Im letzten Heft hatten wir in einem Corrigendum geklärt, dass wir irrtümlich im Inhaltsverzeichnis den Begriff der dynamischen Urteilsbildung für die im Interview mit Klaus Fischer (Heft 3/00) angesprochene Methode verwendet haben. Lex Bos aus Zeist/Niederlande hat unsere diesbezügliche Entschuldigung akzeptiert, uns aber gebeten, seine weiteren Erläuterungen zur dynamischen Urteilsbildung trotzdem noch abzudrucken. Wir kommen dieser Bitte gerne nach. T.S.
Der zentrale Orientierungspunkt, das Herz und die Energiequelle im Prozess der Urteilsbildung ist die Frage. Diese Frage selbst wenn sie einseitig formuliert wird hat stets eine doppelte Orientierung. Sie ist der Beginn eines Prozesses der Urteilsbildung auf dem Erkenntnisweg, weil wir Einsicht in eine Situation, ein Problem, ein Phänomen gewinnen wollen; aber sie ist auch der Anfang eines Prozesses der Urteilsbildung auf dem Wahlweg, weil wir entscheiden müssen, wie wir ein Problem lösen wollen, was wir mit einer gewonnenen Einsicht beginnen werden.
Der Prozess der Urteilsbildung ist insofern dynamisch, als der Erkenntnisweg und der Wahlweg in freier Form miteinander im Dialog stehen. Dieser dialogische Charakter wiederholt sich sowohl auf dem Erkenntnisweg wie auch auf dem Wahlweg. Urteile auf dem Erkenntnisweg entstehen durch den Dialog zwischen Fakten und Begriffen (menschenkundlich: Wahrnehmen und Denken), Urteile auf dem Wahlweg entstehen im Dialog zwischen Zielen und Mitteln/Wegen (menschenkundlich: Wollen und Handeln).
So entsteht ein Bild, in welchem Urteilsbildung ausgehend von einer Frage abläuft in einem freien Dialog zwischen vier »Feldern«: Fakten, Begriffen, Zielen und Mitteln.
Eine geistig-exakte Ausdruckform dieses Prozesses ist die Lemniskate, nicht weil der Weg entlang der Felder eine Reihenfolge für den idealen Gesprächsverlauf angeben würde, sondern weil
die Lemniskate ein Bild des dreigliedrigen physischen Menschen bietet;
die Lemniskate den Ausdruck eines durchgehenden strömenden Prozesses bildet;
die Lemniskate eine Innenseite (Einatmen auf dem Erkenntnisweg) und eine Außenseite (Ausatmen auf dem Wahlweg) besitzt und weil sich darin die Charakteristik der atmenden Seele äußert;
die Lemniskate über einen zentralen Kreuzungspunkt ein Ich-Zentrum verfügt, von welchem alle Bewegung ausgeht und dorthin wieder zurückkehrt.
Was Klaus Fischer beschreibt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als das klassische Phasenmodell: Bildgestaltung Urteilsbildung Beschlussfassung Ausführungsregelung. In jedem Managementhandbuch über Problem Solving und Decision Making werden Varianten dieses linearen Phasenmodells beschrieben. Selbst wenn in der Visualisierung des Prozesses (im Artikel) durch die zwei Schlaufen eine Art Eindruck einer Lemniskate hervorgerufen wird, besteht diese in Wirklichkeit nicht. Die Mitte die Kreuzung in der Frage fehlt, der Prozess ist nicht fortlaufend, sondern weist einen Eingang und einen Ausgang auf (was für ein Phasenmodell charakteristisch ist); die Bezeichnung der Felder lautet anders.
Natürlich haben derartige Prozesse ihr Existenzrecht und nichts ist dagegen einzuwenden, wenn sie visualisiert werden.1
Lex Bos, Zeist2
1 Wenn diese Visualisierung mehr als ein Spiel mit Linien darstellt, müsste genauer ausgeführt werden können, welches die wirkliche Bedeutung der Kurven und der doppelten Überschneidung ist.
2 Lex Bos, Holland, hat das Modell der »Dynamischen Urteilsbildung« entwickelt.