Brücken (5)
Harmonie des Triptychons Brücke über die Gräfte von Schloss Werdringen bei Wetter an der Ruhr
Die »eigentliche« Formvorstellung, die wir mit einer Brücke verbinden, ist der Bogen. Der schwingt sich von Ufer zu Ufer. Auch der Halbkreis ist ein Bogen und doch liegen Welten zwischen dem bewegten Schwung eines flachen Bogens und dem in sich ruhenden Halbkreis einer Brückenbogenöffnung. Diese hat die Tendenz, sich durch eine Spiegelung zum vollen Kreis zu ergänzen. Die Römer liebten die klare Form und Konstruktion des Halbkreisbogens. Sie ist typisch für die alten Römerbrücken; spätere Zeiten, vor allem nach dem Ausgang des Mittelalters, bevorzugten die eleganteren, kühneren Flachbogenbrücken, die ja auch größere Spannweiten ermöglichten und Masse sparten.
Aber wozu braucht man eine große Spannweite, wenn man eine stille Schlossgräfte überbrücken will? Da darf die Brücke gemächlich auf festen Pfeilern über das Wasser schreiten und mit ihren drei Bögen drei etwas nach oben und unten gelenkte Kreise bilden. Eigentlich das sieht man war der Wasserstand der Gräfte früher höher, und dann ergibt sich exakt der Kreis: halb Luft, halb Wasser, halb wirkliche Öffnung, halb gespiegelter Schein. Aber die Hälften runden sich ja zum Ganzen, und dieses Ganze bildet die Welt ab. Der Kreis ist das Sinnbild der Welt und ihres In-sich-Ruhens, ist Ganzheit und Geschlossenheit, ist Yin und Yang aus kontrastierenden, in sich verschlungenen Hälften.
Drei Bögen, drei Kreise: Da steigert sich das Erlebnis zur Harmonie eines Triptychons, eines Dreiklangs, über den hinweg die ruhige waagerechte Linie der Brüstung zieht.
Die Bogenwölbungen der kürzlich renovierten Brücke sind aus schmalen Bruchsteinplatten dem hier anstehenden hellen Ruhrsandstein in exakter Wölbetechnik gemauert und bilden einen strahligen Kontrast zu den waagerecht geschichteten Lagen der Hausteine beim übrigen Brückenkörper. Das Wasser in der Gräfte ist fast schwarz; umso satter vermag sich das helle Bauwerk darin zu spiegeln.
In ihrer klaren Geometrie ist diese schlichte Brücke sehr schön. Sie atmet man möge diesen Ausdruck nicht für unbescheiden halten kosmische Ruhe. Denn alle Bewegungen sind hier zum Ausgleich gebracht: Die Bewegung quer hinüber ist zum ruhigen Gang von Bogen und Pfeilern herabgemildert; die Längsbewegung strömenden Wassers ist zur Ruhe des spiegelnden Teiches geronnen, der mit Blättern und Lichtreflexen eine Art Sternenkosmos im dunklen Wasser abbildet. Eine solche Brücke erschließt sich nur demjenigen, der sie von allen Seiten zu betrachten versucht und der sie vor dem Hintergrund des schlichten, aber mit seinen beiden verschieden hohen Runderkertürmchen sehr malerischen Schlossbaus betrachtet.
Wo befindet sich dieses kleine unscheinbare Meisterwerk von Brücke? Schloss Werdringen liegt mitten im Ruhrgebiet; wenige hundert Meter nördlich liegt ein Yachthafen am Harkortsee, einem Stausee der Ruhr bei Wetter; wenige hundert Meter südlich befindet sich der riesige Verschiebebahnhof von Hagen-Vorhalle. Autobahn und Eisenbahn führen in Sichtweite vorbei, und wenn ich mit dem Intercity-Zug an den Rhein und in den Süden rase, erkenne ich die Baumgruppe des alten Parks, in dem sich Schloss und Brücke verbergen ein Platz völliger Abgeschiedenheit in einer Oase aus Wiesen und Feldern, deren es im Ruhrgebiet ja viele gibt.
Kaum einer kennt Werdringen, kaum einer weiß den Weg dahin. Daher träumen Schloss, Teich und Brücke inmitten eines immer noch recht verwilderten Parks mit wunderschönen alten Bäumen so vor sich hin. Wovon könnten sie da träumen? Von dem Geheimnis, dass hier ringsum einst echtes Herzblut derer pulste, die das Ruhrgebiet schufen. Wenige hundert Meter weiter in Vorhalle liegt irgendwo das Haus Harkorten, das Gutshaus, in dem Friedrich Harkort geboren wurde. Der war einer der legendären Pioniere der Industrialisierung, des Eisenbahnbaus, des Dampfschiffbaus, des Maschinen- und des Bergbaus. In Sichtweite von Werdringen, gegenüber auf dem Bergsporn über der alten Ruhr und dem heutigen breiten See, liegt die Ruine der Burg Wetter, in der Harkort seine berühmte »Mechanische Werkstätte« einrichtete. Es ist wirklich wie beim Zeichen des Tao: Die Ruhe schlingt sich nach innen, nach außen kreist und drängt die Dynamik der Bewegung, die alles umher verwandelte und ringsum das dröhnende Industriegebiet schuf.
Werdringen aber darf träumen. Es gibt zwar einen Kulturverein, der als Prinz dieses Dornröschen wachzuküssen versucht: mit Ausstellungen, Konzerten Möge es aber nur ein klein wenig, nicht ganz wach werden! Ein bisschen weniger verwildert dürfte der Park schon sein, das Wasser ein bisschen weniger schwarz und seicht aber ein gepflegter Park mit großem Parkplatz sollte doch daraus nicht werden.