Lorenzo Ravagli: »Ach wie gut, dass niemand weiß « (11/99, S. 63)
Herr Ravagli schreibt in o.g. Rezension: »Die Visionen beim Lebensende, so Willmann, seien nichts als ein Rauschen der Nervenzellen, ingang gesetzt von einer komplizierten Chemie des Gehirns und im Wesentlichen geprägt von Kultur und Biografie«.
Hätte nicht an dieser Stelle diskutiert werden müssen, ob Herr Willmann meint, was er sagt? Wenn er nämlich das »Rauschen der Nervenzellen« geprägt sein lässt von »Kultur und Biografie«, und damit Kultur und Biografie meint, wie ich als Leser aus den weiteren Zitaten, die der Rezensent bringt, schließe offenbart er, dass er nicht denken kann. Würde sich damit nicht eine argumentative Beschäftigung mit seinen weiteren Äußerungen im Artikel erübrigen?! Allenfalls Fakten, die er bringt, könnten noch von Interesse sein.
Es hätte vielleicht der »Drei« mehr entsprochen, den Vorspann der Rezension zur Rezension inhaltsvoll auszubauen.
Hartwig Knabe Ein Zwischenruf
Klartext
Stell dir vor, du schreibst eine Geschichte, die keiner liest: ein Alptraum für jeden Journalisten; für so manchen publizistisch tätigen Anthroposophen scheinbar kein Problem. Der Blick auf den monatlichen Zeilenanfall einschlägiger Publikationen spricht Bände. Dass er umgekehrt proportional zu deren Verständlichkeit steht, wen wunderts? »Für wen schreibe ich?«: Diese Frage, die jedem Publizisten eigentlich in Fleisch und Blut übergegangen sein müsste, scheinen sich zahlreiche Autoren nämlich bis heute nicht zu stellen.
Durch die einfache und doch anspruchsvolle Schule der Verständlichkeit muss jeder Schreibende hindurch, der sich einer möglichst großen Zahl von Lesern mitteilen möchte. In anthroposophischen Zusammenhängen sieht man das wohl noch vielfach anders. Dort fügen sich Sprache, Reflexionsniveau und Themenauswahl scheinbar mühelos jener Form des akademischen Diskurses, der nur sich selbst und seines gleichen zur Selbstverständigung dienen will. Wer heute die breitere Öffentlichkeit nicht sucht, wird sie garantiert nicht finden. Denn zeitgenössische Leser haben eine unangenehme Eigenart: Sie drängen sich nicht auf. Man mag das beklagen, nützen tut es nichts.
Wohlgemerkt, hier soll nicht der neuen schreiberischen Beliebigkeit das Wort geredet werden. Nicht der Sorte von Schnipsel-Journalismus, die scheinbar informiert, dabei aber doch oft nur Banalitäten mehr oder weniger geschickt aneinander reiht, um den Leser am Ende verwirrter zurückzulassen als er es zu Beginn der Lektüre war. Es geht vielmehr darum, anthroposophisch interessierte Leser dort anzusprechen, wo sie sich gerade befinden inhaltlich und stilistisch.
Für Anthroposophen ein schier unlösbares Problem? Kaum. Manches geglückte Beispiel beweist, dass sich auch komplexe Sachverhalte einfach darstellen lassen. Man muss sich dazu allerdings die Mühe machen sich vorzustellen, für wen man einen Text verfasst. Dann schreibt man für Fachleute anders als für Laien, für Fortgeschrittene komplexer als für Einsteiger. Oder um es (fast) mit dem österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein zu sagen: Worüber man nicht verständlich schreiben kann, darüber sollte man noch mal genauer nachdenken.
Das Argument, dabei ginge notgedrungen die Vielschichtigkeit anthroposophischer Themen verloren, ist keines. Zumindest nicht für Schreibende, die eine möglichst große Zahl von Menschen erreichen wollen. Außerdem: Warum sollte die Reduktion auf das Wesentliche, auf einige Kernthesen und deren Illustrierung ausgerechnet in anthroposophischen Zusammenhängen ehrenrührig sein? Dialog und inhaltliche Überfrachtung schließen sich halt meist aus; zumindest, wenn man nicht wie in einem Buch den Raum hat, sämtliche Verästelungen eines Themas aufzubereiten. Deshalb: Mut zur Lücke. Und als Trost: Es gibt (fast) immer ein nächstes Mal.
Gelehrsamkeit hat ihren Platz: Sie gehört nicht überall hin. Wer das begriffen hat, kommt beim Schreiben über anthroposophische (und andere) Themen vielleicht erst einmal an einen Punkt, wo ihm die Zeilen nicht mehr leicht von der Hand gehen. Vor allem dann, wenn der (quasi)akademische Monolog dem weicht, was heute zu wahrer Menschenbegegnung unter Zeitgenossen unabdingbar ist: dem Reden aus eigener Erfahrung und aus dem aufrichtigen Willen, darüber mit anderen offen ins Gespräch kommen zu wollen.
Spätestens dann zeigt er sich, der schmale, gefährliche Grad zwischen Dialog und Selbstdarstellung, Geschwätzigkeit und Schweigen. An solchen Stellen müssen ernsthaft Schreibende wieder lernen zu verstummen, aus der Stille des eigenen Fühlens und Denkens neu anzusetzen. Vielleicht ist das Stocken, das Stammeln, das Fragmentarische heute unabdingbar: Denn es ist jener geheimnisvolle Ort der Stille, an dem wir unseren eigenen Fragen immer wieder begegnen dürfen. Und genau dort steht im Zweifelsfall der andere. Wo immer lebendige Geistbegegnung zwischen freien Menschen stattfindet, ist Anthroposophie gegenwärtig. Das sollten wir heute uns selbst und möglichst vielen anderen Menschen verständlich machen. Und zwar so, dass sie es auch verstehen.
Klaus G. Danner
Unser Thema im April 2000
Das Ätherische
Sprechen anthroposophisch Vorgebildete vom Ätherischen, rümpfen Außenstehende fragend die Nase. Was meinen die wohl damit? Es gibt immer wieder Versuche, darüber mit anderen Naturwissenschaftlern ins Gespräch zu kommen. Darum geht es auch in unserem nächsten Heft.
Im April geht es auch weiter mit unserer Geschichtsserie, die in Heft 2/00 begann. Leider war es den Autoren nicht möglich, schon im März die Serie forzusetzen. Nun also im April die Fortsetzung mit dem 16. Jahrhundert.