. Das Bewusstsein des Menschen seine Erkenntnis, sein Interesse ist aber zunächst ganz auf die physische Welt gerichtet. Erkenntnis wird gesucht, um Probleme in dieser Welt zu lösen. Diese Ausrichtung lässt sich nicht per Vorsatz verändern; sie ist auch nicht entgegen einer verbreiteten Illusion bereits damit überwunden, dass man sich mit Gegenständen und Vorgängen beschäftigt, die »übersinnlich« genannt werden. Ihre Veränderung ist selbst etwas, das erst im Laufe des Übens allmählich bewirkt werden kann. Und dem setzen alle übrigen Kulturgewohnheiten, die ganze Lebensweise samt ihren bewussten Betätigungen, einen massiven Widerstand entgegen.
4. Einstellungen
Wer ans Üben im Sinne einer anthroposophischen Bewusstseinsschulung herangeht, sollte sich unbefangen fragen, was er damit will, was er sich davon verspricht. Dazu kann auch gehören, sich Einstellungen bewusst zu machen, die als Hemmnis in die übende Bemühung einfließen. Etwa diese: »Ich habe, wenn ich ehrlich bin, kein Verlangen danach, höhere Welten (wie ich sie mir nach Rudolf Steiners Schilderungen vorstelle) zu schauen. Meine Fragen und Probleme liegen ganz auf dem Felde meines Erdenlebens (z.B. Partnerschaft, Beruf); übersinnliche Welten scheinen mir dazu keinen direkten Bezug zu haben. Es wäre nur Neugierde, sie dennoch kennenlernen zu wollen.« Oder auch so: »Ich habe kein Zutrauen, dass die kleinen Praktiken, die ich da betreibe, wenn ich eine Übung mache ich habe ja schon hie und da etwas versucht , mich je mit übersinnlichen Welten in Verbindung bringen werden. Ich fühle mich ganz ins Erdenbewusstsein eingeschlossen.« Solche Einstellungen bringt heute fast jeder mit und sie verschwinden nicht dadurch, dass man sie rhetorisch überspielt. Sie beruhen darauf, dass ein »Geistiges«, »Übersinnliches« vorgestellt, aber nicht gedacht werden kann. Die Ehrlichkeit, sich einzugestehen, dass man keinen Weg der Bewusstseinserhebung zu gehen wünscht, ist vielleicht eine spirituellere Tat als das rhetorische Hochhalten einer »geistigen Weltanschauung«, zu der man keine erkennende Verbindung hat.
5. Konzentration
Der Grundakt der Bewusstseinsübung ist: auf einem Gedanken zu verweilen, bei möglichster Ausschließung aller anderen Gedanken, die nicht zu ihm in einer Beziehung stehen, die selbst denkend hergestellt wird. Auf ein selbstgewähltes Thema soll die Seele ihre ganze Kraft und Ruhe sammeln. Es gilt, den immer fortrollenden Strom der Vorstellungen auf das Gebiet des einen Gedankens (bzw. Zusammenhangs) zu richten, ihn zu verlangsamen und letztlich zum Stillstand zu bringen. Dies ist in erster Linie eine Willenssache, wie alles Üben. »Seines Herzens Reinheit war: nur Eines zu wollen« (Sören Kierkegaard übrigens ein schöner Satz zur Einstimmung in eine Konzentration oder Meditation.) Im Alltag wird dies gelegentlich verwirklicht bei hingegebener Wahrnehmung oder bei intensiver, konzentrierter Arbeit; dann dient es jedoch einem Interesse oder Nutzen innerhalb des physischen Lebens. Die Übung widmet sich für einige Minuten, bei guter Wachheit einem Gegenstand, der von solchen Zwecken frei ist, insoweit weder anzieht noch abstößt, ein ganz ungewohnter Akt, obwohl er in den Möglichkeiten unseres Denkens und Wahrnehmens liegt.
6. Anfangserfahrungen
Gelingt die Konzentration, so zeigt sich bei wiederholten Versuchen, dass in der gewählten Vorstellung als solcher (welche es auch sei, unabhängig von ihrer Rolle in der physischen Welt) Kräfte liegen, von denen das übende Bewusstsein nach und nach zu schöpfen beginnt. Indem es immer wieder bestimmte Gedankenreihen in von ihm selbst geregelter Weise durchläuft, erschließt sich ihm ein gewisser logischer Bau des Themas. Daraus, dass das Bewusstsein diesen Bau überschaut, kann es die Empfindung eines sicheren In-sich-Gegründetseins ziehen. Auf dieser Grundlage sind dann weitere Schritte möglich. Meist ist anfangs jedoch der Kampf mit den Widerständen vorherrschend. Das Bewusstsein ist weniger mit dem Thema beschäftigt als mit seinem Vorsatz, zu üben: damit, überhaupt anzufangen, den Einstieg zu finden, beim Thema zu bleiben, Ablenkungen zu bekämpfen, über die Richtigkeit seines Vorgehens zu reflektieren, den Erfolg zu beurteilen. Das Üben erscheint vielmehr als ein Kraftaufwand, der unerquicklich und dessen Sinn ungewiss ist, und wird daher häufig bald wieder aufgegeben.
7. Abschweifungen
Das Bemühen, in der Konzentration beim Thema zu bleiben und Abschweifungen zu unterdrücken, erzeugt gerade die Entzweiung, die man zu vermeiden strebt. Widerstrebende Gefühle steigen auf, denen gegenüber das Denken ans Thema wie eine Oberflächenbetätigung erscheint. Sich selber scharf zu bewachen bewirkt schnell Unlust am Üben. Wiederholt das Gleiche zu denken und es zu bemerken, ruft Langeweile hervor. Der Übende stößt auf sein Desinteresse am Thema und auf den Wunsch, es zu wechseln (was nichts hilft). Abschweifungen sind nicht »schlimm« oder verboten; es wäre verwunderlich, wenn das Alltagsbewusstsein die Zerstreuung, die sein Normalzustand ist, nicht in die Übung hineintragen würde. Sie vermeiden zu wollen, ist eine weitere Abschweifung, sich über sie zu ärgern oder sie sonstwie zu kommentieren ebenso. Man lasse sie, wie sie sind. Wenn die konzentrative Anstrengung sich verkrampft, bilden eintretende Abschweifungen eine Zäsur, die dazu verhilft, frisch ansetzen zu können. (Manchmal lassen sie sich sogar verwenden, um das Thema überraschend neu aufzuschließen.) Viel wichtiger als aller Purismus ist es zu lernen, wie man, über Abschweifungen hinwegblickend, ihretwegen nicht aus der Konzentration herausfällt. Man kann im Thema so »Anker werfen«, dass man, wenn sich Abschweifungen einstellen, die Grundrichtung aufs Thema behält. Dies setzt dann ein, wenn der Übende den Willens-Zug, ein leichtes Ansaugen der Gedanken verspürt, das vom Thema ausgeht. Abschweifungen werden von selbst weniger, sobald das, was man im Üben tut und entdeckt, spannender und anregender wird als alles, was einem zwischendurch einfällt. Es ist eine Illusion, man müsse durch Hinauswerfen der Abschweifungen freien Raum für das Thema erzeugen; vielmehr wird dieses die Abschweifungen verdrängen.
8. Strom
Die Erfahrung, das Denken auf ein Thema reduziert zu sehen, kann sich umstülpen in die andere, von ihm aufgenommen und umgeben zu werden. Das Bewusstsein braucht nicht mehr als diesen einen Gedanken; nur die alltägliche Gewohnheit, einen Gedanken nicht um seiner selbst willen zu denken, sondern weil man mit ihm »wohin will«, verhindert diese Erfahrung. Das Thema »denkt sich«, es ist nicht mehr etwas, das von Moment zu Moment neu produziert werden muss; es beginnt selbst die Gedanken zu leiten und nimmt dem Übenden einen Teil seiner Anspannung ab. Es ist selbst ein Denkstrom, an dem er Anteil nimmt; zu dem er sich mehr erwartend als tätig verhält (und man steigt nicht zweimal in denselben Fluss). Will man sich dieser Teilhabe zu früh anvertrauen, so gerät man freilich leicht in einen träumerischen Zustand, der nur vage einem Wort gewidmet ist, das das Thema bezeichnet. Man bleibe beim ausdrücklich formulierenden (satzartigen) Denken, bis jene Umstülpungserfahrung sich phasenweise von selbst einstellt. Das ständige Austarieren zwischen dem, was man »macht«, und dem, was »kommen« muss, ist die Grundfigur allen Übens.
9. Begleitendes
Die Bewusstseinsschulung ist keine intellektuelle Akrobatik. Bereits die interesselose Hingabe, die sie verlangt, ist eine der moralischen Qualitäten, deren Pflege die Denkschulung begleiten muss, da sie andernfalls steril und unfruchtbar bleibt. Dass dies so ist (und von Steiner betont wird3), kann allerdings zum Vorwand werden, nur die begleitenden Übungen zu machen, die sich auf solche moralischen Qualitäten beziehen, und sich damit bereits auf einem spirituellen Schulungsweg zu wähnen. Etwas Entsprechendes gilt für andere praktische, vor allem soziale Tugenden und Fähigkeiten, für allgemeine Lebensweisheit, Früchte der Lebenserfahrung usw. Es ist auch richtig, dass z.B. das erhöhte Spürvermögen für soziale Prozesse oder die erfahrungsmäßige Einsicht in die Wirksamkeit bestimmter Lebensrhythmen bereits übersinnliche Gehalte berührt und im Vorfeld höheren Erkennens liegt; und doch sind auch sie kein Ersatz für den meditativen Erkenntnisweg des Denkens und Wahrnehmens mit seinen Übungen. Die individuelle Denkkonzentration ist der nicht zu umgehende Ausgangspunkt für jeden spirituellen Übungsweg, der mit dem heutigen Bewusstsein rechnet.
10. Zwecke
Jede einzeln oder in Gruppen vollzogene Maßnahme mit dem Ziel, eine bestimmte Geschicklichkeit zu erlangen, kann »Übung« genannt werden gemäß dem eingangs besprochenen allgemeinen Sinn dieses Ausdrucks. Wird so jedoch im anthroposophischen Zusammenhang geredet, so verwischt dies leicht den Eigencharakter des esoterischen Übens, das, wie gesagt, nicht für einen Nutzen in der Alltagswelt geschieht. In dem, was und wie »geübt« wird, schieben sich dann gern die Bedürfnisse einer in Institutionen und öffentlichen Initiativen sich artikulierenden »Bewegung« (die im Wesentlichen gleichartig sind mit denen anderer sozialer Bestrebungen und Einrichtungen) vor die Ansprüche einer spirituellen Schulung. (Diese Verwischung kann sich auch maskieren als spirituelle Bescheidenheit, die lebenslang dabei bleibt, »ganz am Anfang zu stehen«.) Wer für die Zwecke des Tageslebens (z.B. Berufsarbeit) seine sozialen Kompetenzen, Konzentrationskraft, bildhaftes Vorstellungsvermögen oder Gedächtnis schulen möchte, dem steht es frei, Anregungen aus der Anthroposophie dafür zu nutzen (es gibt aber auch außerhalb ihrer eine reichhaltige Ratgeberliteratur dazu, in der sich manches Brauchbare findet). Nur tut er besser daran, dieses Anliegen nicht mit der Rhetorik eines esoterischen Weges zu versehen.
11. Sehen
»Esoterik« beginnt nicht dort, wo man bildliche Impressionen von übersinnlichen Vorgängen oder Wesen bekommt; sondern damit, dass man (ganz unspektakulär) die Seelenkräfte in erster Linie Denken und Wahrnehmen , die man sonst fraglos benutzt, um sich Kunde von der physischen Welt geben zu lassen und in ihr voranzukommen, selbst in den Blick nimmt und auf ihre Eigenqualität befragt. Man lernt so allmählich, diese Kräfte selbst, auf eine neue Weise, wahrzunehmen durch den jeweils gedachten oder wahrgenommenen Inhalt hindurch. Das übende Denken fasst auf, wie sie einen je verschiedenen »Stil«, eine Signatur, eine Färbung haben. Das Denken erlebt sich als sehend, unmittelbar beobachtend, während es sonst nur »Sinnesdaten« zu »verarbeiten« glaubt. Ein Üben, das dahin führt, kann nur von dem gewöhnlichen Denken und Wahrnehmen ausgehen: indem es sie verdichtet, intensiviert. (Dass dies möglich ist, zeigt bereits, dass sie mehr tun als die Sinneswelt »abzubilden«.) Es gibt keine andere Möglichkeit, sich wach und gesund in dieses sehende Bewusstsein zu versetzen. Wer sich in dieser Richtung versucht, wird, und sei es in noch so bescheidenem Maße, ein »Geistesforscher«: ein Entdeckender auf dem Gebiet seiner eigenen inneren Tätigkeit. Einfachste alltägliche Bewusstseinsvorgänge öffnen, aufmerksam erlebt, das Tor zu ersten sinnlichkeitsfreien Erfahrungen, die durch sich selbst weiterführen.