Essay

Lorenzo Ravagli

Europa im 16. Jahrhundert:
Verschiebung der Horizonte


Unsere Essayreihe über die Jahrhunderte der Neuzeit begann mit dem Beitrag von J. von Königslöw in Heft 2/2000 über das 15. Jahrhundert. Die Serie wird in den folgenden Heften fortgesetzt.


»Fortschritt«
Wozu beschäftigen wir uns eigentlich mit Geschichte? Um aus ihr zu lernen, ist eine der gängigsten Antworten. Nur, was sollen wir aus der Geschichte lernen? Dass wir klüger sind als unsere Vorfahren? Dass wir ihnen moralisch überlegen sind? Diesen leicht naiven Argumenten ist entgegenzuhalten, dass nach uns gewiss Generationen kommen werden, die sich für klüger und moralisch besser halten, als wir es waren. Das ist mit Sicherheit eine Lektion, die uns die Geschichte erteilen kann.

Möglicherweise gibt es Lebensformen und Denkweisen, die wir heute für das Nonplusultra des geschichtlichen Fortschritts halten, die in hundert Jahren als kindisch und naiv belächelt oder gar als unmoralisch und barbarisch verdammt werden. Man denke nur an den gewissenlosen Umgang der gegenwärtigen Menschheit mit Natur und Umwelt oder auch an die vielfachen Verletzungen, die wir uns selbst zufügen, weil wir dem menschlichen Körper keine Achtung entgegenbringen, ganz zu schweigen von der Achtung vor der Würde des Menschen, die auf seiner Freiheitsfähigkeit gründet.

Möglicherweise werden unsere Nachfahren uns einst für das blinde Vertrauen in den biotechnologischen Fortschritt verdammen oder dafür, dass wir ihnen ein strahlendes Erbe atomaren Mülls hinterlassen haben, das den irdischen Wohnraum auf Jahrtausende zu verseuchen droht. Oder man denke an die Abhängigkeit unseres Bewusstseins von einer medial aufbereiteten Erfahrung und dem mit diesem verbundenen, weitgehenden Verzicht auf die eigene Urteilsbildung, die wir dem Zwang zur Aktualität verdanken. Vielleicht wird in hundert Jahren diese bedingungslose Bereitschaft zum Medienkonsum, diese Preisgabe an die Virtualität und die von ihr ausgehende Auslöschung kultureller Vielfalt als die große Verirrung des 21. Jahrhunderts betrachtet werden.

Naiv also, wer glaubt, die Geschichte sei ein grenzenlos bestellbares Feld des Fortschritts. Kann doch kein Feld bestellt werden, das nicht gedüngt wird. Womit aber wird das Feld der Geschichte gedüngt, um Fortschritt zu ermöglichen? Und wenn Fortschritt, welcher Fortschritt? Der Dünger des Fortschritts sind unsere ersterbenden Ideale. Die auf uns folgenden Generationen, die über uns hinwegschreiten werden, setzen ihre eigenen Ideale an die Stelle der unsrigen und leisten ihren spezifischen Beitrag zum Werden der Menschheit, indem sie sich von uns absetzen.

Diese biografische Bewegung der Generationen liegt dem geschichtlichen Werden zugrunde. Die Wellen der historischen Innovation gehen von den heranwachsenden Generationen aus, deren Wille und Intention die entstandenen sozialen Formen und kulturellen Inhalte umwälzen. Indem sich die Willensströme der Generationen: die beharrenden, bewahrenden der Alternden und die verändernden, vorwärts treibenden der Heranwachsenden, überlagern, entstehen Interferenzen, die sich häufig als politische Konflikte darstellen.

»Globalisierung«
Komplexer wird das Geschehen dadurch, dass sich die Wechselwirkung der Generationen nicht an nationale Grenzen hält, sondern global auswirkt. Diese globale Interdependenz ist aber keine Erfindung oder Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Die erste große Globalisierungswelle erfasste die Menschheit vielmehr im 16. Jahrhundert.

Nicht nur die geografischen Entdeckungen der Portugiesen und Spanier, auch die Wiederentdeckung der Antike, die zu Humanismus und Renaissance führte, und schließlich die Reformation, das politisch und geistig bewegendste Geschehnis des 16. Jahrhunderts, können als Globalisierungsvorgänge verstanden werden. Während sich das Bewusstsein Europas durch die kurz vor dem Ende des 15. Jahrhunderts beginnende Erschließung der außereuropäischen Kontinente physisch-geographisch zu weiten begann, fanden in seinem Innern erhebliche Horizonterweiterungen durch die Wiederbesinnung auf das vorchristliche Erbe der Antike, durch die Emanzipation von der Vorherrschaft der kirchlichen Universalmacht und durch den Aufstieg der Naturwissenschaften statt.

Die Wiederentdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492, die Erschließung des Seeweges nach Ostindien durch Vasco da Gama 1498, die Entdeckung Brasiliens durch Cabral im Jahr 1500, die Eroberung Mexikos für die spanische Krone durch Hernán Cortés ab 1519 und Perus ab 1531 durch Pizarro wirkten aber auch auf die geistige Orientierung des europäischen Kontinents zurück. Schließlich streckten die Portugiesen ihre Fühler bis nach Japan und China aus, gründeten schon 1516 eine Niederlassung in Kanton, 1557 in Macao.

Die Hochkulturen, auf die die weißen Eroberer in Mittel- und Südamerika trafen, wurden von ihnen regelrecht ausgelöscht, deren Träger niedergemacht, ausgerottet. Mit dem von keiner Selbstkritik angekränkelten Bewusstsein der zivilisatorischen Überlegenheit eigneten sich die Abgesandten der europäischen Dynastien riesige Ländergebiete, ja ganze Kontinente an und erweiterten den Besitz einiger Familien, die auch in Europa den Gang der geschichtlichen Ereignisse zu dominieren suchten.

»Entdeckungen«
Mit dieser Aneignung der Welt durch das Abendland beginnt auch die Tradition der europäischen Genozide. Im Lauf der Jahrhunderte sind Millionen von Menschen in Afrika, Amerika und Asien der systematischen Ausbeutung und Ausrottung (man kann es nicht anders nennen) zum Opfer gefallen, die die abendländischen Egoisten bedenkenlos betrieben. 1568 begann der Export afrikanischer Eingeborener nach Westindien, wo sie hauptsächlich auf Zuckerrohrplantagen als Sklaven eingesetzt wurden. Fluten von Gier, Verblendung und Leidenschaft strömen durch dieses Jahrhundert und schwellen in den folgenden zu Ozeanen der Schuld an.




Zerstörung eines Eingeborenendorfes. Nach Theodore de Bry, Historia americae, 16. Jh.


Die neu oder wieder entdeckten Kontinente lockten durch vielfache Verheißungen. Die Kunde vom sagenhaften Reich des Goldes, von Eldorado und ähnliche Erzählungen, lösten einen Wettlauf um Besitz und Reichtum aus, bei dem niemand zu kurz kommen wollte, der überhaupt die Möglichkeit besaß, sich an dieser Konkurrenz zu beteiligen. Nicht nur die wirtschaftlichen Verlockungen riefen den europäischen Bemächtigungswillen auf den Plan: Die Existenz ungezählter Heidenseelen sorgte in christlichen Gemütern für heillose Aufregung, sahen sie doch in deren Bekehrung die einmalige Gelegenheit, auch ihre eigenen Seelen zu retten. Im Namen dynastischer, nationaler oder auch religiöser Interessen wurden durch Jahrhunderte die Gräuel eines kolonialen Holocaust verübt, an die sich heute kaum mehr jemand erinnert. In dieser Perspektive erscheinen die Gräuel der kommunistischen und nazistischen Massenvernichtung im 20. Jahrhundert als die konsequente Fortsetzung eines ureuropäischen Zerstörungswillens, der sich am Ende gegen seine Eigner wandte.

»Reformation und Humanismus«
Der geografische Expansionswille ist jedoch nur eine Ausgestaltung des Geistes des 16. Jahrhunderts. Der zeitliche Expansionswille bezeugt sich in der Rückeroberung der Antike, die vom Christentum erfolgreich zurückgedrängt worden war. Die Fernwirkungen Marsilio Ficinos, der 1499 verstorben war, zeigen sich im Humanismus Mitteleuropas. Auch hier blühten unter Reuchlins Anleitung die Studien der alten Sprachen, das Latein verbesserte sich, man begann griechische Klassiker zu lesen – und mit ihnen kamen die antiken Themen zur Sprache: Politik und Rhetorik. Die eigenständige Lektüre eröffnete einen neuen Zugang zum verfemten Aristoteles, insbesondere zu seinen politischen, historischen und ästhetischen Schriften. Theorien des Rechtes und der Moralität aus dem hellenischen Platonismus und aus der lateinischen Stoa wurden aufgegriffen und Versuche unternommen, sie in die Lebensführung zu integrieren.




Erasmus von Rotterdam 1466 (oder 1469)-1536

Dem an der Antike und der zeitgenössischen Politik geschulten Geist eines Erasmus von Rotterdam war die radikale Selbstaufgabe des menschlichen Willens, wie ihn Martin Luther propagierte, dessen Preisgabe an die göttliche Gnade, verdächtig. Sein kritischer Geist erkannte das totalitäre Potenzial, das in dieser Unterwerfungsbereitschaft lag, und lehnte Luthers Verabsolutierung der Gnade ab. Nicht verwunderlich ist es, dass Luther den Willen zur Freiheit von kirchlicher und adliger Vormacht, der sich in den Bauernaufständen artikulierte, zurückwies. War doch Luthers Bereitschaft zum Widerstand gegen den irdischen Stellvertreter Gottes gepaart mit seinem unbedingten Willen zur Unterwerfung unter die göttliche Autorität, die sich seinem Gewissen ohne Hinzutreten eines Mittlers offenbarte. Er verstand sich als Sachwalter Gottes auf Erden, dem Papst ebenbürtig und nicht als Sozialrevolutionär. Für ihn gab es nur christliche Freiheit, keine heidnische. Während die Bauern für die Abschaffung der Leibeigenschaft plädierten, weil Christus alle Menschen befreit habe, sah der Reformator in diesem Verständnis von Freiheit eine Verfleischlichung seines Anliegens. Aber Christus sei doch Fleisch geworden, um die Gottebenbildlichkeit des Menschen wieder herzustellen, entgegneten die Bauern mit ihren humanistischen Anwälten. Demnach seien alle Menschen gleich unmittelbar zu Gott und es könne keiner über einen andern wie über eine Sache verfügen.

Erasmus war Luthers bäurische Radikalität zuwider, er wollte das Christentum humanisieren und die antike Humanitas christianisieren. Deswegen plädierte er angesichts des Streits der Konfessionen für Toleranz, verachtete jegliche Form des Fanatismus und konnte nicht verstehen, wie Richter es wagten, Menschen wegen theologischer Streitfragen zum Tode zu verurteilen. Diese Ablehnung des Fanatismus hinderte ihn jedoch nicht daran, die sittlichen Ideale der Evangelien für jeden Menschen, der Christ sein wolle, als verbindlich und für alle Bereiche des Lebens gültig zu erklären. Die Nachfolge Christi fordert den ganzen Menschen, ist aber nicht an eine Institution gebunden. Ja, sogar Heiden oder Ketzer können Angehörige der unsichtbaren Kirche sein, während viele kirchliche Würdenträger für ihre persönlichen Zwecke missbrauchen, was Christi Namen trägt. Erasmus sieht in der Spaltung der Kirche den Beweis für die Wirksamkeit eines satanischen Geistes, der sich der Streitenden bemächtigt habe, um sie vom Geiste Christi wegzuführen.




Martin Luther 1483-1546

DQuelle der von Erasmus angestrebten Vertiefung und Erneuerung des Christentums kann nur die Meditation der Heiligen Schrift sein. Wer diese in seinen Geist aufnimmt, meint Erasmus in seinem »Enchiridion militis christiani« (Handbuch des christlichen Streiters), nimmt den Geist Christi in sich auf und wird durch ihn in seinem Wesen verwandelt. Hier kehrt der Kraft spendende Logos der Stoa, der den Menschen weise und gerecht macht, wieder. Ignatius von Loyola sollte den Gedanken des Erasmus in Machtpolitik übersetzt wenig später verwirklichen. Für Erasmus bedeutete Freiheit Zusammenwirken des menschlichen Willens mit der zur Freiheit fähig machenden göttlichen Gnade. Er erneuerte die Position des Pelagius gegen Augustinus, als dessen Wiedergänger Luther in dieser Frage erscheint.

»Verwissenschaftlichung«
Die an den Namen des Kopernikus anknüpfende Rede von der Revolution des Weltbildes trifft nur bedingt zu. Kopernikus war wohl in seiner Kernidee, der Verlegung des Zentrums unseres Sonnensystems, revolutionär (wenn auch nicht originell), nicht aber in deren Durchführung. So stützte er seine These auf zu wenige Beobachtungen und hielt an der Kreisbewegung der Planeten fest, was ihn dazu zwang, deren Bahnunregelmäßigkeiten mit Hilfe ähnlicher Konstruktionen zu erklären, wie dies die Anhänger des aristotelischen Ptolemäus taten. Erst Tycho de Brahe und Kepler sollten die kopernikanische Revolution zu einer naturwissenschaftlichen Revolution machen, Tycho durch die Schärfe und den Umfang seiner Beobachtung, Kepler durch die Systematisierung dieser Beobachtung und die Formulierung der Gesetze der Planetenbewegungen. Kepler war von der Präzision und Einfachheit seiner mathematischen Erklärungen überwältigt und rief 1595 im Vorwort seines »Mysterium Cosmographicum« aus: »Jawohl, ich überlasse mich heiliger Raserei. Ich trotze höhnend den Sterblichen mit dem offenen Bekenntnis: Ich habe die goldenen Gefäße der Ägypter geraubt, um meinem Gott daraus eine heilige Hütte einzurichten weitab von den Grenzen Ägyptens …«
Diese heilige Raserei angesichts des Projektes, die Natur in Mathematik zu verwandeln, ergriff viele Forscher neben und nach ihm. Der 1561 geborene Francis Bacon sollte 1620 in seiner visionären Beschwörung des heraufkommenden Zeitalters den Weg der Bemächtigung weisen, indem er die Wissenschaftler aufforderte, die Natur zu sezieren, um sie zur Steigerung der menschlichen Wohlfahrt zu beherrschen. In diesem naturwissenschaftlichen Projekt der Neuzeit kommt derselbe prometheische Bemächtigungswille zum Ausdruck, der nahezu alle Lebensäußerungen dieser Epoche durchdringt. Das Ideal der mathematischen Naturwissenschaft sollte im 19. Jahrhundert schließlich zum herrschenden Paradigma aller Wissenschaften erhoben werden, was fatale Konsequenzen hatte, unter denen wir noch heute leiden.

»Freiheitskampf«
Der individuelle und kollektive Expansionswille äußerte sich in den verschiedenen reformatorischen Bestrebungen, in den Freiheitsbewegungen, die nicht immer eine religiöse Zielsetzung verfolgten, aber meist eine religiöse Begründung erhielten, auch wenn sich in ihnen politisch-wirtschaftliche Interessen artikulierten. Dies zeigt sich an den Bauernkriegen, dem Kampf der italienischen Stadtstaaten gegen die europäischen Fürstenhäuser um die Vorherrschaft auf der Apenninhalbinsel oder dem Freiheitskampf der Niederlande.

Der Wille zur Macht artikuliert sich in reformatorischen wie revolutionären Bestrebungen: Der Wille zur Macht ist aber zugleich der Wille zur Befreiung von Vormundschaft, von Fremdherrschaft, von Unterdrückung und Rechtlosigkeit. Er artikuliert sich natürlich ebenso in der politischen Reaktion und Gegenreformation. Gegen Zwingli, Calvin und Luther, gegen die Wiedertäufer und andere »Sektierer« schien gezieltes, koordiniertes Vorgehen nötig. Ignatius von Loyola gründete 1534 seinen Orden, um die Irrlehren des Protestantismus zu bekämpfen, und 1545 wurde das tridentinische Konzil, das der katholischen Kirche in der Synthese des Thomismus ihre dogmatische Panzerung gegen den Ansturm der Häresie verschaffen sollte, einberufen. In den katholischen Ländern ging die Inquisition gegen die Abtrünnigen vor, aber die Protestanten standen in Unduldsamkeit und Hass den Katholiken kaum nach. Der Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 stiftete keinen wirklichen Frieden zwischen den Religionen. Zwar gestand er den Landesherren das Recht zu, über die Religion ihres Herrschaftsgebiets zu bestimmen (cuius regio, eius religio), aber was war mit den Untertanen, die vielleicht nicht die religiösen Vorstellungen ihrer Herren teilten? Sie mussten konvertieren oder auswandern.

Kriege wurden im 16. Jahrhundert im Namen der Religion geführt, auch wenn die wirklichen Interessen möglicherweise ganz andere waren. In Frankreich tobten im letzten Drittel des Jahrhunderts die Hugenottenkriege. Zehntausende wurden in der Bluthochzeit der Bartholomäusnacht (23./24. August) 1572 und den anschließenden Verfolgungen umgebracht. Millionen von Menschen fielen den über dreißig Jahre dauernden Auseinandersetzungen in Frankreich zum Opfer. Erst das Toleranzedikt von Nantes machte im Jahr 1598 der sinnlosen Selbstzerfleischung Frankreichs ein Ende.
Nicht ganz so ehrenhaft motiviert wie Luthers Glaubenskampf war die englische Reformation: Der unstillbare Hunger Heinrichs des VIII. nach weiblicher Schönheit ließ ihn die päpstlichen Moralvorstellungen verwerfen und 1534 die anglikanische Landeskirche begründen, zu deren Oberhaupt er sich selbst ernannte. Auch England blieben in der Folge kriegerische Auseinandersetzungen um die Religion nicht erspart, Maria die Katholische führte 1553 wieder den Katholizismus ein, Elisabeth, eine Tochter Heinrich des VIII., kehrte zur anglikanischen Kirche zurück. Das politische Hin und Her hinderte jedoch Shakespeare nicht daran, zu einem der größten Dramatiker der europäischen Neuzeit zu werden. Thomas Morus, der Verfasser des absolutismuskritischen Werkes »Utopia« war weniger glücklich. Er bezahlte seine Kritik mit dem Leben.

»Realpolitik«
Italien unterdessen beherbergte einige der größten Genies dieses Jahrhunderts: Unter den Renaissancepäpsten und den Medici in Florenz blühten Künste und Wissenschaften, hier schufen Michelangelo, Leonardo und Raffael ihre Werke, die wir noch heute bewundern. Auch Machiavelli ist ein Zeitgenosse dieses Jahrhunderts wie Giordano Bruno. Während aber ersterer trotz seines machtpolitischen Zynismus (oder gerade wegen desselben) der schlimmsten Verfolgung entging, bezahlte Giordano Bruno seine radikal-poetische Interpretation des kopernikanischen Weltsystems im Jahr 1600 mit dem Leben. Während die Päpste in Rom ihre Kapellen und Kathedralen mit neuem Glanz ausstatteten, bedrängten die Türken im Osten die Habsburger, belagerten Wien und erbaute der letzte große Herrscher des Osmanischen Reiches Suleiman II. in Konstantinopel die Suleimanije-Moschee.

Machiavelli erscheint wie ein Antipode zum drei Jahre früher geborenen Erasmus von Rotterdam (1469/1466). Der Bewunderer Cesare Borgias sah eine Lösung der verworrenen politischen Verhältnisse in Italien allein in der Herrschaft eines Tyrannen, eines starken Mannes, der auch unter Missachtung der bürgerlichen Freiheit und verbriefter Rechte für Ordnung sorgte. Sein pragmatischer, ja diabolischer Realismus ließ ihn alle metaphysischen und moralischen Interessen für nichtig erklären, wenn es um die Durchsetzung politischer Ziele ging. Das eigentliche Ziel der Politik ist die Erlangung und Ausübung von Macht. Wie diese erreicht wird, ist letztlich gleichgültig. Unrecht wird zu Recht, wenn der, der nur mittels Unrecht zur Macht gelangte, auch die Jurisdiktionsgewalt ausüben kann. »Wenn ich den Lauf der Welt bedenke«, schrieb Machiavelli in seinem Buch »Il Principe« 1513 (das erst 1532 veröfentlicht wurde), »so finde ich, dass die Welt stets die gleiche war. Es gab immer so viel Böses wie Gutes, aber beide wechselten von Land zu Land. So wissen wir aus der Geschichte, dass die alten Reiche durch den Verfall der Sitten bald stiegen, bald sanken; die Welt aber blieb die gleiche …«




Machiavelli 1469-1527


Machiavellis fanatische Nüchternheit machte ihn zu einem exakten Beobachter, aber auch zu einem desillusionierten Zyniker. Die Geschichte rollt in unterschiedloser Gleichförmigkeit vor seinem Auge ab. In ihr werden die Menschen von ihren Affekten so bewegt, wie die Körper durch mechanische Kräfte im Raum bewegt werden. Furcht und Begierde sind die beiden Haupttriebkräfte allen menschlichen Handelns. Furcht der Besitzenden, weil sie verlieren könnten, was sie besitzen, Begierde der Besitzlosen und der Besitzenden, weil die einen etwas, die anderen immer mehr haben wollen. Aus diesem ewigen Kreislauf der Affekte kann nur individuelle Größe befreien: eine individuelle Größe, die aber nicht darin besteht, dass »frei ist, wer sich selbst besiegt«, sondern in Raffinesse und Rücksichtslosigkeit. Der große Eine muss Klugheit genug besitzen, um die Gelegenheit zur Machtergreifung zu erkennen und Mut genug, sie nicht untätig verstreichen zu lassen. Der vom Schicksal auserwählte Führer (»principe«) kann die Masse, die sich nicht selbst aus dem Kreislauf von Furcht und Begierde befreien kann, bewegen und formen. Durchsetzungswille und Mut sind die virtú (»Tugend«) des Fürsten, sie allein vermag ihm in seinem Kampf gegen das launische Schicksal, die Mächte des Zufalls, beizustehen.

Für Machiavelli bedeutet aus der Geschichte lernen einsehen, dass der Gang der menschlichen Dinge immer in der gleichen Form verläuft. Deswegen lässt das Studium der Vergangenheit, von Bedingungen und Folgen, Ursachen und Wirkungen auch die Bemächtigung der Zukunft erhoffen: müssen doch gleiche Ursachen stets gleiche Wirkungen hervorrufen. Hier argumentiert der Italiener nicht anders als der Engländer Bacon. Moralische Kriterien haben in der Politik nichts zu suchen, was in ihr zählt, ist nichts als der Erfolg und dieser besteht im Besitz der Macht. Um sie zu erlangen, sind alle Mittel erlaubt und legitim. Denn wer sie besitzt, kann Recht und Unrecht definieren, kann die Geschichte umschreiben. In der Politik geht es nicht darum, sich selbst, sondern andere zu bezwingen.

Machiavellis persönliches politisches Ziel, dem er glühend ergeben war, die Schaffung eines italienischen Nationalstaats, hat allerdings erst Garibaldi verwirklicht. Dagegen hat seine Verabsolutierung des Staates und seine Erhebung des nationalen Interesses zur höchsten Instanz des politischen Handelns, der sich der Bürger ebenso unterordnen muss wie ein fremder Staat, nicht nur in seinem Jahrhundert bedeutenden Widerhall gefunden, sondern in die Ferne gewirkt und das moderne Staatsverständnis nachhaltig geprägt. Machiavelli war selbst von der Furcht bestimmt, von der er so beredt erzählte: Deswegen konnte er nur in Kategorien der Macht und des Machterhalts denken. Um die Existenz des Staates zu sichern, war jedes Mittel erlaubt, jeder Krieg gerechtfertigt, sowohl nach innen wie nach außen. Von den beiden Perspektiven Expansion oder Untergang, die Machiavelli den Staaten in Aussicht stellte, haben die europäischen Nationalisten bis zum Ende des 20. Jahrhunderts stets die erstere gewählt.

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