Zum Beitrag »Der aufrechte Staatsbürger und die Sachlichkeit« von Erika Dühnfort
(Heft 7-8/99, S. 75)
Noch einmal ein Artikel über die Rechtschreibreform. Ist noch immer nicht genug darüber geschrieben und gesprochen worden? Frau Dühnfort geht der Übergang nicht reibungslos genug. Wen aber wundert's noch?
Eine Reform, deren Notwendigkeit nicht nachgewiesen ist und die in die Gewohnheiten aller eingreift, die an unserer Sprachgemeinschaft teilnehmen, wird immer Widerstände auslösen. Das Murren des Volkes hätte auch lauter ausfallen können. Übrigens: Frau Dühnfort sollte auf Argumente derer, die anders denken, selbst auf die extremeren und emotionaleren, etwas sachlicher reagieren. Am Ende wird sich die Reform doch wohl überall durchsetzen.
Es muss aber hinterfragt werden, wie ich dies schon einmal versucht habe (12/1997), ob die Ausgangspunkte, die Frau Dühnfort so unbekümmert hantiert, und die wohl von manchen aus unterschiedlichen Gründen geteilt werden, wohl noch zeitgemäß sind. Es wäre dann erklärbar, warum »Liebe zum Gewohnten«, »Trägheit« und »Beharrens-Starre« so verbreitet zu sein scheinen.
Zunächst ist da die Tatsache, dass eine Anzahl von Fachleuten dachte, eine Rechtschreibreform sei notwendig. Dann findet sich eine kleinere Anzahl von Fachleuten (andere?) dazu bereit, sich selbst sozusagen als qualifizierte Rechtschreibreformer zu betrachten, die es, in mühevoller Arbeit, schon richten werden. Dies ist eine Vorgehensweise, die dem Fachmann Fähigkeiten zuspricht, die das gewöhnliche Volk der Schriftsprachebenutzer wohl einfach nicht hat. Es lebe die Autorität. Siehe zur Illustration das Goethezitat der Frau Dühnfort.
Dann gibt es da noch die im heutigen Deutschland doch überraschende Bereitschaft der Volksvertreter, sich auf eine solche Reform überhaupt einzulassen. (Vielleicht ist es doch noch nicht so weit her mit dem Demokratiegefühl im Lande. Aber gewiss hat wohl die Tatsache, dass deftige Sprachwissenschaftler die Reform auf sich genommen haben, als eine Art Garantie gewirkt, dass alles schon seine Ordnung habe.) Danach war der übliche Weg frei, die Reform unter die Leute zu bringen: Es wurde ein Gesetz gemacht.
In anderen Sprachgebieten entwickelt sich auch ohne eine solche von einer Sprachelite erdachten Reform die Sprache (und die Schreibe) weiter. Im britischen Englisch z.B. findet in den letzten Jahren ein Prozess statt, in dem die Endung » ise» (wie in »organise«, »realise« usw.) durch das amerikanische » ize« ersetzt wird. Ganz spontan. Man schreibt es einfach so. Gemäß den Wörterbüchern ist es zunächst falsch, danach wird es in einer neuen Ausgabe als alternative Schreibweise angegeben. In einiger Zeit wird » ise« wohl gar verschwunden sein. Oder vielleicht ist es auch nur eine Mode und wird nach einiger Zeit wieder überall » ise« geschrieben. Chaotisch? Lebendig.
Den unbekümmert unausgesprochenen Ausgangspunkten der Frau Dühnfort könnte man andere gegenüberstellen: Man braucht ja nicht immer und noch einmal Goethe als unschlagbares Schlachtross zu Felde zu führen. »Ein jeder der spricht, glaubt, auch über die Sprache sprechen zu können.« Wirklich, eine sehr aristokratische Aussprache des Dichterfürsten! Und in diesem Zusammenhang ist so ein Zitat schon ganz schön unverfroren. Warum nicht einmal ein Zitat von Luther? »Man muss den Leuten aufs Maul schauen.« Vielleicht haben die beiden Herren in ihren zitierten Aussprachen über verschiedene Dinge gesprochen, aber eine andere Weltanschauung ist es schon, die daraus spricht.
Die Proteste gegen die Reform zeigen, dass es ein starkes Gefühl dafür gibt, dass die Sprache (und warum nicht die Schreibe auch?) ein Ausdruck der Volksseele ist. Daher also die Rufe »Die Sprache gehört dem Volk!« und »Wir gegen die Rechtschreibreform«. Unbegreiflich, dass Frau Dühnfort dies nicht sieht. Sie stilisiert die Sprache dabei zu einem unantastbaren (nur von denen unantastbar selbstverständlich, die bei Goethe »jeder« sind) hohen geistigen Gut herauf. Sie »gehört«, sozusagen als Gabe der geistigen Mächte, niemandem. Eine intellektuelle Spielerei. Die jeden Tag gesprochene, »benutzte» Sprache ist Eigentum der Sprachgemeinschaft und diese sollte damit verfahren können, wie sie es kollektiv für richtig befindet. Dabei könnte es vorkommen, dass manches nicht so geht, wie es einigen Sprachfachleuten gut oder logisch erscheint. Aber die Sprache lebt, ist der Ausdruck der geistigen Verfassung der Sprachgemeinschaft.
Was dies alles mit der Rechtschreibreform zu tun hat? Das Hauptargument: Die Sprache, und auch die Regeln, nach denen sie geschrieben wird, gehören der Sprachgemeinschaft. Der Staat ist nicht dazu da, der Sprachgemeinschaft vorzuschreiben, wie sie zu schreiben habe. Die Sprachwissenschaftler und Schreiber sollten Entwicklungen registrieren, sich über Fehlentwicklungen ereifern, argumentieren, Anstöße geben, in ihren Äußerungen Vorschläge machen. Eine der Sprachgemeinschaft auferlegte Vorschrift ist in jedem Fall verfehlt, auch die beste (und schlecht ist diese Reform sicher nicht), und wird immer breiten Anstoß erregen.
Und, Frau Dühnfort, eine lebhafte, emotional geführte, selbst eine manchmal unsachliche Diskussion über die Reform ist in jedem Fall eine gute Sache und keine Anmaßung ewig gestriger Dilettanten. Sie zeigt, dass die Rechtschreibung nicht eine Sache der Experten ist, sondern bei allen lebt, selbst auch bei denjenigen, die an Beharrensstarre leiden!
Uli Marggraf, Camerino/Italien
Nicht auf Steiner eingegangen »Rudolf Steiner, August Weismann und die Vererbung erworbener Eigenschaften« von Klaus Frisch (6/99, S. 54) und Manfrid Gädeke dazu (7-8/99, S. 118)
Es ist doch seltsam: da meint der Naturwissenschaftler Klaus Frisch, Rudolf Steiners Auffassung von der Vererbung erworbener Eigenschaften widerlegen zu können und geht mit keinem Sterbenswörtchen auf das Beispiel ein, das Rudolf Steiner als Begründung für seine Auffassung anführt. Und dann tritt Manfrid Gädeke Frisch entgegen und verteidigt Rudolf Steiners Sichtweise und auch er berührt mit keinem Wort Steiners Beispiel. Was sind das denn für Methoden wissenschaftlicher Auseinandersetzuung?! Wenn die beiden Kontrahenten Steiners Beispiel, das dieser als »unwiderleglich« bezeichnet, für heute ganz und gar indiskutabel halten, dann müssen sie das klar und deutlich sagen.
Hier nun das von Rudolf Steiner angeführte Argument: » man braucht nur die Entwicklung der Instinkte bei den höheren Tieren zu betrachten, um sich davon zu überzeugen, dass eine solche Vererbung [erworbener Eigenschaften, S.H.] stattfindet. Blicken wir zum Beispiel auf die Entwicklung unserer Haustiere. Manche von ihnen haben sich infolge des Zusammenlebens mit den Menschen geistige Fähigkeiten angeeignet, von denen bei ihren wilden Vorfahren nicht die Rede sein kann. Diese Fähigkeiten können doch gewiss nicht aus einer inneren Anlage stammen. Denn der menschliche Einfluss, die Erziehung, tritt als ein völlig Äußeres an diese Tiere heran. Wie sollte eine innere Anlage gerade einer bestimmten willkürlichen Einwirkung des Menschen entgegenkommen? Und dennoch wird die Dressur zum Instinkt, und dieser vererbt sich auf die Nachkommen. Ein solches Beispiel ist unwiderleglich. Von seiner Art können unzählige gefunden werden. Die Tatsache der Vererbung von erworbenen Eigenschaften bestehen also.«
Gerne würde ich von Frisch und Gädeke hören, was sie dazu zu sagen haben.