»JEGLICHES WESEN, sei es beseelt oder unbeseelt, sichtbar oder unsichtbar, unterliegt ein und demselben allumfassenden Gesetz: Es entsteht, wächst heran, wird alt und stirbt! Wasser, was ist das? Einfach Wasser! Und doch kann selbst ein gewöhnlicher Fluss diesem für alle und alles geltenden Gesetz nicht entgehen. Sobald er entspringt und in Erscheinung tritt auf irgendeinem abgelegenen Bergabhang, beginnt er langsam dahinzusickern und wie ein Kind, das zum ersten Mal auf den Beinen steht, seinen Weg abwärts zu suchen. Allmählich wächst er an und fasst Fuß, bis er zuletzt mit hellem Klang in irgendeine Schlucht hinabfällt, wo er wie ein zügelloser, lebensvoller Jüngling, stolz und unerschrocken, sich tummelt, vor nichts und niemand sich scheuend, und brausend mit großen Sprüngen davonläuft. Er strömt den unbeweglichen Steinen über den Kopf und prallt ungestüm, bald da, bald dort, gegen die felsigen Ufer, als wollte er seinen Gegner zerreißen und mit sich tragen! Aber da es ihm nicht gelingt, eilt er mit großem Getöse den Auen entgegen, macht sich dort kühn im tiefen Flussbett breit, und hochbefriedigt, voll männlichen Stolzes, wälzt er gelassen Woge um Woge dahin! Er läuft und rauscht, auf langem Wege nach dem Meere strebend, doch je mehr er sich dieser unvermeidlichen Bleibe nähert, um so bedächtiger wird er, wie ein Greis, und am Ende bleibt er sogar stehen zu einem Halt und staut sich, als wollte er noch ein letztes Mal zurückblicken, seine Vergangenheit überschauen, den abwechslungsreichen langen Weg, um dann für immer verschlungen zu werden, in der Tiefe des Meeres zugrunde zu gehen!«
Akaki Zereteli: Aus meinem Leben, Manesse Verlag, Zürich 1990, Seite 7f. Der Georgier schuf den größten Teil seiner Werke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.