Thema

Fußgängerzone Potsdamer Platz


Klaus B. Harms

Geistige Energie im Dienste der Individualität

Bauen in Berlin: Hans Scharoun und die Krankheit unserer Zeit


»Architektonisch ist in Berlin alles verloren. Wir haben es dort mit einer völlig lächerlichen Stadtplanung zu tun.« Lord Richard Rogers, der für seine Bauten geadelte britische Architekt (der gegenwärtig in London den »Millenium-Dome« baut), fällt ein vernichtendes Urteil über das Planen und Bauen in der deutschen Hauptstadt. Prestige-versessen sei man, vielfach ohne sinnvolle Bezüge zur Vergangenheit, Architekten seien Handlanger des »big business«, an den Bedürfnissen der Bevölkerung werde vorbeigeplant, der Mensch werde zu wenig berücksichtigt. Verwundert Rogers' herbe Kritik zum einen, da er selbst mit seinem 1,8 Millionen Mark schweren »Masterplan« ein strategisches Rahmenwerk des Kommerzes für das Herz Berlins entwickelte (aber dann doch damit abblitzte), so ist doch nicht alles falsch, was der englische Lord-Baumeister in seiner vielleicht gekränkten Eitelkeit von sich gibt.

Architektur und Städtebau in der alten Bundesrepublik, gerade auch in West-Berlin, waren weitgehend geprägt vom amerikanischen Kosmopolitismus im Zeichen nüchterner, zweckgebundener, völlig geistloser Funktionalität. Dazu kam die Degeneration »bauhäuslerischer« Ideen wie die des guten Gedankens der modernen »Parkstadt« nach den Vorstellungen Bruno Tauts aus den Zwanzigerjahren, ein Gedanke freilich, der im Märkischen Viertel in West-Berlin und zehn Jahre später in Marzahn im Osten der Stadt eine menschenverachtende Dimension in Form von anonymen Großbausiedlungen annahm.

Noch immer: Sein bestimmt das Bewusstsein
Aber auch die Bauten im wiedervereinigten Deutschland und in seiner neuen Hauptstadt liefern eindrucksvolle Beweise dafür, dass hierzulande noch immer die Devise gilt: Der Stein bestimmt das Bewusstsein (und ist es nicht der Stein, dann ist es das Design). Ob gestern Traditionalisten wie Paul Bonatz oder Vertreter der Moderne wie Egon Eiermann, ob heute Skyscraper-Stars wie Renzo Piano oder Kommerz-Hochbaumeister wie Helmut Jahn –, vorherrschend ist allemal die Ansicht, dass eine Stadt zunächst einmal aus bebautem Raum zu bestehen habe und erst dann ein Ort für Menschen sei. Die grassierende »Philosophie« des »Pasta & Grappa-Urbanismus«, die uns weismachen will, dass wir alle in einem menschenfreundlichen globalen Dorf leben mit reich möblierten Fußgängerzonen und schick designten Fassaden, macht gern vergessen, dass Städte nicht zuerst durch ihre Bauten leben, sondern durch die Menschen in ihnen. Aber heute ist das alles anders: Nicht städtische Öffentlichkeit ist geplant, sondern ein kaufkräftiger Ausschnitt daraus.

Schaut man sich im Zentrum Berlins um, wo ein hemmungsloser Kapitalismus sich fahle Ikonen des Kommerzes in den Himmel baut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass aus der »Unwirtlichkeit der Städte«, die der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich 1965 beklagte, heute eine »Unwirklichkeit der Städte« wird, wie der Literaturwissenschaftler Klaus Scherpe schrieb. Sogar Roman Herzog wies darauf hin, als er zur Eröffnung des Potsdamer Platzes im Herbst 1998 anmahnte, eine Stadt bestehe nur zu einem Drittel aus ihren Gebäuden, zu zwei Dritteln aber aus ihren Menschen. Trifft man heute Menschen im Herzen Berlins, am Potsdamer Platz, dann sind es Touristen in Hundertschaften oder aber Flaneure in den Einkaufsgalerien. Abends sind sie wieder weg – wie die Touristen Helgoland verlassen. Insel Potsdamer Platz, angeblich sollen hier auch Menschen wohnen …

Die Zukunft der Stadt ist an die des Menschen geknüpft. Was aus dem Biotop der Stadt wird, hängt ganz entscheidend davon ab, ob der Mensch »als freier Mensch, also als einer, der mit diesem Wort Freiheit noch einen Sinn und ein Ziel verbindet« (Mitscherlich) in der Verbindung von bewahrter Natur und gebauter Kultur seine Identität findet. Einer der großen Architekten und Städteplaner, der in diesem Sinn Urbanismus ganzheitlich verstand und sich konzeptionell auf den Raum und den Menschen einließ, war der am 20. September 1893 in Bremen geborene Hans Scharoun.

Die Forderung nach dem Unvollendeten
Als Stadtbaumeister im Berlin der Sechzigerjahre trat er mit seiner »Forderung des Unvollendeten« den Beweis dafür an, dass in einem Jahrhundert des Funktionalismus und kalter Planungsrationalität Architektur »kunstfähig« sein kann und sich zugleich sozial verantwortlich einer Moral des Freiheitlichen verpflichtet sieht. Scharouns Meisterstück, die Berliner Philharmonie, bringt sein Credo zum Ausdruck, welches er schon beim Wettbewerb für die Liederhalle Stuttgart 1949 notierte: »Darüber hinaus könnte die Forderung, die sich im »Unvollendeten« ausspricht, anstatt in einem abschreckenden, in einem erregenden, anregenden Sinne lebendig sein und die Forderung auf Vollendung der gesamten Anlage wachhalten.«


Die Philharmonie
von Hans Scharoun


Mit der »Forderung des Unvollendeten«, so schreibt der Bremer Stadtplaner Michael Müller, realisiere sich bei Scharoun im Umgang und Erleben der Architekturräume, »was im Grunde niemals vollendet werden kann, weil die Dimension der Zeit und der Handlung den Stillstand verhindert«. Panta rhei, alles ist in Bewegung. Helles Bewusstsein von der Relativität der Zeit und der Tatsache des »Nie-Fertigen« ist deshalb auch nötig für Versuche, Stadträume für Menschen zu gestalten, indem Natur und gebaute Zivilisation sich gegenseitig in großer Offenheit nach vorn befruchten können.

Scharoun setzte sein Verständnis von einer identitätsstiftenden Stadtplanung und Architektur sowie sein Verstehen von Demokratie differenziert und offen in Gebautes um. Über die organische Modellierung des Raumes entwickelte er die Form. Die Kenntnis von den Bedürfnissen des Menschen und seiner Kultur bestimmten den Grundriss. Die Zusammenschau von Natur und Stadtplanung ergaben seine »Stadtlandschaft«. Scharouns Philharmonie steht als Beispiel für diese Haltung. Sie ist »große Architektur, der er rein aus ihren Zwecken heraus eine über das Funktionale reichende Sprache verliehen hat«, wie Theodor Adorno 1965 in seiner »Werkbund«-Rede sagte.

Funktionelle Form, organisch dynamisiert
Scharoun baute funktionell, dynamisierte dieses Funktionelle organisch aus seinem Wesensgehalt und entwickelte durch rhythmische Gegenkräfte eine neue Baugestalt. So wie das Kulturforum als »Ort des Neuen« (gegenüber dem »Hort des zu Bewahrenden« auf der Museumsinsel) einen einmaligen, neuen geistig-kulturellen Schwerpunkt im Kontext der Stadt setzt, so erscheinen Scharouns organhaft gestaltete Solitärbauten darauf im Lichte einer funktionellen wie auch humanitären Architektursprache. Stadt und Landschaft kumulieren synästhetisch, großzügig und harmonisch miteinander verbunden.

Wie anders aber dachten andere: »Die Mehrheit der Bewohner hat gleichartige Lebensbedürfnisse«, schrieb Walter Gropius, Architekt des Dessauer Bauhauses, schon 1927. Gropius war 1957 auch Mitgestalter des Berliner Hansa-Viertels im Tiergarten, einer elend einförmigen Schuhkarton-Architektur. Dieser fatalen Nivellierung im Bauen, die »der Masse Mensch« vermeintlich gleichartige Bedürfnisse unterstellte und damit verschiedene Grundrisse, verschiedene Außenformen und verschiedene Baustoffe verweigerte, setzte Scharoun mit seinen Plänen für ein »Kulturforum« im Herzen Berlins in den Sechzigerjahren eine sich individuell ausbreitende Stadt-Landschaft entgegen.

Lange galt dieses »Kulturforum« mit seinen zwischen Tiergarten und Potsdamer Platz organisch angeordneten Solitären der Neuen Nationalgalerie, der Philharmonie, des Kammermusiksaals, des Musikinstrumenten-Museums und der Staatsbibliothek (die Wim Wenders in seinem Film »Der Himmel über Berlin« wunderbar integrierte) Gegnern als »unwirtliches Fragment moderner Nachkriegsarchitektur« und sollte nicht vollendet werden, wie es vor allem der frühere Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann wollte und auch der heutige SPD-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. Lange wogte ein Streit um dieses Kulturforum, das den Anspruch erhob, inmitten einer von der Mauer zerschnittenen Großstadt eine Oase menschlichen Stadtlebens zu werden. Mit dem Fall der Mauer aber und dem folgenden Hochhaus-Boom am Potsdamer Platz schält sich demgegenüber nun mehr denn je der städtebauliche Wert dieser Anlage heraus und die faszinierende Ästhetik ihrer einmaligen Kulturbauten.

Die kalte Klotzarchitektur des benachbarten Potsdamer Platzes und die gewaltigen Prestigebauten des neuen Regierungsviertels stehen in vordergründig urbanem Kontrast zur subtilen, natürlichen Stilistik der »gebauten Musiklandschaft« auf dem Kulturforum. Hier die moderne Synthese von Inhalt und Form, der Einklang von Natur und Kultur, dort das Faible für Verpackung, das Potemkinsche Dorf der postmodernen Fassadenkünstler. Die Kluft ist tief.



Über geschwungene Treppen durch die Schluchten des Gebäudes von Renzo Piano


Natur und Kultur versus Fassadeneinerlei
Doch jetzt könnte der »fast schon zur Glaubensfrage avancierte Dauerstreit« (Tageszeitung) zugunsten der Pläne des 1973 verstorbenen Scharouns in die letzte Runde gehen, weil sich im vergangenen Juli das Berliner Abgeordnetenhaus mit einer interfraktionellen Mehrheit überraschend für einen Weiterbau und die Vollendung dieses Kulturforums ausgesprochen hat. »Vollendet« wären Scharouns Pläne, wenn das von ihm einst geplante »Haus der Mitte« auf dem Kulturforum gebaut würde, ein lebendiger Ort als Gästehaus für Künstler, ein Haus der Begegnung und der Kommunikation, mit dem deutlich würde, dass eine Stadt-Landschaft nur von innen her erlebbar ist.

Am Beispiel dieses Kulturforums und an den neuen Planungen und Gebäuden für die deutsche Hauptstadt im Bereich Friedrichstraße, am Potsdamer Platz und entlang des Spreebogens im neuen Regierungsviertel wird deutlich, welche Chancen für den Bau einer menschenfreundlichen Stadt wahrgenommen werden können, aber auch, welchen großen Risiken man zur Zeit erliegt.

Scharouns Kulturzentrum wurde mitten in die Stadt eingebettet. Es berührt diese wieder vereinigte Stadt heute in ihrer zentralen Landschaft, ist ein inneres Element, in dem der Mensch geistig aufatmen kann, bei Konzerten, Lesungen, in Ausstellungen. Ein offenes, kommunikatives Leben im »Schlussstein«: Scharouns »Haus der Mitte«, ist das Ziel einer Stadtgestaltung, die mehr will, als dass sich Menschen nur am Biertisch begegnen oder in den festen Strukturen von Vereinen und Organisationen. Das Prinzip der Freiheit als Grundlage einer noch offenen Entwicklung ist die zentrale Idee Scharouns. Offenheit, Lebendigkeit, Ausblick, Abkehr von der Starrheit des Fixiert-Perspektivischen, zergliederte Planimetrie, asyntaktische Räume sind Parameter Scharoun'schen Bauens, das nach den Zusammenhängen und Wechselwirkungen zwischen Form und Raum, welche die gebaute Umwelt ausmachen, und den soziokulturellen Ordnungsmustern fragt.

Scharoun war der rechte Winkel als ein Grundprinzip des Bauens keineswegs unbekannt. Aber die preußische Grobheit, mit der die rechten Winkelraster in den absolut glatten, sich nach außen verschließenden Fassaden am Potsdamer Platz exekutiert werden, ist ein abschreckendes Beispiel für zeitgenössisches Bauen. Scharouns Idee war es dagegen, Raum von innen nach außen zu entwickeln. Dabei leitete ihn beim Bauen die Annahme, dass ein übergeordneter Sinnzusammenhang besteht, der ihm eine ganzheitliche Betrachtungsweise eröffnete, die sich wiederum an den Prinzipien einer organhaften Natur orientierte. Seine »Formung des Erlebnisses zwischen Einzelwesen und Raum um uns« will eine Architektur als »individuelle räumliche Erfahrungswelt«.


Die neo-preussische Machtentfaltung
Der »Raumbildner« Scharoun ermöglicht es dem Menschen, sich einen Raum anzueignen, kognitiv und emotional. Seine zur Zeit »wieder entdeckte« Architektur integriert nicht nur die städtebauliche Umgebung, sondern orientiert sich an den »Bewegungen der Menschen im Kontinuum des Raumes« (die Scharoun-Biografen Kirschenmann und Syring). Unmittelbare leiblich-sinnliche Erfahrungsmomente werden mit den räumlichen Ordnungsmustern einer Kultur und Gesellschaft verknüpft. Lange lagen seine intelligent wie phantasievoll gestalteten Bauten auf dem Berliner Kulturforum wie gestrandete Schiffe auf einem unwegsamen Ufer herum, weil sich das offizielle Berlin ihnen gegenüber verweigerte. Was für eine Chance hätte Berlin gehabt, Scharouns frei atmende Bausprache auf dem Kulturforum nach der Wende am Potsdamer Platz aufzugreifen und mit neuer Architektur in einen organischen Verbund zu bringen!

Doch welch architektonischer Tiefschlag sind die sich hermetisch abriegelnden, undifferenzierten, groben Glasgroßfronten, Betonwandfluchten und Hochhausverpackungen am Potsdamer Platz gleich hinter Scharouns Staatsbibliothek – abweisende, absolut nicht-kommunikative Hervorbringungen kommerzieller Planungshybris, die sich jeder Imagination verweigern, Äußeres nicht hereinlassen und ihr Innenleben nie preisgeben. Mit dem hochschießenden, nivellierenden Corporate Design der neuen privaten Bauherren – Sony, Hertie, Daimler und Asea Brown Boveri – wird öffentlicher Stadtraum enteignet und zu kommerziell genutzten »Erlebniswelten« degeneriert. Die Semantik dieser sterilen Welten besteht aus permanenter Maßregelung: »Zettel ankleben verboten«, »Nicht gestattet«, »Nur mit Genehmigung«, »Strafrechtlich verfolgt wird« …

Dieser neuen neopreußisch-kapitalistischen Machtentfaltung gegenüber müssten sich Architekten verweigern und für mehr Differenzierung sorgen, etwa wie sie der Philosoph, Künstler, Theoretiker und Architekt Daniel Libeskind in seinen dekonstruktiven Bauten praktiziert oder Helmut Swiczinsky, Wolf D. Prix und Frank Stepper vom Wiener Büro »Coop Himmelb(l)au« mit ihrem anarchistischen Avantgardismus, der zur Monotonie des zeitgenössischen Stil-Dirigismus von Block und Achse erfrischende Kontrapunkte setzt.

Streckenweise verstrahlt das Areal des Potsdamer Platzes den zweifelhaften Charme eines Heizkraftwerks. Das Maßlose als Maßgabe bricht aber auch in den Planungen für einen bis zu 400 Meter hohen neuen Berliner Fernsehturm am Bahnhof Zoo durch, zeigt sich in den Hochhaus-Visionen des Architekten Hans Kollhoff, der rund um den Alexanderplatz ein Berliner »Manhattan« mit einer Agglomeration von zahlreichen 150-Meter-Türmen plant oder auch in dem Projekt Meinhard von Gerkans für einen Mega-Zentral-Bahnhof auf dem Gelände des alten Lehrter Stadtbahnhofs, eine riesige Mall, eine Einkaufsmeile mit Gleisanschluss. Die City wird zum Markenartikel, zur künstlich-sterilen Stadt mit »Urban Entertainment Centers« als Angebote an die Zwei-Drittel-Konsumgesellschaft.

Ordnung, Freiheit und die Intuition beim Bauen
Nachdem man den verschnörkelten Ekletizismus der Postmoderne satt hat und ihre dekorative Maske ablegt, setzt sich im »neuen Berlin« nun das Diktat »Bauen im Block« durch – die geistlose Regression auf ein höchst fragwürdiges, wenn nicht subtil totalitäres »Prinzip Ordnung« in der Uniformität des Rasters. Dort, wo einst Blockbauten standen – wie am Pariser Platz –, ist die Aufnahme der Maße und Dimensionen der alten Bebauung legitim. Doch warum – klotztausend! – gewaltige neue Regierungsblöcke und einfallslose Wohnbebauung im Spreebogen, dort, wo es nie Blöcke gab? Zahlreiche Bundesbedienstete, denen das normierte Wohnen im (wenn auch leicht geschlängelten) Getto-Block nicht zumutbar erscheint, haben sich schon umgesehen nach »normalen« Wohnungen in verschiedenen Berliner Kiezen. Die Ordnung im Block: Signum für Schröders zementierte »Neue Mitte«?

Scharouns Umgang mit Architektur dagegen war geleitet von Ordnung und Freiheit, nicht ausschließlich individualistisch oder gar »expressionistisch« wie manche meinen, sondern immer auch gesellschaftsbezogen, also in einen sozialen Kontext integriert. Seine Architekturtheorie war stark geleitet von Intuition: »Wir Architekten sind mehr von der Anschauung als von Begriffen umgetrieben. Wir können das für die Entwicklung Wesenhafte in konkreten Verwicklungen erspüren und zum Wirken bringen« (zitiert nach Will Grohmann: »Zwischen den beiden Kriegen, Kunst und Architektur«, Berlin 1953). Anders als die an banaler Nützlichkeit ausgerichtete, schier brutale Stadtgestaltung am Potsdamer Platz mit ihrem hilflosen Verankerungsversuch in vergangenen Strukturen (kleine Straßen, wie einst, in jetzt gigantischen Häuserschluchten!) sucht Scharoun den Charakter, das Wesenhafte eines sozialen, politischen und geistigen Ordnungssystems herauszuarbeiten. »Alle Teilinhalte einer Stadt oder einer Gesellschaft« bergen für ihn das »Ganze«, enthalten wie ein Keim »das Ganze, das Idee und Wirklichkeit umfängt« (Peter Pfankuch: »Hans Scharoun«, Berlin 1974).

Was aber ist das »Ganze« heute? Die allgemeine Tendenz – nicht nur in Berlin – ist das »investitionsgelenkte Planen und Entwickeln«. An Profit interessierte Konzerne engagieren Architekten, Architekten planen nach der Auftragslage, die Impulse der Stadtgestaltung sind ökonomisch begründet. Kühl, kalt, industriell präsentiert sich der zeitgenössische Urbanismus. Lebenselemente wie Wasser und Grün sind dabei abgeleitete Größen eines ökonomischen Konzepts, erfüllen oft nur vordergründig ästhetische Aufgaben oder werden mühsam als Biotope funktionalisiert wie die mit Millionenaufwand installierten Wasserflächen inmitten des Potsdamer Platzes. Ganz anders als in den Hacke'schen Höfen, wo Architekten gewachsene Strukturen aufgegriffen haben, welche Charme haben, Lebensmöglichkeiten vermitteln und Menschenbegegnungen ermöglichen, signalisieren die Bauten am Potsdamer Platz, dass hier nur mitmachen kann, wer sich im großen Konzern völlig unterordnet. Der Potsdamer Platz ist eine unbeheizte Kathedrale des ungemütlichen globalen Dorfes. Seine wenigen Bewohner und vielen Angestellten sind Untertanen internationaler Unternehmen. Dieses Areal und das benachbarte Kulturforum Scharouns sind zwei diametral entgegengesetzte Lebensbekundungen – hier Architektur als gefügige Applikation des materialistischen Zeitalters, dort Stadtgestaltung als Ausdruck adäquater Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen gebauter und natürlicher Umwelt.

Der Block-Bazillus kränkt die Stadtlandschaft
Die Symbiose von Landschaft und Stadt war ein Grundpfeiler von Scharouns »Stadtlandschaft«, die er in der ersten Städtebau-Ausstellung nach dem Krieg vorgestellt hatte. Dieses Konzept sah vor, das Gebiet am Südrand des Tiergartens in ein Spannungsverhältnis zur historischen Stadt östlich des Leipziger Platzes zu bringen. Die Einbeziehung der Landschaft stand dabei im Mittelpunkt, weil im Spiel ihrer Freiräume die Individualität von Gebäuden aufzuscheinen vermag. Alles andere als eine »idyllische Stadt im Grünen« wollte Scharoun. Aber die Luft der Landschaft, das Klima eines Wasserlaufs, das Grün der Pflanzen – kurz: die Freiheit der Natur sollte sich fruchtbar auf die Individualität der darin erbauten Stadt auswirken und ihren organischen Wesensgehalt zum Leuchten bringen.

»Lebensqualität« nennt man das heute, was Architekten und Stadtplaner wie Scharoun und Hugo Häring mit den Leitideen der »Gartenstadt« als einem Gesundbrunnen im Zeitalter krankmachender Wohnformen des industriellen Zeitalters wollten. Aber die neuen »Berliner Krankheiten« – der Block-Bazillus und der Profit-Virus – stehen dem entgegen. Sie sorgen dafür, dass Wettbewerbe mehr und mehr investorengelenkt sind. Sie sind Schuld daran, dass sich öffentliche Bauherren mehr und mehr zurückziehen (Peter Conradi: »Früher wollten Ministerpräsidenten und Bürgermeister bauen, heute wollen sie nur noch möglichst viel sparen«). Sie bedeuten, dass sich sorgsam und umsichtig planende Landschaftsarchitekten mit ihren Ideen, beispielsweise die Ufer der Spree in eine menschenfreundliche Planung einzubeziehen, den Konzern-Architekten und Investoren unterordnen müssen. Und sie sind auch der Grund dafür, warum es in Berlin – und nicht nur in neuen Industriegebieten, irrwitzigerweise in bester Wohnlage am Rande der Spree – jetzt schon viele neue Bürobauten gibt, die völlig leer stehen. Wo die Maschine der Geldvermehrung ihren Geist aufgibt, tanzen die Gespenster der Spekulation in leeren Etagen.

Distanz und Beziehung, Antipathie und Sympathie
Der Mensch ist ein höchst gegensätzliches Wesen, hin- und hergetrieben vom Wunsch nach Bewahrung seiner Identität und der Vorstellung von seiner Veränderung. Kontinuität und Wandel sind anthropologische Konstanten, die auch in den städtebaulichen Reflexionen Scharouns eine Rolle spielten: »Der Geist stößt ins Unbestimmte vor, in eine neue Wirklichkeit. Die Seele sucht die Geborgenheit – auf dem Grunde unserer Wesenheit.« (Pfankuch, ebd.) Diese geistige Haltung evoziert bei ihm die Erkenntnis, dass es unendlich vielschichtige, individuelle Ansprüche an das Bauen und Wohnen gibt und logischerweise ebenso viele unendliche Lösungsansätze. Scharoun interessierte es, sinnfällige Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt zu finden und durch Bauen Grundlagen für Lebenssinn zu legen. Dabei spielte (angelehnt an Martin Bubers philosophisch-anthropologischen Aufsatz »Urdistanz und Beziehung«) das Begriffspaar »Distanz – Beziehung«, man könnte auch von Antipathie und Sympathie sprechen, in seinem Menschenbild eine große Rolle: Es bezieht sich auf das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft und ihren Bezügen im Raum.


Daimler-Gebäude:
Der Charme des Heizkraftwerks


Das Urbane sei ein »Prinzip des Menschseins mit der Forderung nach Distanz und Beziehung«. Die Städte des 20. Jahrhunderts aber seien so angelegt, dass es in der »Statik addierter Fassaden« überhaupt »keine Distanz und auch keine Beziehung zwischen Mensch und Umwelt« gebe. Erst eine individuelle Gestalt der Gebäude und die Beachtung »wirksamer Zusammenhänge zwischen den Räumen der Stadt innerhalb des gesamten Stadtgefüges« ergeben für Scharoun eine sinnvolle Gesamtgestaltung, welche »geistige Energien im Dienste des Individualismus und der Allgemeinheit« freisetzt. Die utopische Kraft seines Bauens speist sich aus dem Interesse an menschlicher Individuation und persönlicher Differenzierung in Stadt- und Architekturräumen, welche jederzeit die Überraschung der Freiheit ermöglichen. Um das zu erfahren, muss man sich zu einem Konzert in die Philharmonie begeben.




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