Thema



Thomas Schmidt

Die ätherische Welt
Grenzerfahrungen in Sinneswahrnehmung und Naturerkenntnis


(1: Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe)

Für die Griechen war der Ur-Raum unserer irdischen Existenz, der Übergang zwischen irdischer und überirdischer Welt, der Äther. Dass es eine ätherische Welt gibt, die unmittelbar an die physische angrenzend und gestaltbildend die physischen Einzelheiten verbindet, wird von der materialistischen Weltsicht immer noch bestritten!

Der blaue Himmel
Schauen wir in freier Landschaft vor Sonnenaufgang auf zu einem wolkenlosen Morgenhimmel. Die Fülle der Sterne, deren Bildgestalten gerade noch unsere Aufmerksamkeit gefangen nahm, ist gerade in der schimmernden Helle des Firmaments verschwunden. So klar und frei von Dunst ist die Atmosphäre, dass der Horizontpunkt, an dem die Sonne in den nächsten Augenblicken aufgehen muss, immer noch nicht auszumachen ist. Die Empfindungsqualität dieser Sinneswahrnehmung »blau« ist kaum zutreffender auszudrücken als mit Goethe:

»Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie steht auf der negativen Seite und ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick. – Wie wir den hohen Himmel, die fernen Berge blau sehen, so scheint eine blaue Fläche auch vor uns zurückzuweichen.«2

Was aber nehmen wir nun wahr im Aufblick zu einem solchen Himmel? Die kosmischen Fernen, zu denen ja die Sternbilder der Nacht gehören, sind es jedenfalls nicht mehr. Ist es die uns umgebende Erden-Luft, die hier wahrnehmbar wird? Sicher auch nicht. Wenn auch ein Zusammenhang mit der Dichte und Qualität dieser Luft nicht zu leugnen ist. Aber die Luft, die wir wahrnehmen, spüren wir an unserem Körper im wehenden Wind oder zumindest im Ein- und Ausatmen. Das Blau3 vor unseren Augen aber bildet den freien Raum über uns, ohne dass ihm jedoch irgendeine Entfernung zuzuschreiben wäre – nur Nähe ist ihm mit Sicherheit nicht zu Eigen! Zwar besteht ein Zusammenhang mit der unter dem Horizont aufsteigenden Sonne, aber natürlich ist dieses tief gesättigte, vom Zenit herabfallende majestätische Blau, das sich in zunehmender Helligkeit zum Horizont hin staut, nicht die »Sonne«. Es gibt wohl nichts in der Welt, dessen Sein so ausschließlich Sehding ist, wie dieser dunstfreie blaue Himmel, ohne eigene Gegenständlichkeit und Gestalt, von der durch die Erde gebildeten Horizontlinie4 abgesehen. Diese Ur-Wahrnehmung unseres Sehsinnes, die zugleich den Ur-Raum unserer irdischen Existenz zusammenfasst und umgrenzt, war zu Beginn unserer abendländischen Kulturentwicklung im antiken Griechenland, bevor noch die ersten philosophischen Gedankengebilde die Unvoreingenommenheit der Sinneswahrnehmung stören konnten, der Äther. In der Odyssee des Homer findet sich für eine Übergangssituation zwischen irdischer und überirdischer Welt eine poetisch besonders eindrückliche Schilderung dieses dort »Aithrae« genannten Himmelsglanzes, als die »eulenäugige Athenae«, die sich soeben auf der Erde um Hilfe für ihren Schützling Odysseus bemüht hatte,

»entschwand zum Olymp, der genannt ist / beständig verlässlicher ewiger Sitz aller Götter, / weder erschüttert durch Wind, noch jemals durch Regen befeuchtet, / auch niemals von Schnee überdeckt, / vorzüglich aber vom Aether, wolkenlos ausgebreitet, / umflossen mit leuchtendem Glanze …«5

Ist es nur ein Rückfall in naive Vorstellungen, wenn Rudolf Steiner in seinem letzten Lebensjahr, nachdem er zwanzig Jahre zuvor den »Ätherleib«6 als das unterste übersinnliche Glied des Menschen beschrieben hatte, zu dieser »alten« Äther-Vorstellung zurückzukehrt?
»Indem wir die Bläue des Himmels wahrnehmen, nehmen wir den Äther um uns herum wahr … Das Dasein der Bläue des Himmels wird daher für die Wahrnehmung des Menschen in der richtigen Weise ausgedrückt, wenn man sagt: Der Äther ist zwar nicht wahrnehmbar, aber er erhebt sich zur Wahrnehmbarkeit wegen der großen Majestät, mit der er sich im Weltall hinstellt, indem er sich kundgibt, offenbart in der Himmelsbläue … Aber hier beginnt eben bereits das Walten des Übersinnlichen. Und im Kosmos ist es so, dass schon das Übersinnliche wahrnehmbar wird, nur muss man ausfindig machen, wo es wahrnehmbar wird.«7

Wir werden darauf noch zurückkommen müssen!

Der Äther in der Geistesgeschichte des Abendlandes
In dem Maße, wie sich philosophische Ideengebäude entwickelten, wurde der Äther jenseits der Grenze aller Sinneswahrnehmung gerückt. Für Platon und Aristoteles (5./4.Jh.v.Chr.) war er die völlig durchsichtige und damit unwahrnehmbare Substanz des Weltganzen, die »quinta essentia«, das »fünfte Element« jenseits der irdischen, »sublunaren« Elemente Erde, Wasser Luft und Feuer, das in der translunaren Welt außerhalb der Mondensphäre, in den Raum-Regionen des Himmels mit ihren ewig unveränderlichen Kreisbewegungen der Gestirne wirksam ist. Insbesondere bei Aristoteles ist dieses »fünfte Element« ewiger Kreisbewegung Übergang und Mittler zwischen der Unwandelbarkeit Gottes und der Vergänglichkeit der Erde, auf der alle Bewegungen durch Anfang und Ende begrenzt sind. Aristoteles sagt das so:

»Es gibt also etwas, das sich in unaufhörlicher Bewegung bewegt, diese Bewegung aber ist eine kreisförmige… Demnach ist wohl der erste Himmel [die Fixsternsphäre] ewig. Es gibt also auch etwas, das bewegt. Da aber dasjenige, das bewegt wird und das selbst bewegt ein Mittleres ist, gibt es also etwas, das, wiewohl es nicht bewegt wird, anderes bewegt, also etwas, das ewig ist…«

Er fasst dann nochmals, von der vergänglichen Erde aufwärts, zusammen:

»Die Ortsbewegung nämlich ist die erste unter den Veränderungen, und unter dieser die Kreisbewegung; diese Kreisbewegung aber wird vom bewegenden Unbeweglichen [dem Göttlichen] ausgelöst… Von einem derartigen Prinzip also hängt der Himmel ab und die Natur…«8

Diese bei Aristoteles aus lebendigem Denkbemühen entstandene Anschauung blieb, zunehmend dogmatisch verfestigt, fast 2000 Jahre unangetastet. Erst zur Wende vom 16. zum 17. Jh. n. Chr. brach Johannes Kepler durch seine Planetengesetze dieses Kreisbahndogma für kosmische Bewegungen auf. Dessen »ätherische« Mittlerfunktion zwischen Göttlich-Geistigem und Irdisch-Vergänglichem war aber längst durch »Gedanken-Verkrustung« unbrauchbar geworden, womit auch »Äther« als Wort und Begriff aus den Zusammenhängen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse verschwunden war. Erst als Anfang des 19. Jahrhunderts durch Augustin Jean Fresnel u.a. nach optischen Experimenten endgültig der Gedanke Eingang in die Physik fand, dem Licht seien sog. Querwellen zuzuordnen, gab es eine etwa ein Jahrhundert dauernde Renaissance des physikalischen Äther-Begriffs. Es entstand nämlich die Frage, was es denn für ein Medium sei, das mit dem Licht schwingt. Querwellen9 sind zwar auf Wasseroberflächen möglich, im Raum aber sind sie nur in elastischen Medien möglich, die nur durch feste Körper (etwa Stahl) einigermaßen gut realisierbar sind. Für diese rein mechanische Wellentheorie des Lichtes schien es also denknotwendig zu sein, in ähnlicher Weise wie zwei Jahrtausende zuvor in den ersten naturwissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen, ein das gesamte Universum ausfüllendes, unwahrnehmbares Weltsubstrat anzunehmen, das wiederum Äther genannt wurde, ausgestattet mit der isolierten Festkörper-Eigenschaft der Elastizität, immerhin in einer gewissen Ähnlichkeit zu der antik-mittelalterlichen Äther-Vorstellung mit ihren unsichtbaren, festen »Kristall-Sphären«, mit denen die darauf befindlichen Sterne rotieren sollten. Ein entscheidender Unterschied zwischen diesen beiden Äther-Vorstellungen blieb aber: Trotz aller Begriffsverfestigung hatte – formal zumindest – durch das Mittelalter die antike »Mittlerfunktion nach oben« der Sternenwelt zwischen irdischer Vergänglichkeit und der Unendlichkeit Gottes Bestand. Der physikalische Äther des 19. Jahrhunderts dagegen zielte genau in die Gegenrichtung: Seine »Mittlerfunktion nach unten« diente der Verbindung zwischen den »Wundererscheinungen des verbreiteten Raums«, dem »allerfreulichen Licht«10 einerseits und den isolierten Experimenten im verdunkelten Laborraum andererseits, aus denen sich nur indirekt eine Evidenz für »Lichtwellen«, prinzipiell unterhalb jeder Wahrnehmbarkeitsgrenze, ergeben konnte. Von diesem Äther als Erkenntnis-Werkzeug, um das Licht zu einem rein mechanischen Vorgang zu machen, hatte sich Rudolf Steiner etwa ein Jahrhundert später in seiner »Theosophie«6 zu distanzieren:

»Man sollte sich an dem Ausdruck „Ätherleib” nicht stoßen. „Äther” bezeichnet hier etwas anderes als den hypothetischen Äther der Physik.«

Dass es dennoch eine nicht ganz falsche Wahl der Physiker des 19. Jahrhunderts war, im Zusammenhang mit dem Licht auf den »alten« Begriff Äther zurückzugreifen, zeigte sich dann aber durch die Umwälzungen des physikalischen Weltbildes im 20. Jahrhundert, wenn auch das Wort Äther damit endgültig aus dem Wortschatz der üblichen Physik verschwunden ist.

Die ätherische Welt vom Gesichtspunkt der Anthroposphie:
Jenseits der Grenze der Sinneswelt

Anfangs wurde dargestellt, wie die ätherische Welt als unterste Stufe des Übersinnlichen unmittelbar an ihrer Grenze zur Sinneswelt im Blau des Himmels erscheint. Zeigen uns aber nicht alle Sinneswahrnehmungen diese Grenzschicht, durch die schon »Übersinnliches« durchleuchtet, wenn wir nur bei dem bleiben, was uns erscheint, ohne das Wahrgenommene sofort mit dinghaften Deutungen zuzudecken? Gerade in diesen Übergangsjahreszeiten Frühling und auch im Herbst liegen derartige Grenzerlebnisse gar nicht so fern: Ein Bachrand mit ersten Frühlingsblumen, Wärme und Licht am geschützten Hang mit einer blühenden Schlehenhecke, das erste zarte Grün im lichtdurchfluteten Buchenwald – sind sie nicht allesamt mehr und anderes als all ihre Einzelheiten und auch deren mühselig erforschte begriffliche Zusammenhänge! Dort verharren müssten wir freilich, wo uns der blaue Morgenhimmel in seiner Einheitlichkeit als Erscheinung gar keine Möglichkeit gibt, unserer Unersättlichkeit nach Dinghaftigkeit weiter nachzugehen. Diese Haltung einzunehmen, ist allerdings gegenwärtig sehr viel schwieriger als im antiken Griechenland. Auch wenn nur ein Spezialist der »Theorie der Lichtstreuung« in die Himmelsbläue Atome, Moleküle und Lichtwellen wirklich hineinzudenken vermag, so ist doch heute selbst fast jeder Laie mit der Vorstellung »imprägniert«, die »wirkliche Wirklichkeit« sei erst in quantitativ beschriebenen Tatsachen unterhalb der Sinneswahrnehmungen zu finden. Der Wissenschaftler ist da sogar noch in besserer Position als der Laie, ist es ihm doch immerhin möglich, durch Besinnung die Reichweite seiner Forschungsmethoden richtig zu bewerten. Aber es fällt uns auch ohne die moderne Allgegenwart von »Wissenschaft« schwer, in der Sinneswahrnehmung selbst zu ruhen, schon wenn sich nur der blaue Himmel mit Wolken überzieht, und noch schwerer fällt es uns, der so vielfältig differenzierten übrigen Erdenumgebung gegenüber. Aber man kann diese Haltung üben. Und dazu Anregungen zu geben, war Rudolf Steiner in seinen letzten Lebensjahren besonders wichtig. Was hier gemeint ist, nennt er 1919 in seinen Vorträgen über »die Sendung Michaels«11 den »Licht-Seelen-Prozesses«, der eingeführt wird mit den Worten:

»… dass wir gegenüber dem modernen Leben brauchen eine Seelenverfassung, die sich wirklich in jedem Momente des tagwachen Lebens bewusst ist des Übersinnlichen in der unmittelbaren Umgebung…«

Besonders eindringlich widmet er sich dann diesem Thema auf dem Krankenlager wenige Monate vor seinem Tod. Sein Aufsatz »Das Michael-Christus-Erlebnis des Menschen« vom 2. November 1924 kulminiert einerseits in dem Satz: »Die Natur muss erkannt und erlebt werden so, dass alles götterleer ist.« Diesen götterleeren Kosmos nennt Steiner »Werkwelt«. Dann aber folgt:

»In diese Welt erkennend blicken, bedeutet Formen, Gestaltungen vor sich haben, die überall laut von dem Göttlichen sprechen; in der aber selbstlebendes göttliches Sein nicht gefunden wird, wenn man sich keiner Illusion hingibt… In dieser Werkwelt kann für den echt fühlenden Menschen Michaels Wesen und gegenwärtige Tatenwelt leuchten. Michael kommt als Erscheinung nicht in die physische Welt herein. Er hält sich mit all seinem Wirken innerhalb einer übersinnlichen Region, die aber unmittelbar an die physische Welt der gegenwärtigen Weltentwicklungsphase angrenzt.«12

Das Wort Äther kommt hier nicht vor, aus dem Zusammenhang wird aber klar, dass es sich bei dieser unmittelbar an die sichtbare Natur angrenzende Region nur um die ätherische oder elementarische Welt handeln kann, die damit durch den Text auch nochmals besonders charakterisiert wird: Jedes materielle Einzelsein in der physischen Natur ist von allem Göttlichen entleert, drückt aber Göttliches aus durch Formen, Gestalten und deren Verwandlungen. Betrachten wir diese nur als Attribut des materiellen Seins, sind wir frei, sie als unwesentliches Beiwerk zur eigentlichen materiellen Realität abzutun; fassen wir sie jedoch als unabhängige Wirklichkeit auf, die gestaltbildend die physischen Einzelheiten verbindet, die aber aus diesen in keiner Weise abgeleitet werden kann, so sprechen wir damit nicht mehr von der physischen, sondern von der ätherischen Welt.

Die Gliederung der ätherischen Welt
Wenn wir die Formen und Gestalten sowie ihre Zusammenhänge und Verwandlungen in der Natur in ihren eigenen Qualitäten begriffen haben, die zwar nicht aus den Gesetzen der physischen Welt ableitbar sind, jedoch mit diesen im Wechselverhältnis stehen, so ist deutlich, dass die verschiedenen Arten von Gestaltbildung oder Raumerfüllung – die vier »alten« Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) oder auch die Aggregatzustände (fest, flüssig, gasförmig) der Physik – ihre Entsprechungen in der ätherischen Welt haben müssen. Das Element Wärme (Feuer) allerdings zeigt Besonderheiten: Zum ersten entspricht ihm kein üblicher Aggregatzustand. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts weiß der Physiker, dass die Wärme durchaus einen eigenen Materiezustand darstellt und damit einen Doppelcharakter besitzt, denn diese Möglichkeit (als »strahlende Wärme«) selbst Materiezustand zu sein, berührt nicht die zuvor allein akzeptierte Tatsache, dass die Wärme auch als Eigenschaft anderer Körper auftritt, die dann allerdings im 19. Jahrhundert nur noch als mikroskopischer Bewegungszustand angesehen wurde. – Ferner bereitet es besondere Schwierigkeiten, die Übergänge »Schmelzen« und »Verdampfen« bis in den Wärmezustand fortzusetzen. Das ist nur durch »Zerstrahlen« von Materie möglich, wie es bei radioaktiven Prozessen geschieht. Es handelt sich dabei dem Wesen nach um kosmische Vorgänge, deren technische Verwendung der Mensch schon deshalb individuell nicht wirklich verantworten kann, weil die unmittelbaren Folgen sich über unübersehbar kosmisch lange Zeiträume erstrecken.

Unser Leben in der Welt ist von zwei verschiedenen derartigen Übergängen von »üblicher« Materie zur Wärme bestimmt: Die auch gegenwärtig andauernden Verwandlungen der irdischen Gebirge, Kontinente und Meere werden durch Wärme ermöglicht, die aus radioaktivem Zerfall besonders schwerer Substanzen im Erdinnern entsteht. Der »Werkwelt-Aspekt« der Entstehung der Sonnenwärme, ohne die die Grundlage allen irdischen Lebens auf der Erde fehlen würde, ist der Aufbau schwerer Substanzen aus den komischen Urstoffe Wasserstoff und Helium unter der sichtbaren Sonnenoberfläche. – Eine weitere Eigenheit der Wärme ist ferner, dass diese der einzige Materiezustand ist, der durch nichts gehindert werden kann, sich in den gesamten kosmischen Raum auszubreiten.13 Dazu gehört weiterhin die Besonderheit der Ausdehnung der Wärme: Dehnt sich ein mit »normaler« Materie erfüllter Raum aus, so muss die durchschnittliche Materiedichte umgekehrt wie das zunehmende Raumvolumen abnehmen,14 das wäre bei einer Kugel umgekehrt wie die dritte Potenz (der Kubus) des Durchmessers. Bei einem mit strahlender Wärme gefüllten Raum ist das anders, hier nimmt im Falle einer Raumausdehnung die »Strahlungsdichte« umgekehrt zur vierten Potenz des Durchmessers ab. Das bedeutet, dass in einem sich ausdehnenden Volumen die Wärmesubstanz tatsächlich weniger wird und in den Raum hinein verschwindet.15 Zwar weiß der Physiker heute der Wärme auch eine – meist unmessbar kleine – träge und schwere Masse zuzuschreiben, die Gestaltungskraft ihrer durch nichts begrenzbaren Ausdehnung erscheint allerdings wie negative, in den Umkreis hinaus wirkende Schwerkraft.

Die den vier Elementen entsprechenden vier Ätherarten, hat Rudolf Steiner u.a. am Schluss seines »Wärmekurses«16 als Wärmeäther, Lichtäther, Klang- oder chemischer Äther und Lebensäther vorgestellt, ihre Charakterisierung soll hier versucht werden:

Wärmeäther
Aus den geschilderten Besonderheiten des Wärme-Elementes geht hervor, dass der Wärmeäther zumindest in einem Teil seiner Eigenschaften von dem Wärmeelement ununterscheidbar ist, und es ist bei diesen Gemeinsamkeiten eher die Art der Auffassung als die Sache selbst ist, ob man die Element- oder Ätherseite der Wärme vor sich hat. So repräsentiert der Wärmeäther die Realität einer alle irdischen und kosmischen Räume verbindenden Gemeinsamkeit, die von den konkreten, differenzierten Weltinhalten allenfalls modifiziert, niemals aber aufgehoben werden kann.

Lichtäther
Die Gase dehnen sich zwar ebenso wie die Wärme in den Raum aus, aber nur, wenn dem keine materiellen Hindernisse entgegenstehen, denn eine gefüllte Propan-Gasflasche, korrekt versiegelt, hat auch nach vielen Jahren von ihrem Inhalt nichts verloren. Dieselbe Signatur finden wir, nun unabhängig von substanzieller Stofflichkeit, bei dem den Gasen zugeordneten Lichtäther: Der Erscheinungszusammenhang des Raumes wird durch die dem Licht zugrundeliegenden Gestaltungskräfte offenbar, aber – anders als bei der Wärme – deutlich differenziert durch die Ordnung der Dinge im Raum. So treten lichtloser Schatten, volle Helligkeit und alle Zwischennuancen von Halbschatten auf, durch die erst die Raumstruktur der Welt Erscheinung wird. Man kann sogar so weit gehen, das Wesen des Lichtes bereits als Lichtäther anzusehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass das den Raum zur Erscheinung bringende Licht grundsätzlich unsichtbar und streng von der stets auf begrenzte Einzelheiten beschränkten Beleuchtung zu unterscheiden ist.

Die bereits bei der Wärme erwähnte »negative Schwerkraft« tritt beim Licht sogar noch deutlicher hervor. Bei feinen, von sehr intensivem Licht beleuchteten Staubpartikeln lässt sich sogar beobachten, wie sie sich vom Lichtzentrum nach außen bewegen. Wenn der Astronom die Bewegung kleiner Partikel in unserem Sonnensystem – etwa in Kometenschweifen – richtig berechnen will, hat er tatsächlich die wirkende Gravitationskonstante um einen bestimmten, von der Lichtstärke und den Partikeleigenschaften abhängigen Anteil zu verkleinern. Zur gemeinsamen Besonderheit von Licht- und Wärme-Äther gehört ferner, dass sie allein uns Sinneswahrnehmungen eigener Qualität vermitteln. Für die Wärme ergibt sich das unmittelbar aus der Teil-Identität von Element und Ätherart, beim Licht ist es eine besondere Eigenschaft, dass es sich aus seiner am blauen Himmel durchaus noch vorhandenen Erscheinungsidentität mit dem Luftelement herauszulösen vermag und dann den schon erwähnten räumlichen Zusammenhang aller Weltdinge, unabhängig von irgendwelchen materiellen Verbindungen, Wahrnehmungsrealität werden lässt. So sind uns auch allein durch Wärme und Licht Sinneswahrnehmungen aus dem Kosmos möglich. Rudolf Steiner schildert diese Besonderheiten sowohl in dem bereits erwähnten »Wärmekurs« als auch – vor allem die kosmischen Aspekte betreffend – in seinem »dritten naturwissenschaftlichen Kurs«.17 Licht und Wärme nennt er dort »negative« oder »imponderabele« Materie, entsprechend ihrer oben dargestellten negativen Signatur gegenüber der normalen »positiven«, »ponderabelen« Materie. Im letzten Vortrag des »Wärmekurses« wird ausgeführt, wie dieses kosmisch »Besondere« auch stets auf der Erde vorhanden ist:

»… wenn Licht in Begleitung von Wärme erscheint: Der Raum zerreißt, der Raum enthüllt uns das, was in seinem Innern ist, während er uns in seinen gewöhnlichen drei Dimensionen, die wir vor uns haben, nur seine Außenseite zeigt. Der Raum führt uns in sein Inneres…«

Klang- oder chemischer Äther
Mit den Flüssigkeiten und Festkörpern kommt etwas gegenüber Wärme und Gasen Neues in die Welt, sie erfüllen nicht mehr jeden Rauminhalt, sondern schließen sich vom Umkreis ab. Entsprechendes gilt auch für die zugehörigen Ätherarten, die nun nicht mehr unmittelbar Sinnesqualitäten eigener Art hervorrufen, sondern nur noch übersinnlich gestaltbildend innerhalb der Stoffeswelt wirken.

Die Ozeane der Erde bilden eine große gemeinsame, von Strömungen durchmischte Kugelgestalt, die sich aber gegenüber dem Kosmos in einer Grenzfläche abschließt. Im chemischen Äther drücken sich entsprechend Gestaltungskräfte aus, die nicht den gesamten Raum, sondern nur bestimmte, abgegrenzte Teile ergreifen, die aber andererseits sehr viel stärker in die inneren Substanzgesetze eingreifen als das Licht, wie das einerseits in den chemischen Prozessen und andererseits bei dem in seiner Ausbreitung stoffgebundenen Klang geschieht. Kompliziertere chemische Prozesse, wie sie auch zu den Substanzgrundlagen des Lebens führen, sind tatsächlich nur möglich in Flüssigkeiten oder durch »Katalysatoren«, auf deren Oberflächen sich die Stoffe wie im Wasser schwimmend begegnen können.

Lebensäther
So wie die individuellen Gestalten der festen Körper nebeneinander bestehen bleiben, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen, so finden sich im Lebensäther schließlich die nur im Innern der Materie selbst verborgenen Gestaltungskräfte, von denen die Kristallbildung nur die offensichtlichste ist.

Werden im Zusammenspiel der Ätherarten geschlossene Organisationen mit besonderen individuellen Eigenschaften gebildet, so entstehen »Ätherleiber«, die ihre eigenen Gestalten – soweit diese sich in Pflanzen, Tieren und Menschen irdisch verwirklichen – den aus der Umgebung aufgenommenen Substanzen aufprägen. Werkzeug dafür ist die gesamte Biochemie der genetischen Prozesse, ohne dass dort aber die Leibesgestalt selbst auch nur des primitivsten Organismus zu finden wäre.

Die Denkorganisation des Menschen
Da die ätherische Welt unmittelbar an das Gebiet der Sinneswahrnehmungen angrenzt, sollte sie sich noch auf eine zweite Weise zeigen. Auf unserem Weg zur Welterkenntnis grenzt nämlich unser Denken »von innen« ebenfalls unmittelbar an die Sinneswahrnehmungen, wie es charakteristisch für die ätherische Welt insgesamt ist. Gerade darauf kommt Rudolf Steiner in den Aufsätzen aus seinem letzten Lebensmonat nochmals zurück und findet dabei die folgende Formulierung, die die beiden Seiten des Ätherischen zusammenführt:

»Mit der Sinnes-Organisation lebt der Mensch in seinem physischen Leib, mit der Denkorganisation in seinem ätherischen Leib… Hat der Mensch nach der Abstreifung des physischen Leibes die Schönheit der sinnenfälligen Pflanzenwelt nur noch abgeblasst vor sich, so tritt dafür vor seine Seele die ganze Welt der Elementarwesen, die in dem Pflanzenreiche leben.«18

Es zeigt sich, dass tatsächlich die zu den vier Ätherarten gehörigen Gestaltungsprozesse auch in den Denkbewegungen des Menschen wiederzufinden sind, wenn nur nicht die Zusammenhänge schaffenden Erkenntniswege des Denkens mit den isolierten Erkenntnisergebnissen verwechselt werden:

Die alles unterschiedslos durchdringenden Kraft des Wärmeäthers finden wir in der Öffnung unseres Denkens der gesamten Sinneswelt gegenüber. Es ist das die erste Impulsierung unseres Willens, unsere Aufmerksamkeit im Denken der Sinneswelt zuzuwenden, zugleich aber noch ruhig und vorurteilsfrei zu warten, wie diese zu uns sprechen möchte.

Die differenzierend raumbildende Kraft des Lichtäthers zeigt sich in der ersten, zu konkreten Erkenntnissen führenden Fähigkeit des Denkens, die unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen so in einen vor allem räumlichen Erscheinungszusammenhang zu bringen, dass die Einzelheiten der Welt durch ein ideelles, gesetzmäßiges Beziehungsgeflecht verbunden werden. Und wie am Licht keinerlei Zeitfolgen Wahrnehmungswirklichkeit19 sind, so steht auch die hier gemeinte Erkenntnis des Zusammenhanges von Erscheinungen, etwa das ganz in der Gegenwart verharrende Erfassen des gedämpften Lichtes eines Frühlingstages zusammen mit der schon etwas verblühten Kornelkirsche, zarten grünen Blattspitzen und den Primeln, Veilchen, Narzissen und Tulpen am Erdboden darunter, noch außerhalb des Zeitverlaufs von »gestern« bis »morgen«.

Im chemischen oder Klang-Äther finden wir die Kräfte, die Substanzen aneinander binden und voneinander lösen oder sie in rhythmische Bewegungen versetzen, wobei einer intensiveren Bindung an die Dinge notwendig eine Einschränkung an Weite entspricht. Das Denken auf dieser Stufe hat sich um das Erfassen von Verwandlungszusammenhängen in der Natur im Zeitenlauf zu bemühen. Das bedeutet zugleich Vertiefung und Einschränkung. Es wird mir in ständiger Aufmerksamkeit wohl möglich sein, in meinem Denken den Kornelkirschenbusch vom ersten Blühen noch am Ende des Winters über das Frühjahr und den besonders langen Reifeprozess bis zu den roten Beeren zu Herbstbeginn und dem danach fallenden Laub im Herbst im Zusammenhang mit dem Jahreszeitenlauf zu verfolgen und daraus zu einem Raum und Zeit umfassenden Gesamtbild dieser Pflanze zu kommen. Für alles, was ich an dem einen Frühlingstag als Erscheinungszusammenhang erfasst hatte, mir alle Verwandlungen mit gleicher Gründlichkeit zu erarbeiten wird wohl kaum gelingen!

Im Lebensäther finden sich die ganz eigenen, in den Dingen selbst wirkenden Gestaltungskräfte. Im Denken ist noch eine letzte Stufe zu erreichen, auf der sich der individuelle, eigene innere Sinn und Lebenszusammenhang der Weltdinge erschließt, sofern sie »da sind«, absolut und ohne äußere Raumbeziehungen oder Zeitverhältnisse. Den aus Raum und Zeit herausführenden Weg zu dieser Stufe zu schildern, ist unmöglich, aber erst dadurch bin ich bei der Idee »Kornelkirsche« im umfassenden und konzentrierten Sinne angekommen.

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