Brennpunkte


Menschliches Erbgut wirklich entschlüsselt?
Zeit des Genwahns

Den Erfolgsmeldungen folgen die Dementis. Nachdem Craig Venter, Inhaber der US-Firma Celera, die Welt mit der Nachricht überrascht hatte, er habe das Rennen um die Entschlüsselung des Genoms gewonnen, wird über die Bedeutung dieses Erfolges diskutiert. – Dazu ein Interview mit Craig Holdrege. (1 – Die Anmerkungen finden Sie in der Print-Ausgabe)
Die Fragen stellte Theo Stepp.

Im April wurde die Menschheit durch die Schlagzeile überrascht, dass es der Firma Celera gelungen ist, das menschliche Genom zu entschlüsseln. Ist dies tatsächlich ein Durchbruch?

Wie es oft in diesem Bereich der Fall ist, ist die Antwort ja und nein. Ja, es ist ein technischer Durchbruch, keine Frage. Die Geschwindigkeit, mit der die Genomentschlüsselung bei verschiedenen Organismen in den letzten Jahren fortgeschritten ist – im vergangenen Jahr bei der Fruchtfliege und nun beim Menschen – ist unglaublich. Es handelt sich hier um eine Akkzeleration des technischen Könnens; die von Celera entwickelten Sequenziermaschinen arbeiten unglaublich schnell. Eine große Klugheit verkörpert sich in diesen Maschinen. Das ist, wenn man will, Fortschritt.

Ist es auch ein Fortschritt im Wissen, im Verständnis? Das ist eine andere Frage. Was die Forscher jetzt haben – angenommen die Angaben von Celera stimmen –, ist eine ziemlich vollständige Sequenzierung von den DNA-Abschnitten, die Gene darstellen sollen. Mehr nicht. Sie wissen nicht, welche Abschnitte welche Gene darstellen. Das ist die Aufgabe, die nun vor ihnen liegt. Forscher werden mit Software-Experten zusammenkommen und Hunderte von Stunden vor Computerscreens verbringen, um aus dem Vergleich mit schon vorhanden Daten in der Reihe von rund drei Milliarden Stickstoffbasen der DNA etwa 60000 bis 100000 Gene zu identifizieren. Um einen Vergleich zu gebrauchen, sie haben jetzt eine Reihe von Buchstaben vor sich und müssen darin Worte erkennen. Die Sequenzierung produziert also eine Unsumme neuer Fakten, diese sind aber überhaupt nicht verstanden. Jetzt muss die Wissenschaft etwas mit diesen Daten anfangen – jetzt beginnt die eigentliche Wissenschaft, wo die Daten wieder in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt werden. Das wird ein langer Prozess sein. Sogar Celera-Chef und Wissenschaftler Craig Venter, der nicht gerade für Züruckhaltung und Bescheidenheit bekannt ist, meint, es wird ein Jahrhundert dauern, bis man die Funktion eines jeden Gens wissen könne.

Wie werden sie die Gene bestimmen?

Sie bauen auf den Daten auf, die sie schon vom Menschen und von anderen Organismen (Tiere, Pflanzen, Bakterien) haben. Wenn ein DNA-Abschnitt gefunden wird, der einem Abschnitt bei einem anderen Organismus ähnelt, so sagt man, sie seien homolog (gleichartig). Wenn man darüberhinaus die (oder besser: eine) Funktion des Gens im Vergleich Organismus kennt, etwa bei der Fruchtfliege, so schreibt man dem Gen die gleiche Funktion beim Menschen zu. Dies ist natürlich ein ganz heikler Schluss. Normalerweise bezeichnet man in der Biologie als homolog zum Beispiel zwei Körperteile, etwa menschlicher Arm und Vogelflügel, die den gleichen Aufbau und die gleiche Lagebeziehung im Körper aufweisen. Dies sagt nichts über die Funktion aus, die bekanntlich bei Arm und Flügel doch sehr verschieden sind. Es gibt viele Beispiele für der Sequenz nach gleichartige DNA-Abschnitte, die doch ganz verschiedene Funktionen haben. Man hat ein Gen in Stickstoff fixierenden Bakterien gefunden, das mit der Fähigkeit, Stickstoff zu fixieren, zusammenhängt. Das »gleiche« Gen – der Sequenz nach – fand man bei Hefe, ein Organismus, der keinen Stickstoff fixieren kann. Offensichtlich hat dieses »gleiche« Gen nicht die gleiche Funktion in verschiedenen Organismen.

Es ist eigenartig, wie die Präzision im Technischen mit einer Laxheit im Begrifflichen einhergeht. So wurde z.B ein Artikel im vergangenem Herbst in der renommierten Wissenschaftszeitschritft Nature veröffentlicht, der zwei »homologe« Gene beim Menschen und bei einem Wurm (C. elegans) beschrieb. Die Homologie wurde »festgestellt«, obwohl nur ein Viertel der Sequenz jeweils gleich war! Das menschliche Gen soll eine Rolle in einer bestimmten Nierenerkrankung spielen, während die Forscher entdeckten, dass es im Wurm mit männlichem Paarungsverhalten zusammenhängt! Es ist also erstens sehr fraglich, was Homologie hier überhaupt bedeutet, und zweitens soll man sehr skeptisch sein, wenn von Homologie auf gleiche Funktion geschlossen wird.

Der Genetiker Sydner Brenner bemerkte nach der Veröffentlichung des Genoms der Fruchtfliege im März, dass mit den Genomprojekten der Begriff des Gens immer schwammiger wird. Er schlägt sogar vor, den Ausdruck gar nicht mehr in dem Zusammenhang zu benutzen, da er mehr suggeriert als er tatsächlich besagt.

Der Chef von Celera, Craig Venter, geht davon aus, dass in einigen Jahren jeder mithilfe von sogenannten DNA-Chips den Text seines eigenen Erbgutes wird entschlüsseln können. Was hätte der Mensch davon, wenn er das könnte?

Wenig – außer viel Verwirrung. Man muss sich klar machen, dass die DNA, die von Celera verwendet wurde, von einem einzigen Mann stammt. Man weiß herzlich wenig über die Variationen in den Genen einzelner Menschen. Wenn eine Genveränderung in Zusammenhang etwa mit einer Erkrankung bei einem Menschen gebracht werden kann, heißt das noch lange nicht, dass das auch so ist bei einem anderen Menschen. Das alles habe ich in größerer Ausführlichkeit in meinem Buch Der Vergessene Kontext: Entwurf einer ganzheitlichen Genetik dargestellt.

Was die Kenntnis der eigenen Gensequenz einem Menschen geben würde, der dann eine Interpretation von Experten anfordern würde, wäre eine Vielzahl von Spekulationen. Die technische Errungenschaft gibt dem Denken gewaltigen Raum zum Abheben vom konkreten Leben. Die Sichelzellenanämie tritt bei verschiedenen Menschen in sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen auf, obwohl sie dieselbe genetische Disposition haben. Das bedeutet, dass man in keinem Einzelfall vom Gen auf das wirkliche Leben schliessen kann.

Kürzlich las ich, dass Gene nur einen kleinen Teil des Textes des Erbgutes ausmachten. Tatsächlich würden nur 3 Prozent der 3 Milliarden Buchstaben in Proteine übersetzt. In einem Bruchteil der übrigen 97 Prozent steckten die »Hausnummern«, mit deren Hilfe eine Zelle die Gene für jene Proteine erkennen könne, die sie benötigt. Ist es Zeitverschwendung, auch die Masse der Zwischenpassagen zu entschlüsseln?

Ich glaube, das kann niemand sagen. Nur weil wir jetzt die Bedeutung dieser »Zwischenpassagen« nicht kennen, heißt es nicht, dass sie keine haben. Die Frage ist aber auch, ob ihre Bedeutung überhaupt von der Sequenz abhängt.

Zu Gefahren und Chancen: Die Kenntnis des Erbgutes eröffnet die Möglichkeit der Manipulation. Man hofft, Krankheiten wie Krebs ausrotten zu können, aber manche hoffen z.B. auch, das Altersgen zu entdecken. Kann man heute schon die Möglichkeiten ermessen?

Aus dem, was ich schon gesagt habe, wird deutlich, dass man in diesen Dingen stets der Gefahr ausgesetzt ist, zu meinen, man habe mehr Wissen als man tatsächlich hat. Diese Tendenz wird ständig dadurch verstärkt, dass die Genomforscher für ihre Arbeit werben müssen. Ein privater Unternehmer wie Venter muss seine Investoren überzeugen, dass er ein gewinnträchtiges Produkt macht, während die Wissenschaftler, die von Staatsgeldern finanziert werden, den Kongress überzeugen müssen, dass das Genomprojekt doch letzten Endes viel Gutes bringen wird. Insofern ist jede Aussage eines Forschers auf ihre Objektivität hin sorgfältig zu hinterfragen. Das ist leider heute so.

Seit über 10 Jahren bekommt sogenannte Gentherapie viel Aufmerksamkeit von der Presse. Doch gibt es keinen Fall eines eindeutigen Erfolges, aber einen sehr deutlichen tragischen Fall: den Tod eines jungen Mannes.

Es ist tatsächlich so, dass unsere Zeit von einem gewissen Genwahn umnachtet ist. Ob genetische Manipulationen etwas wirklich Positives bringen können, ist eine grosse Frage. Ich will es nicht verneinen, aber zur Zeit sind die Risiken durch die illusionären Vorstellungen gepaart mit technischer Macht übergross. Um kranken Menschen helfen zu können, braucht man viel viel mehr als ausgeklügeltes genetisches Wissen.

Was halten Sie davon, dass sich die Firmen ihre Entdeckungen patentieren lassen wollen?

Das macht die Verquickung von Geldgier und Wissenschaft umso größer. Darüberhinaus hat man die Macht, die mit Patenten einhergeht. Es ist schon eigenartig. Die Biotechnologie-Unternehmen nennen sich bei uns in den USA »Life Sciences« Unternehmen. Sie geben damit an, dem Leben zu ergründen. Und das Leben ist nicht ihr Erzeugnis. Aber was sie heraus bekommen – etwa Gensequenzen – wird als ihr Produkt patentiert und wird somit nicht betrachtet als etwas, was dem Leben selbst angehört. Wieder hat man etwas, was unklar und undurchsichtig bleiben möchte. Das Patentieren von Lebendigem stellt eine Verkörperung des Egoismus dar und ist lebensfeindlich.


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