Brennpunkte

Saatgut und Gentechnologie


Der Kampf um die letzten Ressourcen

Im dritten Jahrtausend tobt der globale Wirtschaftskrieg nicht mehr um mineralische Rohstoffe. Die großen Wirtschaftsnationen benötigen keine Armeen mehr, um ihre »Interessen« an Öl, Diamanten, Gold, Uran und anderen wichtigen Ressourcen auf fremden Kontinenten gegen lästige Konkurrenten zu verteidigen. Im dritten Jahrtausend sind es auch keine Nationalstaaten mehr, die ihre Expeditionskorps gegen »primitive« Eingeborene ausschicken, um sie durch Genozide auszulöschen oder in die Sklaverei zu verschicken. Vielmehr sind es einige wenige Global Players, Konzerne wie Monsanto, Novartis, AstraZeneca, DuPont und die aus der Verschmelzung von Hoechst und RhonePoulenc hervorgegangene Aventis-Gruppe, die vornehme kleine Trupps von Wissenschaftlern beauftragen, um in Regenwäldern und an anderen exotischen Schauplätzen nach dem grünen Gold der Gene zu suchen.


Bereits im Jahr 1986 erwarb die US-amerikanische Pharmafirma International Plant Medicine Corporation ein Patent auf die Ayahuasca-Liane, eine Pflanze, die im Amazonasgebiet wächst und von den dortigen Schamanen seit undenklichen Zeiten als medizinische und religiöse Droge genutzt wird. Das Unternehmen sicherte sich in den USA die weltweiten Verwertungsrechte an dieser Pflanze, sodass die Amazonasindianer in die merkwürdige Lage gerieten, einem US-Konzern für die Nutzung einer Pflanze Abgaben entrichten zu müssen, die dieser Konzern erst von ihnen gestohlen hat. Die Liane ist für das Pharmaunternehmen interessant, weil sie möglicherweise zur Krebsbekämpfung, zur Behandlung der Parkinsonkrankheit und auch in der Psychiatrie eingesetzt werden kann. Die Regenwaldvölker des Amazonas – etwa 80 Stämme – haben gegen das US-Patent Klage erhoben, um das Recht auf die unentgeltliche traditionelle Nutzung ihrer Liane zurückzugewinnen, das ihnen durch den bösartigen Missbrauch entzogen wurde, der heute vielfach mit der Justiz und dem Begriff des geistigen Eigentums betrieben wird.

Aber nicht nur die pharmazeutische Industrie, auch Nahrungsmittelkonzerne und Saatguthersteller beuten Ressourcen aus, die anderen gehören. Eine Sorte der in den Anden zu den Grundnahrungsmitteln gehörenden Quinoapflanze besitzt Inhaltsstoffe, die Unfruchtbarkeit in männlichen Blüten hervorrufen können. Diese Unfruchtbarkeit lässt sich gentechnisch in das Saatgut anderer Pflanzen einbauen. Auf diese Weise können die Nahrungsmittelkonzerne Saatgut erzeugen, das sich nicht mehr vermehren lässt, sondern von den Bauern jedes Jahr neu gekauft werden muss. Verbunden mit der gentechnisch angezüchteten Resistenz gegen Herbizide und Insektizide, die von denselben Konzernen hergestellt werden, stellen die Produkte eine praktisch unbegrenzte Lizenz zum Gelddrucken dar. Dass Quinoa von den einheimischen Völkern der Quechua und Aymara erst mühselig über Generationen aus Wildformen gezüchtet wurde, interessierte das amerikanische Patentamt nicht, das zwei Professoren aus Colorado ein Patent für alle Sorten, die mit der männlich sterilen Quinoa-Varietät gekreuzt sind, zuerkannte.

Während US-Patentämter weiter ohne Skrupel Patente auf Lebewesen und Teile von Lebewesen verleihen, haben einige europäische Länder Bedenken gegen die Patentierung von Erfindungen, »deren Gegenstand Pflanzen oder Tiere sind«. So haben Italien und die Niederlande beim Europäischen Gerichtshof Klage gegen die entsprechende Patentrichtlinie eingereicht. Die Große Beschwerdekammer des Europäischen Patentamtes wird im Frühjahr 2000 darüber zu entscheiden haben, ob Novartis zu Recht ein solches Patent verweigert wurde. Die Lage wird nicht nur durch die unterschiedlichen Rechtsauffassungen in den verschiedenen Ländern kompliziert, sondern auch durch internationale Vertragswerke, die nur eingeschränkt gültig sind. So wurde die 1994 in Kraft gesetzte Konvention über die Artenvielfalt (biodiversity), die die Eigentumsrechte an den globalen biologischen Ressourcen regeln soll, erst von 175 Ländern ratifiziert. Zu den Ländern, die sie noch nicht anerkannt haben, gehören – was nicht verwunderlich ist – die USA, die zugleich in der Welthandelsorganisation (WTO) darauf dringen, dass in den Entwicklungsländern bis zum Jahr 2005 der unlizensierte Nachbau von und der Handel mit Saatgut verboten wird. Die Vertreter der Entwicklungsländer in der Welthandelsorganisation berufen sich zu Recht auf die Konvention zum Schutze der Artenvielfalt, denn diese erkennt die Länder und ihre Bewohner als rechtmäßige Eigentümer der in ihren Grenzen vorhandenen biologischen Schätze an. Weiter schreibt die Konvention vor, dass geistige Eigentumsrechte den Interessen der Herkunftsländer von Pflanzenarten und Genen keinen Abbruch tun dürfen. Dass die großen multinationalen Saatgutproduzenten an der Ratifizierung der Artenvielfalt-Konvention durch die USA kein Interesse haben ist klar, stünde diese Ratifizierung doch der Vermehrung ihres Gewinnes im Wege.

Der amerikanische Umweltschützer und Journalist Jeremy Rifkin hat in dieser ungeklärten Situation gemeinsam mit Kleinfarmern und Landwirten aus Lateinamerika, Asien, Europa und Nordamerika eine mehrere Milliarden Dollar schwere Wettbewerbsklage gegen eine Reihe von Herstellern gentechnisch manipulierten Getreides eröffnet. Die Klage wird in 30 Ländern gleichzeitig erhoben. Sie stellt einen Versuch dar, die gewaltigen wirtschaftlichen Interessen, die ihren Klammergriff um das Leben geschlossen haben, wieder zu lockern.

Die Auseinandersetzung um die handelsbezogenen geistigen Eigentumsrechte (Trade Related Intellectual Property Systems, TRIPS) ist eines der ungelösten Konfliktfelder der gegenwärtigen Weltkultur, auf dem ökonomische, rechtliche und ethisch-religiöse Interessen zusammenprallen. Hier geht es um ähnliche Probleme, wie in der gegenwärtig in deutschen Gazetten stattfindenden Sloterdijk-Debatte (siehe auch den Beitrag von Jörg Ewertowski in diesem Heft).

Sloterdijk rief in seiner Elmauer Rede dazu auf, öffentlich darüber nachzudenken, welchen Menschen wir uns wünschen, bevor Gentechnologen das Stellen dieser Frage durch ihr besinnungsloses Handeln überflüssig gemacht haben.

Von welchen Leitideen wird eigentlich das wissenschaftliche, wirtschaftliche und technische Handeln geregelt, das unsere Lebenswelt unwiderruflich verändert? Nachdem es keine geistigen Mächte mehr gibt, die den Anspruch erheben können oder wollen, für die gesamte Menschheit verbindliche Normensysteme aufzustellen, droht grenzenloser Pragmatismus. Ökonomen und Technokraten können sich hinter den individualistischen Argumenten gegen jegliche Normethik verstecken und unter dem Mäntelchen der freien Marktwirtschaft den Ausverkauf des Kosmos betreiben. Dabei brauchen sie auf nichts Rücksicht zu nehmen, denn allgemeinverbindliche ethische Regelwerke gibt es nicht und kann es auch nicht geben, solange einer globalen Einigung so viele divergierende Interessen entgegenstehen. Indem sie rücksichtlos die Freiheit des Marktes propagieren, nivellieren sie zugleich faktisch jegliche Diversität im globalen Dorf.

Wer gibt multinationalen Konzernen das Recht, die Natur zu zerstören? Die Weltgemeinschaft der Konsumenten? Wem gehört die Erde? Einer unüberschaubaren Horde von hirnlosen, gefräßigen Kreaturen, die sich die Grundlage ihrer eigenen Existenz buchstäblich unter dem Hintern wegfrisst? Die Weltgemeinschaft steht der Verwirklichung des Vorhabens einer Weltethik selbst im Wege, weil sie sich nicht auf den Geist einigen kann, in dem sie sich zusammenschließen soll. Das in Jahrtausenden gereifte ökologische Gleichgewicht des Lebens auf der Erde wird im Dienste wirtschaftlicher Egoismen leichtfertig aufs Spiel gesetzt und die geistige Verdunkelung der Erdatmosphäre schreitet rapide voran. Niemand ist bereit zu sagen: Hier setzen wir aus ethischen Gründen dem technologischen Fortschritt eine Grenze, denn der herrschende Materialismus kann in der Manipulation nichts Schlechtes erkennen. Die Ehrfurcht vor dem Leben erscheint angesichts seiner schier grenzenlosen Manipulierbarkeit antiquiert. Stattdessen eignen sich die Manipulatoren den Schein der Ehrfurcht an und täuschen vor, sie seien an der Beseitigung der drei großen Plagen der Menschheit: des Hungers, der Armut und der Krankheit interessiert, wenn sie ihre frankensteinschen Phantasien ohne Rücksicht auf ethische Bedenken in die Tat umsetzen.

Lorenzo Ravagli



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