Feuilleton

Kino:

Nachtodliches Seelenleiden
The Sixth Sense (Der sechte Sinn)

Buch und Regie: M. Night Shyamalan. (USA 1999)





Dr. Malcolm Crowe (Bruce Willis) ist ein äußerst erfolgreicher Psychologe, dem für seine Arbeit viel öffentliche Anerkennung zuteil wird. Er besitzt ein schönes Haus und eine noch schönere Frau (Anna Crowe, gespielt von Olivia Williams), die ihn liebt und verehrt. In seinem Weinkeller lagern die besten Weine und – seinem rosigen Lächeln nach zu urteilen – liebt er das Leben und sich selbst. Was will man mehr? Doch da sucht den Psychologen das vergessene Grauen heim: an einem schönen Abend, als das Ehepaar es sich nach einem guten Tropfen gerade gemütlich machen will, beginnt Anna zu frösteln, eine Scheibe ist eingeschlagen und im Badezimmer belästigt sie ein Fremder.

Doch stellt sich schnell heraus, dass der Einbrecher kein Süchtiger auf der Suche nach Stoff ist, sondern ein ehemaliger Patient von Crowe, der an Paranoia oder Schizophrenie leidet, der entschlossen ist, es seinem ehemaligen Arzt, der ihn nicht zu heilen vermochte, heimzuzahlen. Ohne viele Worte schießt der Verwirrte auf den Arzt und erschießt sich gleich darauf selbst. Auch eine Methode, Kunstfehler zu sühnen. Crowe liegt auf dem Bett und blutet aus einer Bauchwunde. Seine Frau bemüht sich verzweifelt um ihn, aber die Situation scheint nicht gänzlich verloren.

In dieser Überzeugung wird der Zuschauer durch einen Filmschnitt bestärkt, der die Geschichte, nach den dramatischen Ereignissen dieser Nacht, ein Jahr später weiter erzählt. Der Psychologe ist offenbar von seiner Verwundung genesen und macht sich an die Arbeit an seinem nächsten Fall: einem Jungen, der an unerklärlichen Angstzuständen leidet, offenbar ein Fall, der dem des anderen ehemaligen Patienten, von dem Crowe beinahe umgebracht worden wäre, sehr ähnlich ist. Der achtjährige Junge, Cole Sear (überragend gespielt von Haley Joel Osment, so überragend, dass amerikanische Kritiker für die Einführung eines Oscars für Kinderrollen plädieren) ist schüchtern, ängstlich, wirkt fast autistisch, wie er vor seinem Arzt wegrennt, sich hinter seiner Riesenbrille ohne Gläser versteckt und in der Kirche, in die er sich vor Crowe geflüchtet hat, mit seinen Plastiksoldaten spricht. Aber Crowe wäre kein guter Psychologe, wenn es ihm nicht gelänge, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen.

Wie sich herausstellt, ist seine Heimsuchung eine ganz besondere: er verbirgt ein Geheimnis, das er niemandem verrät, um nicht als »Psycho«, als Spinner zu gelten: er sieht Tote. In der Regel sind dies Tote, die Opfer von Verbrechen wurden oder aus anderen Gründen keine Ruhe finden können und deswegen in der Umgebung der Hinterbliebenen die grausigen Umstände ihres Todes immer wieder von neuem durchleben. In beeindruckender Präzision vermochte M. Night Shyamalan, ein in Indien geborener, aber in Philadelphia aufgewachsener Inder, der sowohl das Drehbuch geschrieben, als auch Regie geführt hat, das Leiden von Seelen im Kamaloka darzustellen, die noch gar nicht realisiert haben, dass sie gestorben sind und die sich nicht von der Erde loslösen können, solange das an ihnen begangene Unrecht nicht gesühnt wurde oder sie zu einer Möglichkeit des Verzeihens gefunden haben. Der Junge, Cole, besitzt offenbar eine Art von Hellsichtigkeit, durch die er imstande ist, diese Seelen wahrzunehmen und ihre Leiden bis zu einem gewissen Grade mitzuerleben. In schauerlicher Realistik stellt der Film dies dar.

Crowe bemüht sich nun den Rest des Filmes darum, den Jungen von seinen Ängsten zu heilen, was ihm aber solange nicht gelingt, als ihm dieser nicht sein Geheimnis verrät. Sein Geheimnis verrät der Junge ihm aber nur, nachdem Crowe ihm sein eigenes Geheimnis verraten hat: Denn seit er den Jungen behandelt, ist eine merkwürdige Entfremdung zwischen ihm und seiner Frau eingetreten, sie sprechen nicht mehr miteinander, sie scheint sich den Avancen eines Mitarbeiters in ihrem Antiquitätengeschäft nicht länger zu verschließen. Der Junge sieht, dass Crowe unglücklich ist und frägt ihn danach. Crowe öffnet ihm seine Seele und nachdem er ihm sein Leid geklagt hat, verrät der Junge ihm, was die Ursache seiner Ängste ist. Nun helfen sie sich gegenseitig: Crowe meint, die Toten, die den Jungen heimsuchen, erhofften sich von diesem vielleicht Beistand und der Junge schlägt Crowe vor, er solle zu seiner Frau sprechen, wenn sie schlafe. Beide setzen den Rat um und geben ihrem Leben dadurch eine positive Wendung. Eine dankbare weitere Rolle in der Geschichte spielt die Mutter des Jungen: Lynn Sear (dargestellt von Toni Collette). Was sich zwischen der verzweifelten Mutter, die ihrem Kind nicht helfen kann und dem Jungen, der seine Mutter aus Liebe belügen muss, abspielt, ist rührend dargestellt und findet eine kaum mehr erträgliche Steigerung, als Cole seiner Mutter das Geheimnis schließlich doch anvertraut und ihr zum Beweis dafür, dass er nicht flunkert, erzählt, was seine Großmutter ihm aufgetragen habe, seiner Mutter mitzuteilen. Der Film findet eine überraschende Wendung, die hier nicht mitgeteilt werden soll, weil ein großer Teil seiner Wirkung auf dieser Wendung beruht. Auch darin offenbart sich die Kunst Shyamalans, den Zuschauer subtil auf eine falsche Fährte zu führen. Nicht zuletzt diese Wendung, die man in Amerika als »sophisticated« bezeichnen würde, macht »The sixth sense« zu einem sehenswerten Werk.

Lorenzo Ravagli



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