Thema




Giovanni Segantini (1858-1899): Vergehen


Johannes W. Schneider

Von der Würde des Alters


Die Kunst, alt zu werden, wird erst nach der Lebensmitte gelernt. Idealerweise wird der Mensch im Alter immer mehr sich selbst ähnlich. Diese Authentizität strahlt als Weisheit aus.

Der Sinn der geheimnisvollen Hierarchie der Geistesmacht
»Wäre der alternde Mensch lediglich dieses langsam absteigende Wesen, als das ihn manche biologische Betrachtungen und viele politische Äußerungen ausgeben, so wäre die Rolle des Alten im Sozialleben der Gegenwart gewiss nicht so problematisch geworden. […] Die Eigenart des menschlichen Alterns findet im biologischen Wissen unserer Zeit noch keine Erklärung. […] Der Blick auf den Reichtum der späten menschlichen Lebensphasen, auf die großen Unterschiede der Lebensmacht, die gerade in dieser Zeit sichtbar werden, zwingt uns, die beschränkte Geltung der bloß aus dem Mengenmäßigen genommenen Normen einzusehen und unseren Sinn der geheimnisvollen Hierarchie der Geistesmacht zu öffnen.« So schrieb Adolf Portmann in seinen Biologischen Fragmenten zu einer Lehre vom Menschen, einem Buch, das das Denken der Humanwissenschaften in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stark beeinflusst hat. (1 – Die Anmerkungen finden Sie in der Print-Ausgabe)

Die Lebensmitte als Wegscheide
Seitdem sind wir dem Verständnis dieser »geheimnisvollen Geistesmacht« ein Stück näher gekommen, in der Biografie-Forschung und in der Sterbens-Forschung. Es ist immer deutlicher geworden, dass der Mensch nicht in erster Linie aus seiner Vergangenheit zu verstehen ist – als Produkt der Vererbung, der Umwelteinflüsse oder der erfolgreichen Verhaltensweisen. Der Jugendliche blickt, wenn er nach sich selbst fragt, nicht auf seine Kindheit zurück, sondern voraus auf sein Erwachsenenalter, in dem er derjenige wird, der er werden kann und will. Sein Lebenskonzept ist ihm realer als sein gegenwärtiger Zustand. Der Mensch, so zeigt die Biografie-Forschung, wirft das Bild seiner selbst in die Lebensmitte voraus und versucht dann, es einzuholen. Entwicklung muss nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch von der Zukunft her gedacht werden.

Die Wunschträume der Jugend zielen auf die Lebensmitte. Und wenn die erreicht ist? Dann fällt die Entscheidung, ob der Mensch seine errungene Stellung nur gegen Jüngere verteidigt oder ob er über sich hinauswächst. Die Kunst, alt zu werden, wird erst nach der Lebensmitte gelernt. Sie ist nicht eine mitgebrachte, eine dem Menschen eingeborene Fähigkeit, sondern sie wird im Leben und am Leben errungen. Das Kind, so sagen wir, sieht Mutter oder Vater ähnlich, also einem vorgegebenen Bild. Später, so könnte man fortsetzen, wird der Mensch sich selbst immer ähnlicher. Wir erkennen immer mehr sein Wesen unmittelbar, nicht nur an den Handlungen.

Liebe inkarniert – Dankbarkeit exkarniert
Kind können wir nur unter Erwachsenen sein. Denn im Blick auf die Menschen, die schon im Leben stehen, lernen wir die Fähigkeiten, die uns zum Menschen machen, angefangen von der Aufrichtung bis hin zum Umgang mit der irdischen Welt. Die Aufschau des Kindes zum Erwachsenen will beantwortet werden durch die Liebe zum Kind. Denn Liebe inkarniert. – Alt können wir nur unter Jüngeren werden. Denn die Jüngeren fragen nach dem, was wir aus dem Leben gemacht haben. Wenn Erfahrung freilassend zur Verfügung gestellt wird, wirkt sie nicht einengend, sondern gibt Orientierung – und wird gerne angenommen. So erfährt der alte Mensch durch jüngere, dass sein Leben einen Sinn gehabt hat. Dankbarkeit exkarniert.

In der Lebensmitte und weit über sie hinaus gründet sich das Selbstverständnis des Menschen normalerweise auf die gegenwärtige Leistung. Und wenn das Berufsleben zu Ende ist und der Mensch sich auch nicht mehr als Handwerker oder als Kassenwart seines Vereins nützlich machen kann? Dann droht die Gefahr, sich auf die frühere Leistung zu berufen, und das hören Jüngere im Allgemeinen nicht gerne. »Wir sind es gewesen, die nach dem Krieg alles wieder aufgebaut haben. Dafür solltet ihr…« Was damals erlebt, erlitten und geleistet wurde, das gehört in die stille Erinnerung oder in das Gespräch unter Altersgenossen. Die Jüngeren haben zunächst eine andere Frage: Wer bist du geworden in diesem bewegten zwanzigsten Jahrhundert? Erst wenn Lebensreife sichtbar wird, taucht die Frage auf, wie sie erworben wurde. Dann aber taucht diese Frage auch auf, denn dann ragt Vergangenheit in die Gegenwart hinein, wird in ihr lebendig.

Neue Fähigkeiten im Alter ...
Was ist und wie entsteht Lebensreife? Der Weise weiß nicht nur vieles, sondern er ist an seinem Wissen gereift. Weisheit strahlt aus. Das spüren vielleicht am besten kleine Kinder, die einen wirklich alt gewordenen Menschen einfach anstaunen können. Und seine Worte einsaugen, auch wenn sie gar nichts aufregend Neues bringen. Feinfühlige Menschen im Erwachsenenalter spüren noch, dass man in Anwesenheit solcher alten Menschen nicht nur dahinplaudern und nicht bestimmte unschöne Worte gebrauchen kann. Nicht weil Urgroßvater dann den Zeigefinger erhebt, sondern weil solche Worte nicht in die Art passen, in der Urgroßvater zuhört.

Zum Beispiel der Wahrheitssinn
Wie verschieden hören einzelne Menschen! Dies erschließt sich z.B. einem Vortragenden. Wer seine Vorträge nicht abliest oder auswendig aufsagt, sondern aus der Begegnung mit dem hörenden Publikum formuliert, wird bemerken, dass in Berlin oder Stuttgart, in Ostfriesland oder in Franken das Hören eine recht verschiedene Qualität hat, und noch einmal ganz anders in der Schweiz oder in Schweden – und eine besondere Intensität in Japan oder in Korea. So hören auch die Menschen sehr verschieden in einzelnen Lebensaltern. Ich denke an eine besonders wache regelmäßige Zuhörerin meiner Vorträge bis etwa zu ihrem hundertsten Geburtag. Zum Abschied kam sie immer auf mich zu und sprach in einem halben Satz ihren Eindruck aus. Das war nicht ein Kommentar, sondern in den wenigen Worten leuchtete auf, was sie verinnerlicht hatte. Ganz persönlich und daher gültig. Menschen wie sie können uns lehren, das Hören des anderen zu erlauschen. Denn die knappen Worte wurden für mich immer mehr zu einer Bestätigung dessen, was ich schon während des Vortrags wahrgenommen hatte: Dass einzelne Sätze nicht nur mit dem Ohr, sondern mit der Seelentiefe gehört wurden, dass sie in dieser Frau still werden konnten. Mit der Seelentiefe gehört? Das ist noch nicht genau genug formuliert, denn diese Tiefe liegt nicht »unten«, vielleicht im Herzen, sondern hinter dem Rücken des Menschen. Tiefe ist das, aus dem der Mensch lebt. Tiefe ist nicht in mir, sondern hinter mir. Im Rücken ist der Mensch während des Lebens mit seinem Engel verbunden. Wenn ich aus der Stille hinter dem Rücken höre, nehme ich wahr, ob ein Gedanke im Einklang mit meinem Engel steht, ob er wahr ist.

Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich immer mehr die Fähigkeit ausgebildet wahrzunehmen, ob ein Mensch glaubt, was er sagt, ob er so ist, wie er sich gibt. Diese Fähigkeit erfasst, ob das Ich des Menschen in dem Wort, in dem Blick, in der Geste der Hand lebt. Ob der Mensch authentisch ist, ob er sich zeigt und nicht nur etwas sagt oder tut. Diese Fähigkeit kann man als Sinn für Echtheit bezeichnen. Heute gehen wir bereits einen Schritt weiter: Wahrzunehmen, ob ein Satz aus der Wahrheit gesprochen ist. Dieser neue Sinn für Wahrheit öffnet den Blick für den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos. Diesen Sinn haben die Meister der alten asiatischen Meditationswege wecken wollen, indem die Schüler an ihnen erkannten, dass sie in und aus der geistigen Welt lebten. Damit sahen die Schüler hinter dem Lehrer das Heiligste, was dieser vermitteln konnte, den Weg. Den Weg aus der großen Selbsttäuschung in die Wahrheit. Und etwas ähnliches habe ich in vielen Berichten von Menschen erfahren, die Rudolf Steiner gehört haben: Dass er aus der Wahrheit sprach, dass seine Worte tranparent waren für die geistige Welt. Der Weg oder die Wahrheit will allerdings nicht nur wahrgenommen, sondern individuell verinnerlicht werden, und das ist wenigen Menschen gelungen.

Der Tod begründet die Würde des Alters
Der Sinn für Echtheit hat sich, soweit ich sehe, zunächst vor allem bei jüngeren Menschen entwickelt, ist dann aber zum Gemeingut moderner Menschen geworden. Bei der Entwicklung des Sinnes für Wahrheit scheinen alte Menschen, vor allem in der zweiten Hälfte ihrer neunziger Lebensjahre, bahnbrechend zu sein, vereinzelt ist mir dieser Sinn auch bei jungen Menschen begegnet. Der Sinn für Wahrheit bildet sich, wenn die Erfahrungen des Lebens verinnerlicht, verwesentlicht werden. Das ist ein Vorgang, der sich vor allem nach dem Tode abspielt, wenn die Lebenserfahrungen, die über die irdische Existenz hinaus Bestand haben, dem Ich eingeschmolzen werden, wenn das, was ich habe, zu dem wird, was ich bin. Im höheren Alter kann das bereits beginnen. Menschen, die es wagen, zu ihrem Alter zu stehen, die alt sind, zaubern vor unsere Augen die ersten Farbtupfer dieser nachtodlichen Welt, von unser aller Zukunft.

Das Alter erhält seine Würde nicht aus der früheren Lebensleistung, sondern aus der Majestät des nahenden Todes. Das spüren kleine Kinder, wenn sie alte Menschen anstaunen, das erfasste der Naturforscher Adolf Portmann, wenn er von der »geheimnisvollen Hierarchie der Geistesmacht« im Alter sprach.

Und die Menschen, die im Alter erstarren? Die altersverwirrt werden? Sie zeigen, dass es eine hohe Kunst ist, das Mensch-Sein im Alter zu vollenden. Und vielleicht auch, dass wir dafür auf die Hilfe der anderen angewiesen sind, die das Alter zu schätzen wissen, weil sie es vom Tode her verstehen. Die den Alten nicht nur versorgen, sondern die seinen Beitrag für die Gesamtgesellschaft würdigen – und ihm danken.


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