Natur & Umwelt

Bärlauch





Selbst wenn es noch einmal schneien sollte und manche Nacht noch Frost bringt – der April ist für derartige Kapriolen ja sprichwörtlich bekannt –, so denkt doch niemand mehr an den Winter. Die Tage sind schon zu lang, die Sonne ist zu kräftig und die Vegetation ist zu weit fortgeschritten, als dass man nicht wüsste: Nun ist Frühling. Und diese kräftig sprießende Natur, dieses vielgetönte Grün allerorten, das mit bunten Blumen durchsetzt so lieblich wirkt, dass man sich fast einer poetischen Sprache bedienen möchte, um es in Worte zu fassen, lockt einen nach draußen.

Man will für gewöhnlich Anteil nehmen an der Wärme, am Licht und an den Farben. Und es lässt sich auch Anteil nehmen an den Düften und sogar am Geschmack. Wie zieht doch oft der herbe Geruch der sich klebrig entfaltenden Knospen – der Pappeln vor allem – mit dem Wind vom Waldrand herüber, oder gar der allerfeinste Hauch von im Haselgebüsch erblühten Narzissen.

Es ist ganz interessant, sich einmal zu vergegenwärtigen, dass all diese Sinneseindrücke wie ein feine, subtile Form der Nahrung auf uns wirken. Wir nehmen, indem wir um uns blicken, etwas in uns auf, wir verbinden uns durch den Atem mit unserer Umwelt. Und wir nehmen dadurch auch an den Rhythmen der Natur einen gewissen Anteil. Wir beleben unser Empfindungsleben, indem wir zu einem gewissen Teil das Wesen des Frühlings in uns aufnehmen, indem wir – mehr philosophisch gesprochen – zum Frühling werden.

Dieses »Frühling-Werden«, das von außen betrachtet ein Verjüngen und Erneuern, Sprießen und vitalkräftiges, saftiges Expandieren zeigt, liegt wohl auch der Idee der »Frühjahrskur« zugrunde. Der Mensch möchte sich »entschlacken«,Vitamine und Lebenskraft zu sich nehmen. Und diese Tendenz wird u.a. durch den Bärlauch stark angeregt.

Der Bärlauch liebt feuchte, humose Waldböden. Wo es ihm behagt, dort bildet er Massenvorkommen. Dicht an dicht stehen seine breit lanzettförmigen, saftigen und glänzenden Blätter im Unterholz. Diesen Blättern ist, wie der gesamten Pflanze, ein starker, ja geradezu durchdringender Knoblauchgeruch eigen. Im Wesentlichen sind es verschiedene Schwefelverbindungen, die sowohl für den Geruch als auch für die Heilwirkung verantwortlich gemacht werden. Der Schwefel »feuert« sozusagen den Stoffwechsel an, er vitalisiert sehr stark.
Der östliche Geistesschüler mied übrigens gerade dieser, vielen so positiv erscheinenden Wirkungsweise wegen alle Lauch- und Zwiebelarten: Er spürte die sozusagen »aufputschende« Energie als hinderliche energetische Unruhe und als Trübung seines auf Klarheit bedachten Geistes.

So wird man den Bärlauch durchaus weise und in Maßen zu sich nehmen, dann aber kann er eine Bereicherung für die Küche und ein lohnendes Ziel für einen Spaziergang sein. Roh gehackt im Salat oder im Mörser mit Walnüssen zu einer Art Pesto zerrieben, wenn man es pikant mag, sonst gedünstet mit weiteren Frühlingsgemüsen als Spinat oder Suppe. Oder einfach nur die schöne weiße Lilienblüte in die Vase stellen, kurz bevor sich der Bärlauch dann im Frühsommer mit einer großen »Duftwolke« wieder von der Erde verabschiedet …

Achtung: Wenn Sie Bärlauch sammeln, schließen Sie unbedingt Verwechslungen mit Maiglöckchen und Herbstzeitlose aus. Tödliche Vergiftungen kommen hier immer wieder vor!

Martin Sinzinger

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