Ausstellung »Politeia. Szenarien aus der deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht«, Kommunale Galerie Berlin, bis 20.6.
Ein auf Trümmern balancierendes barfüßiges Mädchen großformatig neben Christa Wolfs Zitat: »Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.« Ein glänzender Auftakt, der das Leitmotiv einer großartig kuratierten Ausstellung anstimmt. »Politeia. Szenarien aus der deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht« zog 1999 40000 Menschen nach Bonn. Jetzt ist die wichtige Ausstellung in Berlin zu sehen. Im Oktober wird sie in Hannover auf der EXPO 2000 gezeigt.
In der Ausstellung bilden Kunst und Geschichte eine Einheit. In fünf Abteilungen entfalten sich auf drei Etagen wesentliche Stationen deutscher Nachkriegsgeschichte aus Frauensicht. Geschichte, die man zu kennen glaubt und die in Politeia doch in völlig anderem Licht erscheint. Die Ausstellung vermittelt eine für Männer unbekannte Sicht einer ihnen bekannten Chronologie.
Was zu sehen ist, wird schlicht und ohne Inszenierung mitgeteilt. »Politeia« ist keine Frauenausstellung, sondern dokumentiert, was Frauen über 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland hinweg in Ost und West gewollt, gedacht und gefühlt haben. Welche gesamtgesellschaftlichen Konzepte, Vorstellungen und Utopien sie dabei entwickelten und auch, wo sie scheiterten und auf Kritik stießen.
Den anklagenden Zeigerfinger sucht man vergebens, denn »Politeia« zeigt im besten Sinne einer Ausstellung lediglich was und wie etwas war. Die Arbeit überparteilicher Frauenausschüsse beispielsweise im Deutschland der Nachkriegszeit, von deren Existenz bisher nur Spezialisten wussten. Das schwierige Überleben nach dem Kriege bis 1948. Die Etablierung der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als das sogenannte Wirtschaftswunder begann. Später mit dem Kampf gegen § 218 in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Politisierung des Privaten, aber auch die Emanzipation in Kunst und Wissenschaft. Schließlich im fünften und letzten Raum, der die Zeit nach dem Fall der Mauer bis zur Gegenwart behandelt, Aktivitäten und Hoffnungen von Frauen auf die Realisierung ihrer Utopien. »Soviel Anfang war noch nie« und »Nur noch Utopien sind realistisch« sind hier zwei Teilbereiche überschrieben. Zu Recht, denn dahinter steht der Gedanke, dass Geschichte für Frauen eine Basis für die Gestaltung von Zukunft ist.
Geschichte stiftet Identität. Das wissen auch Männer. Geschichte ist für sie meistens die Geschichte großer Ereignisse, Heldengeschichte also. Zum Beispiel das Klischee von den Trümmerfrauen zu Kriegsende 1945. Im Gropius-Bau waren sie 1999 gleich im ersten Raum von »Einigkeit und Recht und Freiheit. Wege der Deutschen 1949-1999« zu sehen. Auch in »Politeia« kommen sie zu Wort, jedoch nicht als Heldinnen, sondern als Menschen, die angreifbar, ja verletzlich und mutig sind. Indem die Ausstellung anschaulich werden lässt, dass die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern nicht identisch sind, plädiert sie für die Wahrnehmung auch der Geschichte von Frauen.
Erstaunliches ist dabei zu erkennen. Die Instrumentalisierung der traditionellen Frauenrolle zu Beginn des Kalten Krieges durch die Kraft von Ideologien. So konnte Familienminister Wuermeling seinerzeit formulieren: »Millionen innerlich gesunder Familien mit rechtschaffen erzogenen Kindern sind als Sicherung gegen die drohende Gefahr der kinderreichen Völker des Ostens mindestens ebenso wichtig wie alle militärische Sicherung.« Zitate wie dieses, die aufhorchen lassen, finden sich mehrfach in der Ausstellung, die auch fünfzig Frauen aus Ost und West in einprägsamen biografischen Kurzporträts vorstellt.
In der Beziehung zur Kunst erfährt das Ausstellungsthema eine starke Verdichtung. Immer wieder kehrt man als Besucher zur »Schlammwäsche« betitelten Arbeit der 1925 geborenen Künstlerin Christine Merton zurück. In einem 8 x 2 Meter messenden Metallbecken befindet sich erdiger Schlamm, der über einen motorgetriebenen Mechanismus durch vier Schlammwischer bewegt wird. Für kurze Augenblicke blickt man durch den braunen Schlamm auf weißen Grund. Er zeigt Zitate aus Paul Celans Gedicht »Von Atemwende«. Nur Wortfetzen sind zu erkennen. Die Arbeit reflektiert Elemente der Lebenswirklichkeit von Frauen im Hinblick auf Geschichte ebenso wie die der jungen Künstlerin Babette Eid, die Zeitungsfotos des ersten Jugoslawienkriegs auf Zuckerbruch gedruckt und zu einem 5x3 Meter großen Arrangement auf den Boden geschüttet hat. Die »Schlammwäsche« stimmt zuversichtlich, spielt sie doch mit dem Material Erde (Schlamm) darauf an, dass aus Vergangenem Neues entsteht. Dass die deutsche Nachkriegsgeschichte mit »Wege der Deutschen« 1999 ausreichend repräsentiert worden sei, diese These widerlegt »Politeia« eindrucksvoll.
Matthias Mochner