Was verbirgt der Humanismus?
Gedanken zum Menschenbild der Sloterdijk-Kontroverse In den Feuilletons deutscher Zeitungen spielt sich seit einigen Wochen eine heftige Debatte ab. Ausgelöst hat sie der Philosoph Peter Sloterdijk mit einer Rede zum Thema Regeln für den Menschenpark ein Antwortwortbrief über den Humanismus, die er im Juli auf Schloss Elmau gehalten hat. Diese Rede handelt von der Rolle des Humanismus in der Menschheitsgeschichte und von der Frage des Umgangs mit den sogenannten Anthropotechniken. Jörg Ewertowski ist dem Grundgedanken Sloterdijks nachgegangen.
Dem Humanismus geht es um die Menschlichkeit. Von einem erklärten Humanisten ist also nicht zu erwarten, dass er unmenschlich ist. Was ist aber mit dem, der sich Einwände gegen den Humanismus erlaubt? Peter Sloterdijk wirft in seinem Elmauer Vortrag im Juli dieses Jahres die Frage auf, »wieso Heideggers Humanismuskritik sich so sicher wähnt, nicht in einen Inhumanismus zu münden«. Trotz aller Einwände, die Heidegger gegen den Humanismus geltend gemacht habe, so lautet Sloterdijks Erklärung, finde sich bei Heidegger gerade in dem Text, der diese Einwände formuliert, in besonderem Maße die Grundgeste des klassischen Humanismus wieder, nämlich die der Suche nach Befreundung durch Schrift und Sprache.
Nun ist Sloterdijk mit seinem Vortrag, der eine Antwort auf Heideggers »Brief über den Humanismus« sein will, seinerseits ins Kreuzfeuer einer bis jetzt anhaltenden Kritik geraten, die ihm einen ausgesprochenen Inhumanismus vorwirft. Tatsächlich lässt sich seine nun über den Suhrkamp Verlag im Internet erhältliche Rede nur schwerlich als Befreundungsversuch lesen. Eher hinterlässt seine Rede den Eindruck eines kalkuliert wirkenden Spiels mit der Provokation. Sie nähert sich damit in ihrer Geste dem Gegenbild des in ihr selbst eingangs wiedergegebenen Bildes vom Humanismus als literarischem Befreundungsverhalten. Sloterdijks eigene These zur Humanität lautet dann am Ende auch anders: Humanitas beinhaltet nicht nur die Freundschaft des Menschen mit dem Menschen, sondern ebenso, »dass der Mensch für den Menschen die höhere Gewalt darstellt«. Dem ist Sloterdijk nun ausgesetzt sicher nicht zuletzt deshalb, weil zu den Schlussfolgerungen, die er zieht, die eingeschränkte Befürwortung gentechnischer Eingriffe am Menschen gehört.
Sloterdijks These ist freilich keineswegs wie Reinhard Mohr im »Spiegel« und Thomas Assheuer in der »Zeit« reißerisch suggerieren ein mit Pathos vorgetragenes Ideal, sondern für ihren Autor eine ernüchternde Wahrheit, die gerade dadurch, dass der klassische Humanismus sie in sich verbirgt, an Gefährlichkeit zunimmt. Sloterdijk will nämlich bewusst machen, dass der Humanismus in seinem berechtigten Einsatz gegen das Barbarische immer schon eine unausgesprochene Tendenz zur »Auslese« enthält. Und deshalb kann es keinen in sich konsequenten und ehrlichen humanistischen Einwand gegen die heute neu aufkommenden Ausleseverfahren der Anthropotechniken geben. Sloterdijk spitzt diese dem Humanismus selbst innewohnende Auslesetendenz dann mit Hilfe Nietzsches und eines frühen Platondialoges metaphorisch bis hin zur Rede von dem Menschen als einer »zähmenden« und »züchtenden« Gewalt zu. Diese dient »humanistischen« Zielen, nämlich der auch heute immer noch notwendigen »Entwilderung« des Menschen. Welche Instanz diese Arbeit heute und in Zukunft zu leisten vermag, nachdem das Medium des klassischen Humanismus, das Buch, »marginal« geworden ist, das ist Sloterdijks durchaus besorgte Frage.
Was nun die Problematik der Anthropotechniken angeht, so will Sloterdijk der diesen innewohnenden Gefahr ohne humanistische Verschleierung, die immer auch Selbstverschleierung wäre, ins Auge blicken. Dazu gehört für ihn vor allem, dass jegliches regressive Ausweichen vor den heute aufgekommenen neuen Möglichkeiten auf dem Felde der Medizin und Gentechnik indiskutabel ist. Der zentrale Passus, den man im Originalton hören und bedenken sollte, lautet:
»Es ist die Signatur des technischen und anthropotechnischen Zeitalters, dass Menschen mehr und mehr auf die aktive oder subjektive Seite der Selektion geraten, auch ohne dass sie sich willentlich in die Rolle des Selektors gedrängt haben müssten. Man darf zudem feststellen: Es gibt ein Unbehagen in der Macht der Wahl, und es wird bald eine Option für Unschuld sein, wenn Menschen sich explizit weigern, die Selektionsmacht auszuüben, die sie faktisch errungen haben. Aber sobald in einem Feld Wissensmächte positiv entwickelt sind, machen Menschen eine schlechte Figur, wenn sie wie in den Zeiten eines früheren Unvermögens eine höhere Gewalt, sei es den Gott oder den Zufall oder die Anderen, an ihrer Stelle handeln lassen wollen. Da bloße Weigerungen oder Demissionen an ihrer Sterilität zu scheitern pflegen, wird es in Zukunft wohl darauf ankommen, das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren.«
Die Sterilität bloßer Weigerungen gibt es, das muss Sloterdijk zugegeben werden und ebenso die Tatsache, dass der Mensch heute in vielen Situationen nicht länger eine höhere Gewalt an seiner Stelle handeln lassen kann. Aber die Frage ist, ob deshalb das Thukydideswort von der Naturnotwendigkeit, mit der jedes Wesen all die Macht, über die es verfügt, auch faktisch ausüben muss, tatsächlich für die »Wissensmächte« des Menschen im Allgemeinen und für die von ihm neu entdeckten anthropotechnischen Möglichkeiten im Besonderen gelten muss.1 Kann ein Nicht-in-Anspruchnehmen anthropotechnischer Möglichkeiten nicht doch auch einen anderen Charakter als den der Sterilität bloßer Weigerung haben? Welches Horizontes bedarf es, um diesen zu erkennen?
Nach Heidegger würdigt der Humanismus die Menschlichkeit des Menschen zu wenig. Für den klassischen Humanismus ist nämlich, so Heidegger im »Humanismusbrief«, der Mensch nur eine Steigerung des Tiers: das mit Vernunft begabte Lebewesen (animal rationale). Mehr noch: durch diese Einschätzung verdeckt der klassische Humanismus das wahre Wesen des Menschen. Das Göttliche, so weiterhin Heidegger, ist dem Menschen näher als seine leibliche Verwandtschaft mit dem Tier. Jeder Versuch, den Menschen in irgendeiner Form vom Tier her zu begreifen, führt von dieser freilich schwer zu denkenden Nähe weg. In diese Nähe zu dem wahren Wesen des Menschen führt hingegen die Tatsache, dass einzig der Mensch in die Sprache eingelassen ist. Ihm allein ist dadurch Welt eröffnet. Die ihm nun aus der Welt her zukommenden vielfältigen Möglichkeiten beanspruchen aber seine Aufmerksamkeit so vollständig, dass er den Vorgang dieser Welteröffnung durch die Sprache sogleich vergisst. Er benutzt die Sprache, er betreibt die Möglichkeiten und verfällt dem Sog ihrer bloßen Anwendung. Aber alles Verwirklichte, alles Fertige verschließt das Eröffnende, in dem sein Wesen als Mensch liegt. Will er diesem Wesen entsprechen, dann müsste er dazu übergehen, ihm eröffnete Möglichkeiten auch nicht verwirklichen zu können und sie als Möglichkeiten zu bewahren. Darin käme er in die Nähe des wahren Menschenwesens, das durch den klassischen Humanismus, der den Menschen als das vernunftbegabte Tier vorstellt, verhüllt wird. Das ist Heideggers Einwand gegen den Humanismus.
Damit kommen wir zum Kernpunkt. Was ist die Voraussetzung von Sloterdijks pessimistischer Lagebeurteilung? Diese Voraussetzung, die Prämisse, auf der alles ruht und die es ihm unmöglich macht, einen anderen Charakter des Nicht-in-Anspruchnehmens anthropotechnischer Möglichkeiten wahrzunehmen, als den der sterilen Weigerung, spricht sich in seinem Einwand gegen Heideggers Humanismuskritik aus. Sloterdijk kehrt Heideggers Kritik in ihr Gegenteil um. Er hält jetzt dafür, dass der Humanismus nicht Ernst genug mit der Abstammung des Menschen vom Tier gemacht habe. Wenn der Mensch nicht anders denn durch Selektion zum Menschen geworden ist, dann muss er auch die Folgerung ziehen, dass er nur durch Selektion menschlich bleiben kann, wie ja auch der klassische Humanismus auf Auslese beruhe. Das Tier im Menschen droht auch heute immer wieder durchzubrechen. Die Selektion, die das verhindert, geschieht in Zukunft, nachdem die Auslese durch Bücherlesen in unserem Jahrhundert gegenüber den Weltkriegen gescheitert ist, auch mit den neuen Möglichkeiten der Gentechnik.
Wenn der Mensch glaubt, dass er in der Evolution auf dem Wege der Selektion er selbst geworden ist, dann muss er es nun ebenso halten und den weiteren Gang seiner Entwicklung in die eigenen Hände nehmen. Möglichkeiten müssen wirklich werden so fordert es ja anscheinend die Evolution. Tatsächlich ist jede Verwirklichung eine Selektion, die aus der Vielfalt, die dem Möglichen innewohnt, eine spezielle Wirklichkeit schafft. Hier müsste nun aber eigentlich gerade von Sloterdijk ein Widerspruch bemerkt werden. Das Tier besitzt nämlich gegenüber dem Menschen einen Wirklichkeitsvorsprung. Es ist mit den verschiedensten »Werkzeugen« von Natur aus besser ausgestattet als der Mensch, der die Natur in der Technik nachahmt, um sein Defizit auszugleichen. Auch Sloterdijk sieht und beschreibt dieses Defizit, beispielsweise in der Frühgeburtlichkeit, aber er versteht den Menschen deshalb »als das Wesen das in seinem Tiersein und Tierbleiben gescheitert ist«. Was für einen Sinn macht dann aber die Hypothese vom Werden des Menschen durch Selektion? Könnte man nicht gerade aus der Wahrnehmung des Widerspruchs zwischen diesem »Defizit« und der Selektionsthese heraus einmal versuchsweise eine andere Perspektive einnehmen?
Betrachten wir das vermeintliche »Defizit« als Fähigkeit. Der Mensch wäre dann ein unvollendet bleiben könnendes Wesen, ein Wesen, das dem Selektionsdruck standzuhalten vermag. Hufe, Klauen und Pfoten sind fertige Verwirklichungsprodukte der Evolution; die menschliche Hand ist unverwirklichte, »bewahrte« Möglichkeitsfülle. Der Mensch kann nicht durch Selektion d.h. Verwirklichung aus dem Tier hervorgegangen sein, denn phänomenologisch ist das Tierreich der durch Selektion in Arten ausgebreitete und »verwirklichte« Mensch. So betrachtet begegnet das Tier also wie ein durch die Unfähigkeit zum Bewahren von Möglichkeiten, zum Standhalten gegenüber dem Selektionsdruck, gescheiterter Mensch. Heidegger sucht auf einer überbiologischen Stufe eine vergleichbare Bewahrung, in der das Menschsein gründet, verständlich zu machen Sloterdijk will hingegen aus dem gescheiterten Tier ein erfolgreiches machen.
Daraus, dass im Menschen Möglichkeiten nicht wirklich geworden sind, die im Tier durch die Evolution »verwirklicht« wurden, wäre im Hinblick auf die Frage nach der Verwirklichung der neuen anthropotechnischen Möglichkeiten eine andere Lehre zu ziehen. Aber innerhalb der genannten Prämisse, die meiner Einschätzung nach gerade manch ein Kritiker Sloterdijks mit ihm teilt, ist seine Sicht der Dinge bleibt man gegenüber der provokanten Metaphernwahl einmal gelassen vielleicht nicht ganz ohne innere Konsequenz. Die sachliche Diskussion sollte deshalb bei der Prämisse einsetzen, also bei der Frage nach dem Wesen des Menschen in seinem Verhältnis zum Tierreich. Die Empörung könnte nämlich einer sich selbst unverstandenen Beunruhigung darüber entspringen, das Inhumane womöglich ungewollt im eigenen Gedankenkreis zu beherbergen. Aber das zeitgenössische Geistesleben scheint nach wie vor nur die Alternative von Darwinismus und biblischer Schöpfungsgeschichte zu kennen.