Seit zweiundzwanzig Jahren arbeitet etwa sechzig Kilometer nordöstlich von Kairo die Sekem-Farm, sie bildet mit der biologisch-dynamischen Produktion landwirtschaftlicher Güter die Grundlage für ein weit verzweigtes Unternehmen, einen mittleren Konzern.
Gegründet wurden die Farm und die zugehörigen Betriebe von Dr. Ibrahim Abouleish, der als Pharmazeut in Europa die Anthroposophie kennengelernt hatte. Inzwischen sind viele weitere Farmen hinzugekommen bzw. assoziiert. Die wirtschaftliche Grundlage bildet nach wie vor der Anbau von Gemüse und Tees sowie Heilkräutern. Inzwischen kam der biologische Anbau von naturbelassener Baumwolle hinzu, die zu hochwertigen Textilien für Kinderkleider verarbeitet wird. Außerdem gibt es verarbeitende Betriebe für Demeter-Produkte, einschließlich einer eigenen Heilmittel-Herstellung. Allein auf der Farm mit ihren Produktionsstätten selbst arbeiten heute fast tausend Menschen in den verschiedensten Bereichen. Die Märkte für die Produkte liegen in Ägypten, daneben in Arabien und in der EU.
Eine zentrale Aufgabe durch die ganzen Jahre war die Heranbildung von Fachkräften und Beratern für den biologisch-dynamischen Landbau. Sie überwachen inzwischen weit über 2000 Hektar Flächen mit mehr als 650 Mitarbeiter-Familien während und nach der Umstellung und stehen für die Qualität gerade.
Dass das Unternehmen zu dieser Größe heranwachsen konnte, hat sicher viele Gründe: Bestimmte Zielsetzungen, die dem naturbelassenen Landbau verpflichtet sind, die Menschen, die sich mit ihrem Können und ihrer Zuverlässigkeit in den Dienst stellten unter Verzicht auf den im Westen möglichen Entfaltungsraum , eine echte Gemeinschaft zusammenarbeitender Menschen im Kernbereich, aber auch eine entschiedene Konzeption für die Aus- und Weiterbildung im beruflichen Bereich, sodass die Ziele eingehalten werden konnten. Der Allgemeinbildung dient eine Schule, die sich an der Waldorfpädagogik orientiert. Lehrberufe auf der Farm werden durch eine Berufsschule betreut.
Nun hat Sekem einen weiteren Schritt getan. Am Sitz der Verwaltung in Heliopolis, nahe beim internationalen Flughafen von Kairo, wurde im März 2000 ein stattliches Gebäude eingeweiht, das als Grundlage einer Akademie dienen soll. Entworfen wurde der lichte weiträumige Bau vom deutschen Architekten Winfried Reindl von Portus-Bau in Karlsruhe, der auch die zahlreichen Bauten auf der Farm entworfen hat: Kindergarten, Bildungs- und Medizinzentrum, Schul- und Wohngebäude, Fabrik- und Lagerhallen. Alles macht einen dem Stil und Klima des Landes angepassten wohl anzuschauenden Eindruck.
Der Akademiebau verfügt neben großzügigen Räumen auch über einen Bühnensaal mit über zweihundert Sitzplätzen; er wurde durch eine Eurythmie-Aufführung der Dornacher Gruppe um Christoph Graf eingeweiht, die schwungvoll, manchmal etwas atemlos, das ägyptische und in kleinen Teilen auch sehr gemischt europäische Publikum anzusprechen und mitzunehmen wusste.
Die eigentliche Aufgabe der Akademie wird noch zu entwickeln sein. Die Forschung wird sich vor allem auf die Landwirtschaft konzentrieren. Sie soll Probleme lösen helfen, die sich für den biologischen Pflanzenbau in ariden Gebieten mit künstlicher Bewässerung stellen, sowie das Gespräch zwischen verschiedenen Forschungseinrichtungen im Land in Gang bringen. Durch den Kolonialismus auf die Stufe eines Entwicklungslandes gedrückt, ist der Ehrgeiz, westliche Technologie in allen Bereichen des Lebens zu entwickeln, entsprechend ausgebildet. Eine naturorientierte Wirtschaftweise hat es da noch schwerer als in den Ursprungsländern des Kapitalismus. Der wissenschaftliche Austausch ist daher überlebensnotwendig.
Ähnliche Aufgaben stellen sich auf dem Gebiet der Pharmazie. In der Gründungsveranstaltung klang der Gedanke von der künftigen Vereinigung von Wissenschaft, Kunst und Religion bei Dr. Abouleish auf, ein Motiv, das von manchem der ägyptischen Redner aus dem Bereich der Wissenschaft und Kultusverwaltung in ihren meist englisch gehaltenen Beiträgen aufgegriffen wurde. (Wenn man die Reihen der Kairoaner Honoratioren sitzen sah, hatte man den Eindruck, manche Gestalt der Pharaonen-Verwaltung, wie sie in Grabkammern abgebildet ist, leibhaftig vor sich zu haben.) Ein weiterer Gedanke, der nachdrücklich aufklang, war der der sozialen Dreigliederung. Da innerhalb des gesellschaftlichen Lebens Ägyptens die entsprechenden Ziele weitab liegen, geht die Willens-Intention zunächst darauf, diese innerhalb des mesosozialen Lebens des Sekem-Konzerns zu realisieren, wovon auch eindrückliche Beispiele gegeben wurden.
Wenn man in Europa anthroposophische Einrichtungen besucht, hat man es zumeist mit zu engen Räumen zu tun, man begegnet der Sorge, Räume für das entfaltete Leben zu finden. Hier besteht ein umgekehrtes Verhältnis: Aus einem florierenden Wirtschaftsleben ergab sich die Notwendigkeit, das geistige Leben neben dem sozialen Zusammenleben zu fördern. Das Geistesleben hat dort eine Heimstatt, nun besteht die Aufgabe darin, ihm das nötige Leben einzuhauchen. Dazu darf man dem Initiator weiterhin viel kairos wünschen, der ihn bisher schon begleitet hat.