Thema

KünstlerkolonieDarmstadt.

Ateliergebäude der Künstlerkolonie »Ernst-Ludwig-Haus«, Mathildenhöhe 1901.

(Architekt:
Joseph M. Olbrich)


Paulgard Jesberg

Architektur am Jahrtausendende –
am Ende?

Am Ende des 20. Jahrhunderts ist Architektur in einer Beliebigkeit angekommen, die alles erlaubt, keine Grenzen kennt, immer höher, immer weiter baut und dabei das Eigentliche vergisst. Das Technische dominiert im Äußeren. Das Innere versteckt sich hinter spiegelndem Glas, Inhalte werden austauschbar. Die Ende des 18. Jahrhunderts aus Liberté, Egalité und Fraternité gewonnenen Ziele haben sich verselbstständigt. Freiheit ist zur Selbstverwirklichung in Freizügigkeit verkommen, Gleichheit in Gleichgültigkeit zerronnen und Brüderlichkeit in der Leerformel von Solidarität aufgegangen. Architektur kann nur noch Ambivalenz und Ambiquität der Gesellschaft spiegeln.

Die Ausstellung »At the End of the Century – Hundert Jahre gebaute Visionen« die das Museum Ludwig in Köln für die Josef-Haubrich-Kunsthalle vom Museum of Contemporary Art, Los Angeles, übernommen hatte, zeichnete das Bauen im ausgehenden Jahrhundert als Produkt der Avantgarden in einfühlender Fortschrittsgläubigkeit nach, Bild an Bild, Modell an Modell gereiht in linearer Ausdehnung und Folgerichtigkeit, perspektivisch leer, immer ohne den Menschen.

Man kann auch anders sehen
Der Jugendstil hatte den Historismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einer beglückenden Bewegtheit, Lebendigkeit, Natürlichkeit abgelöst, aber bereits um 1900 den Traum vom Leben und Bauen als Gesamtkunstwerk ausgeträumt. 1910 brach der Konstruktivismus in Russland mit dem weißen Quadrat auf schwarzem Grund von Malewitsch mit aller geschichtlichen Tradition. 1910 verlangte in einem Manifest Frank Lloyd Wright nach organischer Architektur, wie er sie selbst verwirklichte. Expressionistische Architektur suchte nach emotionalem Aufbruch und Ausdruck. Der 1907 gegründete Deutsche Werkbund kämpfte 1914 mit Hermann Muthesius um Typisierung mit dem Ziel der Industrialisierung, während Henry van der Velde das Künstlerisch-Schöpferische im Handwerklichen erneuern wollte. 1913 begann Rudolf Steiner mit dem Bau des Goetheanum in Dornach. Albert Einstein entwickelte 1900 seine Relativitätstherorie. Max Planck kam von den kleinen Teilchen zur Quantentheorie. Beide veränderten das naturwissenschaftliche Denken grundsätzlich, dem Architektur und Kunst in Abstraktionen folgten.

Der Grund für die Zukunft architektonischer Entwicklungen war bis 1914 gelegt. Dem Ende des Ersten Weltkriegs folgte 1919 ein elementarer Aufbruch unter Architekten. Bruno Taut gab im »Frühlicht« den Architektenkollegen Gelegenheit, ihre Ideenwelt auszubreiten: »Stadtkrone« und »Alpine Architektur« waren sein Beitrag. Im Bauhausmanifest von 1919 vereinte Walther Gropius Kunst und Architektur, um sie im Lehrprogramm des Weimarer Bauhauses zum Gesamtkunstwerk Bau zusammenzubinden. Die mittelalterliche Bauhütte war Vorbild und der gotische Dom, ein Holzschnitt von Feininger wurden zum Zeichen für das Bauhaus.

Doch 1923 war alles vergessen. Inflation und Korruption hatten ein Übriges getan. Bruno Taut ging 1923 als Stadtbaurat nach Magdeburg. Gropius setzte 1923 mit dem Bauhaus auf Industrialisierung, musste aber Weimar verlassen und nach Dessau ausweichen. Die vergeistigte Ideenwelt des noch nicht ganz vollendeten Goetheanum in Dornach sank nach einer Brandstiftung in der Silvesternacht 1923 in Schutt und Asche. Jetzt war der Weg frei für Rationalismus, Materialismus und Funktionalismus, in Form der »Weißen Moderne« das weite Feld der Architektur zu beherrschen.

1923 war ein Schicksalsjahr. Die Reste des Alten mussten weichen, das Ausmaß des Neuen war noch nicht zu erkennen. Nach Lenins Tod räumte 1923 der Bolschewismus Stalins mit allen freiheitlichen und konstruktivistischen Ideen auf. Benito Mussolini führte 1923 in Italien den Faschismus zur Macht. Hitler musste sich zwar 1923 nach dem misslungenen Putsch in München geschlagen geben, bis ihm 1933 die Macht in Deutschland zufiel und danach die Mitte und der Osten Europas in Diktaturen versank. Architektur folgte dort der Macht, repräsentierte Macht und erhob selbst Anspruch auf Macht.

Die kulturell und politisch tragende bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war auf den Schlachtfeldern an der Somme und vor Verdun verblutet und mit ihr ein humanistisches wertebewusstes Denken untergegangen, das aus der Geschichte und Kultur des christlichen Abendlandes gewachsen war. Die Triade aus Ästhetik, Logik, Ethik – dem Schönen, Wahren und Guten – hatte sich aufgelöst. Ästhetik musste dem Funktionalismus und Taylorismus dienen, Rationalismus und Materialismus traten an Stelle der Logik. Ethik erstarrte in Ideologien des Sozialismus und Marxismus. Die Architektur spiegelte alle drei und huldigte in einer avantgardistischen Moderne der Maschine im Bild von Auto, Dampfer und Flugzeug und realisierte sich in einer funktional begründeten »Neuen Sachlichkeit« rational verfestigter, kubischer Strukturen.

Die Herrschaft der Diktaturen und der Zweite Weltkrieg veränderten das Menschenbild und das Denken, die ethnischen und die kulturellen Strukturen in Europa völlig. Der Wunsch, nach dem Krieg wieder an die Erinnerungen der Zwanzigerjahre anzuknüpfen, brachte einen architektonisch rücksichts- und maßvollen Wiederaufbau, den das »Wirtschaftswunder« ins Gegenteil verkehrte. Die gebaute Ideologie der Sechzigerjahre, von der verkehrsgerechten Stadt bis zur Monotonie der Groß-Siedlungen, Groß-Kliniken und neuen Universitäten, bedrückt noch heute. Die Herrschaft des internationalen Stils löste sich in avantgardistischen Utopien auf, die in Groß-Strukturen der Gruppe Archigram, von Walter Jonas oder Arata Isozaki wie gedacht für einen anderen Stern erschienen.

Pluralismus vermag alles, erlaubt alles
Das revolutionäre Aufbegehren der 68er-Generation setzte all dem ein Ende. Apo und mörderischer Terrorismus erschütterten rechtsstaatliche Sicherheit. Die Energiekrise zeigte 1973 der Fortschrittsgläubigkeit Grenzen. Das Denkmaljahr 1975 weckte Verantwortung, alte Werte zu schützen und zu erneuern. Natürliches und energiebewusstes Bauen, Baubiologie und Bauphysik erhielten Eigenwerte. Die Architektur der späten Siebziger- und der Achtzigerjahre zog sich auf einen Postmodernismus zurück, der das Alte spielerisch bis ironisch spiegelte. In den Neunzigerjahren schlägt die Postmoderne in Dekonstruktivismus um, der die Selbstorganisation von Chaos inszeniert.


Das Kurhaus Wiesbaden

(Architekt:
Friedrich von Thiersch)


Auf dem langen Marsch durch die Institutionen ist die Generation der 68er in die Zentren der Macht vorgestoßen und beherrscht gegenwärtig Bildung, Wirtschaft, und Politik. Das Denken kreist um Selbstverwirklichung im Besitz von Freiheit und allen Freiheiten, die Geltung verschaffen, um Macht zu entfalten, die ihre Blöße mit dem Mantel der Solidarität bedeckt. Jeder hat Recht, jeder darf alles. Lifestyle feiert das Leben als Event. Architektur löst sich in virtuellen Welten des Cyperspace auf. Die Dimensionen von Raum und Zeit erstarren zu virtuellen Bilderfolgen.

Die Realität des Bauens wird von Investoren und deren Providern beherrscht, von General-»Übernehmern« gemanagt und von Generalunternehmern mit Subunternehmern erstellt. Großbüros verplanen alles, Architektur, Ingenieurbau, Gebäudetechnik mit allen Formen neuester Technologien. Übernehmen Produkt- und Objektsteuerung, das Facility-Management der Energiebewirtschaftung, von Bauunterhalt bis zum Recycling. Die einzelnen Leistungspakete lassen sich auch aufschnüren. Doch für Architekten bleibt nur ein bescheidenes Moment, das sich auf Baumassengliederung und Einfügen in die Umwelt, auf Fassadengestaltung und funktionale Raumgliederungen bis zur Erstellung des Baugesuchs beschränkt. Der Bauherr wich einem anonymen Auftraggeber. Der Architekt als Treuhänder des Bauherrn ist Illusion, und wenn er sich jetzt als »Dienstleister« anbietet, wird der Begriff »Architekt« zur Farce.

120 000 Architekten und Architektinnen sind von den Kammern in der Bundesrepublik registriert, davon arbeiten 60 000 als freie Architekten. Im benachbarten Ausland sind nur ein Bruchteil davon tätig. Jährlich kommen 5 000 Absolventen von Hochschulen, Akademien und Universitäten hinzu und die Aufgaben werden immer weniger. Sie verteilen sich auf Objekte städtebaulicher Verdichtung. Um- und Erweiterungsbauten für neue Nutzungen oder Neubauten treten an Stelle veralteter Baustrukturen. Junge Architekten haben nur dann Entfaltungsmöglichkeiten, wenn sie mit einem gewonnenen Wettbewerb oder mit einem eigenen Auftrag aus einem Großbüro ausscheren und das Know-how mitnehmen können. Viele finden im breiten Feld der Aufgaben eine individuelle Nische. Die Teilnahme an mehrstufigen Architekten-Wettbewerben bleibt den Jungen verwehrt, da sie durch die aufgestellten Netze fallen und die finanziellen Aufwendungen in Größenordnungen von 100 000 Mark nicht leisten können.

Großbüros verteilen dann die Aufträge unter sich. Umbau und Erneuerung der hunderte von Bahnhöfen der DB liegt in Händen von drei Großbüros. Den Auftrag für einen Kindergarten erhält nur das Büro, das bereits drei Kindergärten gebaut hat. Immer dieselben kommen zum Zug. Architektur rechnet sich nur nach finanziellem Aufwand, wirtschaftlichem Nutzen oder politischem Prestige. Der Corporate Identity des Bauträgers ist nichts teuer und edel genug, ob es sich um Verwaltungsbau, Kaufhaus oder Hotelkette handelt.


»Neue Einfachheit« auf Schweizerisch: Kirchner Museum Davos, 1992.

(Architekten:
Nette Gigon und Mike Guyer, Zürich)


Umgekehrt ließ die IBA Emscherpark im Ruhrgebiet neben der Sanierung alter neue Arbeitersiedlungen mit organisierter Hilfe zur Selbsthilfe aufs Einfachste entstehen. Schulen für Kinder aus einer multikulturellen Bevölkerung werden zum Agglomerat aus Nischen, Ecken, Galerien, Dächern und Zufälligkeiten. Basteleien aus unterschiedlichen Werkstoffen sollen den kindlichen Drang zur freiheitlichen Selbstverwirklichung fördern. Alles ist möglich, schließt Versuch und Irrtum ein und zeigt sich äußerst menschlich, biedert sich an, das ach so Menschliche frei zu entfalten.

Von organischer Architektur ist nicht mehr die Rede. Architektur für den ganzen Menschen – den leiblichen, seelischen und geistigen – hat andere Qualitäten, die über das Allein-Menschliche hinausweisen. Zu einer anthroposophischen Architektur hat Rudolf Steiner Wege gewiesen, die erneut erarbeitet und gegangen werden wollen. Dazu genügt es nicht, die Formensprache aus der Anfangszeit des jetzt zu Ende gehenden Jahrhunderts zu erneuern. Die ist mit dem Brand des ersten Goethanum Asche geworden. Anstelle der Plastik des Holzbaus des alten ist eine gefaltene dünne Betonschale des neuen Goetheanum getreten. Die verlangte 1925 nach einer tragenden Subkonstruktion. Mit heutigen rechnerischen und konstruktiven Möglichkeiten könnten dieselben räumlichen Faltungen eine selbsttragende Hülle abgeben, auf die das Innere antwortet. Erneuert werden muss dazu ein »praktisches Denken«, das die Vorstellungen von Raum und Zeit erweitert, Raum in Bewegung versetzt, Zeit als unterschiedliche Dauer begreift, in der ständige Veränderungen ablaufen. Neue Techniken mit neuen Werkstoffen eröffnen neuartige konstruktive Fähigkeiten und neue gestalterische Möglichkeiten, die das Geistige in den Bau einfließen lassen, das Architektur zum Sprechen bringt und den ganzen Menschen erreicht.



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