Thema




Abbildung 1: Phasen der hypothetischen Entwicklung der (makrosopischen) Organsymmetrie bei Wirbeltieren (nach Levin und Mercola)


Arne von Kraft

Die »Gene steuern« –
aber wo ist der »Steuermann«?
Gedanken zu zwei aktuellen Neuerscheinungen


Zwei gleichzeitig (im Herbst 1999) erschienene Bücher, die zwar nach Umfang und Zielrichtung nur bedingt vergleichbar sind, aber doch beide, bei völlig konträrer gedanklicher Stoßrichtung, Gene und Genetik (z.T. auch »Genpraxis«) zum zentralen Gegenstand ihrer Untersuchungen gewählt haben, werden im Folgenden näher unter die Lupe genommen.

Die »Gene«, vor nicht ganz 100 Jahren von Johannsen als eine »Art von Rechnungseinheiten«, aber nicht im Sinne einer atomistischen Interpretation nomenklatorisch in die Biologie eingeführt (1: Die Anmerkungen finden Sie in der Printausgabe), sind auf dem besten Wege, sowohl in Wissenschaft wie äußerer Lebenspraxis zu einer Weltmacht aufzusteigen. Dies gilt natürlich vor allem für die Biologie selbst, geht aber in der Praxis (Gentechnologie) weit darüber hinaus (Landwirtschaft, Ernährung, Embryonalforschung, Medizin etc.).

1. Herrschende Sicht der Entwicklungserscheinungen
Das Lehrbuch der »Entwicklungsbiologie« von Lewis Wolpert und Mitautoren2 wendet sich vor allem an Wissenschaftler und Studenten der Biologie (englische Originalausgabe 1998). Es ist, jenseits der wissenschaftliche Inhalte, insofern symptomatisch bedeutsam, als es in extremer Weise die heute herrschende genetische, d.h. letztlich atomistisch-reduktionistische Sicht- und Interpretationsweise der Entwicklungserscheinungen innerhalb der Biologie erkennen lässt. Wer als Biologe noch mit der »klassischen« Entwicklungsbiologie (H. Driesch, H. Spemann, O. Mangold, F. Seidel, P. Weiss usw.) aufgewachsen ist, dem kann sich nach dem Studium des »Wolpert« ein vorwissenschaftliches »Credo« von (für den Autor) axiomatischem Charakter aufdrängen, welches lautet: Es gibt (auch) im Lebendigen nur Stoffliches, Moleküle, Gene, Zellstrukturen usw. und an Stofflichkeit gebundene Energie. Demgemäß muss »prinzipiell« hieraus auch alles im Organischen, speziell auch dessen Entwicklung abzuleiten, zu »erklären« sein. Es ist die Grundthese eines atomistischen Reduktionismus, und seine Elemente oder »Teilchen« sind zunächst die Zellen, »darunter« dann die Gene und Moleküle. Aus der Fülle von Formulierungen, welche dies belegen, nur zwei Zitate: »Die Entwicklungsbiologie befasst sich mit einer Kernfrage der gesamten Biologie: Wie steuern Gene im befruchteten Ei das Verhalten der Zellen im Embryo und somit (!) auch dessen Organisation, Gestalt und einer großen Teil seines Verhaltens?« (Vorwort). »Entwicklung ist das Ergebnis von koordiniertem Zellverhalten. […] Da das Zellverhalten von Genen gesteuert wird, verbindet die Zellbiologie die Genaktivität mit den Entwicklungsvorgängen.« (S.25).

Zelluläre Interpretation der Entwicklung
Ein bemerkenswert anthropomorpher Schlüsselbegriff, den Wolpert selbst vor etwa 30 Jahren kreiert hat – er ist längst weitgehend in den allgemeinen Begriffsschatz der Entwicklungsbiologen eingegangen –, ist der Begriff der »Positionsinformation« (»position information«). Er hängt aufs engste mit einer konsequenten, rein zellulären Sicht- und Interpretationsweise der Entwicklung zusammen. Eine Kurzdefinition von Wolpert lautet: »Zunächst erlangen die Zellen eine Information über ihre Position (im Embryo, v.K.), und dann interpretieren sie diese Information entsprechend ihrem genetischen Programm.«3 Hinzu kommt die »Vorstellung, dass ein Konzentrationsgradient (ein Substanzgefälle, v.K.) bei einer bestimmten Schwellenwertkonzentration Gene (innerhalb einer Zelle oder einem Zellverband, v.K.) aktiviert« (S.105). Die so entscheidende »zeitliche Steuerung«, der »Steuerungsmechanismus, der während der Entwicklung wirksam sein könnte«, wird mit einem »Mechanismus nach dem Prinzip der Sanduhr« verglichen (S.103). Typisch ist hier, wie Gedankenartiges (»Information«) unmittelbar mit Physikalisch-Chemischem bzw. Mechanischem verbunden wird (s.u.).

Nun zur Problematik des Gen-Begriffes. Nach den Untersuchungen bei der Fruchtfliege Drosophila sind gemäß Wolperts Ausführungen nach Zeitpunkt und Art der Genaktivitäten verschiedenartige Gene (»Schlüsselgene«, »Paarregelgene«, »Lückengene«, »Selektorgene« usw.) zu unterscheiden: »Die Entwicklungsgene sind in einer genau festgelegten zeitlichen Reihenfolge aktiv. Es bildet sich eine Hierarchie der Genaktivitäten« … (S.146), wobei bereits der wesentliche, ja entscheidende Zeitaspekt einer für die geordnet-harmonische Gesamtentwicklung notwendigen Genaktivität mit einer rein atomistisch-stofflich vorgestellten Genwirksamkeit schwer vereinbar erscheint. Als typisch für die hier bestehende Problematik mag der Satz gelten: »Für die Entwicklung dreht sich … alles um die Frage, ob in den richtigen Zellen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Gene an- und abgeschaltet werden« (S.17). Es ist die Rede vom »Muster der Genaktivität« als »Schlüssel zur Zelldifferenzierung« (S.311). – Besonders hervorzuheben und strikt einer Autonomie einzelner Gene widersprechend ist die vielfältige Abhängigkeit von Genen bzw. Genwirkungen von verschiedenen »Faktoren« wie »Transkriptionsfaktoren« (regulatorischen Proteinen), Proteinen, Wachstumsfaktoren, »äußeren Signalen« usw., was dem »zentralen Dogma« der Genetik im Prinzip widerspricht, wie Peter Heusser im Detail ausgeführt hat.4 Dass hier in Wirklichkeit äußerst komplizierte, gleichsam netzartige Wirkungszusammenhänge bestehen (S. 319), lässt anstelle einer »punktuellen« Gen-Kausalität viel mehr an eine Art »Netzwerkkausalität« denken. Hinzu kommen viele interpretatorische Problemfälle (S.122-25, 315, 451), die sich z.B. unter Begriffen wie »synergistische Wechselwirkungen« (S.123) zeigen. Dem ursprünglichen einfachen Gen-Argumentieren jedenfalls widersprechen sie eindeutig. Auf gravierende »Gen-Probleme« weist Peter J. Beurton5 in einer speziellen Untersuchung hin. Sie veranlassen ihn z.B. zu Formulierungen wie: »Die DNA-Fäden scheinen von größerer Realität, während die Gene ephemer (vorübergehend, v.K.) sind« … Alles zusammen bestätigt und erhärtet das Urteil von Helmut Kiene6: »Es kann gar keine Erbfolge so regelwidrig sein, dass dadurch das Genmodell falsifiziert wäre; denn dieses Modell ist argumentativ immunisiert.« Außerdem hat es »keinen positiven Erklärungswert« (S.215).

Das Gen-Denken unserer Zeit
Sehr typisch für das »Gen-Denken« und »-Interpretieren« sind die vielfältigst gebrauchten sprachlichen Anthropomorphismen bzw. Metaphern wie »Information«, »kontrollieren«, »steuern«, »an- und abschalten«, »festlegen«, »entscheiden«, von »Bauanleitungen«, »internem Wachstumsprogramm«, »Signalen« (»Signalproteine«, »Signalmoleküle«, »Signalgradienten« usw.), von »molekularen Mechanismen«, »Transkriptionsmaschinerie« usw. Im Ganzen genommen entsteht das Bild einer hypothetisch erdachten, hochkomplizierten Quasi-»Lebensmaschinerie« und damit einer die spezifische Eigenwirklichkeit des Lebendigen ignorierenden, untergeschobenen hypothetischen »Ersatzwirklichkeit«.*

Als kleines, aber ungemein typisches und anschauliches Beispiel für das reduktionistische »Von-unten-nach-oben-Denken« im »Erklären« der makroskopischen Phänomene sei der Versuch einer Erklärung der Körperasymmetrie innerer Organe (Darmtrakt, Herz u.a.) bei Wirbeltieren angeführt. Bei Wolpert heißt es da (S.83): »Der molekulare Mechanismus für die Seitenausrichtung der Organe ist zwar nach wie vor ein ungelöstes Rätsel, man nimmt jedoch an, dass dafür auf molekularer Ebene eine Asymmetrie vorhanden sein muss, die dann auf die zelluläre und multizelluläre Ebene übertragen wird« (Abb.1)7

Wie der Autor (L.Wolpert) selbst den Erklärungswert seines Gedanken-Modells der »Positionsinformation« (etc.) einschätzt, lässt ein Zitat aus einem früheren Artikel von ihm3 erkennen: »Ich habe versucht zu zeigen, dass sich die Bildung biologischer Muster (grundlegende Gestalt- und Organisationstypen, v.K.) erklären und studieren lässt, wenn man annimmt, dass die Eigenschaften einer Zelle auch von ihrer Position in einem sich entwickelnden Gewebe abhängen können. Über die molekularen Ereignisse, die dieser Erscheinung zugrundeliegen, wissen wir nichts. Wir haben keine Antwort auf die Fragen, wie das Positionssignal gegeben wird, wie die einzelne Zelle das Signal entschlüsselt, wie sie sich ihre Position „merkt” und vor allem, wie sie dieses „Wissen” so interpretiert, dass ihre weitere Entwicklung in einer unverwechselbaren Richtung verläuft.«

In scharfem Kontrast zur Detailgenauigkeit Wolperts bezüglich der genetischen Befunde und ihrer Deutung steht seine Ignorierung oder bestenfalls oberflächliche Behandlung vieler wesentlicher Befunde der »klassischen« Entwicklungsbiologie. Diese Befunde haben von Anfang an (Ende des 19. Jahrhunderts, Wilhelm Roux, Hans Driesch usw.) zu fortlaufenden differenzierten und sich lebendig fortentwickelnden Diskussionen und Theorien, die teilweise weit in den naturphilosophischen Bereich hineinragten, geführt (z.B. bei Hans Driesch8, Hans Spemann9, Paul Weiss10 u.a., s. die eingehenden Untersuchungen von Reinhard Mocek11). Von alldem ist bei Wolpert so gut wie nichts zu vernehmen. Seine selbstgezogenen engen Gedankenbahnen zeigen sich beispielhaft deutlich in seinem Umgang mit der Tatsache der »Regulation«: die im Extremfall totale Umordnung und Umgestaltung eines (z.B. experimentell) schwer geschädigten Keimes, aus dem am Ende eine mehr oder weniger harmonisch und normal gebildete Larve oder reife Ganzbildung hervorgeht (z.B. in Drieschs Seeigelversuchen).

Heusser4 formuliert hierzu treffend: »Die Verwirklichung der organischen Gesamtinformation kann sich offenbar von der Gestaltung des organischen Materials lösen und in völlig neuer Weise wieder damit verbinden. Das beweist prinzipiell, dass die Planung oder Regulation dieser organischen Gestaltung von einer dem Stoff übergeordneten Ebene aus vorgenommen wird (S.147). Wolpert weiß zu den Regulationsphänomenen auf Grund seines total »zellfixierten« Denkens nur die »Erklärung« von »Zell-Interaktionen« oder Zell-»Wechselwirkungen« (S.106 u.a.), eine inhaltsleere Abstraktion ohne jeglichen Erkenntnis- oder Erklärungswert!

(Es sei noch kurz angemerkt, dass die auf dem hinteren Buchdeckel abgedruckten Rezensionen von Kollegen durchweg sehr positiv ausgefallen sind, wodurch sich zeigt, dass Wolpert und Mitarbeiter sich vollkommen im gegenwärtig herrschenden Entwicklungsdenken bewegen.)

2. Phänomenologische Ganzheitsbetrachtung
Aus der großen Zahl grundlegend wichtiger Erkenntnisse der (nichtgenetisch orientierten) Entwicklungsforschung lassen sich entscheidende Argumente gegen den einseitigen genetisch-molekularbiologischen Reduktionismus gewinnen (s. die »Regulation«). Einen anderen Weg beschreitet Craig Holdrege in seinem ebenfalls 1999 erschienenen Buch »Der vergessene Kontext – Entwurf einer ganzheitlichen Genetik«12. Er wendet sich an einen großen, nicht unbedingt fachlich vorgebildeten Leserkreis mit dem Ziel, den gedanklichen und methodischen Reduktionismus der heutigen Biologie, insoweit sie genetisch orientiert ist, und die hieraus entspringenden Folgen darzustellen und in gewisser Weise zu korrigieren. Eine Korrektur kann aus einer phänomenologischen Ganzheitsbetrachtung (»kontextuelles Denken«) erwachsen, welche die aus dem natürlichen Zusammenhang herausgelösten oder experimentell erzeugten »Einzeltatsachen« (dem »Gegenstandsdenken« gegeben) erst aus der Gesamtheit heraus sinnvoll und verständlich erscheinen lässt.




Abbildung 2: Löwenzahnpflanzen auf verschiedenen Standorten (nach Holdregde)

Zur Einführung lässt der Autor den Leser anhand von einfachen Pflanzenbildern und Pflanzenblätter-Reihen an dem plastisch-gestalthaften und zeithaft-prozessualen Wesen der Pflanzen teilnehmen. In eindrucksvollen Bildvergleichen ist das außerordentlich starke Einverwobensein der Pflanze in seine Umgebung (Standort, Boden, Klima) erkennbar, bedeutsam vor allem unter dem Aspekt der Vererbung. Bei der plastisch-veränderlichen artgemäßen Pflanzengestalt geht es weniger um die Weitergabe von Einzelmerkmalen, sondern um einen umfassenderen Gestalt- und Entwicklungscharakter innerhalb einer Art – der Genetiker spricht hier von »Reaktionsnorm« –, der ein »bewegliches Denken« erfordert, welches »das Feste der Objekte überwindet und den Prozessen selbst folgt« (S.52, Abb.2).

Holdrege geht danach detailliert auf die Geschichte der Genetik und ihre Problematik (s.o.) ein. Die reduktionistische Entwicklungslinie, die mit Gregor Mendels Beobachtungen, Versuchen und Deutungen beginnt und beim genetischen Code der DNA-Doppelhelix und dem »zenralen Dogma der Molekularbiologie« (Crick und Watson) zunächst endet, könnte etwa in Kürzestform so skizziert werden: Einzelmerkmale – Versuche mit quantifizierter Auswertung – Suche nach Verdinglichung »fester« »Faktoren« – Zellkern/Chromosomen – Chromosomenörter – DNA – »genetischer Code« / Proteinsynthese. Der Verfasser konstatiert »dass schon bei Mendel eine Vergegenständlichung des Faktors oder Genbegriffs im Kern angelegt ist. Mendel begreift Faktoren als unbelebte Gegenstände, die sich wie feste Körper gegenseitig ausschließen, einander nicht durchdringen. Es sind getrennte, beständige Einheiten« (S.61). Sodann werden die »Komplikationen« der Genetik unter Anführung etlicher Beispiele zur Sprache gebracht. Zitate des Verfassers aus einem »Gen-Buch« von E.P. Fischer13 fügen sich nahtlos an das oben (Wolpert,Beurton) Erwähnte an. – In einem kurzen Kapitel »Das Phantom der totalen Reduktion« analysiert Holdrege nochmals zusammenfassend in brillanter Weise den »methodischen Reduktionismus« und schreibt resümierend (S.89): »Wir projizieren einen ganzen Erkenntnisprozess in einen Stoff hinein. Wir verstofflichen unser begriffliches Verstehen.« Und wenig später: »Wissenschaft bedeutet immer eine gedankliche Durchdringung und Ordnung von Erfahrenem. […] trotzdem gilt die Suche nach den zugrundeliegenden stofflichen Ursachen als Ideal.« (Siehe das zu Anfang genannte »Credo«!). Und schließlich (S.90): »Die materielle Ursache, auf die alles zurückgeführt werden kann, ist ein Phantom.«

Als-ob-Begriffe und Tatsachen
Vielleicht am unverhülltesten kommt die genetisch-reduktionistische Denkweise zum Vorschein beim sogenannten Human-Genom-Projekt, dem »Versuch, in internationaler Zusammenarbeit alle menschlichen Gene zu bestimmen und zu kartieren«, ein Vorhaben, nach F. Collins »das wichtigste und bedeutendste Projekt, das die Menschheit jemals unternommen hat« (zitiert in Kolata, Holdrege S.82). Und der Genetiker Weißmann meinte 1983: »Wir Menschen könnten durch ein Inventar unserer Gene und ihrer Funktionen zur Selbsterkenntnis gelangen« (S.86). Ein krasserer gedanklicher Reduktionismus mit daraus resultierender Illusion, ist schwerlich vorstellbar. Der Genetiker J.S. Jones meint treffend: »Das langweiligste Buch der Welt wird die vollständige Sequenz des menschlichen Genoms sein: 3000 Millionen Buchstaben lang, ohne ausmachbare Handlung, Tausende Wiederholungen desselben Satzes« […](usw.) […] Die Gensequenzierung folgt einem bis zum äußersten reduktionistischen Programm« (S.86).

In einem kurzen, substanziell wichtigen Kapitel geht der Verfasser auf die Sprache der Genetiker ein (s.o.). Er betont, dass die geläufigen und gleichzeitig mechanistischen Begriffe wie »Information«, »genetische Kontrolle«, »genetisches Programm«, »anschalten«, »abschalten« der Gene usw. Metaphern sind, die keine Tatsachen darstellen, sondern als hypothetische Interpretationen gewertet werden müssen. Holdrege weist ferner auf die bedenkliche Tatsache hin, dass die als »Als-ob-Begriffe« kennzeichenbaren Formulierungen schon für die Wissenschaftler selbst, aber sicher noch mehr von der allgemeinen Öffentlichkeit und von Schülern fälschlicherweise als Beschreibung von Tatsachen genommen werden (oft auch infolge apodiktischer Formulierungen), was dann im Endeffekt auf eine regelrechte Irreführung hinausläuft (S.120). Treffend wird vom Verfasser die »Sprache der Genetik als mechanistisch und anthropomorph beschrieben. Ersteres verleiht den Darstellungen scheinbar Festigkeit und Klarheit, letzteres Sinn. Damit versuchen die Genetiker, die Wirklichkeit, die sie vorher im analytischen Verfahren geopfert haben, zu rekonstruieren.« (S.121).

Kommerzialisierung der Lebensbedingungen
In den der »manipulatorischen« oder praktizierten Genetik gewidmeten Teilen des Buches wird zunächst das Bestreben zurHandhabung immer kleinerer und damit gleichzeitig untypischerer Organismen angezeigt bis hin zu den Viren. »Je mehr wir uns der Gensubstanz nähern, desto größer wird die Macht der Manipulation und desto weniger sind die Charakteristika des Lebens vorhanden, auf die der Wissenschaftler eingehen muss.« (S.102). Es folgen Ausführungen über die Gewinnung von DNA in methodischer Hinsicht sowie darüber, was die DNA »ist«, »als isolierte Laborsubstanz inaktiv« (S.104), real wirksam erst im Organismus, in welchem »Substanzen Prozesse und keine Dinge« sind (S.105). Stets wird vom Verfasser in differenzierter Weise das methodische Vorgehen des Wissenschaftlers sowohl im Labor als auch im denkerischen Verarbeiten der empirisch gewonnenen »Fakten« beschrieben und bewertet. Dies geschieht auch bei der so akuten praktischen Beurteilung der Gentechnologie und ihrer Anwendungsgebiete.

Wenn man »von der Art absieht, um die Vererbung isolierter Merkmale zu studieren«, so liegt es nahe, Artgrenzen überschreitend aus unterschiedlichen Gründen »transgene« Pflanzen oder Tiere im Labor »herzustellen«: »Im entstellten, zusammengebastelten Charakter transgener Pflanzer und Tiere kommt das Gegenstandsdenken treffend zum Ausdruck« (S.124f.). Versuche mit Mäusen und Rindern werden beschrieben. Um den Aufwand solcher Experimente zu illustrieren: Von insgesamt ursprünglich 2470 von Rindern entnommenen Eiern werden am Ende 19 Kälber geboren, von denen schließlich 2 Kälber transgen waren, eines davon nur teilweise (S.112f.). Auch bei Pflanzen wurden entsprechende Versuche unternommen (z.B. mit Mais – Petunien). Die bisherigen Versuche deuten darauf hin, dass man in hohem Maße im Undurchschauten »bastelt« – der bedeutende Biochemiker Erwin Chargaff spricht geradeswegs von der »genetischen Bastelsucht«! – und teilweise bedenkliche, unvorhersehbare Schäden auslöst (Bt-Mais und Monarchfalter, Versuche mit Schweinen, S.116f.). »Die derzeitig zu ziehende Lehre aus der Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft heißt: Erwarte des Unerwartete« (S.116).

Ich-Tätigkeit – was den Menschen zum Menschen macht
Für die Gesamtsituation der Genetik, Gentechnologie sowie der damit oft zusammenhängenden kommerziellen Interessen äußerst vielsagend ist das Kapitel »Die Kuh: Organismus oder Bioreaktor?«. Die wirklich schauderhaften Details dieses Berichtes sind ihres symptomatischen Charakters wegen lesenswert. Wenige Kurzzitate müssen genügen: »Die Betrachtung der Kuh als Mechanismus zusammen mit einer einseitigen ökonomischen Perspektive, die den Kostenfaktor betont, sind zur vorherrschenden Sichtweise geworden. Das trifft insbesondere für die Gentechnologie zu« (S.131). Die Kühe werden nicht als eine »kleine Welt« betrachtet, die »um ihrer selbst willen und durch sich selbst da ist« (S.136), sondern dienen als »kommerzielle Bioreaktoren« (S.132), teilweise offenbar mit beeinträchtigter Gesundheit. Und außerdem: »Es ist absurd, ein Produkt zur Steigerung der Milchproduktion herzustellen, wenn Milch bereits im Überfluss erzeugt wird.« Hier kommen jenseits gentechnologischer Praktiken noch massive wirtschaftliche, soziale und ethische Interessen bzw. Probleme ins Spiel. Fragen der Ethik und Verantwortung im Wissenschaftsbetrieb werden in einem anschließenden Kapitelchen behandelt und kommen auch im Schlusskapitel »Vererbung und Mensch« zur Sprache. Hierbei wird an wenigen Beispielen die wesentliche Bedeutung der Ichheit und Ich-Tätigkeit, die jenseits der Vererbung den Menschen erst zum Menschen macht, aufgezeigt. Sehr beachtlich auch sind Gedanken im Unterkapitel »Wir und unsere Gene«, in dem u.a. die Gene nicht als Verursacher von normalen Funktionen diskutiert werden, sondern als »notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingungen« (S. 152) derselben, eine mir sehr wichtig und richtig erscheinende Bewertung. Die strikte gedankliche Unterscheidung zwischen Ursachen und Bedingungen in der Entwicklung ist allgemein als essenziell zu betrachten.

Nach Ausführungen über »Klonen und das Gespenst der exakten Kopie« werden in Unterkapiteln »Die Gentechnik beim Menschen« Probleme der Diagnose (Amniozentese, Präimplantationsdiagnose) und der »somatischen Gentherapie«, der »Keimbahnmanipulation und das Klonen von Menschen« immer akuter werdende Gefahren und Möglichkeiten des »Objektes Mensch« behandelt. Hierbei kommt den Fragen der Verantwortung und einer der Menschenwürde adäquaten Ethik des Verhaltens innerhalb der gentechnologischen Praxis naturgemäß ein besonderes Gewicht zu. Im Schlusswort zitiert Holdrege Hegel: »Das Denken „ist es, welches die Wunde schlägt und dieselbe auch heilt”« (S.183). Das intellektuelle analysierende, trennende und lebendige Zusammenhänge zerreißende »Teilchendenken« (auch »Gegenstandsdenken«) setzt Wunden, zunächst gedanklich-theoretischer, dann auch praktischer Art. »Zur Heilung dieser Wunden können wir beitragen, wenn wir die Erscheinungen – uns selbst mit eingeschlossen – nicht mehr nur in ihrer Isoliertheit betrachten. Wir können den Kontext wiederherstellen, den unser Intellekt bis dahin ignoriert hat.« Darüber hinaus fordert jeder Organismus eine »Beweglichkeit unseres Denkens heraus. Möglicherweise besteht die größte Hürde darin, das Gen neu denken, es als Teil eines lebendigen Organismus sehen zu lernen« (S.184).

Das Wichtige und Verdienstvolle von Holdreges Buch scheint mir vor allem darin zu liegen, dass er die historisch gewordene Eigenart und Einseitigkeit der heutigen Genetik mitsamt ihren teilweise problematischen Praktiken scharf und detailliert herausgearbeitet hat. Darüber hinausgehend weist er in die Richtung, die beschritten werden kann, um aus der bestehenden herrschenden Gedankenenge der genetischen Lebensinterpretation herauszufinden in eine phänomenologisch wie gedanklich lebendige und weite Erfassung des Lebendigen.

3. Frage nach dem Ordnungsgefüge – dem Ätherischen
Die Gene »steuern«, aber das »Wie« und »Wodurch« bleibt in der gegenwärtigen Biologie unbeantwortet. Wolpert bringt in seinem Buch eine Fülle von Befunden über Gen-Wirkungen, ohne eine solche zentrale Frage auch nur im Entferntesten zu stellen. Seine eigenen Ausführungen, die kritische Übersicht von Beurton wie Darlegungen von Heusser und Holdrege bestätigen und erhärten, was vor fast 40 Jahren Hermann Poppelbaum in den kurzen Satz fasste: »Die Konzeption des Genmonopols hat sich im Gestrüpp widersprechender Tatsachen tot gelaufen« (S.44).14 Dessenungeachtet ist die Überschätzung der Zellen- und Gen-Wirksamkeiten als Ausfluss einer atomistisch-reduktionistischen Glaubensüberzeugung und Denkrichtung heute unter Entwicklungsbiologen und Genetikern wahrscheinlich ausgeprägter denn je. Theoretische Bedenken hiergegen oder andere Grundvorstellungen wie beispielsweise das Konzept des Morphogenetischen Feldes (Alexander Gurwitsch, Paul Weiss, neuerdings Rupert Sheldrake) werden nicht (mehr) für diskussionswürdig gehalten. Paul Weiss spricht in diesem Zusammenhang von »selbstverschuldeter Blindheit« (S.20) und behandelt in einer hervorragenden Untersuchung15 das Dilemma des weithin herrschenden entwicklungsbiologischen Weltbildes, das er treffend »mikromechanistisch« und »naiv« bezeichnet (S.17). Man kann den Eindruck gewinnen, dass Weiss den »Steuermann« der Gene und Zellen gleichsam umrisshaft in der Richtung sieht, in der er zu suchen ist. Er erkennt im Organismus eine in sich gegliederte Ganzheit oder ein »System«, in welchem »die Struktur des Ganzen die Tätigkeit der Teile« bestimmt (S.22). Man kann »die lebendige Form im Wesentlichen als einen sichtbaren Indikator für – oder Hinweis auf – die Dynamik der ihr zugrunde liegenden Formungsprozesse ansehen. Die Zellstruktur gibt uns […] Aufschluss über nicht unmittelbar wahrnehmbare Dinge […]« (S.34f). Das gedankliche Niveau solcher und anderer Sätze von Paul Weiss ist heute leider weitestgehend verlorengegangen.

Die bis heute wichtigsten und relativ konkretesten Ausführungen über den »nicht unmittelbar wahrnehmbaren« Steuermann findet man noch immer bei Hermann Poppelbaum.14/16 Der auf Rudolf Steiner zurückgehende Begriff des »Ätherleibes« oder »Bildekräfteleibes« – ein der übersinnlichen Anschauung direkt abgewonnener formgestaltender und -umgestaltender, die Entwicklung wie die spezifischen Lebenserscheinungen tragender Kräfte-»Leib« oder »Zeitenleib« – kann zunächst in rein gedanklicher Hinsicht, zumindest als eine Art »Arbeitshypothese« dienen, zum Verständnis von organischer Entwicklung und Formbildung in der Natur wie auch im Phänomengebiet der experimentellen Morphologie (Näheres s. Poppelbaum14/16). Wenn sich für Wolpert in der Entwicklung »alles um die Frage« dreht, »ob in den richtigen Zellen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Gene an- und abgeschaltet werden« (S.17), so entspricht dieser aus einem reduktionistischen Zell- und Gen-Denken erwachsenen Fragestellung in gewisser Weise die Antwort von Poppelbaum, die er in kürzester Form gibt als Charakterisierung vom »Bildekräfteleib als räumlich dirigierender und zeitlich disponierender Entität« (S.4614). Und wenig später (S.47f.) eine logisch zwingende Schlussfolgerung: »Das steuernde Kraftgefüge kann nicht wiederum selbst auf der Ebene des »Gesteuerten« liegen. Es muss selber ein Ordnung erweckendes Gefüge sein, das den Organismus vor der chaotisierenden Einwirkung der Umwelt schützt.«

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