Die Wahrnehmung des Fremden
Anmerkungen zu einem rezenten Diskurs
In den Mythen der Stämme Schwarzafrikas spielen die Differenzen der Hautfarbe eine besondere Rolle. Die eingeborenen Afrikaner begannen in der Epoche der Kolonialisierung, ihr koloniales Schicksal in diese Mythen einzuspinnen.
Genetik und Genese Dass bestimmte unterschiedliche Erscheinungen der allgemeinen Menschenform in bestimmten geografischen Gebieten autochthon seien wenn man unter Autochthonie Aufenthalte von mehr als 10000 Jahren versteht , war nicht nur allgemeine Überzeugung der Paläoanthropologie zu Beginn dieses Jahrhunderts. Diese Überzeugung war auch Bestandteil der kulturellen Überlieferungen jener Teile der Menschheit, die die betreffenden Gebiete der Erde vor dem Eindringen der europäischen Eroberer bewohnten. Dies gilt für die »indianische« Urbevölkerung Amerikas, für die »negroide« Bevölkerung Afrikas, wie auch für die Bevölkerung Chinas und Japans. In den wissenschaftlichen Traditionen des 20. Jahrhunderts wurden die unterschiedlichsten Migrationstheorien diskutiert. Wenn man vom monophyletischen (gemeinsamen) Ursprung der Menschheit ausgeht, muss die globale Verbreitung der Art durch Wanderungen erklärt werden. Die Wahrheit liegt zumindest, was die physische Evolution anbelangt, in der Verbindung beider Vorstellungen: Die Menschheit ist an einem Ort in Erscheinung getreten und hat sich anschließend durch Migration verbreitet und durch den Erwerb unterschiedlicher Anpassungen fortdifferenziert.
Die heutige Paläoanthropologie betrachtet Afrika als Wiege der »schwarzen Rassen«1, (die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe!) ja der Menschheit insgesamt. Das Genomprojekt bestätigt die Steinersche Sicht der anthropologischen Evolution.2 Die amerikanischen Professoren Luca Cavalli-Sforza und Allan Wilson untersuchten im Rahmen des »Human Genom Diversity Project« die Verteilung bestimmter Gene in der Erdbevölkerung.3 Die vergleichenden Untersuchungen zu den genetischen Distanzen einzelner »Phänotypen« haben nicht nur eine genetische Kartierung der Evolutionsstufen des homo sapiens ergeben, sondern auch eine Skala der Verwandtschaft der verschiedenen »Großgruppen« der Menschheit.
Auch nach den Hypothesen der gegenwärtigen Genforschung ist Afrika als Wiege der Menschheit zu betrachten. Von Afrika aus verzweigte sich der homo sapiens über die Erde. Unsere Urahnen besiedelten von Afrika aus vor 100000 bis 90000 Jahren Vorderasien. Im gleichen Zeitraum trennten sich zwei erste Großgruppen, von denen die eine Indien und Südostasien besiedelte, während die andere die nördlichen und östlichen Teile Asiens eroberte. Etwa 40000 Jahre später stieß die erste der beiden Gruppen nach Neuguinea, zu den Pazifischen Inseln und nach Australien vor. Wiederum 45000 bis 35000 Jahre später erfolgte eine weitere Diversifizierung: Die Cro-Magnon-Menschen begannen den östlichen und westlichen Mittelmeerraum zu bevölkern und von hier aus ganz Europa zu besiedeln. In diesen langen Zeiträumen und den in ihnen erfolgenden Wanderungsbewegungen differenzierten sich drei Hauptphänotypen aus: die »Großgruppen« der »Negriden«, »Mongoliden« und »Europiden«. Die verschiedenen Hautfarben sind ein für die Wahrnehmung entscheidender Aspekt dieser Differenzierung, der auf Anpassungen an klimatische Verhältnisse zurückgeführt wird. Die letzte große Wanderung brachte zwischen 35000 und 15000 vor Christus von Nordostasien aus die Besiedelung der beiden amerikanischen Kontinente durch »mongolide« Nomaden mit sich.
Je weiter die verschiedenen Gruppen zeitlich auseinander liegen, umso größer sind auch die genetischen Unterschiede zwischen ihnen. Während sich gemäß den Ergebnissen des Genom-Projektes die beiden Hauptzweige, die Schwarzafrikaner und die Nichtafrikaner bereits vor 100000 Jahren voneinander getrennt haben, um an ihren jeweiligen Wohnorten ihre spezifischen Adaptationen auszubilden, begannen die verschiedenen europiden Großgruppen (Indoeuropäer, Semiten, Berber) erst vor einigen Jahrtausenden, sich auseinander zu entwickeln. Die Vorfahren der Indianer und Europäer haben sich bereits vor etwa 40000 Jahren getrennt. Die Ergebnisse eines der größten Projekte der gegenwärtigen Forschung erweisen die genetische Differenz und kartieren die Stufen der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit. Die Abbildung zeigt die Wanderungen und ihre vermutliche zeitliche Verteilung.
Luca und Francesco Cavalli-Sforza schreiben dazu:
»Die Nichtafrikaner teilen sich in zwei große Zweige auf. Der eine entspricht den Populationen, die gegenwärtig Südostasien bewohnen, und jenen, die höchstwahrscheinlich von dort nach Australien, Neuguinea und zu den Pazifischen Inseln gelangten. Der andere große Zweig hat Nordasien bevölkert mit einer Hauptabzweigung nach Osten (Sibirien und von dort nach Nord- und Südamerika) und einer anderen nach Westen, zu der vor allem die europäischen und nichteuropäischen Kaukasier gehören. Letztere, auch »Europide« genannt, sind in der Mehrzahl Völker mit weißer Haut, umfassen aber auch die Populationen des im tropischen Bereich liegenden Südindien, die eine starke Abdunkelung der Haut aufweisen, deren Gesichts- und Körpermerkmale aber eindeutig kaukasisch oder europid, und nicht afrikanisch oder australisch sind.«4
Der Genetiker Luca Cavalli-Sforza illustriert seine Abstammungs- und Entwicklungstheorie durch einen Baum (siehe Abb. oben) Die Darstellung wird von ihm wie folgt kommentiert:
»Der Baum zeigt, dass der Unterschied zwischen Afrikanern und Nichtafrikanern am größten ist. Das unterstützt die von vielen Paläoanthropologen aufgestellte Hypothese, der Jetztmensch habe seinen Ursprung in Afrika gehabt und sich von dort über den Rest der Welt verbreitet.«5
Zwar bemühen sich Francesco und Luca Cavalli-Sforza in ihrem Buch darum, die auch von der Genforschung festgestellten bzw. bestätigten Differenzen in einen Beweis vom Nichtvorhandensein von Rassenunterschieden umzudeuten. Sie behaupten, äußere Merkmale wie Haut- und Haarfarbe sowie Gesichtsform würden durch eine kleine Zahl von Genen festgelegt. Die restlichen drei Milliarden DNS-Faktoren seien hochvariabel. Die genetischen Differenzen zwischen einzelnen Aborigines Australiens seien größer als die zwischen Inuit und Bantu. Doch ist diese Feststellung kein Argument gegen die Tatsache, dass jene wenigen Gene, die in Korrelation zu den perennierenden Merkmalen des Phänotypus stehen, in eben diesen konstanten Beziehungen zu den betreffenden Merkmalen stehen. Darüber hinaus sind diese Bemerkungen für die Geschichte der Begegnung verschiedener Völker und Kulturen irrelevant, denn die Wahrnehmung von Differenzen ist kulturgeschichtlich und psychologisch nicht durch die Ergebnisse der hochspezialisierten Forschung des 20. Jahrhunderts bestimmt, sondern durch das sinnlich-ästhetische Erscheinungsbild. Im Übrigen besitzen auch Menschen und Schimpansen zu 98,4 Prozent identische Gene, was kaum jemanden dazu veranlasst, zu behaupten, die Wahrnehmung phänotypischer Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse sei Ausdruck von Rassismus, abgesehen vielleicht von einigen fanatischen Tierschützern. Man kann aber die Rechte der Tiere nicht dadurch schützen, dass man behauptet, sie unterschieden sich in fast nichts vom Menschen, wenn auch die Rechte vieler Menschen nicht einmal durch ihr Menschsein hinreichend geschützt sind.
Entscheidend für die Beurteilung des Zusammenspiels von Ethnien und Völkern bis in die Gegenwart war nicht das Ausmaß der unwahrnehmbaren genetischen Differenz oder Indifferenz. Entscheidend waren vielmehr die sichtbaren Faktoren, an denen sich das Gros der Menschheit seit je orientiert hat. Diese Orientierung hat die Geschichte der Kulturen und Kontinente geprägt und nicht die mathematisch erfassbare Variabilität inkrementeller Bestandteile des Humangenoms. Cavalli-Sforza ist gewiss vorbehaltlos zuzustimmen, wenn er sagt, Rassisten seien Menschen, »die davon überzeugt sind, dass eine Rasse allen anderen biologisch überlegen ist«.6 Aber auch Biologisten, die die kulturellen und ethnischen Differenzen nivellieren, indem sie erklären, alle Menschen seien gleich, versündigen sich gegen das Menschenrecht: nämlich das Recht auf individuelle Differenz, die natürlich nicht an physiologische Merkmale gebunden ist. Im Übrigen macht den Bock zum Gärtner, wer den genetischen Determinismus heranzieht, um die Menschenrechte zu verteidigen. Denn dieser ist gänzlich ungeeignet, ein Verständnis der menschlichen Individualität zu begründen. Geht er doch von der Voraussetzung aus, dass das Individuelle am Menschen durch dessen genetischen Code bestimmt wird, während dieser in Wahrheit Ausdruck der menschlichen Individualität ist. Auch das auf dem Boden des genetischen Denkens formulierte Plädoyer für die Gleichheit oder doch weitgehende Ähnlichkeit aller Menschen, ist Abkömmling eines versteckten Rassismus, zumindest solange, als es auf der reduktionistischen Voraussetzung beruht, der Mensch sei nichts als die Summe seines genetischen Materials. Ebenso wie im klassischen, sich am Phänotyp orientierenden Rassismus, geht der genetische Rassismus, der sich am Genotyp (Genmaterial) orientiert, davon aus, das seelisch-geistige Wesen des Menschen könne auf physische Gegebenheiten zurückgeführt (reduziert) werden. Die Anthroposophie bedarf in dieser Hinsicht keiner Belehrung vonseiten der Genetik, denn sie geht von der Existenz eines selbstursprünglichen, seelisch-geistigen Wesens des Menschen aus, das im genetischen Fingerprint eine Spur seiner Individualität hinterlässt, nicht aber durch die Kombination der Gene determiniert wird. In Wahrheit wird, solange Wissenschaftler den Menschen reduktionistischen Erklärungsmustern unterwerfen, immer dasselbe prinzipielle Verhältnis zwischen Leib, Seele und Geist postuliert, gleichgültig, ob auf phänotypische oder genotypische Merkmale der Physis zurückgegriffen wird. Insofern muss jedes reduktionistische Denken, gleichgültig, ob es sich nun um einen physikalischen, biologischen, psychologischen oder soziologischen Reduktionismus handelt, eine bestimmte Form des Rassismus notwendig zur Folge haben.
Erscheinung und Wesen in der Begegnung der Kulturen Mit den kulturellen, epochalen und individuellen Eigentümlichkeiten im Erscheinen des Fremden erscheint immer auch seine physische Eigentümlichkeit mit. Je geringer die Möglichkeit, auf den mit dem Physischen erscheinenden seelisch-geistigen Gehalt des Fremden verständnisvoll einzugehen, umso mehr drängt sich der jeweilige physische Träger der seelisch-geistigen Eigentümlichkeiten in den Vordergrund. Was nützt mir das Darshan eines großen Eingeweihten, wenn ich seine Sprache und seine Botschaft nicht verstehe: Ich werde nur seine physische Erscheinung beurteilen. Wer nicht imstande ist, zum Wesen der Erscheinung vorzudringen, wird stets an der Erscheinung haften bleiben. Diese ist zwar letztlich auch Ausdruck der Individualität; ohne die Erkenntnis der Individualität kann aber nicht verstanden werden, wie und in welcher Form sich letztere im Typischen, Gattungshaften zugleich verschleiert und offenbart. Wo Verständnis und Erkenntnis fehlen, werden sie nach einer zutreffenden Ansicht der analytischen Psychologie durch Projektionen ersetzt. Dieser Grundsatz gilt sowohl für die Individualpsychologie als auch für die Völkerpsychologie (Wilhelm Wundt). Die Geschichte der interethnischen Begegnungen ist vor allem eine Geschichte von Projektionen.
Das Fremde als Projektionsfolie Die Wahrnehmungen phänotypischer Diversität wurden und werden nicht nur von »weißen Europäern« mit Farbbegriffen zum Ausdruck gebracht, sondern auch von Angehörigen aller anderen Völker dieser Erde. Zur Beleuchtung dieses Tatbestandes seien die erhellenden interkulturell-ethnografischen bzw. -ethnologischen Untersuchungen Franz Böckelmanns7 über die Wahrnehmung des Fremden herangezogen. Selbst heutige Schwarze sehen die Weißen als Weiße und bezeichnen sie auch als solche, wie aus dessen Interviews hervorgeht. Als die Westafrikaner den weißen Eindringlingen Namen gaben, wählten sie bezeichnenderweise solche, die sich an deren Hautfarbe orientierten. Dies ist bis heute so. Noch in der Gegenwart werden in den ehemaligen Kolonialgebieten die Angehörigen der früheren Kolonialmächte mit den entsprechenden Ausdrücken als »Weiße« bezeichnet.
Aber auch, wenn die »schwarzen« Afrikaner sich untereinander vergleichen, greifen sie auf Farbskalen zurück. Bemerkenswerterweise stehen auf der innerafrikanischen Farbskala die relativ Hellhäutigen auf einer höheren Stufe als die Dunkelhäutigen. So gelten arabische Weißafrikaner und »gelbe« hamitische Äthiopier als besonders attraktiv. Böckelmanns afrikanische Interviewpartner:
»"Je hellhäutiger man ist, desto höher steht man im Kurs", bemerkte Frau B. aus Kamerun. Laut Herrn I. und Herrn L. gelten die Fulani unstrittig als die schönsten Menschen in Nigeria. Sie erfreuen sich einer vergleichsweise hellen Hautfarbe. Außerdem heben sie sich durch eine relativ schmale Nase, einen weniger wulstigen Mund und dichtes, fülliges Haar von ihren Nachbarn ab. Unverkennbar haben die westafrikanischen Völker eine Schwäche für helle Haut und den europäischen Gesichtsschnitt. Fast alle meine Gesprächspartner berichteten von Frauen, die ihr Gesicht mit Aufhellungcremes traktieren.«8
Wir begegnen hier den auch aus der europäischen Kulturgeschichte vertrauten seelischen Tendenzen aller Beurteilung des Fremden: der Idealisierung und der Verteufelung. Der Glorifizierung des »edlen Wilden« stand in Europa die Verteufelung der »wilden Bestien« gegenüber. Dass Edelmut und Bestialität individuelle moralische Eigenschaften, die durch die jeweils anerkannten Normen definiert werden, und nicht Eigenschaften von Völkern oder Ethnien sind, wird dabei ausgeblendet. Dass die Kulturen sogenannter Wilder wie H.P. Duerr eindrucksvoll gezeigt hat häufig weitaus stärker und rigoroser durch moralische Tabus reglementiert waren, als diejenigen der sich für besonders zivilisiert haltenden Europäer, wird bei diesen Projektionen ebenso ignoriert, wie die Tatsache, dass Angehörige der »zivilisierten« europäischen Völker sich mitunter weit bestialischer und unzivilisierter verhielten, als jeder in der europäischen Literatur bekannte »Wilde«. Nichteuropäische Kulturen bewegten sich ebenso zwischen den beiden Extremen Abscheu und Bewunderung: So schwankten etwa die Chinesen zwischen Abscheu vor den wilden, »behaarten Teufeln« aus dem fernen Westen, die in ihre hoch entwickelte Zivilisation einbrachen, um die dort herrschende göttliche Ordnung zu zerstören, und heimlicher Bewunderung vor deren überlegenen technischen Errungenschaften. Auch afrikanische oder ostasiatische Völker brachten den Weißen sowohl Bewunderung wie im Fall afrikanischer oder ostasiatischer Eingeborener entgegen, die um die Güter der Weißen sogar religiöse Kulte schufen (die sog. Cargo-Kulte, bei denen die Insignien der technischen Zivilisation zu mit magischer Kraft aufgeladenen Gegenständen der Verehrung erhoben wurden), wie auch Hass wegen ihrer offenkundigen Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegenüber allem, was ihnen als heilig galt.
Andererseits ist besonders im Falle Afrikas nicht zu übersehen, dass die Sicht der Differenzen zwischen Europäern und autochthoner Bevölkerung tief in die vorkoloniale Geschichte des »schwarzen Kontinents« zurückreicht. Dies wird deutlich, wenn man die Mythen zur Kenntnis nimmt, in denen die west- und zentralafrikanische Bevölkerung ihr Selbstverständnis zum Ausdruck brachte. Die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nur mündlich überlieferten Schöpfungsmythen enthalten eine Vielzahl von Geschichten, in denen Farbdifferenzen und deren Entstehung eine bedeutsame Rolle spielen. In ihnen ist von hell- und dunkelhäutigen Menschen und ihrer Herkunft die Rede. Die Unterschiede im Phänotypus werden auf seelisch-geistige Eigenschaften oder auf Verhaltensweisen der Ahnen zurückgeführt. Diese präformierten Unterschiede gestatteten es, die Mythen bei der Ankunft der Europäer auf die Beziehungen zwischen diesen und der einsässigen Bevölkerung zu applizieren. In vielen dieser Mythen ist, wie Böckelmann sagt, von der »schuldhaften Selbstaussonderung der Schwarzen« die Rede, die gegenüber den Angehörigen der jeweils anderen Menschengruppe Nachteile erlitten. Die eingeborenen Afrikaner begannen in der beginnenden Epoche der Auseinandersetzungen mit den europäischen Eindringlingen ihr koloniales Schicksal in diese Mythen einzuspinnen und wiesen dabei den weißen Eroberern und Unterdrückern die Rolle der »siegreichen« oder »erfolgreichen« Mythenfiguren zu.
So erzählten die Dschagga im heutigen Kenia und Tansania, ursprünglich seien alle Menschen weiß gewesen. Doch einige hätten das Verbot übertreten, die Früchte des mringa-Baums zu essen und seien zur Strafe von Gott geschwärzt worden. Die weiß Gebliebenen seien fortan Gottes Lieblinge gewesen.
Die Vili im heutigen Kongo-Zaire erzählten, Gott habe den Menschen befohlen, sich im Fluss zu waschen, weil sie ihre Körper beschmutzt hatten. Einige aber wollten sich nicht ins kalte Wasser begeben und wärmten sich stattdessen am Feuer. Sie kamen in Berührung mit dem Rauch, der ihre Haut schwarz färbte. Die Färbung ließ sich später nicht mehr abwaschen.
Ein Mythos der Songe im heutigen Kongo-Zaire berichtet, Gott habe seine beiden Söhne auf die Erde geschickt, um ein Feld zu bebauen. Der eine sei faul gewesen, der andere fleißig. Den Faulen habe Gott mit Holzkohle geschwärzt.
Die Kunama im heutigen Eritrea erzählten, Gott habe den Menschen, die gesündigt hätten, befohlen, sich vor ihren Hütten aufzustellen und die Hände auf den Rand des Daches zu legen. Daraufhin habe er sie mit schwarzer Farbe angemalt. Die nach unten gewandten Handflächen und Fußsohlen aber habe er übersehen.
All diese Mythen weisen den Schwarzen die benachteiligte Position zu. Sie sind aufgrund eigenen Missgeschicks oder aufgrund von Charaktermängeln zu Opfern geworden. Böckelmann kommentiert: »In welcher Farbe Gott die Menschen auch geschaffen hat, am Ende stecken die Nachlässigen und Unglücklichen in der schwarzen und die Tüchtigen und Glücklichen in der weißen Haut. Der Sündenfall schwärzt. [ ] In keiner einzigen der aufgezeichneten Schöpfungslegenden Schwarzafrikas ist den Schwarzen das bessere Los beschieden.«9
Die Schwarzen sahen in den hellhäutigen Seefahrern und Entdeckern wenn nicht Götter, so doch Sendboten von Göttern, Besucher aus dem Totenreich, wiederkehrende Ahnen, war doch die blasse Haut Kennzeichen der Toten und Weiß in vielen Gebieten Afrikas die Farbe des Todes.
Von den Ngale (Bangala) im Kongo erzählt Böckelmann folgende Geschichte:
»Einst schwammen die Schiffe der Weißen den Kongofluss hinauf und ankerten bei den Dörfern der Ngala (Bangala). Diese begrüßten die Weißen ehrerbietig als Gesandte des Gottessohnes Ibanza, dessen prächtige Residenz im Flusswasser lag. Sie fragten die Landgänger, welche Botschaft lbanza ihnen übermitteln lasse. Wahrscheinlich bestritten die Weißen, von solch edler Herkunft zu sein, und wahrscheinlich hielten das die Schwarzen für eine Finte. Denn sie beobachteten, wie die Weißen jedesmal, bevor sie ihre Güter an Land brachten, in den Bauch des Schiffes hinabstiegen. Es stand zu vermuten, dass sie durch eine Tür am Boden des Schiffes zum Grund des Flusses gelangten und dort ihre Schätze holten. Die Ngala hüteten sich, selbst nachzusehen, um nicht den Zorn des Flussgotts zu erregen.«10
Die Ngala sahen in den Weißen Ahnen, die aus ihrem Reich unter dem Wasser zurückgekehrt waren und sich nicht als solche zu erkennen geben wollten. Sie gaben ihnen den Namen midjidji, was »die Zurückgekommenen« bedeutet. Auch die Zulus in Südafrika erwarteten, dass in naher Zukunft die Geister der Vorfahren aus den Seen emporkommen würden, um unter den Lebenden für Ordnung zu sorgen.
Die Bapende im Gebiet des heutigen Kongo-Zaire erzählten folgende Geschichte über die Ankunft der ersten Europäer:
»Unsere Väter lebten behaglich in der Lualaba-Ebene. Sie hatten Vieh und Ackerfrüchte; sie hatten Salzbecken und Bananenbäume. Plötzlich erblickten sie ein großes Schiff auf der See. Es hatte weiße Segel, die wie Messer blitzten. Weiße Männer kamen aus dem Wasser, sie sprachen in einer Weise, die niemand verstand. Unsere Ahnen fürchteten sich, sie sagten, das seien vumbi: Geister, die zur Erde zurückkämen. [ ] Die Häuptlinge und Seher sagten, dass diese vumbi früher die Besitzer des Landes waren. Unsere Väter verließen die Lualaba-Ebene, weil sie eine Rückkehr des Schiffs Umlungu fürchteten.«11
Die Weißen wurden gleichzeitig als Fremde bestaunt und als Widergänger verstorbener Ahnen gefürchtet. Denn die Ahnen, die aus ihren jenseitigen Aufenthaltsorten zurückgekehrt waren, mochten, so die Befürchtung , mit magischen Kräften beladen, ihren früheren Besitz zurückfordern oder an ihrem Gedenken begangenes Unrecht bestrafen. So hielten Stämme im Südwesten des Kongo die Weißen für einstige Schwarze, die nach ihrem Tod das Meer durchquert hatten und dabei bleich geworden waren wie Wasserleichen. Sie hatten sich aber im Totenland magische Künste angeeignet, durch die sie den Zurückgebliebenen weit überlegen erschienen. An der Gold- und Sklavenküste war die Auffassung verbreitet, die verstorbenen Schwarzen würden in das ferne Land gebracht, aus dem die Eindringlinge kamen und kehrten als Weiße zurück.
Das überlegene mana, durch das die Eroberer sich auszeichneten, wies sie als Widergänger Verstorbener, als Götter, Dämonen oder Boten der Götter aus. Sie wurden nicht zuletzt durch ihre überlegene Waffentechnologie in die Nähe von Göttern oder zumindest übermächtigen Zauberern gerückt.
Diese Erfahrung machten bereits die Portugiesen, als sie im Kongo Fuß fassten: Sie wurden als zur Erde herabgestiegene Götter empfangen. Diese Anschauungen breiteten sich nicht nur im Busch aus, sondern auch Küstenvölker wie die Agni an der Elfenbeinküste sahen in den Weißen Bewohner des Himmels. Durch ihre überlegene Macht konnten die Weißen ungestraft Tabus verletzen, ja, deren Missachtung des Heiligen erschien geradezu als Ausweis ihrer übermenschlichen Natur.
Die Erfahrungen, die die autochthone Bevölkerung mit den Weißen machte, schienen ihre überlieferten Ursprungsmythen zu bestätigen. Kaum einen Stamm gibt es, der nicht seinen eigenen Mythos besitzt, der begreiflich zu machen sucht, warum die fremden Eindringlinge sich als so überlegen erwiesen. In den mythischen Erzählungen lassen sich zwei Erklärungsmuster unterscheiden: Das eine leitet die Unterlegenheit der Schwarzen aus einer Willkür des Schöpfers her und das andere auf falsche oder törichte Handlungen der eigenen Ahnen.
Es entbehrt nicht der Tragik, erkennen zu müssen, dass bereits vor der europäischen Kolonisierung, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts massiv einsetzte, bei den Bewohnern der kolonisierten Gebiete Afrikas Mythen existierten, die Nichtschwarzen eine Vorzugstellung einräumten. Man wird diesen Tatbestand nur leugnen, wenn man von falscher Verbrüderungsromantik verblendet das Wissen von den Differenzen schlechthin verneint. Die traditionellen Mythen wurden von den Schwarzen auf die eindringenden Weißen appliziert, sodass die reale zivilisatorische militärische und technische Übermacht der Eindringlinge ihre Rechtfertigung bzw. Erklärung durch die von den Kolonisierten selbst geschaffenen Mythen erfuhr. Eine ähnliche Situation fanden die europäischen Eroberer bekanntlich auch in Süd- und Mittelamerika vor.