Natur & Umwelt

Die Pfingstrose

In unseren Gärten stehen, wie schon in den Bauerngärten früherer Zeit, nun die Pfingstrosen in voller Blüte. Von Weiß über Rosa und zartem Apricot bis in reines Rot reicht ihre Farbpalette. Den gefüllten, dichten Blüten entströmt ein zarter Duft. In der Vase verlieren sie meist nach relativ kurzer Zeit ihre zahlreichen Blütenblätter. Ein ansehnliches Häufchen an Blütenlaub kommt dann auf dem Tisch zusammen, und man ist über den derben Stempel, der am Stengel verbleibt, fast überrascht. Betrachtet man die feinen, vormals ineinandergeschichteten zarten Pergamentschalen dann genauer, so sieht man einerseits die feine Äderung und andererseits die Verwandlung der Form. Von den noch grünen Kelchblättern beginnend werden sie nach innen hin immer feiner, bis zu den fadenartigen Staubblättern in sonnigem Gelb.

Von der Pflanze selbst aber bekommt man weder im Garten noch in der Vase einen umfassenden Eindruck. Der ist deutlicher, wenn man sie in ihrer Heimat besucht, an den kalkigen Abhängen der Südalpen. Ein bezaubernder Anblick, wenn diese wilden Pfingstrosen noch auf Höhen über 1500 Meter inmitten von weißen Felsbrocken ihre Blüten entfalten! Dort, wo sonst nur kleine Blumen und Kräuter oder relativ holziges Gebüsch, fast schon kriechende Weiden und Koniferen wachsen, nehmen sich diese Büsche mit dem kräftigen, dunklen und tief eingeschnittenen Laub recht auffällig aus. Sie wachsen stramm empor und lockern sich doch auch schön auf. Ihre Knospen sind mit feinen Haaren besetzt, an denen Zuckersaft auskristallisiert, den die Ameisen sehr schätzen. Die großen roten Blüten weisen nur fünf Blütenblätter auf, sie öffnen sich wie eine weite Schale und antworten mit sichtbaren Staubblättern in wiederum sonnigem Gelb auf das klare Licht des Gebirges.
Die Blüte der Paeonie officinalis von unten betrachtet zeigt die Blattmetamorphose: Die Kelchblätter gehen in die Kronblätter über. Dabei geht die Blattspreite immer mehr zurück, der Blattgrund dagegen weitet sich mehr und mehr und nimmt schon an den Rändern die Blütenfarbe an.


Die Pflanze, die früher den Hahnenfußgewächsen, mittlerweile aber einer eigenen Pfingstrosenfamilie zugeordnet wird, macht einen sowohl krautigen als auch straffen Eindruck. Es scheint, dass sich hier nur noch ein Anklang von Wässrigkeit zeigt. Wilhelm Pelikan schreibt in der Heilpflanzenkunde (Bd. I): »Nicht mehr überwiegend Wasser und Licht-Luft begegnen einander, sondern von unten her dringt das Erdige, von außen her das Wärmehaft-Kosmische stärker ein«.
Martin Sinzinger


Martin Sinzinger

Taste Zurück zum Inhaltsverzeichnis