Natur & Umwelt




Martin Sinzinger

März: Buschwindröschen
Ein altes, einprägsames Volkslied beschreibt den Märzen als die Zeit, in der der Bauer »die Rösslein anspannt«. Im März begann der Bauer die Felder für das Sommergetreide und die Feldfrüchte zu bestellen. Im März weicht für gewöhnlich der Frost aus dem Boden, die Sonne gewinnt deutlich an Kraft und die Vegetation beginnt langsam zu sprießen. Dort, wo der Schnee bereits geschmolzen ist, ergrünen die Wiesen.

Die Bäume und Sträucher stehen jedoch zumeist noch kahl und die milden Strahlen der Frühlingssonne reichen nun auch im tiefen Wald bis auf den Boden. Das Laub, das im Herbst bunt gefärbt von den Bäumen fiel, ist über den Winter braun geworden und angerottet. Und mitten in diesem Teppich des Vergehenden richten sich die Boten des Werdenden auf – zumindest stellt sich dies aus menschlich-irdischer Sicht so dar –, es wird die Farbe und das physische Wesen der Blumen geboren.

Es ist faszinierend, die vielfältigen Gebärden und Ausdrucksarten dieses Sprießens einmal genau zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. Manche Keime krümmen sich, andere sind ganz gerade. Manche Sprosse schieben das alte Laub beiseite, andere wachsen direkt hindurch. Manche Blätter schieben sich eng gerollt durch den Boden, andere stoßen wie Lanzen daraus hervor. Dabei variiert die Farbe Grün vielfältig, von ins Gelb gebrochenen Nuancen bis zu blau überhauchten Tönen. Langsam kommt aus den sich entfaltenden Knospen eine Fülle an Farben hinzu. Allein das Weiß zeigt sich bei genauer Betrachtung sehr unterschiedlich: Es kann matt sein oder glänzend, leicht rot überhaucht oder grün geädert, opak oder transparent. Und dann die Blüten: gelb und die Palette von Rot nach Blau.

Man kann bei dieser Betrachtung sehr gut einen Gedanken einbeziehen und die Beobachtung darauf ausrichten, wie sich etwas Seelisch-Geistiges auf die vielfältigste Weise ausformt, ausdrückt und verströmt. Das vor kurzem noch Unsichtbare findet nun wieder eine sichtbare Form; Kräfte, Ideen und eine Art höherer Wille drücken sich konkret aus.

Die Blumen illustrieren Empfindungen, Tugenden und edle Ideale. Sie haben somit eine stille und meist verborgen bleibende Beziehung zu mehr inneren Aspekten des Menschseins. Dem rein äußeren Blick und auch der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Forschung bleibt diese Beziehung verborgen. Wird aber die innere Seelenqualität bewusst gesucht, erahnt und schließlich erkannt, so bereichert der Mensch nicht nur sein Empfinden und seine Innenwelt, sondern er prägt damit auch erst einen wirklich realen und objektiven Blick aus.

Dieser Blick, der die Welt und Schöpfung nicht nur in ihrer äußersten Form anerkennt, wirkt auf die Umwelt befreiend. Betrachten wir daher einmal eines dieser zauberhaften Blütenwesen, die fast elfengleich am Waldrand stehen: ein zartes Buschwindröschen, und stellen uns die stille Frage nach dessen Beziehung zu unserem verborgenen Empfinden. Vor allem am Morgen, wenn noch der Reif daran glitzert, fällt es besonders auf: Wie unglaublich zart, fein und sensibel doch besonders dieser Frühlingsblüher ist – und wie es gleichzeitig sehr robust und stabil den oft hart erscheinenden Umständen zu widerstehen vermag. Mit seinem eher weiblichen, anmutigen Wesen tritt das Buschwindröschen uns entgegen und bringt in uns gerade auch diese Saite zum Klingen. Und wenn diese im Alltag wieder verstummt, erinnern wir uns vielleicht an das kleine Blümchen in der Aue – wo es in der gegenwärtigen Zeit auch nicht unangefochten existieren kann …

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