Brennpunkte


Erneute Rassismusvorwürfe gegen Waldorfschulen
Vormundschaft über das Geistesleben

Im Rahmen der Fernsehsendung Report strahlte die ARD am 28. Februar 2000 einen Beitrag über Rassismus an Waldorfschulen aus.

Seitdem nun seit einigen Jahren, vor allem in schriftlichen Publikationen von selbsternannten »Aufklärern« das Gerücht genährt wurde, durch Waldorfschulen würde die (angeblich) »rassistische Ideologie« der Anthroposophie verbreitet, hat sich nun auch ein Redaktionsteam des Ersten Deutschen Fernsehens dazu hinreißen lassen, diesen Unsinn zu thematisieren. Die ungeheure Schlampigkeit der Recherche dieser Reportsendung gibt kaum Anlass, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen, doch ist es sinnvoll, an die Symptomatologie dieses Vorganges einige Anmerkungen anzuknüpfen.

Nun: Es ist ja durchaus legitim, dass (ehemalige) Eltern, (ehemalige) Schüler und (ehemalige) Lehrer ihre in der Schule gemachten (schlechten) Erfahrungen zur Sprache bringen. Auch ist es gewiss zutreffend, dass einzelne Lehrerpersönlichkeiten zum Teil unqualifiziertes Wissen und – solche Fälle gab es möglicherweise auch an Waldorfschulen – an Rassismus grenzende »Gesinnungen« zu vermitteln versuchten. Problematisch wird es jedoch dort, wo diese konkreten Einzelerfahrungen und Antipathien mit fadenscheinigen Verallgemeinerungen – aus dem Zusammenhang gerissenen und ohne exakte Literaturangaben veröffentlichten Zitaten – zur Diskreditierung einer mehrere hundert Schulen zählenden Bewegung herangezogen werden. Und wenn diese Vorgehensweise in diesem Fall nun auch noch dazu dienen soll, »rassistische Tendenzen« aufzuzeigen, dann ist die Perfidie komplett, denn eine solche Vorgehensweise ist selbst nichts anderes als eine subtile Form zur gruppenhaften Ausgrenzung und Diffamierung. Das zum Grundsätzlichen.

Man wird kaum Waldorflehrer finden, die nicht in aller Selbstverständlichkeit jegliche »rassistische Gesinnung« weit von sich weisen, doch ist damit offensichtlich noch nicht der Kern der Problematik getroffen. Die Vorwürfe zielen ja tiefer: Es wird behauptet, dass die Anthroposophie selbst »rassistische Thesen« beinhalte und dass es an der Zeit wäre, »sich kritisch mit dem Vater der Waldorfschule, Rudolf Steiner, auseinanderzusetzen«, um sich öffentlich von diesen angeblichen »Thesen« zu »distanzieren«. Nicht wenig zum gegenwärtigen Aufkochen des Themas haben nun u.a. gerade diejenigen »Insider« beigetragen, die sich von diesen Behauptungen irritieren ließen und diese »Distanzierungen« tatsächlich meinten öffentlich vornehmen zu müssen.

Wer sich wirklich mit dem Steinerschen Werk auseinandersetzt, der wird erkennen, dass diese sogenannten »rassistischen Thesen« ausschließlich nur Ausdruck billiger und oberflächlicher Vorurteile sind. Wer von einzelnen Worten im Steinerschen Werk – wie etwa dem im Zusammenhang mit seiner geisteswissenschaftlichen, »vorhistorischen« Atlantisforschung verwendeten Wort »Arier« – auf eine Verwandtschaft zu Adolf Hitlers gleichlautendem Begriffskonglomerat schließt, der übergeht das Wesentliche: In der nationalsozialistischen Ideologie ist der Mensch durch seine »Rasse« definiert; Rudolf Steiners gesamtes Wirken aber ist gerade darin begründet, aufzuzeigen, wie der Begriff der Rasse und in seiner Erweiterung der Begriff der Volksnation als die eigentlichen Anachronismen für das soziale Leben anzusehen sind. Den einzelnen Menschen sieht Steiner gerade nicht durch Rasse, Geschlecht oder Glaubensbekenntnis etc. definiert, sondern als sich entwickelnde einmalige Individualität. Nirgends findet sich in Steiners Biografie eine Sondierung z.B. seiner Mitarbeiter nach rassistischen oder sonstigen Gattungskriterien. Doch geht es in dieser ganzen Verketzerungs-Debatte ja gar nicht um Steiner als Privatperson, sondern um viel Weitreichenderes: Gerade Hitler hätte sich nicht entfalten können, wenn Rudolf Steiners starker Einsatz gegen die Thesen Woodrow Wilsons vom »Selbstbestimmungsrecht der Völker« und andererseits Rudolf Steiners eigene Bemühungen für das »Selbstbestimmungsrecht des individuellen Menschen« wacher aufgenommen worden wäre.

Die Globalisierung der Wirtschaft überbrückt mittlerweile längst die nationalen Grenzen zu einer Welt-Wirtschafts-Gemeinschaft. Soll diese Liberalisierung der Wirtschaft nicht zu sich immer weiter verschärfenden Unterdrückungs-Strukturen führen, gilt es gerade, Impulse aufzugreifen, wie sie bereits Rudolf Steiner 1919 mit der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus thematisierte. Und das heißt vor allem: Dass der Staat nicht nur die Wirtschaft in die Selbständigkeit entlässt, sondern insbesondere auch, dass er Bildung und Kultur in die Autonomie der Individuen übergibt, also den Weg zur Freiheit des Geisteslebens eröffnet. Wird das Individuum befreit von staatlicher Bevormundung, dann kann sich auch eine seelenvolle Volkskultur (Sprachkultur etc.) bilden – nicht aber umgekehrt. (Die ganze türkische Kurdenproblematik ist nachweislich im Kern nicht Ausdruck des Strebens nach territorialer, sondern nach kultureller Autonomie). Und nun sind wir beim in dieser ganzen Rassismus-Debatte verschleierten eigentlichen Kernpunkt angelangt: Der Kampf gegen den »ethnischen Rassismus« ist erst dann glaubwürdig, wenn auch die staatlich verordnete Bildungs- und Kulturbevormundung, die ihrer Qualität nach rassistisch, nämlich ausgrenzend wirkt, bewusst überwunden wird. Gerade die bis heute noch kaum diskutierte staatliche Veranstaltung von Kultur und Bildung ist nicht nur eine schwerwiegende Manipulation des sozialen Lebens, sondern im Kern auch die zentrale Erbschaft der falschen Denkansätze des 18./19. Jahrhunderts.

Die Überwindung dieser unzeitgemäßen vormundschaftlichen Bindung des Geisteslebens an den Staat kann zur verbindenden Aufgabe aller Menschen werden. Da darf man sich auch in Waldorfzusammenhängen nicht gemütlich zurücklehnen, denn diese Aufgabe ist viel tiefgreifender anzugehen, als dies etwa im Rahmen des Bundes der Freien Waldorfschulen bis heute gepflegt wurde. Wenn nicht durchschaut wird, dass die Un-Selbständigkeit der Schulen auch damit zusammenhängt, dass man bis heute (bittstellerhaft) Politikern zugesteht, über die Verteilung der Steuergelder das Geistesleben zu lenken, dann wird man im Laufe der zunehmenden Verknappung der Staatsgelder nicht in der Freiheit, sondern in gesteigerter Verknechtung oder Elitarisierung landen.

Hier liegen die eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen »Rassismus-Debatte« und der Grund, warum überhaupt die Waldorfschulen in dieser Weise in die öffentliche Kritik geraten können: Weil sie selbst noch nicht wirklich freie Schulen sind, sondern durch die an den Bund der Freien Waldorfschulen deligierte Aufsicht immer noch unter der indirekten Staatsdirektive stehen – und deshalb als System-Schulen wahrgenommen werden.

Dieser Zustand kann nicht von heute auf morgen überwunden werden, doch muss er begriffen werden! Damit auch die Menschen aus dem Zusammenhang des Bundes der Freien Waldorfschulen in die eigentliche Aufgabe der Zeit einklingen können: einen lebendigen »Bund für ein freies Geistesleben« zu bilden. Denn, genauso wie es primär nicht mehr um »Selbstbestimmung der Völker« geht, so geht es auch nicht um die »Selbstbestimmung der Institution Schule«… Nein, freie Schulen können nur aus dem freien, initiativ-selbstbestimmten Zusammenwirken individueller Menschen hervorgehen.

Thomas Brunner
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