Thema

Der umstrittene Philosoph und Bioethiker Peter Singer, 1992


Erhard Fucke

»Regeln für den Menschenpark?«
Anmerkungen zum gleichnamigen Vortrag von Peter Sloterdijk

Die erregte Debatte über einen Vortrag, den Peter Sloterdijk, Professor der Philosophie in Karlsruhe zu diesem Thema gehalten hat, nimmt kein Ende. Das ist verständlich. Sind doch die Konsequenzen seiner Gedanken, stringent ins praktische Leben eingeführt, beträchtlich.

Materialistische Antworten auf den Niedergang der Menschheit

Der amerikanische Politologe Fukuyama spricht in diesem Falle gar von einer posthumanen Geschichte (Süddeutsche Zeitung). Seine These: »Heute beruht jedes Verständnis gerechter politischer Zustände oder einer universalen menschlichen Ordnung letztlich auf einem Begriff des Menschen.« Den Menschen, wie wir ihn heute kennen, wird es aber nach der ins Auge gefassten Manipulation durch Gentechnik – so Fukuyama – nicht mehr geben. Dieses Problem droht in der Diskussion um Sloterdijks Vortrag an den Rand gedrängt zu werden. In nicht gerade zimperlichen Angriffen Sloterdijks auf die Frankfurter Schule (die kritische Theorie ist tot) und entsprechenden Entgegnungen gerät die Debatte in ein anderes Fahrwasser. Das ist schade, weil dadurch die Diskussion über das Generalthema menschlicher Züchtung vernachlässigt wird.

Sloterdijk steht in einer langen Reihe von Forschern, die das Problem vom Niedergang der Menschheit – und wie man ihm begegnen könnte – bewegten. Dieser Forschertyp ist um die Entwicklung der Menschheit besorgt, da er Niedergangserscheinungen des Menschlichen beobachtet. Seine Frage ist: Wie kann dieser Entwicklung entgegengewirkt werden?

Alle diese Forscher sind überzeugte Materialisten. Für sie ist der Leib die alleinige Ursache von guten und schlechten menschlichen Eigenschaften. Die guten zu optimieren, die schlechten unwirksam zu machen, sehen sie nur eine Möglichkeit: die Züchtung selektierter Menschen. Mit diesen Gedanken wird eine zweite Frage aufgeworfen: Wer bestimmt die Selektion und verfügt über die Durchführung der Züchtung? Alle möglichen Konstrukte von Entscheidungsgremien werden entworfen, alle haben das gleiche Manko: Die, welche diese verantwortungsvolle Aufgabe leisten, müssten eigentlich perfekte Wesen sein, so vollkommen, wie die Götter vorgestellt werden. Diese aber gibt es nicht. So bleibt nichts anderes übrig, als dass der unvollkommene Mensch diese Rolle übernimmt. Jeder kann sich vorstellen, welche Abgründe sich auftun, wenn die Entscheidungsbefugnisse zu persönlichen Machtgelüsten missbraucht werden. Der achte Schöpfungstag ist angebrochen. Er wird, was schier unvorstellbar ist, allein von Menschen regiert. Erschrocken finden sich die unvollkommenen Menschen in der Rolle der Götter. Können sie diesem Zeitenschicksal ausweichen?

Der Traum von der Heranzüchtung einer Moral

Die Forschung gibt ihnen die Möglichkeit, diese Rolle zu spielen, und die Forschung drängt auf Anwendung. Erst mit ihr werden die Forschungsergebnisse endgültig gesichert, und es reizt, die Ergebnisse durch unterschiedliche Bedingungen zu variieren und sie damit erst völlig auszuloten. Forscher können oft diesem Reiz auch dann nicht widerstehen, wenn sie wissen, dass sie Unheil in die Welt bringen. Lehrreich für diese Haltung ist die Geschichte der ersten Atombombe.

Gewollte Zurücknahme der Anwendung wird als Begrenzung der Wissenschaft missverstanden. Darum geht es nicht, sondern um die Frage, wie gleichzeitig die Moral gefördert werden könnte, um einen verantwortungsvollen Umgang mit den Forschungsergebnissen zu sichern. Aber die materialistischen Forscher sind gerade davon überzeugt, dass nur die gezielte Veränderung des Erbgutes diese Moral hervorbringen wird. So wird das Risiko, das solange vorhanden ist, bis der perfekte Mensch durch Züchtung erzielt worden ist, um dann völlig sachgemäß zu handeln, bejaht. Man lese den jüngst erschienenen Artikel von Ronald Dworkin, einem der prominentesten amerikanischen Rechtsphilosophen, mit dem deutigen Titel: Die falsche Angst, Gott zu spielen (Die Zeit).

Im Folgenden sollen vier Wissenschaftler mit wenigen Aussagen zu Wort kommen. Folgt man der Geschichte der Eugenik, könnte man noch manch anderen Forscher erwähnen. Diese Aussagen sollten zeigen, dass mit dem Siegeszug des Materialismus am Ende des 19. Jahrhunderts das Thema virulent wird, das Sloterdijks Elmauer Vortrag auf seine Art aufgreift.

Alfred Ploetz (1860-1940), ein Freund Gerhart Hauptmanns und Frank Wedekinds und einer der ersten Forscher auf diesem Gebiet, schreibt 1895 in seinem Buch: Grundlinien einer Rassenhygiene: »Es handelt sich um die Grundlinien einer rassenhygienischen Utopie, über deren komisches und grausames Äußere der Leser nicht zu erschrecken braucht; es ist ja nur eine Utopie von einem einseitigen, durchaus nicht allein berechtigten Standpunkt aus, welcher nur den Konflikt der bis ihre Konsequenzen verfolgten Anschauungen gewisser darwinistischer Kreise mit unseren Kulturidealen deutlich hervortreten lassen soll.«

Ploetz erklärt also seine Gedanken als Utopie. Allerdings sind sie seiner Meinung nach auch die konsequente Folge der darwinistischen Weltanschauung, die immer mehr Anhänger gewinnt. Ploetz sieht seine Aufgabe darin, die Diskrepanz dieser Weltanschauung mit den herrschenden Gedanken und Moralvorstellungen aufzuzeigen. Zwei Begriffe dienen ihm zur Charakteristik dieser Diskrepanz: komisch und grausam. Das Bild, das entworfen wird, ist auf dem Hintergrund der herrschenden Zeitverhältnisse so grotesk, dass es komisch wirkt. Er erkennt aber auch die grausamen Züge des Bildes.
»Stellt es sich … heraus, dass das Neugeborene ein schwächliches oder missgestaltetes Kind ist, so wird ihm von dem Ärzte-Kollegium, das über den Bürgerbrief der Gesellschaft entscheidet, ein sanfter Tod bereitet, sagen wir durch eine kleine Dosis Morphium. Die Eltern, erzogen in strenger Achtung vor dem Wohl der Rasse, überlassen sich nicht lange rebellischen Gefühlen, sondern versuchen frisch und fröhlich ein zweites Mal, wenn ihnen dies nach ihrem Zeugnis über Fortpflanzungsbefähigung erlaubt ist.«
Was Ploetz offensichtlich entgeht: Gedanken sind das Bild geistig wirksamer Wesen. Als sie sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Büchern wie Grundlinien einer Rassenhygiene andeuten, konnte man ihre groteske Gestalt noch komisch finden. Wir aber können überschauen, dass ein knappes halbes Jahrhundert später nur noch ihr grausames Antlitz am Werke war. Ein ganzes Volk wurde als einer »minderen« Rasse zugehörig erklärt und systematisch ermordet.


Vor und nach dem Holocaust herrscht die materialistische Weltsicht

Viele besinnliche Menschen hatten nach dem Holocaust das Empfinden, dass die Zeit vor ihm unwiederbringlich verloren sei, so tief war ihre Erschütterung über die Gräuel. Sie verkannten, dass vor und nach dem Holocaust eines gleich geblieben war: die materialistische Weltanschauung. Sie ermöglichte den Schluss, im Kampf ums Dasein solch schreckliche Konsequenzen zu ziehen.

Bald nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Crick und Watson ein Modell für die räumliche Struktur der DNS-Moleküle entwickelt, was ihnen 1962 den Nobelpreis einbrachte. Damit ergab sich ein neues Ziel: Das menschliche Genom sollte in allen Teilen erfasst und damit auch manipulierbar gemacht werden. Die Forscher bekamen geradezu religiöse Gefühle und bezeichnen das Genom als heiligen Gral.

Auf dem Ciba-Kongress 1962 zieht der spätere Nobelpreisträger Joshua Lederberg die Konsequenzen. »Ich komme zu dem vorläufigen Schluss, dass die Technik der Humangenetik – selbst gemessen am Stand der praktischen Landwirtschaft – erbärmlich plump ist. (…) Die Embryologie befindet sich weitgehend in der gleichen Situation wie die Atomphysik im Jahre 1900. (…) (Es) ist kaum vorstellbar, dass wir nicht in kurzer Zeit die Grundlagen für Verfahren zur Steuerung der Entwicklung haben werden und z.B. die Größe des menschlichen Gehirns durch pränatale oder frühe postnatale Eingriffe regulieren könnten.«

In Wirklichkeit ist der Mensch, »wie unsere Teilnahme an diesem Symposion belegt, ein kommunikatives Tier«. Lederberg vergisst, dass auch die Elefanten – wie viele andere Tierarten – kommunikativ sind. Nicht nur für Lederberg ist die Überzeugung, dass der Mensch ein Tier sei, eine durch die Tatsachen bewiesene eiserne Gewissheit.

Bioethik als philosophische Rechtfertigung für die Forschung

Ist nach Lederberg auch die geistige Elite restlos von dieser Tatsache überzeugt, so hinken doch viele Menschen, denen der freie Blick durch alte z.T. mittelalterliche Vorstellungen über den Menschen verstellt ist, dieser letzten Einsicht hinterher. Sie blockieren bedauerlicherweise – besonders in einer demokratischen Gesellschaft – den Fortschritt der Forschung. Die Akzeptanz der gentechnischen Forschungsergebnisse hängt also von der Überwindung solch antiquierter Vorstellungen ab. Als James Watson 1988 die Leitung des »Office of Genom Research« übernahm, entschied er, einen Teil der Gelder der Genom Forschung für die Entwicklung und Unterstützung einer Bioethik einzusetzen. Es ist ein einmaliger Vorgang, dass der Naturforschung eine philosophische Rechtfertigung hinzugefügt wird. Diese Bioethik hat es in sich. Sie liefert ein Menschenbild, dem immerhin eine Person zugeschrieben wird. Im Hintergrund der Anschauung ist aber auch diese Person ein Produkt einer komplizierten Chemie. Die Bioethik sieht sich selbst durchaus in der Tradition der abendländischen Philosophie. Beispielsweise Peter Singer, einer ihrer profiliertesten Vertreter, unterscheidet ein Gattungswesen Mensch von der Person.

»Die biologischen Fakten, an die unsere Gattung gebunden ist, haben keine moralische Bedeutung.« Dieses Urteil hat die Konsequenz, dass man mit dem Menschen, solange er nicht Person ist, umgehen kann wie mit einem Tier. »Tötet man eine Schnecke oder ein einen Tag altes Kind, so durchkreuzt man keine Wünsche (welche u.a. die Person charakterisieren) dieser Art, weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben (Singer: Praktische Ethik, Stuttgart 1984, S. 109). Dass, um sich auf die Sichtweise Singers einzulassen, die die Person bestimmenden Gene bereits im Säugling vorhanden sind, kümmert Singer nicht. Erst wenn sie Bewusstsein schaffen, ist der Mensch »Person«. Willkür regiert die Urteilsbildung, um die »Höherentwicklung der Menschheit« durch Eugenik annehmbar zu machen. Man sieht keine andere Wahl, dem Niedergang der Menschheit, der sich in immer größeren Grausamkeiten ankündigt, entgegenzuwirken.

Auch Sloterdijk ist in seiner Elmauer Rede der Auffassung, dass der Humanismus gescheitert sei. Die Domestikation, die Entwilderung des Menschen durch den Humanismus ist nach seiner Ansicht missglückt. Das Menschentier ist nicht genug gebändigt worden. Der Darwinist Sloterdijk siegt über den Humanisten:

»Wollte man, Heideggers Abmahnungen zum Trotz, noch einmal anthropologisch reden, so ließen sich die Menschen historischer Zeiten definieren als die Tiere, von denen die einen lesen und schreiben können und die anderen nicht. Von hier aus ist es nur ein Schritt, wenn auch ein anspruchsvoller, zu der These, dass Menschen Tiere sind, von denen die einen ihresgleichen züchten, während die anderen die Gezüchteten sind.«

Sloterdijk sieht den heutigen Menschen mehr auf die aktive Seite der Selektion gedrängt (warum eigentlich?): »… es wird bald eine Option für Unschuld sein, wenn Menschen sich explizit weigern, die Selektionsmacht auszuüben, die sie faktisch errungen haben. Aber sobald in einem Felde Wissensmächte positiv entwickelt sind, machen Menschen eine schlechte Figur, wenn sie – wie in den Zeiten eines früheren Unvermögens – eine höhere Gewalt, sei es den Gott oder den Zufall oder die anderen, an ihrer Stelle handeln lassen wollen.«

Sloterdijks Forderung nach Codex der Anthropotechniken bleibt verschwommen

Sloterdijks Verdienst liegt darin: Er aktualisiert ein brandaktuelles Thema, das keineswegs neu, aber wichtig ist. Durch seine Polemik verschafft er ihm Gehör, und er zeigt, dass die Zeitgenossen diesem Thema nicht ausweichen können. Für sich selbst sieht er die Notwendigkeit, einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren. Auch das ist nicht neu. Aber wo ist sein Beitrag für diesen Codex? Seine Anmerkungen zum lesenden oder züchtenden Tier sind wenig hilfreich. Oder ist es die Bemerkung, »dass Humanitas nicht nur die Freundschaft des Menschen mit dem Menschen beinhaltet; sie impliziert auch immer – und mit wachsender Explizitheit – dass der Mensch für den Menschen die höhere Gewalt darstellt«? Die Angst, die heute gegenüber der Gentechnik verbreitet ist, resultiert doch gerade aus der Empfindung, dass die Macht der Wissenden missbraucht werden kann. Die Humanitas wird doch wohl erst dann erreicht, wenn das besondere Wissen für die Freundschaft des Menschen mit dem Menschen eingesetzt wird.

Statt wenigstens einige Bemerkungen zu seinem geforderten Codex der Anthropotechniken zu machen, ergeht er sich in recht »verschwommenen« Fragen; trotzdem meint er, dass durch diese der »evolutionäre Horizont« (was immer er darunter versteht) sich zu lichten beginnt: »Ob eine künftige Anthropotechnologie bis zu einer expliziten Merkmalsplanung vordringt; ob die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optimalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können, das sind Fragen, in denen sich, wie auch immer verschwommen und nicht geheuer, der evolutionäre Horizont sich zu lichten beginnt«.

Fukuyama hat Recht, wenn er einen realistischen Begriff vom Menschen fordert. Zuerst aber ist festzustellen, dass das gängige (auch wissenschaftliche) Bewusstsein nur einen reduzierten Menschenbegriff liefert, einen Materialismus, der das geistige Wesen des Menschen verloren hat. Es ist konsequent, wenn der Materialismus keine andere Möglichkeit sieht, als die Spezies Mensch durch Züchtung zu verbessern, ist doch sein Bewusstsein einseitig auf die Leiblichkeit des Menschen gerichtet. Es ist wenig hilfreich, für den Geist des Menschen alte Vorstellungen zu bemühen. Sie müssen dem Zeitgenossen als Dogma erscheinen, weil die Erfahrung, aus denen sie gewonnen worden sind, dem Bewusstsein fehlen. Die heutigen Menschen wehren sich zu Recht gegen Begriffe, die sie nicht anhand eigener Erfahrung gewonnen haben.

Es wäre schon ein Fortschritt, wenn man erkennen würde, dass die aufgeworfenen Probleme aus einer bestimmten Art des Bewusstseins entspringen, die sich erst im Laufe der Neuzeit herausgebildet hat. Wenn aber schon das mittelalterliche Bewusstsein anders war als das heutige oder gar das mythische, (was man nachweisen kann), dann wäre die Geschichte der Menschheit nicht nur als ein Prozess zu sehen, in dem das »Menschentier« domestiziert wird. Die Geschichte zeigt einen Bewusstseinswandel, der keineswegs abgeschlossen zu sein braucht. Die Not der Gegenwart wäre dann vielleicht eine Bewusstseinskrise, weil es dem Menschen nicht ohne weiteres gelingt, die neue Bewusstseinsart zu erreichen. Und wenn diese gar noch die Erfahrung vom geistigen Wesen des Menschen eröffnete! Dann wäre das ein Standpunkt, von dem aus ein Codex der Anthropotechniken zu entwickeln wäre, und zwar ein wirklichkeitsgemäßer.

Das zentrale Streben des Autors der Anthroposophie zielt auf einen Schulungsweg für ein erweitertes Bewusstsein. Nicht Züchtung durch Anthropotechniken führt zum Ziel eines vollkommeneren Menschen, sondern individuelle willentliche Bewusstseinserweiterung, die fern jeder Manipulation durch andere erreicht werden muss.




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