Thema

 

Ernst Barlach: Wiedersehen


Dorothea Rapp

Der Berg des Alters
Zum Problem der Hilfestellung

In unserer Zeit der Individualisierung geht Hilfe weitgehend aus institutionalisierten Leistungen hervor. Die früher übliche gegenseitige Hilfe liegt nicht mehr im allgemeinen Lebensrhythmus. Kann jenseits von Kommerz, Konkurrenzkampf und Zeitnotstand die Qualität der Seelengüte neu gefunden werden?

Der heranrollende Berg
Das Alter ist wie ein Berg, der unaufhaltsam auf uns zurollt; so drückte sich Hermann Hesse einmal aus. Die Vorstellung, dass der natürliche Prozess des Altwerdens wie ein auf mich zurollender Berg erlebt werden kann, hat etwas Gewaltiges, Drohendes, Unausweichliches. Sie ist nicht angenehm; zumal sie auch das Naturbild umkehrt. Kein Berg rollt von Natur aus. Er steht. Viel angenehmer wäre die Aussicht, den Altersberg einfach vor mir stehen zu sehen, sodass es mir überlassen bliebe, wie ich ihn besteigen will oder nicht.

In dieser so klar erscheinenden Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Lebenseinstellung, die jeweils eine andere Lebensqualität aufruft, liegt nicht immer ein freier Gestaltungsspielraum. Das positive und mutige Darauf-zu-Gehen muss nicht unbedingt in eine freie Altersgestaltung übergehen. Auch dann kann das Alter beschwerlich und beängstigend wie ein unaufhaltsam heranrollender Berg werden.

Als ich jung war, freute ich mich auf mein Alter. Ich hatte die Vorstellung, dann zur Ruhe gekommen zu sein. Wirrnisse und Unsicherheiten der Jugend, ihre Orientierungslosigkeit und Ängste seien dann abgelegt; Hoffnungen und Lebenserwartungen erfüllt oder wenigstens geklärt und die pure Philosophie des Lebens könne einsehbar werden. Der Altersberg stellte für mich ein hehres Monument dar, das Weisheit und Würde verspricht; etwas, wovor man Achtung haben muss, weil auf seiner Höhe Menschlichkeit gereift sei.

Als ich dann aber »in die Jahre« kam, bemerkte ich, dass nun ganz andere und unerwartete Dinge in den Vordergrund rückten. Der geschwächte Körper mit seinen schmerzhaften Fehlleistungen zieht immer wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Die Anstrengung, sich dagegen wehren zu müssen, oder zu lernen, damit umzugehen, fordert viel Zeit und Kraft, die dann oft anderswo fehlen. Das Alter ist tatsächlich ein Berg, der – auch wenn der Mensch ihm mutig entgegengehen will – mit großer Konsequenz auf ihn zurollt; und dem er nicht ausweichen kann.

Dieser Berg stellt seine Bedingungen, die von Jahr zu Jahr immer höher und fordernder werden; bis eines Tages feststeht, der alte Mensch ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Diese notwendige Hilfeleistung stellt die menschliche Gesellschaft aber heute vor ein Problem. War es in früheren Zeiten selbstverständlich, dass einer dem anderen Hilfe gab, wenn es notwendig war – und jeder sich in dieser Selbstverständlichkeit aufgehoben fühlte, ohne zu fragen, was er dem andern dafür geben muss –, so geht heute »Hilfe« weitgehend aus Leistungen hervor, die außerhalb des allgemeinen Lebensrhythmus liegen. Sie bedürfen besonderer Aufmerksamkeit und müssen daher organisiert und damit auch bezahlt werden. Und an diesem Punkt beginnt das Problem sich auszuweiten.

Kampf ums Dasein – oder gegenseitige Hilfeleistung
Am Anfang des 20. Jahrhunderts verfasste der russische Fürst und Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin seine Schrift »Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung« (1904), in der er der Darwinschen Theorie vom »Kampf ums Dasein« Menschlichkeit entgegensetzte. Kropotkin entwickelte – im Angesicht einer neuen sozialen Kultur – die Idee von der gegenseitigen Hilfeleistung und stellte sie der Darwinschen Auslesetheorie gegenüber. Die treibenden Kräfte menschlicher Entwicklung – so Kropotkin – entstehen nicht allein aus dem Konkurrenzkampf, in dem der Stärkere sich durchsetzt. Sie bilden sich auch in dem untergründig tiefen Drang der Menschen, sich gegenseitig Hilfe leisten zu wollen. Beides liegt im menschlichen Wesen begründet – jedoch jeweils in einer anderen Wesensschicht. Der Kampf ums Dasein beherrscht naturhaft das menschliche Verhalten; jeder will sich durchsetzen, jeder will Sieger sein. Das liegt in der allgemeinen Triebnatur. Die Anlage zur gegenseitigen Hilfeleistung aber harrt wie hinter dünnen Schleiern verborgen auf einer höheren Ebene unserer Seele; dort, wo wir auch den Ursprung unserer Würde fühlen. Von dort her sendet dieser Seelenton immer wieder Signale, die uns erwürdigen wollen, eine neue Gemeinsamkeit unter den Menschen durch gegenseitige Hilfeleistung für die Zukunft vorzubilden.

Aber Hilfe zu leisten, oder Hilfe empfangen zu müssen, ist zunächst unbequem. Solche Aufforderungen werfen uns aus dem Habitus unserer Eigenheiten heraus. Denn das Bewusstsein von der unabhängigen »freien« Individualität, das wir uns gerade mit Mühe erworben haben, lässt sich so schnell nicht wieder aufgeben oder verändern. Die Burg des Individualismus bleibt vorerst Festung, in der es uns schwer fällt, sich wieder auf den anderen Menschen einzustellen. So hat das noch unwegsame Feld menschlicher Beziehungen und gegenseitiger Abhängigkeiten vorerst nur wenig Pfade eingerichtet, die wir gehen können.

Organisierte Hilfe und der Seelenraum der Güte
Aus dem Dilemma dieser Unfähigkeiten hat sich heute die menschliche Gesellschaft befreit, indem sie Hilfeleistung organisiert. Viele, auch unterschiedliche Hilfsdienste – Rotes Kreuz, Malteser Hilfsdienst, Samariterbund, Diakonisches Werk und andere mehr, so auch die Pflegeversicherung für das Alter –, sie alle verrichten heute aufgrund differenziertester Organisationen ihr Menschenwerk. Diese im Grunde segensreichen Einrichtungen stehen jedoch durch die Vermischung eines hohen menschlichen Geistesgutes mit rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen plötzlich vor der Tatsache, mit wenig Geld und im Konkurrenzkampf miteinander bestehen zu müssen. Hilfeleistungen werden vertraglich festgelegt, in Zeitpläne gezwängt und finanziell ausgelotet. Dieses finanzielle Rahmenprogramm bietet zudem dem gegenwärtig so verzerrt operierenden wirtschaftlichen Macht-System Einlass in ein Gebiet, das eigentlich von ganz anderen Qualitäten, wie z.B. der Seelengüte, geleitet werden sollte. Es drückt ein hohes geistiges Gut beiseite, das in der menschlichen Seele keimhaft veranlagt ist und das sich frei und getrennt von wirtschaftlichen und rechtlichen Zwängen zwischen den Menschen entwickeln sollte. So droht es zu verkümmern. »Hilfeleistung« – ursprünglich in der allgemeinen Menschlichkeit verankert – hat sich heute, gut organisiert, zu einem eigenen Berufszweig zusammengezogen. Dort droht diese Seelengüte verloren zu gehen, weil sie instrumentalisiert wird und als solche alle anderen Personen außerhalb dieser Sparte anscheinend entlastet. Diese anderen brauchen sich nun, so scheint es, nicht mehr um Hilfsbedürftige zu kümmern. Mit finanziellen Beiträgen lässt sich die menschliche Aufgabe monatlich lösen. Zudem vermischt sich jetzt die schöne Idee von der »gegenseitigen Hilfeleistung« mit der Darwinschen Theorie vom »Kampf ums Dasein«. Der Kampf ums Geld, um Gehalt, der Kampf um »Zeithaben« für den anderen, ebenso wie der Kampf mit der Konkurrenz, der heute schon untergründig ausgebrochen ist, raubt der Seelengebärde »helfen zu wollen« Würde und Menschlichkeit.

Ich besuche regelmäßig Altenheime, Seniorenstifte und Pflegestationen, wo ich befreundete Menschen treffe. Ich erlebe den Alltag dort, wo sehr wohl guter Wille herrscht, aber Zeitdruck und Geld die Oberaufsicht führen. Was einmal wie ein Aufwind durch die menschliche Landschaft stürmte, ein Aufruf der Menschlichkeit, als sich die menschliche Gesellschaft der Pflege des immer älter werdenden Mitbürgers bewusst wurde und Abhilfe schaffen wollte, hat sich mehr und mehr gelegt; ist flacher geworden, eingesperrt in Reglements wesensfremder Prozesse. Ich erlebe jedes Mal, wenn ich in den Altenheimen den dort organisierten Diensten begegne, wie eine erschreckende Not entstanden ist aus der unguten und unbedachten Vermischung von Hilfsdienst und Kampf ums Dasein. Sowohl der Hilfsdienst als auch der Hilfsbedürftige leiden daran. Wir können noch so hohe Ideale an diesen Dienst am alten Menschen heften, sowohl die bemessene Zeit als auch die dafür bereitstehenden Gelder verhindern, dass diese Ideale auf der angesprochenen Ebene verwirklicht werden können. Hilfsdienst und Kampf ums Dasein stehen sich vielmehr gegenseitig im Wege.

Dass Menschen nach finanziellem Auskommen fragen müssen, die zudem im Zeitnotstand Hilfsdienste zu leisten haben, ist ihrer unwürdig. Unwürdig ist auch, wie der alte Mensch oft behandelt wird. Ein Kasernenton hat sich in die Stuben der hilfsbedürftigen Alten eingeschlichen. Wie oft hörte ich schon dieses: »Schnell, schnell – ich habe keine Zeit, ich bin allein auf der Station.« Der alte Mensch zuckt zusammen, fällt noch tiefer in sein Unvermögen und möchte sich am liebsten auslöschen. Wie ein Strafgefangener nimmt er weitere Befehle auf; auch wenn diese manchmal lächelnd erteilt werden. Ich möchte dieses Beispiel nicht vertiefen. Es gibt ja auch das andere Muster, in dem der Hilfsbedürftige in die Unmündigkeit geschoben wird und wie ein Baby behandelt und angesprochen wird. Dieser »Da-da-Ton« ist ebenso entwürdigend wie der Kasernenton. Ich weiß natürlich auch, dass so mancher alte Mensch unbequem, starrsinnig und verquer ist und dass oft kein anderer als ein strenger Ton gehört wird. Und ich weiß auch, dass es nicht überall so ist. Meine diesbezügliche Erfahrung habe ich aber aus der Summe von Beobachtungen in vielen Jahren zusammengetragen. Wo also kann bei solchen Fällen noch von Würde des Alters gesprochen werden? Diese Frage zieht eine zweite nach sich: Kann überhaupt Hilfeleistung organisiert und nach Tarifen bezahlt werden?

Da gegenwärtig die Menschen immer älter werden, stellt sich mir die Frage: Welcher Sinn liegt in dieser Entwicklung? Sie hat sich doch nicht nur deshalb ergeben, weil Medizin, ihre Technik und Gesundheitsvorsorge fortgeschritten ist und so den Menschen länger am Leben hält. Das längere Leben ist ja zumeist nicht nur erfüllt von Freude und Lebenslust, sondern vielmehr von Hilfsbedürftigkeit.

Der Seelenton des Altwerdens
Der Seelenton des Altwerdens klingt – über alles Schönreden und über Ausnahmen hinweg – wie ein Aufschrei. Herumgewunden um den Abschied nehmenden Leib erscheint die Seele des alten Menschen im Schmerz erstarrt. »Einsam«, so spricht das Bild seiner Erscheinung. Kaum ein anderer Künstler hat diesen Aufschrei so stark gehört und ihm Ausdruck verliehen wie Ernst Barlach. Er erlebte in diesem Seelenton des Altwerdens und Leidens eine Zukunfts-Vision. In seinen »Selbsterzählten Leben« deutet er diese Vision an. Er schreibt: »Ich musste Mittel suchen, um darzustellen, was ich fühlte und ahnte, stattdessen was ich sah; und doch, was ich sah, als (Darstellungs-) Mittel benutzen – kurz das Sichtbare wurde mir zur Vision.« Diese Vision, die ihm aus der Hilfsbedürftigkeit – des frierenden, des alten und schwachen, des ausgestoßenen und oft in Heimen abgelegten Menschen – entsprang, war eine Vision aus der Zukunft. Er schaute auf das Wesen »Mensch«, wie es alt und einsam, wie es hilfsbedürftig wird – und im Abschiednehmen dem Menschenbruder neu begegnen will.

Die »Frierende Alte« (Bild 1, S. 24), zusammengefaltet wieder in eine Eiform, beschwört Anfang und Ende des Menschenlebens auf der Erde. Herausgestoßen aus ihrer himmlischen Heimat und ohne tätige Gewissheit ihrer Engel – obwohl sie diese träumt und mit Händen und Füßen darum ringt – bedarf sie in der Kälte der Erde des Menschenbruders, der sie zu wärmen vermag.

In »Das Wiedersehen« (Bild 2) ist diese Begegnung vorgedacht. Hände und Füße haben die Wärme im Gegenüber des Andern gefunden. Auge in Auge bilden beide die Frage: Kannst du mir helfen zu leben, indem du mich erkennst und wiedererkennst? In dieser schlicht und eindrücklich gestalteten Form des brüderlichen Berührens im Gegenüberstehen, die Ernst Barlach künstlerisch visionär vorgebildet hat, beschwört er eindringlich die Kultur einer zukünftigen Brüderlichkeit.

Gegenseitiges Helfen – ein Vorbild zukünftiger Zeiten
Ich sehe den Sinn des allgemeinen Älterwerdens der Menschen heute in diesem Vorbild. Barlach ahnt die Zeit-Notwendigkeit, Seelengüte zu entwickeln, die fähig wird, dem Menschenbruder wieder neu und von innen heraus zu begegnen. Seelengüte, die sowohl im Geben wie auch im Annehmen waltet, kann nur jenseits von Kommerz, von Konkurrenzkampf und Zeitnotstand im menschlichen Bewusstsein geboren werden. Sie stellt ein hohes Geistesgut dar, das sich nur allmählich auf Übungswegen einstellen kann. Die Idee von der gegenseitigen Hilfeleistung, wie sie Kropotkin entwarf und Barlach schaute, wendet sich dieser zukünftigen Kultur der Brüderlichkeit zu. In einem neuen Zeitalter – auf das auch Rudolf Steiner hinwies – wird Brüderlichkeit unter den Menschen eingekehrt sein, so wie heute das individuelle Selbstbewusstsein ausgebildet wird. Wir ringen heute noch um ein Bewusstsein von der eigenen Würde, der eigenen Unverletzbarkeit. Wir müssen diese Gewissheit erst einmal finden. Denn nur aus einem gefestigten, geistvollen und würdebewussten Selbstbewusstsein kann sich ein Bewusstsein vom Du entwickeln. Da wir jedoch heute aus dem Grunde der Erringung dieser Selbstheit dem Menschenbruder nur erschwert begegnen können und wir lediglich im Anblick seiner Hilfsbedürftigkeit eine Ahnung von ihm erhalten, liegt in der Alterspflege ein Vorbild zukünftiger Zeiten. Und vielleicht geht es aus diesen Gründen heute nicht anders, als dass wir Pflege, Hilfe organisieren – und erst von Fall zu Fall individuell und ehrenamtlich helfend in brüderlicher Nähe zueinander treten.

Was uns also heute der Berg des Alters lehrt, die Notwendigkeit gegenseitiger Hilfeleistung – mit Betonung auf »gegenseitig« –, wird einmal in Zukunft für alle Menschen aller Altersstufen gelten. Gegenseitige Hilfeleistung – und das heißt nichts anderes als innerste Zuwendung – wird einmal uns alle wie ein geistiges Atemholen hin und her beleben. Durchzogen von Brüderlichkeit wird sie uns befähigen, das Seelisch-Geistige des anderen Menschen zu erkennen und anzuerkennen; eine Fähigkeit, deren Notwendigkeit wir heute schon zuinnnerst empfinden.


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