Am Abend des 17. Juni 1999 verbreiteten die Nachrichtenagenturen APA und ANSA folgende Kurzmeldung: »Menschlicher Embryo geklont. US-Forscher des Advanced Cell Technology Instituts in Massachusetts haben im November erstmals einen menschlichen Embryo geklont. Nach 12 Tagen wurde er verbrannt. Grundstock war das Hautstück eines Mannes. Einer Zelle daraus entnahmen die Forscher den Kern mit der DNA-Erbinformation und pflanzten ihn in die Proteinhülle der Eizelle einer Kuh. Das überlebensfähige Ei wurde in einer chemischen Lösung zur Zellteilung angeregt. Diese Zellen wuchsen zu einem menschlichen Embryo heran. Nach diesem Versuch wurden weitere Klone gezüchtet, die ebenfalls verbrannt wurden.«
Bereits nach wenigen Tagen war diese Nachricht wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Öffentlichkeit hatte sich angesichts der geschickt geführten, häppchenweise über Monate hingestreckten Vordiskussion schnell an die Gegenwart des Themas gewöhnt ohne es richtig an sich heranlassen zu müssen. Denn Versuche vertiefter Stellungnahmen fehlten auffällig, auch noch Monate nach dem 17. Juni.
Die Denker der Technik waren über das Tempo und die Dimension der hereinbrechenden Ereignisse schockiert, sie ahnten etwas Gewaltiges und warteten ab, um besser zu sehen. Der Denker Peter Sloterdijk war eine Ausnahme, und er wählte die altbewährte Flucht nach vorne: in die bewusste Umarmung der Firmenwissenschaftler, in die Umklammerung des Stattfindenden, in die Überwindung des Humanismus, in die endgültige geistige Vervollkommnung des Menschen durch die Umgestaltung seiner Physis. Er prägte die Idee vom Mitredenwollen. Die meisten Menschen aber sahen, wenn sie sie nicht mit dem Hinweis auf Fortschritt verdrängten, erlebend über die Nachricht hinweg, instinktiv, ernst, sie im Überbewussten ruhen lassend, in der Hoffnung, zu verarbeiten. Schließlich verschwand die Nachricht wieder, leicht nachzitternd, im Grund, aus dem sie gekommen war. Eine gewisse Ruhe trat ein, die bis heute anhält.
Woher kam diese Nachricht, die nun samt ihrem Inhalt wieder verschwunden zu sein scheint und an die wir uns kaum noch erinnern ebensowenig wie wir uns an den Augenblick zu erinnern scheinen, als sie bestimmte Gefühle in uns prägte und einen inneren Eindruck auf uns machte?
Erste vage Meldungen über die »Absicht«, menschliche Zellen zu klonen, waren schon im Dezember 1998 verbreitet worden also mehr als einen Monat nach den bereits durchgeführten Versuchen. Damals handelte es sich ausdrücklich um »Möglichkeitserklärungen«, obwohl die Fakten hinter dem Vorhang bereits geschaffen waren. Heute ist das Klonen des ersten Menschen bereits eine eineinhalb Jahre alte Realität, deren Dimension und Folgen noch immer nur wenigen wirklich bewusst sind. In unserem träumenden seelischen Bewusstsein stehen wir, wenn wir uns ihm erlebend gegenüberstellen, noch vor diesem Ereignis , während es die Technik scheinbar von sich aus, wie schlafwandlerisch auf einer tieferen Ebene, längst vollzogen hat. Das Urteil, die Stellungnahme, die geistige Freiheit vor diesem Ereignis fällt noch immer schwer. Leichter scheint es zunächst, nicht des Ereignisses selbst, sondern seiner Ankündigung am 17. Juni 1999 zu gedenken, weil mit der Art seiner Erscheinung als Wirklichkeit das Wesen dieses Ereignisses selbst untrennbar verbunden zu sein scheint.
Abgesehen von der Sprache der Nachricht, die auf die wahre Dimension des Geschehenen hinweist und darin deutlicher nicht sein könnte (von »Versuch« ist die Rede, von »gezüchtet«), lässt das Rätsel nicht ruhen: Warum wurde der Vollzug dieses Ereignisses erst sieben Monate später mitgeteilt? War denn die immanente Strategie dieser Nachricht das Verbreiten von Resignation? Bei vielen Menschen entstand jedenfalls durch die Nachzeitigkeit die unbewusste Stimmung: »Es ist ohnehin immer alles zu spät, wenn es um die wichtigen Dinge geht.« Vielleicht mag mancher diese Nachzeitigkeit als didaktischen Kunstgriff »im Dienst der Menschheit« sorgfältig geplant haben, um sie in ihrer Unreife vor allzu großen emotionalen Ausbrüchen zu schützen. Die Logik war offenbar: Wir tun es, und dann stellen wir das Verstehen- und Teilhabenwollen der »Massen« vor die Mauer eines künstlichen Rätsels, um keine Unruhe zu erzeugen. Das Unternehmen, das die Nachricht nach dieser Logik verbreitete, wusste aber anscheinend nicht, dass es mit solchem Vorgehen eine Kulturstimmung förderte, welche heute nicht mehr schützend und beruhigend wirkt, sondern im Gegenteil den aktiven Gegenkräften des Fortschritts und der Individualisierung zuträglich ist.
Das ist nicht die einzige Frage, die sich im Abstand eines Jahres noch immer gleich wie damals stellt. Die Meldung warf auch eine Reihe von anderen, noch tiefergehenden Fragen auf, denen wir innerlich noch immer nicht gewachsen scheinen (wie wären wir es erst dem Ereignis selbst gegenüber!), die sich aber mit unwiderstehlicher Kraft nach oben zu drängen beginnen. Sagte die Meldung nicht, nach zwölf Tagen wurden alle geklonten Embryos verbrannt? Warum gerade nach zwölf Tagen? Und: Wurden sie wirklich alle verbrannt? Man kann in Kenntnis des berechnenden Denkens, das hier im Spiel gewesen zu sein scheint, große Zweifel daran haben (und nicht nur deshalb, weil die Firma allein sieben Monate gebraucht hat, um das Experiment überhaupt bekanntzugeben). Wurde ein geklonter Fötus am Leben gelassen, um seine Entwicklung zu verfolgen?
Weitere Fragen glimmen gleichsam träumend fort. Sie sind vielleicht aus der Sicht der sachlich gestaltenden Rationalität nicht in diesen Fall einzubeziehen, und es gibt sicher eine ganze Reihe objektiver Gründe, die zu ihrer Beantwortung herangezogen werden können. Aber das Unbewusste beschäftigt sich mit ihnen in der staunenden Ahnung eines Zweifels, aus welchen Gründen auch immer. Warum nahm man gerade Kuhzellen? Die Kuh ist ein Tier mit zwei Hörnern. Was hat dieses Tier mit dem Menschen zu tun, abgesehen von den im engeren Sinne funktionalen Erwägungen des Experimenthorizontes? Welches Wesen wächst heran, wenn man eine menschliche Erbinformation in die Proteinzelle einer Kuh verpflanzt? Oder anders in der Sprache des abendländischen Humanismus gefragt: Wer oder was inkarniert sich darin? Ein Mensch oder ein Tier? Ein Hybridwesen aus beidem? Und ist das entstehende Wesen dann eher ein Mensch oder ein Tier? Wem gehört es? Wer waren die Wissenschaftler, die trotz des Unbehagens weiter Teile der Öffentlichkeit das »Experiment« durchführten? Was ist ihre Geisteshaltung, ihr Selbstverständnis und ihre Mission? Und was hat dieses Ereignis und die Art seiner Ankündigung mit der Kulturmission der Gegenwart zu tun?
Die Antwort auf diese Fragen ist schwer, zum Teil widersprüchlich und mit vielen Gefahren verbunden. Aber es gibt Ansätze, die die Blickrichtung weisen. Rudolf Steiner hat am Anfang dieses Jahrhunderts über eine bevorstehende Zeit geschrieben, die in ihrer Größe und in ihrer Tragik dadurch gekennzeichnet ist, dass jeder Einzelne immer mehr Macht bekommen wird über alle: »Der Einzelne wird mehr und mehr Macht bekommen über bestimmte Menschenmassen. Denn der Gang der Entwickelung ist nicht der, dass wir demokratischer werden, sondern dass wir brutal aristokratisch werden, indem der Einzelne immer mehr Macht gewinnen wird. Wenn da nicht die Veredlung der Sitten stattfindet, so muss das zu den brutalsten Dingen führen« (GA 93, 23.12.1904).
An einer anderen, berühmten Stelle nimmt Steiner die Gentechnologie des Jahrhundertendes vorweg und kommentiert sie wie folgt: »Sie wissen, dass die Zeit kommen wird, wo der Mensch die Pflanzenheit so in die eigene Natur aufnehmen wird, wie er heute das Mineralreich aufgenommen hat. Und wie er aus Mineralien Häuser aufbaut, wie er die Kräfte des Mineralreiches heute benutzt, so wird er einstmals aus den ihm dann wohlbekannten Kräften des Pflanzenreiches, ohne zum Samen zu greifen, ohne die Naturkräfte in ihrer unbegriffenen Weise zu Hilfe rufen zu müssen, das Pflanzengebilde und Höheres noch im Laboratorium erzeugen. [ ] Es gibt einen okkulten Satz, der lautet: Erst dann werden die Menschen auf dem Experimentiertisch lebende Wesen erzeugen, wie sie heute mineralische Produkte herstellen, wenn der Laboratoriumstisch zum Altar und die chemische Verrichtung zu einer sakramentalen Handlung geworden ist. [ ] Erst wenn man begreifen wird, was es heißt, dass der Mensch als ganze Wesenheit mit seinem ganzen Innern wirkt in dem, was er erzeugt, erst dann wird die Welt reif sein, das Lebendige, das Pflanzliche, Tierische und Menschliche, in freier Tätigkeit zu erzeugen. Dann wird der Mensch aufgestiegen sein in das Pflanzenreich, wenn er das Pflanzliche ebensogut durchschauen wird, wie er heute das Mineralische durchschaut. Zum Tierreich wird er aufgestiegen sein dann, wenn er die Empfindung so durchschaut, dass er ebenso ein empfindendes Wesen machen kann durch seine eigene Geisteskraft, wie er heute einen Gegenstand herstellt. Und zum Menschenreich wird er aufgestiegen sein, wenn er den Menschen in freier Tätigkeit neu gestalten kann« (GA 104, 10. Vortrag, 27.6.1908).
Wenn man diese beiden Aussagen Steiners zusammennimmt, erlangt man eine ausgewogene Anschauung dessen, was heute stattfindet. Die nüchterne Meldung vom 17. Juni 1999 bezeichnet im Sinn dieser Worte ein weltgeschichtliches Ereignis ersten Ranges, das in der Tiefe seiner Ambivalenz einen Abgrund darstellt. Erstmals und unwiderruflich wurde die Grenze des technologischen Zugriffs auf den Menschen selbst überschritten. Alle anderen Ereignisse der Jahre meiner Generation verblassen dagegen, es war wie eine kurze Blendung durch die Wahrheit, auch wenn diese Blendung und dieses Gleißen in seiner Unfassbarkeit schnell wieder im Medienrummel untergegangen sind.
Kam die Nachricht überraschend? Es war vorauszusehen, dass die Wissenschaft es schaffen würde. Der Mensch ist fähig, in die Evolution und damit im höchsten Sinne in seine eigene Entwicklung einzugreifen. Das ist auch seine letzte Aufgabe und seine Mission. Der Mensch muss helfen, dass sich alle Dinge, Tiere und Pflanzen und schließlich er selbst besser inkarnieren und ihrem höheren Sinn nach entwickeln. Tut er es aber nun, ohne dass er selbst noch ganz um die Aufgabe weiß? Und verändert er also die Welt und sich selbst ohne Bewusstsein von ihrem und seinem eigenen Wesen? Das Lebendige wird nach den Worten Steiners heute offensichtlich nicht »in freier Tätigkeit«, sondern in unfreier Tätigkeit erzeugt. Aber was bedeutet das? Wer ist unfrei? Wer wird wovon beherrscht?
Diese Fragen sind für das produktive Zwielicht, das unsere Generation unwiderruflich bewohnt, nicht eindeutig zu beantworten. Es dämmern aber Folgerungen, und zwar auf der Seins-Ebene selbst.
Dass der erste Mensch im Jahr 1998 geklont wurde, scheint zunächst erneut zu zeigen, dass Steiners Hinweise genau zu nehmen sind, immer präziser und wörtlicher gerade und wachsend in der Zeit der Scheidung der Geister. Das ist die konservative Seite der sich abzeichnenden Folgerungen.
Zweitens zeigt dieses Ereignis, dass es nicht darum gehen kann, das Zwielichtige zu bekämpfen, sondern das Richtige zu stärken. Es geht nun mehr denn je um die zeitgemäße Weiterentwicklung und Verbreitung eines geistgemäßen Menschenbildes. Nur damit kann der um sich greifenden Passivität und Resignation entgegengewirkt werden. Das Ziel kann es in diesem Zusammenhang nicht sein, die Gentechnologie abzuschaffen. Niemand kann heute grundsätzlich gegen diese Technologie sein, denn sie ist ihrem Wesen nach nicht nur eine noch nie dagewesene Bedrohung, sondern in noch höherem Sinn ein noch nie dagewesener Ausdruck des Menschlichen, das die Materie mit Geist durchdringt und seine Mission sogar so weit erfüllt, dass es zum Punkt kommt, wo es sich auf sich selbst zurückwenden kann. Aber ohne Bewusstsein gehandhabt und zum rein funktionalen Instrument herabgestuft, erwirkt die Gentechnologie eine Rückwirkung auf den Menschen, die eine Gefährdung des Menschlichen an sich mit sich bringt. Daher scheint es gegenwärtig darum zu gehen, diese Technologie zu bremsen, in eine gewisse »zärtliche Langsamkeit« (Nietzsche) und Bedächtigkeit zu bringen, damit das Bewusstsein nachziehen und die Genforschung tatsächlich zu jenem hohen gestalterischen Instrument des Menschen machen kann, das es urbildlich sein will und sein soll. Das sind die liberalen Seiten der sich abzeichnenden Folgerungen.
Anthroposoph zu sein, erlangt in dieser Situation einen grundlegenden, noch tiefer allgegenwärtigen Daseinsernst. Die Menschheit überschreitet mit der Gentechnologie und ihrer Anwendung auf sich selbst unbewusst die Grenze zur völligen Entfaltung ihrer Freiheits- und Verantwortungsbestimmung für den Kosmos das heißt zu einer Seins-Ebene, die einen in höchstem Maße zwielichtigen, erhabenen und potenten geistigen Raum eröffnet, in dem höchste geistige Fähigkeiten erfordert werden. Indem die Menschen sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mit den aus den neuen Technologien radikal erwachsenden Anforderungen auf immer mehr praktischen Feldern auseinanderzusetzen zu haben, werden sie dazu veranlasst sein, sich auf eine ungleich höhere geistige Ebene als die jetzige zu begeben, nämlich auf die Höhe einer Bewusstseinsseele, die sich mit dem Geistselbst zu durchdringen beginnt. Die Gentechnologie mit ihren jetzigen Möglichkeiten ist eigentlich für den Menschen auf der Stufe des Geistselbst gemacht. Nur dieses kann das Geschehende überhaupt erfassen. Es scheint geradezu so, als hätte sich die heutige Generation auch deshalb jetzt inkarniert, um das physisch bevorstehende und geistig bereits stattfindende epochale Ereignis der Selbstumgestaltung des Menschen mit Bewusstsein zu begleiten und es verarbeitend ins Menschliche zu wenden. Sind wir dazu in der Lage, wie es möglicherweise unser eigentlicher Auftrag ist?
Das Geistselbst will dem Alltagsbewusstsein lehren, dass der Mensch als geistiges Wesen unantastbar ist, und dass die Technologie nur eine Hilfe für die innersten, höchsten Ziele des Menschen sein kann. Die Anthroposophie wird in dieser Situation der sich steigernden Auseinandersetzung zwischen Geistselbst und Alltagsbewusstsein immer unverzichtbarer werden, denn man wird erkennen, dass ohne sie in dem sich neu eröffnenden Raum mit seinen wirksamen real-geistigen Kräften nur wenig zu erkennen, zu unterscheiden und auszurichten ist.
Die Nachricht vom 17. Juni 1999 ist für uns Anthroposophen ähnlich wie für alle anderen Menschen heute noch ein Fragezeichen, nicht mehr. Aber sie kann wie der eigene Tod der Anlass für eine Explosion des Bewusstseins werden. Eine »Rückkehr zur Normalität« ist nicht angebracht.