Thema



Karl-Martin Dietz

Handeln aus Initiative

Handeln aus Initiative fordert drei verschiedene Bemühungen: die Erweiterung der Grenzen meines eigenen Selbst, die Hinwendung zu den initiativen Taten anderer Menschen und das Aufsuchen eines gemeinsamen Bodens im gemeinschaftlichen Handeln.

»Warum tue ich eigentlich nichts Bedeutendes?«
Man braucht keinen Jahresanfang – erst recht kein »Jahrtausend« –, um sich kritisch zu fragen: »Warum tue ich eigentlich nichts Bedeutendes? Warum lebe ich einfach so vor mich hin, von einem Tag auf den andern?« – »Ja, was meinen Sie denn mit dem »Bedeutenden«? – »Nun, das muss jeder für sich selbst beantworten.« – Schon bin ich in einer der schwierigsten, aber auch lohnendsten Situationen, in die ich geraten kann. Ich muss auf eigene Verantwortung Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden und muss mir gleichzeitig die Frage beantworten, warum ich das für wesentlich Gehaltene nicht realisiere.

Viele Menschen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten diese Frage so oder ähnlich gestellt. Von erkennbaren Ausreden abgesehen (»keine Zeit«), lassen sich die Antworten in vier Kategorien zusammenfassen: 1. Ich täte ja schon gern etwas Bedeutendes, aber mir fällt nichts ein. Mir fehlen Ideen. 2. Mir fällt ziemlich viel ein, ich weiß aber überhaupt nicht, ob das jeweils in die Situation passt. Mir fehlt der Überblick. 3. Ich wüsste schon manches Bedeutende, aber ich kann mich nicht aufraffen, es auch zu tun. Mir fehlt der feste Willen. 4. Wenn ich etwas Bedeutendes tun wollte, könnte ich nicht einfach so bleiben, wie ich bin. Ich müsste an mir arbeiten. Aber ich kann nicht über meinen Schatten springen.

Mit diesen vier Richtungen einer Antwort sind zugleich Grenzen bezeichnet, an die das menschliche Selbst stößt, wenn es sich seiner bewusst zu werden versucht. Es sind die Grenzen 1. der Idee, 2. des Überblicks, 3. der Tatkraft, 4. der Entwicklungsfähigkeit. – Diese vier Grenzen des Selbst sind zugleich die hauptsächlichen Hindernisse für ein Handeln aus Initiative.

Solche Handlungen, die selbstverständlich sind, automatisch ablaufen, äußeren Anlässen, traditionellem Muster, der Persönlichkeitsstruktur oder subjektiver Willkür folgen: sie sind auf jeden Fall nicht Handlungen aus Initiative. Man mag sich fragen, was dann noch übrig bleibt. Auf der einen Seite fühlen wir uns äußeren Verhältnissen und ihren Zwängen verpflichtet, auf der anderen Seite wird vielfach versucht, Subjektivität ohne große Rücksicht auf die Umgebung auszuleben. Handeln aus Initiative erfordert, ein Gleichgewicht zwischen beidem herzustellen. Doch kann dieses Gleichgewicht nicht durch Vermischung entstehen, etwa nach dem Muster: Man nehme eine Portion Sachzwänge und setze sich dann über sie hinweg. Sonst wäre der Geisterfahrer auf der Autobahn das Urbild initiativen Handelns. Das Gleichgewicht erfordert vielmehr Steigerung. – Steigerung wovon?

Haltungen initiativen Handelns
Durch falsche Erwartungshaltungen kann ich mir den Einstieg zum initiativen Handeln schwer, wenn nicht unmöglich machen. Eine kleine Gruppe plant ein Projekt, durch das einem verbreiteten Mangel, beispielsweise auf ökologischem, pädagogischem oder sozialem Gebiet, abgeholfen werden soll. Es werden Pläne gemacht und publiziert. Jedoch interessiert sich außerhalb der Gruppe kaum jemand dafür. Da man aber auf Unterstützung angewiesen ist – niemand kann ja so leicht die Welt im Alleingang retten – wird das Projekt mit großem Bedauern eingestellt – und unter Vorwürfen an die »anderen«: Niemand hat sich für unsere so wertvolle Initiative interessiert! – Auch die gegenteilige Haltung wird beobachtet: In einem Arbeitszusammenhang wird eines Tages klargestellt, dass jeder seine Arbeit eigenverantwortlich tut. Das hat zur Folge, dass von Stund an ein Mitarbeiter seine Tätigkeit nicht mehr kommuniziert, jede Nachfrage anderer für Einmischung hält und dabei die merkwürdigsten Eigenwilligkeiten begeht. Das Ganze gerät ihm aus dem Blick. Dieser Mitarbeiter hat Initiative mit Willkür verwechselt. – Beiden Fehlhaltungen ist gemeinsam, dass sie Initiative auf einer rechtlichen Ebene angesiedelt sehen. Die einen setzen auf die Berechtigung ihres Handelns für die Umgebung und leiten daraus Ansprüche an die Allgemeinheit ab; der zuletzt genannte Mitarbeiter besteht auf dem vermeintlichen Recht, zu machen, was er will. Mit beiden Haltungen aber ist Initiative auf ein falsches Gleis geschoben. Initiative ist nicht in erster Linie eine Rechtsfrage. Wer nach dem Recht auf Initiative fragt, hat schon eine unsachgemäße Frage gestellt. Initiative ist eine Art geistigen Zugriffs, in dessen Folge erst Rechtsfragen auftreten können. Initiative als solche ist nicht von rechtlichen Gegebenheiten abhängig.

In den skizzierten Verhaltensmustern liegen gleich mehrere Webfehler. Wer aus Initiative handelt, beschwert sich nicht über andere. So wie es mir freisteht, autonom zu handeln, so steht es allen anderen Menschen frei, sich mit meiner Handlung nicht zu identifizieren. Wäre es anders, dann lebten wir in einem Zustand gegenseitiger ideologischer Terrorisierung – ein Zustand, der ja nicht ganz unbekannt geblieben ist! Jede Klage über andere, deren Nichtverstehen, Nichtunterstützung oder Desinteresse setzt im Grunde etwas voraus, was es nicht geben kann: Du musst gut finden, was ich will. – Damit ist eine erste Haltung gekennzeichnet: Wer initiativ handelt, stellt keine Forderungen an andere.

Eine zweite Haltung: Eine theoretische Planung, die abgeschlossen und abgesegnet wird, bevor es losgeht, ist aus sich heraus handlungsfeindlich. Die Distanz zwischen theoretischem Denken und praktischem Tun ist jedoch in der Neuzeit üblich geworden. Sie ist zunächst einmal eine Errungenschaft: Wenn alles, was gedacht wird, auch gleich getan würde …! Aber für initiatives Handeln gilt das Gegenteil. Wer erst analytisch-betrachtende Gedanken bildet, hat es schwer, daraus zum Handeln zu kommen (alles vorab regeln zu wollen, entspringt oftmals wohl auch einer Furcht vor sich selbst). Vielmehr ist es sinnvoll, die Gedanken da aufzusuchen, wo sie entstehen. Da wohnt ihnen selbst noch ein initiatives, zur Handlung führendes Moment inne. Das ist in unseren Hoch-Zeiten eines kritisch-analytischen Bewusstseins aus dem Blick geraten, in der Geistesgeschichte aber keineswegs unbekannt. Dass es neben und vor dem diskursiven Denken ein unmittelbares geistiges Schauen gibt (Intuition, intellektuelle Anschauung usw.), wurde von vielen gesehen und gepflegt. So spricht etwa Thomas von Aquin von einem unmittelbaren, plötzlichen Erfassen (subita apprehensio), das nicht dem Irrtum unterliegt, im Unterschied zum diskursiven Denken. Diese Unterscheidung wurde auch in der Neuzeit noch aufgenommen. So schreibt Descartes in seiner »Regel« III, 5: »Unter Intuition verstehe ich nicht das schwankende Zeugnis der sinnlichen Wahrnehmung oder das trügerische Urteil der verkehrt verbindenden Einbildungskraft, sondern ein so müheloses und deutlich bestimmtes Begreifen des reinen und aufmerksamen Geistes, dass über das, was wir erkennen, gar kein Zweifel übrig bleibt«. Dies ist ein Begreifen, »welches allein dem Lichte der Vernunft entspringt und das, weil einfacher, deshalb zuverlässiger ist als selbst die Deduktion.« (1 – Die Anmerkungen finden sich in der Printedition) Heute ist es vor allem das Wirtschaftsleben, in dem die Forderung nach dieser Art des Denkens mit Nachdruck gestellt wird.

Aufgrund der beschriebenen neuzeitlichen Bewusstseinsentwicklung sind zwei »Typen« von Menschen entstanden, die man überall findet. Der eine ist der des »Intellektuellen«, der vorsichtig abwägt – und es dabei auch oft belässt. Er sieht – wer könnte es ihm verdenken – in der Regel das Negative, Kritikwürdige, und steht mit einem Bein immer im Schattenreich des Pessimismus. Die in jeder noch so kritikwürdigen Situation außerdem schlummernden Chancen bleiben meist unbemerkt, denn beim analytischen Blick tritt nur das bereits Vorhandene vor Augen. Und da kann sich das noch nicht Realisierte – die Chance – naturgemäß schlecht zeigen. – Der andere Typ ist der »Täter«, der ohne großes Nachdenken zuschlägt. Er sieht mehr die Chancen als die Probleme – die würde er ja auch erst bei einigem Nachdenken erkennen können. Solches Gebaren wird manchmal mit »Initiative« verwechselt. Wirkliche Initiative entsteht aber erst dadurch, dass beide Einseitigkeiten in ein Gleichgewicht kommen. Voraussetzung dafür ist es, hinter dem analytischen Denkvermögen ebenso wie hinter dem »Gefühl« die Ursprungskraft der Intuition zu entdecken und zu beleben. (Das wäre zugleich ein praktisches Beispiel für die oben erwähnte Gleichgewichtsbildung durch »Steigerung«). Zusammengefasst: Initiative setzt ein nicht-diskursives, gleichwohl in sich klares, unmittelbar zugreifendes Denken voraus.

Eine dritte Haltung besteht darin, zwischen Meinung und Urteil deutlich zu unterscheiden, und ebenso zwischen Wunsch und Wille. Meinungen und Wünsche beziehen alles »Weltgeschehen« auf mich, das Subjekt. Beim initiativen Handeln kommt es aber auf das Gegenteil an, nämlich darauf, mich handelnd in das Weltgeschehen hineinzuversetzen. Dazu bedarf es eines Bewusstseins, das nicht »Weltgeschehen« subjektiv beurteilt, sondern das in der Lage ist, die Urteile sich aus der denkenden Betrachtung des Geschehens selbst bilden zu lassen und aus diesem Überblick heraus den Willen zu betätigen. Intiatives Handeln bedarf der Fähigkeit, die Welt nicht nur durch die Brille der Subjektivität zu sehen und sie nicht nur dem eigenen Nutzen unterwerfen zu wollen.

Wer initiativ handeln will, muss sich schließlich davon trennen, alles Geschehen am Gewohnten und Bekannten zu messen. Er muss den Situationen, in denen er sich befindet, mit offener Erwartung gegenüberstehen. Das heißt keineswegs, sich einfach naiv zu stellen. Es bedeutet vielmehr, ständig die Spannung zwischen der Erfahrung (aus der Vergangenheit), der Zielsetzung (aus der Zukunft) und der je konkreten Situation (in der Gegenwart) zu gestalten. Das bleibt manchmal außer Betracht. Entweder löst man sich schwer von Vorbildern (d.h. aus der Vergangenheit). Dann ist die Initiative nur scheinbar individuell. Oder man lässt Erfahrungen so weit hinter sich, dass man Unvoreingenomnmenheit damit verwechselt, jeden Fehler, den andere gemacht haben, auch noch selbst machen zu müssen. Auch dann kann nichts »Besonderes« im eingangs angedeuteten Sinne dabei herauskommen, sondern man sitzt, je nach Temperament, im Gefängnis der eigenen Vergangenheit (Erfahrungsgefängnis) oder der Wunschträume (Erwartungsgefängnis). Initiative erfordert innere Freiheit.

Die wichtigsten Haltungen initiativen Handelns sind also:
1. Ideenfähigkeit statt Theoriebildung oder Blindheit,
2. der ruhige Blick auf die Wirklichkeit in der Urteilsbildung statt Abhängigkeit von Wunsch und Meinung,
3. Selbstverantwortung gegenüber dem eigenen Vorhabe statt Forderungen an andere,
4. die Entwicklung einer inneren Freiheit über Vergangenheit (Erfahrung) und Zukunft (Zielsetzung) hinaus.


Es ist ohne weiteres erkennbar, dass die vier Haltungen (in der zuletzt gewählten Reihenfolge) an den skizzierten Grenzen des Selbstes zu rütteln versuchen, an der Grenze der Idee (1), des Überblicks (2), der Tatkraft (3) und der Entwicklungsfähigkeit (4).


Hat man diese Haltungen als sinnvoll durchschaut, so kann man sich entschließen, sie durch innere Arbeit zu Fähigkeiten zu machen. (Die Wege dazu können näher beschrieben werden. Dies übersteigt jedoch den vorliegenden Rahmen).

Aktive Toleranz: Eintreten für die Taten anderer
Die Frage nach dem initiativen Handeln tritt heute in zweierlei Gestalt auf: Wie kommt der Einzelne dazu, initiativ zu werden, und wie kommen dann die einzelnen initiativen Leute zu einer Zusammenarbeit? Dazwischen liegt noch ein Drittes: die Toleranz. – Unser Bild vom initiativen Menschen ist zunächst bestimmt vom Einzelnen. Er ragt über die anderen dadurch heraus, dass er Ideen, Durchblick und Tatkraft zeigt; er bewirkt, dass andere ihm folgen. Viele merken jedoch seit einiger Zeit, dass die Grundsätze dieser alten hierarchischen Führung immer weniger greifen. Es geht heute vielmehr darum, dass möglichst jeder in die innere und äußere Lage kommt, initiativ zu handeln. Dann aber stellt sich die Frage neu, wie so viele initiative Menschen zusammenarbeiten können. »Wieviele Unternehmer verträgt eigentlich ein Unternehmen?« – so wurde das Problem einmal von einer Führungspersönlichkeit charakterisiert.

Ein immer wieder auftretendes Hemmnis, in dieser Richtung weiterzukommen, ist die vielfach beobachtbare Furcht vor der Initiative der anderen. Wenn jeder macht, was er will: wo bleibt dann mein eigener Impuls? Und wie kommt dann überhaupt etwas Gemeinsames zustande? Daher ist es eine erste wichtige Voraussetzung zur Zusammenarbeit auf der Grundlage von Initiative, aktive Toleranz zu entwickeln. Dazu ist es zunächst einmal notwendig, die Zielsetzungen zu verstehen.

Ebenen der Toleranz
Ein Verhältnis zu den Handlungszielen des anderen kann auf verschiedenen Ebenen gesucht werden:

1. Kann ich mich mit den Zielen des anderen (der anderen) so verbinden, dass ich damit übereinstimme? – Dies läuft auf einen Abgleich der vorhandenen Meinungen oder Befindlichkeiten hinaus. Gemeinsamkeit beruht dann darauf, dass einer sich den Impulsen des anderen anschließen kann, oder dass man sich im Rahmen von Kompromissen »in der Mitte« trifft. So entsteht z.B. Gemeinsamkeit in Interessengemeinschaften und politischen Parteien.

2. Gemeinsamkeit kann aber auch unabhängig von meiner persönlichen Interessenlage entstehen. Ich kann z.B. danach fragen, ob das, was der andere will, sachlich gerechtfertigt ist. Ist das Gewollte sinnvoll? Was kann dabei herauskommen? – Ich nehme mir die Freiheit, der Sache des anderen auch dann gerecht zu werden, wenn sie nicht meine eigene ist oder werden soll. Ich betrachte das Vorhaben mit den Augen des anderen (und nicht nur mit meinen) und sehe es im Zusammenhang der gesamten Situation. Ich betrachte, was der andere tut, gleichsam von oben, mit dem Helikopter-Blick. Das ist etwas ganz anderes, als mich nur zu fragen (s.o. 1.), ob der Impuls des anderen auch meinen Zielen dient, meine eigenen Impulse verstärkt oder ob ich persönlich Gewinn davon habe. So kann ich mich einem pädagogischen Projekt zustimmend oder sogar unterstützend verbinden, obwohl Pädagogik nicht in meiner eigenen Arbeitsrichtung liegt. Ich kann es z.B. dann, wenn ich mir klargemacht habe, dass dieses Projekt einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt der Pädagogik leistet.

3. Zur Frage, ob das Vorhaben eines anderen sinnvoll ist, gehört auch die Frage nach seinen Realisierungschancen. Ist der eingebrachte Impuls selbsttragend? – Man hat da nicht nur die sachliche Seite zu betrachten (Inhalt, Realisierbarkeit, das Umfeld usw., s.o. 2.), sondern auch den Willenseinsatz dessen, der es einbringt: Ist er bereit und in der Lage durchzutragen, was er vom Zaun bricht? Oder wirft er nur einen Stein ins Wasser und überlässt den Rest anderen? Ist der Impulsträger in der Durchführung selbständig, oder müsste ich ständig auf ihn aufpassen, wenn ich mich mit seinem Impuls verbunden habe? –

Nimmt man diesen Gesichtspunkt als solchen ernst, dann kann es auch sein, dass die inhaltliche Beurteilung (2) zurücktritt hinter der der handelnden Person. Schon die Tatsache, dass ein bestimmter, als Nicht-Illusionist und kompetenter Mensch bekannter Kollege einen Impuls verwirklichen möchte (auch wenn er meinen eigenen Intentionen vielleicht ganz ferne liegt), kann mich zu einer aktiven Zustimmung und zum Mittragen veranlassen. In dem Maße, in dem das Vertrauen auf die Motive und Fähigkeiten des anderen Menschen wächst, kann ich ihm die inhaltliche Beurteilung auch selbst überlassen. Er wird schon geprüft haben, ob sein Vorhaben zeitgemäß ist und wie es verwirklicht werden kann. Und er wird, was er einmal angefangen hat, auch konsequent zuende führen. Andererseits kann auch ein sachlich ganz einwandfreies Vorhaben auf Ablehnung stoßen, wenn Anlass besteht, der »Person« die Durchführung nicht zuzutrauen. – Auf dieser Ebene ist die Frage der Zusammenarbeit zu einer Vertrauensfrage zwischen Menschen geworden. Es ist dann nicht so, dass zur sachlichen Beurteilung eine personenbezogene hinzutritt, sondern die letztere erübrigt die zuerst genannte. Das liegt daran, dass »Initiative« nicht von dem Menschen zu trennen ist, der sie ergreift.

4. Ich kann mir noch eine weitere Frage stellen. Sie bedeutet eine Umkehrung der bisherigen Sehweisen. Ich frage nicht mehr: Was fange ich mit dem an, was da als Willensimpuls von anderer Seite auftaucht? Sondern ich frage: Wo kommt dieser Impuls als solcher her? Liegt er vielleicht »in der Luft«? Ist er aus den allgemeinen Zeitverhältnissen, ihren Problemen und Aufbrüchen geschöpft? – Lässt man diese Ebene außer Betracht, so setzt man stillschweigend eine Selbstverwirklichungsmentalität als bestimmenden Faktor menschlichen Handelns voraus. Man betrachtet jeden Impuls automatisch nur als Steckenpferd dessen, der ihn hat. Daraus rechtfertigen sich dann Furcht und Misstrauen vor der Initiative des anderen. (In vielen Entscheidungsgremien ist diese Haltung unausgesprochen und wahrscheinlich auch unbewusst leitend). Subjektbezogenheit des Handelns ist ja durchaus nicht selten. Aber sie darf nicht ungeprüft vorausgesetzt werden.

Nach den Ursprüngen eines Impulses zu fragen, kann über dasjenige hinausgehen, was seinem Urheber selbst bewusst ist. Ich kann z.B. von mir aus die Frage stellen, wie der Impuls des anderen zum Zeitgeist steht. Wer das versucht, verbindet sich mit dem Impuls schon am Quellort seiner Entstehung. Er schafft sich ein Verhältnis nicht nur zu Sachfragen oder zur anderen Person, sondern zu geistigen Realitäten, die in Ideenform auftreten. Vorausgesetzt ist dabei die Fähigkeit, mit Ideen umgehen zu können.2

Es wird darauf ankommen, bei diesen vier Fragestellungen die richtige Reihenfolge zu wählen. Sie »aufsteigend« zu betrachten, wie oben geschehen, ist menschlich naheliegend. Fruchtbarer aber ist die umgekehrte Reihenfolge. Denn die Frage, ob ich mich mit dem Impuls des anderen verbinden kann (1), wandelt sich erheblich, wenn ich vorher nach dem Ursprungsumkreis (4), nach der Tragfähigkeit (3) und nach der sachlichen Relevanz (2) gefragt habe.

So werden die vier Fragestellungen hier noch einmal in der »richtigen« Reihenfolge zusammengefasst:

4. Welche Idee liegt dem eingebrachten Impuls zugrunde? Wo kommt er her? Welchen Umkreis hat er? – In Konsequenz davon tritt das Einswerden von Mensch und Welt als Ausgangs- und Zielpunkt der Bemühung in den Blick.
3. Trägt der Impuls? Steht sein Urheber voll dahinter? Nimmt er alle Konsequenzen auf sich? Wie stark ist er selbst von seiner Idee »getroffen«? – Das ist letztlich die Frage nach Produktivität und Empfänglichkeit, Initiative und Selbstverantwortung des Menschen.
2. Ist das Vorhaben von der Sache her evident? – Hier bedarf es kritischer Wachheit und eines Blickes nach »außen«. Auf welche Situation wird mit dem Impuls geantwortet? Was trägt das Vorhaben zur Gesamtsituation bei?
1. Kann ich mich mit der Sache verbinden? – Die Beurteilung der Initiative des anderen und meine Identifikation mit ihr lässt nunmehr meine mitgebrachten Meinungen oder persönlichen Interessenlagen hinter sich. Vielmehr entsteht sie aus der Kraft meiner Individualität, die alle zuvor genannten Fragen und Ebenen mit einbezieht.


Wer hingegen nur die hier zuletzt genannte Ebene (1) kennt, wird die Initiative eines anderen nicht würdigen können. Denn dann kommen die klassischen Fehler zum Tragen: Man misst das fremde Wollen an der eigenen mitgebrachten Meinung; man bezieht die Frage nach dem Sinn der Sache immer nur auf sich (Nutzen, Gefallen usw.); man sitzt schön ausgefeilten Theorien auf, auch wenn ihnen kein wirklicher Willensimpuls entspricht; man geht im Stillen davon aus, dass jeder, der etwas einbringt, eigentlich nur sein Steckenpferd reitet. – Die Beschränktheit dieses Blickes hat fatale Folgen: Sie kann sich nie zu eigener Initiative aufschwingen; sie behindert die Initiativen anderer; und sie ist nicht davor geschützt, ihrerseits irgendwelchen wohlgefälligen Illusionen nachzulaufen.

Gemeinschaftlich Handeln
Wie entsteht nun das Gemeinsame im Handeln selbst? – Hier ist ein weiteres Geheimnis zu beachten: Je individueller der Impuls, umso mehr wirkliche Gemeinsamkeit ist möglich. Das klingt paradox, man kann es aber einsehen. Allgemeinen Maximen kann sich als solchen jeder leicht anschließen. Handeln aber ist immer konkret. Initiatives Handeln erfordert den Mut, das Viele, das unter allgemeinen Gesichtspunkten möglich wäre (»der Dritten Welt helfen«) hintanzustellen und dafür an einer konkreten Stelle tätig zu werden, z.B. die Koffer zu packen und in Botswana ein pädagogisches Projekt aufzubauen oder ein Unternehmen zu führen. Nur das Konkrete, Individuelle, schafft menschlichen Zusammenhang. Daher kann nicht vergessen werden: Meine Initiative bedarf eines individuellen Gegenübers, eines »Du«, an das sie sich richtet. Sonst handelt es sich um allgemeine Weltbeglückungsversuche – und was wäre dabei je herausgekommen?

Für die Frage nach dem gemeinsamen Handeln ist es hilfreich, sich mögliche Gemeinsamkeiten auf den oben bereits unterschiedenen Ebenen des Bewusstseins vor Augen zu führen, z.B.:


  • Gemeinsamer Nutzen:
    das angestrebte Ergebnis der Handlung, z.B. bei zweckgerichteter Kooperation.

  • Gemeinsame Tätigkeit:
    die Strukturen, Verabredungen und Prinzipien, die man sich gibt; außerdem: gemeinsam entwickelte Konzepte und gemeinsam vorgenommene Projekte. Man vereinigt sich mit anderen Menschen aus besten Kräften, um etwas zu machen, was ein Einzelner nicht leisten könnte.

  • Gemeinsame Zielsetzung:
    Das Gemeinsame kann auch eine Tätigkeit sein, die noch gar nicht genau fixiert ist, wenn man sie ergreift. Man wird hier nicht nur etwas gemeinsam tun oder herstellen, sondern voneinander zu lernen versuchen, indem man zusätzlich zu den Taten auch die Beweggründe der anderen einbezieht. Gemeinsam ist hier die Zielsetzung, die im Laufe der Zusammenarbeit entwickelt und konkretisiert wird.

  • Gemeinsame Fragestellungen:
    Eine der höchsten Formen produktiver Zusammenarbeit dürfte darin bestehen, gemeinsam Fragestellungen zu entwickeln, die über das Nur-Gegebene ebenso hinausführen wie über konkret formulierbare Zielsetzungen. Hier wird das oben formulierte Paradoxon erfahrbare Wirklichkeit: Als gemeinsam stellt sich das heraus, was auf der höchst individuellen Bemühung der Einzelnen und deren Beiträgen beruht.



Je fester sich das Handeln auf gemeinsame Zielsetzungen und auf die Erarbeitung von Fragestellungen stützen kann, umso besser gelingt gemeinschaftliches Handeln aus Initiative.

Rückblick
Handeln aus Initiative fordert drei verschiedene Bemühungen: die Erweiterung der Grenzen meines eigenen Selbst, die Hinwendung zu den initiativen Taten anderer Menschen und das Aufsuchen eines gemeinsamen Bodens im gemeinschaftlichen Handeln. Diese Bemühungen stützen sich gegenseitig: Toleranz setzt eigene Stärke voraus (sonst wäre sie nur Laschheit). Wenn gemeinsam gehandelt werden soll, muss ich mich mit den Intentionen der anderen verbinden können. Und eine Erweiterung der Grenzen des Selbst ist nicht einfach eine Voraussetzung. Sie stellt sich zugleich auch als Folge von Toleranz und gemeinschaftlichem Handeln im beschriebenen Sinne ein.
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