Natur und Umwelt




Die Herbstzeitlose

Nun im Herbst, wenn die bunten Blätter fallen und alles sich zur Reife neigt, dann blüht sie mit einer zarten Blüte – die Zeitlose. Wie ein letzter, zarter Blumengruß, im schon welkendem Gras fast verborgen, vom nun üppigen Tau bis in die Mittagsstunden benetzt – »Vater vor dem Sohn« genannt, weil ihre Blätter und die dreikantige Samenkapsel (vom Vorjahr) bereits im Frühling, ihre Blüte aber erst jetzt erscheint.

Nun ist ihre Zeit, wenngleich die ersten Blüten schon gegen Ende August erscheinen, dann, wenn wir an den Herbst noch gar nicht recht denken mögen, wenn wir über den eilenden Lauf des Jahres fast erschrecken. Nun aber ist sie uns ein lieber Gruß, wir sind »reif« geworden, die Tage sind kürzer, das Licht mild und rötlich – »goldener Oktober«, wie die Poesie so sagt. Wir spüren eine fast heilige Einsamkeit, und in dieser ruhigen, gesammelten und fast würdig zu nennenden Stimmung kommen uns die Worte eines empfindsamen Dichters in den Sinn; diese so nahen und doch ungreifbaren Wahrnehmungen, die Rilke mit wohl ungeheurer Intensität gefühlt haben muss: »Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr / wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …«

Nichts mehr von der frühlingshaften Aufbruchsstimmung, von der milden Maienluft, die uns im Überschwang der Gefühle den Zauber des Verliebtseins nahe bringt. Vorbei die hitzigen Tage des Sommers, die eine gewisse Unruhe in sich tragen, die gleich der flirrenden Luft etwas wie Ungeduld zeichnet.

Und als ein Bote des Herbstes, als ein Kind ihrer Zeit, illustriert die Herbst-Zeitlose eine seelische Qualität, die uns heute gar nicht mehr recht greifbar ist: den Rückzug des mehr vitalen, sprießenden und gedeihenden Lebens, der einer stillen, reinen Einsamkeit und Ruhe Raum gewährt.

Die Fülle der Reife liegt wohl gerade im Ersterben dieses äußeren, sprießenden Lebens. Am Weinstock verdorren die Blätter, wenn die Rebe reif geworden ist, der Apfelbaum steht kahl, wenn seine Früchte saftig und süß am Boden liegen. Ein Prozess der Konzentration scheidet das Wesentliche vom Unwesentlichen, oder, wenn wir dies mehr übertragen sagen wollen, das Ewige vom Vergänglichen. Im ganzen Dasein findet insgeheim dieser Prozess statt.

Er waltet auch im menschlichen Leben. Wir erkennen darin Analogien zu den Jahreszeiten, und wir wissen aus der Geisteswissenschaft, dass das Leben zwischen Geburt und Tod nur ein kleiner Teil eines viel weiteren Daseins ist. Die Zeit in der Verkörperung aber dient der Reifung und Prägung des Bewusstseins, dem Lernen und Handeln. Es kann dieses Leben aber nicht Selbstzweck sein, denn es ist relativ und endlich. Es löst sich ab, damit eine Frucht davon bleibt, und deshalb scheidet das, was zu dieser Reifung diente, ganz natürlich ab.

Der Tod als Schnitter, als Sensenmann ist eine alte Darstellung, dem eine existentielle Erfahrung zugrunde liegt. Wenn der Bauer früher die Frucht vom Felde heimgefahren hat, dann wehte über die Flur bereits ein feiner Hauch der Vergänglichkeit, des Abschiedes, des Todes und damit aber auch einer stillen Transzendenz, einer seelischen und geistigen Realität. Ein Mensch, der in den Herbst seines Daseins tritt und Reife erworben oder erhalten hat, der kann mit Würde und Wissen abscheiden. Er gibt seinen Körper, der ihm nicht Besitz, sondern Werkzeug war, wieder der Erde hin.

Wer in seinem Leben diese Reife erwirbt, der fühlt wohl insgeheim, was wir beim Anblick der so schönen, aber auch so sehr giftigen Herbst-Zeitlose so vage bedenken können: Der Tod ist das Tor zum Leben.

Martin Sinzinger



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