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Dogon: Figur


Johannes Brakel


Quellen des Lebendigen in Äthiopien


Im Hochland von Abessinien im Nordosten Afrikas liefern sich Äthiopien und Eritrea Kämpfe, die Militärhistoriker an die Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkriegs erinnern. Wöchentlich sollen tausende von Soldaten fallen. Jenseits dieser Katastrophen kann der Besucher in Äthiopien Inseln des Lebens inmitten der grassierenden Verwüstung entdecken.

Stimmung des Urchristentums
Äthiopien ragt heraus aus den Ländern des afrikanischen Kontinents. Äthiopien befreite sich nicht nur als einziges Land aus eigener Kraft von seiner Kolonialmacht, sodass es der mindestens hundertjährigen Fremdbestimmung aller anderen Länder Afrikas entging. Es ist auch, was das Geistesleben betrifft, einen eigenen Weg gegangen: In Äthiopien, als dem einzigen afrikanischen Land, wurde das Christentum Staatsreligion und dies bereits zu Beginn des 4. Jahrhunderts, also früher als in einem Lande Europas!

Seither hat sich dieses kaum verändert bis in unsere Zeit erhalten, als eine Art »Urchristentum«, das sich unabhängig und unbesiegt von den Veränderungen der übrigen Welt in der Zurückgezogenheit eines unzugänglichen, völlig abgelegenen Berglandes erhalten hat.

Die Stimmung dieses »Urchristentums« kann heute noch jeder bemerken, der in einem der zahlreichen Klöster im christlichen Norden Äthiopiens die Mönche und Priester, stehend oder auf einer Steinschwelle sitzend, die Psalmen Davids lesen sieht, oder der die Innigkeit in einem gewöhnlichen Gottesdienst, der oft von Samstagnacht bis Sonntagmittag dauert, miterlebt.

So hat das Christentum viele Seelen vor dem Ansturm des Islam und später vor der Verödung durch den Materialismus bewahrt. Es hat aber, wie so oft, in seiner Weltabgewandtheit auch nichts gegen den Hunger und die Verwüstung des Landes getan. Aber es hat – und das gibt es sonst nur im Buddhismus – Inseln des Lebens inmitten der grassierenden Verwüstung geschaffen:

Vor der ökologischen Katastrophe
Das einstmals bewaldete Hochland in der Provinz Tigray ist abgeholzt und durch Überweidung kahl gefressen worden, sodass es heute eine gelbbraune, staubige Halbwüste ist, in der mit viel Mühe und mit Hilfe von ochsengezogenen Holzpflügen ein wenig Weizen angebaut wird, der nicht ausreicht, um die Bevölkerung zu ernähren. Unmengen magerer Ziegen und Esel fressen jedes aufkeimende Hälmchen. Kinder und Frauen laufen täglich viele Stunden, um irgendwo im Gebirge ein paar trockene Zweige aufzulesen oder Wurzeln als Feuerholz auszugraben. Berichte der Vereinten Nationen sprachen 1999 von einer Hungerkatastrophe, die lokalen Zuständigen dagegen von »normaler Dürre«.1 (Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe!) Leider trifft es zu, dass der Hunger dort normal geworden ist. Aber spätestens in fünf Jahren werden die großen Hilfsorganisationen zu riesigen Katastrophenhilfen aufrufen.2

Eine gigantische Katastrophe steht hier bevor, Verwüstungen soweit das Auge reicht, und keine Hoffnung, dass die vielen Millionen Baumsämlinge, die die Statistiken der Hilfsorganisationen jährlich verzeichnen, an irgendeiner Stelle den Ziegen entgehen könnten – keine Hoffnung!

Es tut weh, mit den freundlichen, stolzen und aufrechten Menschen dieses Landes zu sprechen, ihre Zähigkeit und Ausdauer zu bewundern, ihre Hoffnung auf göttliche Hilfe und gleichzeitig die von ihnen angerichtete, für sie unsichtbare ökologische Katastrophe heraufziehen zu sehen.

Kirchen als Inseln in der Wüste
Einziger Trost in dieser hoffnungslosen Öde ist ein Besuch der Kirchen. Weniger der Felsenkirchen in Lalibela mit ihrer weltweit einmaligen Architektur – sie sind nicht von unten nach oben aufgebaut, sondern von oben nach unten in massiven vulkanischen Felsen hineingeschlagen – und ihrer einmaligen Entstehungsgeschichte: Ihr Entwurf entstand durch Intuition während des 3-Tage-Todes ihres Gründers3 in der spirituell offenen Zeit am Ende des 12. Jahrhunderts4 – all dies wäre einen eigenen, ausführlichen Bericht wert. Sondern es ist der Besuch vor allem der vielen, oft schlichten Felsen- und Lehmkirchen mit ihrem »Drumherum«. Denn diese kleinen Kirchen liegen oft nicht im Zentrum einer Stadt oder eines Dorfes, sondern scheinbar irgendwo in der weitläufigen, heute so öden Landschaft. Meist erweist sich dieses »Irgendwo« aber als verborgene Quelle, und ganz offensichtlich wurden deshalb hier diese Heiligtümer errichtet – christliche Quellheiligtümer!

Und diese Quellen, verbunden mit dem Schutz, den der heilige Ort vonseiten der Kirche, und damit von allen respektiert, erfährt, ließen hier Bäume und Sträucher, Kräuter und Gras ungestört und unzerstört gedeihen: arkadische Haine oder kleine Waldgebüsche inmitten der Öde, Quellen des ätherisch Lebendigen, in denen die beseelte Welt, Vögel, Schmetterlinge und Meerkatzen, ihre letzte Zuflucht genommen haben – und das Ganze durchwoben von der andächtigen Stille vieler Jahrhunderte christlicher Verehrung!

Es gibt ein Kleinod, das die ganze Größe dieses ätherisch-christlichen Kulturstromes in einem kleinen Bilde zusammenfasst. Es findet sich heute noch in fast jeder der schlichten Silberwerkstätten Tigrays, seit Jahrhunderten vielfach repliziert, heute oft grob und kunstlos, aber dafür von vielen Frauen am Hals oder über dem Herzen getragen und als Grundmotiv noch deutlich erkennbar:

Die Grundform bildet das Kreuz. Aus seiner strengen Todesform ist es aber herausgelöst worden in ein flechtbandartiges, verwobenes Strömen. Am Rande dieser Ströme haben sich vier kleine Vögel niedergelassen, wie von außen herangeflogen und nun Teil des Ganzen geworden.

Frank Hörtreiter hat einmal ausgeführt, dass der Gral – obschon im Ätherischen – im Physischen nach Äthiopien gebracht worden sei.5 Noch kann man seine Auswirkungen sehen. ln wenigen Jahren wird der Strom versiegt sein!

Ostersonntagsmorgen. Aus dem Wasserhahn zischt nur etwas feuchte Luft. Irgendjemand muss wieder an der Hauptwasserleitung gedreht haben, sodass der Wassertank trockengefallen ist. Ohne Wasser kein Waschen, kein Rasieren, kein Kaffee. Unmut steigt auf. Unrasiert trete ich vor die Tür. Jetzt hat auch noch der Fahrer etwas falsch verstanden und ist ohne mich losgefahren; der Tagesplan fällt in sich zusammen. Und schon steigt der alte Ärger über die andauernde Misswirtschaft wieder auf, über Chaos und Missverständnisse, die einen zu nichts kommen lassen.

Osterstimmung entsteht dabei nicht. Verärgert werfe ich mir den Rucksack mit der leeren Wasserflasche auf den Rücken. Vor dem Tor warten wie immer einige Kinder und begleiten mich. Wir ziehen schweigend über die ausgedörrte Schwemmebene. Der Wind von den Bergen wirbelt Sand zu Windhosen auf und raschelt in den trockenen Stechmohnpflanzen. Kein Baum, kein Strauch ringsum.

Endlich erreichen wir den Fuß des Steilabfalls und klettern zunächst durch das steinige verödete Wadi. Dann geht es über die gelben und ockerfarbigen Sandsteinfelsen, deren Rinnen und Kanten unter dem Fuß wegbröckeln. Vereinzelt stehen kniehohe, verkrüppelte und verbissene Sträucher mit lederharten Blättern. Lange rotbraune und schwarze Bänder ziehen sich über den Sandstein: von der Sonne herausgebrannte Eisenkrusten, wie Peitschenhiebe im Fleisch des Gebirges, hart verschorft die Wunden –Karfreitagswunden. Axt und Säge haben die Wälder abgeholzt und dem Berg die schützende Haut heruntergerissen. Sie bluten nicht mehr, die Wunden, aber sie heilen auch nicht: Ziegen, Schafe, selbst Kühe verbeißen jeden Busch und jeden Grashalm. Da kommt kein Wald je wieder hoch. Und ungehindert brennt die Sonne hinein.

Endlich erreichen wir verschwitzt und ausgedörrt unser Ziel: ein einfaches Kirchlein auf halber Höhe der steilen Felswand auf ein schmales Felsband gesetzt. Leise ertönt das Klimpern und Klingeln der zahlreichen Blechglöckchen auf dem Dach, in das sich leises Wispern und Pfeifen mischt. Denn hinter dem Kirchlein erstreckt sich ein kleiner Wald, ein durch das Heiligtum geschützter Hain. Tiefer Friede umgibt den geweihten Ort. Vögel huschen durch das Blättergewirr.

Nach einer Weile ziehen mich die Kinder in das kühle, frische Innere des Wäldchens. Hier schaffen die aufragenden Stämme einen hohen Dom, von frischem, durchlichtetem Laub romanisch überwölbt, aber mit etlichen Öffnungen, durch die das Himmelsblau hereinscheint. Ein leiser, jasminartiger Duft weht hindurch. Und da regt sich auch die Quelle dieses fülligen Lebens: ein klares Rinnsal, das leise aus dem Felsen herausplätschert. Wir lassen uns etwas abseits nieder, und nach einer Weile staunenden Schweigens regt es sich im Geäst erneut: Zuerst kommen die Bülbüls, mit schwarzer Kappe und gelbem Bauch vielstimmig und melodisch singend: die »persischen Nachtigallen«, dann plumpsen die ungeschickten Mausvögel herunter, langschwänzig und staubgrau; ein Rotkehlsänger hüpft keck heran, gelbäugige Glanzstare glucksen, die weißschwänzigen Meerkatzen lugen von ferne durch das Geäst, dann turnt ein Trupp Weißkopf-Babbler heran, lärmend und schimpfend und verscheucht alle anderen Vögel von dem perlenden Wasser. Die Luft ist erfüllt von Tschurren und Zwitschern, von Tscheckern und Pfeifen.

Da ertönt plötzlich ein seltsam bekanntes glucksendes Schwätzen, und auf einem Ast vor mir sitzt ein aufrechtes kleines Kerlchen: glänzend grasgrün mit einem rosa Schnabel, einer orange-goldenen Stirne und einem wie von Goldstaub überhauchten grünen Kopf. Er schwirrt auf den nächsten Baum zu, hängt sich kopfüber an dessen klaffenden Stamm, schaut mich lange aufmerksam an und verschwindet schließlich in einer Spalte. Nach einer Weile lugt das Rosenköpfchen wieder hervor, und ein zweiter grüner Kobold folgt ihm. Nun turnen und schwirren die beiden durch die Zweige, zwitschern und glucksen, der eine füttert den anderen, beide verschwinden in der Nisthöhle, tauchen wieder auf, schwätzen und schwirren zwischen den anderen Vögeln hindurch und wirken so, munter plaudernd, grün-goldene Bänder in den Dom über dem leise plätschernden Wasser.7 Der heilige Hain erscheint wie zum Feiertage geschmückt – mit farbigen Osterbändern, lebendigem Osterwasser, das ich dankbar in mich aufnehme.


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