Leserforum


Durch Zwang zur Freiheit?

Margarete Kresse: »Gesundheitsreform 2000. Gegen das Diktat der Kassen … (3/00, S. 74f.)

Bemerkungen einer gelegentlichen Patientin:
Im alten China hatte jede Großfamilie einen eigenen Arzt. Bezahlt wurde er nur, solange alle Familienmitglieder gesund waren. Gefragt waren damals Präventivmediziner.

Heute wirkt dieses Gesundheitssystem befremdlich. Doch eben dadurch zeigt es uns unsere vertrauten und daher unhinterfragten Vorannahmen. Zum Beispiel die, Gesundheit als selbstverständliche und kostenlose (oder preislose?) natürliche Ressource zu betrachten. Krankheit und insbesondere ihre Behandlung, für die alten Chinesen ein peinliches Versagen ärztlicher Kunst, erhöht nach unserer Auffassung das Bruttosozialprodukt, stellt Leistung dar, hält ganze Wirtschaftszweige in Schwung.

Und Wirtschaftszweige wollen wachsen – wer will es ihnen verdenken? Leider sind gerade in diesem Bereich Nachfrage und Kaufkraft nicht so verteilt wie in anderen Märkten. Weiteres Wachstum nur der Nachfrage droht daher das bisherige solidargemeinschaftliche Finanzierungssystem zu sprengen.

Frau Kresse sieht sich durch den Sparzwang der Krankenkassen in ihrer Entscheidungsfreiheit als Ärztin eingeschränkt. Ich sehe mich durch ihren Vorschlag einer repressiven Liberalisierung des Gesundheitswesens in meiner Entscheidungsfreiheit als Patientin eingeschränkt.

Die geforderte De-facto-Abschaffung der gesetzlichen Krankenkassen mag aus ärztlicher Sicht kurzfristig vorteilhaft erscheinen. Mehr Geld ist allein dadurch noch nicht im Topf, denn jedes private Vorsorgemodell hat seine Grenze an der finanziellen Leistungsfähigkeit der Haushalte. Mir als Patientin bleibt dabei in vielen Bereichen nur die Wahl zwischen zwei Zwängen, z.B.:

– Was kommt mich billiger? Die Risikozuschläge der privaten Krankenversicherung, sobald ich kränker oder einfach nur älter werde, oder die lebenslangen Strafzuschläge, wenn ich mich auf die Pflichtversicherung beschränke?

– Soll ich mich wirklich wegen einer Allergie behandeln lassen und eine Einstufung als Risikofall riskieren?

Warum soll ich wegen einer Grippe zum Arzt, wenn ich mir den Selbstbehalt auch sparen kann?

– Wähle ich eine Billig-Versicherung, die ich mir leisten kann, die aber mein Herzleiden von der Erstattung ausnimmt? Oder entscheide ich mich lieber für die Sklavenarbeit für den Staat, weil ich dann die daraus entstehenden Verschlimmerungen behandeln lassen kann?

Solche Überlegungen mögen auf den ersten Blick die Kosten im Gesundheitswesen senken helfen. Sie entspringen jedoch Geiz und Mangeldenken und drohen verantwortungsvolles Gesundheitsbewusstsein langfristig und gründlich zu untergraben.

Ich bin durchaus der Ansicht, dass Ärzte angemessen verdienen sollten. Ob sie ihre Ansprüche gegenüber Privatversicherern, die gerade wegen ihrer Konkurrenz zueinander unter enormem Preissenkungs- und Gewinnmaximierungsdruck stehen, leichter durchsetzen können als gegenüber weitgehend bankrotten Krankenkassen, bleibt abzuwarten. Den Hauptgewinn in dem vorgeschlagenen Modell werden vermutlich die Aktionäre derjenigen Versicherungen einstreichen, die den Neuverteilungs-Preiskampf überlebt haben werden.

Die Rechnung bezahlen, in diesem Modell wie in der Wirklichkeit, letztendlich die Patienten. An diesem Prinzip ändern auch Umschichtungen und Umbenennungen von Beiträgen, Steuern, Abgaben, Sozial- und Versicherungsleistungen nichts. Statt mit knauserigen Krankenkassen könnte Frau Kresse es also mit knauserigen Patienten zu tun bekommen, wenn ihre Vision Wirklichkeit wird.

Grundsätzlich ändern lässt sich dieses System des Mangels bei Patienten, Ärzten und Versicherungsträgern nur durch grundlegendes Umdenken. Statt den Schwarzen Peter hin- und herzuschieben, sollten wir alle an einem Strang ziehen. Und zwar in die gleiche Richtung: in die der Gesundheit. Da könnten wir von den alten Chinesen womöglich noch etwas lernen.

Julia Kunze, Wadern-Nunkirchen


Unser Thema im Mai 2000

Von der Würde des Alters

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