Die Erde will ein Ganzes werden.
Ein Interview mit Walter Burkart zur Lage in Afrika
Walter Burkart leitet den Entwicklungshilfefonds der Gemeinnützigen Treuhandstelle in Bochum und betreut zahlreiche Entwicklungsprojekte in Afrika. Die Fragen stellte Theo Stepp.
Die Drei: Sie gestalten seit 18 Jahren den »Entwicklungshilfefonds« der Gemeinnützigen Treuhandstelle in Bochum mit ca. 30 Projekten. Hört man die Meldungen über die Probleme in fast allen Ländern Afrikas, könnte man den Eindruck haben, dass solche Projekte allenfalls Tropfen auf den heißen Stein sind. Wie beurteilen Sie die Situation in Afrika im Jahr 2000?
Walter Burkart: Das kann nur geschichtlich erklärt werden: Schwarzafrika stand über Jahrhunderte unter dem grausamen Joch der europäischen Sklaverei. Im Jahr 1901 »verendete« der letzte Insasse eines Affenhauses im Londoner Zoo; das war ein Buschmann aus Namibia. Wenn sich angeheiterte Buren einen Spaß machen wollten, gingen sie zum Kanaken-Schießen. Ein solches »Menschenbild« ist inzwischen überholt. Vor ca. 40 Jahren wurde Afrika in die politische Unabhängigkeit entlassen.
Welcher Geist steckte dahinter?
Walter Burkart: Die neuen Staaten wurden auf europäischen Reißbrettern entworfen, meist ohne Rücksicht auf die betroffenen Ethnien; ein Quell von Grenzkriegen bis heute. Als Staatsform wurde meist das französische Präsidialsystem eingeführt, bei dem die Regierung nicht dem Parlament verantwortlich ist. Dabei bietet die afrikanische Palaver-Demokratie mit ihrem Konsensstreben eine gute Voraussetzung für eine echte Volksvertretung. Heute ist die wirtschaftliche Ausbeutung besonders subtil und hält Afrika weiterhin auf der Agrarstufe. Die EU-Zölle steigen beispielsweise mit der Veredelungsstufe der EU-Importe. Das Austauschverhältnis afrikanischer Produkte gegen Importwaren (terms of trade) hat sich in 12 Jahren auf die Hälfte verschlechtert. Jeder Deutsche profitiert von den Billigländern. Die Globalisierungsgewinne liegen bei den reichen Ländern. Zudem fließt in die armen Länder nur ein Viertel dessen an Entwicklungshilfe-Geldern, was sie selbst an Schuldendiensten jährlich zahlen müssen. Meine Hoffnung liegt auf der sich formierenden Zivilgesellschaft. Neben schwachen Staaten und einer fremdbestimmten Wirtschaft reifen Selbsthilfegruppen, Kooperativen und NROs (Nichtregierungsorganisationen) heran. Sie haben z.B. Rechtssicherheit, Demokratisierung, good governance auf ihre Fahnen bzw. websites geschrieben. Auch die WTO (Welthandelsorganisation) kann sich dem Drängen der Entwicklungsländer nicht mehr ganz verschließen. In Afrika liegen die Jugendkräfte unserer Welt, einschließlich ihrer Unausgegorenheiten. Jugendliche brauchen aber verständnisvolle Gespräche und echte Vorbilder.
Finden Sie irgendwo in Afrika so verlässliche Strukturen vor, dass Sie Projekte nachhaltig unterstützen können?
Walter Burkart: Der Bochumer »Entwicklungshilfefonds« unterstützt lokale und regionale Initiativen, also die Zivilgesellschaft, in direkter Weise. Diese müssen zur Selbsthilfe willens und fähig sein. Dauerhaft und selbstentwickelnd können Projekte sein, wenn sie überschaubar sind, wenn sie ein wahres Bedürfnis im sozialen Kontext angehen, wenn die Begünstigten Eigenleistungen einbringen und wenn Lerneffekte impliziert sind. Maßgeblich als treibende Kraft ist ein einheimischer Mediator bzw. Koordinator nicht zuletzt für unsere eigene Buchführung.
Wenn auch unter der weißen Sonne Afrikas alles gemächlicher geht, so sind unsere Erfahrungen doch durchaus positiv. Allerdings muss man sich die richtigen Partner aussuchen.
Können Sie zwei Beispielprojekte nennen, die seit Jahren funktionieren?
Walter Burkart: Beispiel Kenia: In Kenia, nördlich der Hauptstadt, wo moderne Exportplantagen Ananas, Rosen und Tee produzieren, dort sind auch die kleinen Anwesen der traditionellen Kikuju-Bauern. Deren Lebensgrundlage aber hat sich durch Erbteilung und Inflation aufgrund von Weltbank-Kreditauflagen laufend verschlechtert. Eine wesentliche Verbesserung so wurde in zahlreichen Versammlungen herausgefunden können drei Komponenten bringen, nämlich Regenwassertanks, Milchziegen und intensive Gemüsegärten mit Kompostwirtschaft. Die Umsetzung des Konzeptes wird von unserer Partnerorganisation SACDEP betrieben. Jeweils 30 Kleinbauern wobei die Frauen oft tragend sind lassen sich als offizielle Selbsthilfegruppen registrieren und eröffnen ein Bankkonto. Sie werden dann über drei Vegetationsperioden wöchentlich von einem Berater angeleitet und geschult. Alle Bauarbeiten für die Tanks und Ziegenställe werden in Eigenleistung erbracht. Die einzukaufenden Güter wie Zement, Baustahl, einzukreuzende Ziegen oder Saatgut für trockenheitsresistente Pflanzen werden nur jedem dritten Haushalt gestellt. Dieser zahlt dann aus seinem Mehrertrag in die Gruppenkasse zurück, auf dass der nächste Haushalt auch profitieren kann (revolvierende Fonds). Derzeit sind 52 Gruppen resp. 1560 Kleinbauern direkt engagiert. Die deutsche Regierung bezuschusst 75 Prozent der Kosten.
Die Lerneffekte und Erfolge der selbstbewirkten Verbesserungen zu Niedrigkosten begeistern sie und werden von Nachbarn aufgegriffen und nachgeahmt.
Beispiel Uganda: Im Nachbarland Uganda kam ich mit einem Schulleiter in Seguku bei Kampala ins Gespräch. Dieser wollte neben dem üblichen Curriculum gerne auch handwerkliche Fächer anbieten, um seine Jugendlichen besser auf das Leben vorzubereiten. Nachdem dies im Dorfrat gutgeheißen war, wurde der Verein CAYDEP gegründet, der Patenschaften aus Deutschland umsetzen kann. Inzwischen wird an zwei Schulen mit 207 Kinderpatenschaften ein praktischer Unterricht in Flechtweben, Gartenbau, Schneidern, Elektroinstallation, Schreinern und Autoreparatur gewährleistet. Eine Berufsausbildung für Schulabgänger ist dazu gekommen; und Abendkurse für Erwachsene sind gut besucht. Wenn erst einmal Zuversicht besteht, kann es weitergehen. So wurde die kommunale Wasserstelle von den Schülern neu eingefriedet. Elternarbeit wurde aufgenommen und hat zur Bildung von vier Frauengruppen geführt, die ihren Landbau durch organischen Gemüsebau intensivieren wollen. Auch Fruchtbäume wie Papaya, Mango, Jack oder Passionsfruchthecken werden systematisch gezogen und verbessern die Volksgesundheit. Inzwischen ist das Interesse an einer umfassenderen Erziehung erwacht. So nehmen pro Quartal jeweils acht Lehrer/Innen die lange Busfahrt nach Nairobi auf sich, um für jeweils zwei Wochen die Grundlagen der Waldorfpädagogik zu studieren. Die beiden Schulen in Uganda haben einen Waldorfclub gegründet, der sich wöchentlich trifft. Alle vier Monate kommt der Waldorflehrer Vojko Vrbancic aus Kenia für eine Woche an die Schulen.
Auch nach medizinischen Alternativen zur teuren Chemie wurde gefragt. Die deutsche Ärztin Dr. Almut Chignac fährt regelmäßig nach Seguku und hat sogar die dortige Landessprache Buganda erlernt. Sie entdeckt die vorkolonialen Heilmittel aus einheimischen Pflanzen wieder und unterrichtet Interessenten in deren Herstellung und Indikation. Es bestehen Pläne, wie die Zukunft durch die Bevölkerung weiter gestaltet werden kann. Derzeit werden deutsche Handwerker gesucht, die für einige Urlaubswochen ihre Kniffe und Tricks an die Werklehrer weitergeben wollen.
Ist es in manchen Fällen möglich, mit den Projekten etwas in der Kultur einer Region zu verändern?
Walter Burkart: Die Veränderungen werden probiert, oft vorsichtig und zum ersten Mal in der Tradition. Das Bewusstsein weitet sich. Man muss sich in der Selbsthilfegruppe mit Leuten außerhalb der eigenen Großfamilie, außerhalb des eigenen Clans auseinandersetzen und arrangieren; und zwar auf sachlichem Felde, also überpersönlich. Die dynamische Kraft einer tätigen Gruppe kann erlebt werden. Man geht aber auch durch die Engpässe der Sozialität hoffentlich gestärkt. Vom »weißen Mann« unkritisch Übernommenes kann fragwürdig werden; komme es von Missionaren, Chemievertretern, dem englischen Schulsystem oder der Fernsehwerbung.
Auf jeden Fall kann eine Aufbruchstimmung erlebt werden, ein mentaler Entwicklungsschritt. Das empowerment der Frauen wird in deren Wechselgesängen verarbeitet und äußert sich gerne spontan in rythmischen Tänzen und freudigen Trillern.
Simbabwe galt in der Zeit, als es die Unabhängigkeit erlangte, als Beispiel für einen gelungenen Übergang und für die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Schwarz und Weiß. Worin sehen Sie die Gründe für den plötzlichen Ausbruch von Gewalt und Terror?
Walter Burkart: Zunächst geht es um Landreform: Afrikanische Siedler wollen die Ländereien von englischen Großgrundbesitzern unter sich aufteilen. Was macht sich da Luft? Der »weiße Mann«, der schon in den Mythen mit den größten Hoffnungen erwartet worden war, hat durch seinen egoistischen Materialismus den Afrikaner abgrundtief enttäuscht. Sein (Un-)Geist wirkt auch nach der politischen Unabhängigkeit weiter in Rationalismus, Schulwesen, Verwaltung und Konkurrenzwirtschaft. So staut sich latent ein verzweifelter Hass in der afrikanischen Seele an, weil ihr bei der Suche nach einer achtbaren Alternative die Zusammenarbeit versagt wird. Wenn sich solcher Hass entlädt, hat er oft kein bewusstes Ziel und wird leicht vor einen machtpolitischen oder wirtschaftlichen Karren gespannt.
In vielen Gebieten Afrikas toben Stammeskriege, werden Hunderttausende vertrieben. Gleichzeitig verschlimmern sich die Armut und Ernährungslage. Was können die reichen Länder tun, um positiv einzuwirken?
Walter Burkart: Ich kann hier aus Platzgründen leider nicht differenzieren; Afrika ist dreimal so groß wie Europa, hat 45 verschiedene Staaten und ungezählte Ethnien. Der Teufelskreis der Armut kann z.B. gebrochen werden durch gerechten Handel und Schuldenerlass. Die innerstaatlichen Rahmenbedingungen z.B. für Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Freiheit und Mitwirkung an der politischen Willensbildung müssen gefördert werden, ebenso die aufkeimende Zivilgesellschaft. Die seelischen Herausforderungen an den modernen Afrikaner sind gewaltig: Seine religiösen Quellen sind zerstört. Auch die Natur spricht zu ihm dem traditionellen Bauern nicht mehr; er hat die instinktive Beziehung zur Natur verloren. Dazu kommt, dass die Sozialverbände zerbrechen. Der dreifach Entwurzelte und Alleingelassene findet sich im Nichts der städtischen Slums wieder; Müllhaufen-Stimmung.
Manche Afrikaner sind uns weit voraus. Denn die materielle Not und die schweren Lebensumstände haben vor allem bei den Frauen starke seelische Fähigkeiten entwickeln helfen wie Geduld, Leidensfähigkeit, Dankbarkeit und Mitmenschlichkeit. Positiv einwirken können die reichen Länder nur durch ihre eigene Bewusstseinsänderung. Albert Schweitzer warb für gegenseitige Achtung und einen »ethischen Geist«, der Verständigung bewirken kann. Mit moderner Geisteswissenschaft lässt sich z.B. an den verglimmenden Bilderreichtum der afrikanischen Mythen anknüpfen. Rudolf Steiner spricht den Afrikanern für die Zukunft hohe Kulturleistungen in Medizin, Pädagogik und Priestertum zu, wenn die richtigen Begegnungen stattfinden. Die Erde will ein Ganzes werden!