Essay




Joachim von Königslöw

Schwelle zu einer neuen Welt
Das 15. Jahrhundert


Das 15. Jahrhundert ist wie eine breite Schwelle, über die der Weg aus dem Mittelalter in die Neuzeit führte. Es bildet den Wurzelgrund des neuzeitlichen Bewusstseins und der modernen Weltgeschichte.

Die Geburt der Neuzeit

Hat der Strom der Zeit etwas mit dem Dezimalsystem zu tun? Wie dem auch sei: Das magische Datum »2000« verführt zu Rückblick und Resümee. Es suggeriert einen »runden Geburtstag«. Einen runden Geburtstag vom wem – von was? In der christlichen Kultur, deren Erben wir sind, zählt man die »anni domini« – die »Jahre des Herrn« – von der Geburt des Heilands an. Das aber ist es nicht, was die Geburtstagsgefühle in uns weckt. Es ist mehr ein Sich-Besinnen unserer neuzeitlichen Kultur auf ihre eigene Geburt, und die geschah vor etwa 500-600 Jahren unter dem Namen »Renaissance« (Wiedergeburt). In all dem, was im weitesten Sinne zu dieser Renaissance gehört, sehen wir Empfängnis, Wehen und Geburt unserer Zeit, unseres Bewusstseins, unseres Europa und der von ihm durchtränkten Welt.

Nun stehen wir am Übergang zu einem neuen Jahrhundert wiederum in einem Umbruch aller Weltverhältnisse. Die Umrisse des Neuen sind erst schemenhaft zu ahnen, das Wegbrechen des Alten dagegen ist schmerzlich erfahrene Wirklichkeit. Dieses »Alte« aller Traditionen bis hin zur »Moderne« des 20. Jahrhunderts ist ein halbes Jahrtausend alt. Was in der Renaissance begann, liegt nun abgeschlossen, überlebt und in seinen künstlerischen Hinterlassenschaften sorgsam konserviert als »Neuzeit« und »Moderne« vor unserem Auge. Während sich dröhnend und grob aus technisch-wissenschaftlichem Fortschritt Neues gebiert und breit macht, erleben wir täglich, wie die Traditionen wegbrechen. Das sei ganz ohne Wertung gesagt. Wir erleben Aufbruch und Endzeitstimmung zugleich.

Eine neue »Runde« der Schöpfung

Aber was für einen erstaunlichen, schöpferisch-lebensvollen Beginn hatte diese Epoche! Hören wir eine Stimme aus jener Zeit, eine Stimme, die gerade jene schöpferischen Kräfte des Menschen beschwört: Nichts ist wunderbarer als der Mensch …



»Der höchste Vater, der Baumeister Gott, hatte das Haus der Welt, den heiligsten Tempel der Gottheit, nach den Gesetzen einer geheimen Weisheit schon meisterhaft beendet. Den überhimmlischen Bereich hatte er mit den Intelligenzen (= den Engel- und Sternenweisheiten) geschmückt, die Äthersphären mit ewigen Seelen belebt, den schmutzigen Bodensatz der unteren Welten mit vielen verschiedenartigen Tieren bevölkert.

Nach vollendetem Werke sehnte sich der Baumeister nach jemandem, der fähig wäre, den Sinn seines großen Werkes zu begreifen, dessen Schönheit zu lieben, dessen Erhabenheit zu bewundern. Nachdem nun alles vollbracht war (wie Moses und Timäus es bestätigen), beschloss er somit, als letztes Werk Menschen zu erschaffen. Von den Urbildern war jedoch keines mehr da, um daraus das neue Geschöpf zu formen, und in den Schatzkammern nichts, das er dem neuen Sohn als Erbschaft schenken könnte, noch auf der ganzen Welt ein Ort, der als Sitz für diesen Betrachter der Welt dienen könnte. Alles war besetzt, alles in den höchsten, mittleren und tiefsten Ordnungen schon verteilt … Schließlich beschloss der vortreffliche Baumeister, dass der Mensch, dem er nichts Eigenes mehr geben konnte, an allem teilnehme, was er jedem anderen gegeben hatte.

So nahm er den Menschen als ein Werk unbestimmter Art auf, stellte ihn in die Mitte der Welt und sprach zu ihm wie folgt: »Dir, Adam, habe ich keinen bestimmten Ort, kein eigenes Aussehen und keinen besonderen Vorzug verliehen, damit du den Ort, das Aussehen und die Vorzüge, die du dir wünschest, nach eigenem Beschluss und Ratschlag dir erwirbst. Die begrenzte Natur der anderen ist in Gesetzen enthalten, die ich vorgeschrieben habe. Von keinen Schranken eingeengt sollst du deine eigene Natur selbst bestimmen nach deinem Willen, dessen Macht ich dir überlassen habe. Ich stellte dich in die Mitte der Welt, damit du von dort aus alles, was ringsum ist, besser überschaust. Ich erschuf dich weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich, damit du als dein eigener, gleichsam freier, unumschränkter Baumeister dich selbst in der von dir gewählten Form aufbaust und gestaltest. Du kannst nach unten in den Tierwesen entarten; du kannst nach oben, deinem eigenen Willen folgend, im Göttlichen neu erstehen.«1

Was hier formuliert wird, ist ja nicht weniger und mehr als eine neue »Runde« der Schöpfung. Nach einer solchen verlangte die mündig gewordene Menschheit am Beginn des neuen Zeitalters, und so schrieb sie die alte Schöpfungsgeschichte um. Der, der es tat als Bannerträger einer neuen Zeit, war ein Dreiundzwanzigjähriger: Giovanni Pico della Mirandola, Graf von Concordia (1463-1494). Als schon berühmter Gelehrter und strahlendes Genie forderte er alle Gelehrten, Kirchenfürsten, Papst und Kardinäle zu einer Disputation nach Rom, wo er mit den besten und würdigsten Menschen seiner Zeit über die 900 Thesen disputieren wollte, in die er Wesen und Erkenntnis seiner Zeit zusammengefasst hatte.

Das war im Jahre 1468. Martin Luther und Raffael von Urbino waren damals Kinder von drei Jahren. Die Thesen Picos wurden veröffentlicht und erregten ungeheures Aufsehen. Zu der geplanten Disputation ist es allerdings nie gekommen, im Gegenteil: Pico wurde mit dem Bannfluch belegt und viele seiner lichtvollen Thesen verworfen. (Zur gleichen Zeit, 1484, befahl der Papst die Verstärkung der Hexenverfolgung; der »Hexenhammer« erschien, ein Buch, nach dem man untrüglich die Merkmale von Hexen bestimmen konnte.) Vasco da Gama umrundete damals gerade zum ersten Mal das Kap der Guten Hoffnung.

Pico, tief enttäuscht und doch nicht gebrochen, kehrte nach Florenz zurück. Er starb dort 1494 dreißigjährig – da war bereits Amerika entdeckt; vier Jahre später wird sein Freund Savonarola auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zwiespältiges 15. Jahrhundert! Picos Lebensmotto aber bleibt für die Neuzeit weiterhin bestimmend: »Du kannst, was du willst!« Trieb ähnliche Willenskraft nicht auch Kolumbus und Vasco da Gama zu ihren Taten um die Welt?

In Picos Nachlass fand man die Rede (»Oratio«), mit der er die Disputation seiner Thesen habe einleiten wollen. Diese nie gehaltene Rede benennt und versinnbildlicht Größe und Scheitern des 15. Jahrhunderts: adlergleicher Aufschwung des Menschen und Fall in den tiefsten Aberglauben.

Auf dem Weg zu einer Weltgeschichte

Dieses 15. Jahrhundert also war die breite Schwelle, über die der Weg aus dem Mittelalter in die Neuzeit führte. Vor der Entdeckung Amerikas und Indiens gab es verschiedene, unabhängig voneinander oder nur in loser Berührung miteinander existierende Kulturkreise auf der Erde: neben dem europäischen und dem halbwegs bekannten islamisch-orientalischen den indischen, den ostasiatischen, den amerikanischen Kulturkreis. Erst nach 1492 begann nun die eine Weltgeschichte unter europäischer Führung. Um die Wende zum 16. Jahrhundert wurde diese neue Phase der Entwicklung: der Ausgriff der Europäer auf Amerika, Afrika, Indien und Ostasien, anfänglich sichtbar. Bereits 1494 teilten sich unter Vermittlung des Papstes etwas voreilig Spanien und Portugal im Vertrag von Tordesillas die Welt, die sie noch gar nicht kannten, in ein spanisches und ein portugiesisches Kolonialreich auf.

Dieser gewaltige Ausgriff auf die ganze Erde gehörte eigentlich schon dem neuen Jahrhundert an, ist Folge dessen, wozu das 15. Jahrhundert den Grund legte. Es bildet den Wurzelgrund des neuzeitlichen Bewusstseins und der modernen Weltgeschichte; es ist im Wesentlichen noch ein »europäisches Jahrhundert«.

Dieses Schwellen-Jahrhundert wollen wir näher betrachten – als Beginn einer Folge von Essays, die in »Jahrhundertschritten« auf die Gegenwart zuschreiten.

Das Jahrhundert als Zeitmaß

Sogleich erhebt sich die Vorfrage: Ist denn das »Jahrhundert« als Zeitmaß überhaupt eine Realität? Ist es nicht eher ein großes Abstraktum? Die gleichsam sinnliche Anschauung der Kulturentwicklung zeigt kein »Jahrhundert-Schritt«, und so haben sich die Sachwalter des sinnlich-sichtbaren Erbes alles Kulturschaffens – die Kunsthistoriker – vom »Jahrhundert« emanzipiert und ihre eigenen Stil- und Zeitbegriffe geschaffen, in Deutschland zumindest: Renaissance, Manierismus, Barock, Rokoko, Klassizismus, Historismus, Moderne …, Epochenbegriffe, die sich nicht mit den Jahrhunderten decken.

Die mehr politisch und sozialhistorisch orientierte Geschichtsbetrachtung benutzt das gliedernde Maß des »Jahrhunderts« so, dass sie herausragende Daten und Entwicklungen zusammenstellt, sie gewichtet und daraus eine Art von kleinstem gemeinsamen Nenner der untersuchten Epoche in Gestalt ihrer leitenden Ideen und Impulse bildet – ein recht abstraktes Verfahren.

Die eigentliche Realität des Zeitverlaufes – also der Strom der menschlichen Verkörperungen, der Generationen und ihrer Überlagerungen – wird damit aber nur ungenügend abgebildet und in ein »Prokrustesbett« gezwängt. Man müsste zudem die Zeitmaße der »Zeit-Geister« und der »Erzengel« – der Volksgeister – benennen können, die mit ihren Impulsen den Charakter von Zeitaltern, die Kontinuität von Völkerschicksalen prägen, um zu einer wirklichkeitsgemäßen Gliederung der Epochen zu kommen.

Da wir uns in diesem knappen Abriss auf eine solche mehr okkulte Betrachtung nicht einlassen können, bleibt uns als Konkretum nur der Blick auf das Gewoge der Generationen, die sich mit einem mehr oder weniger einheitlichen Duktus in der Geschichte geltend machen: Man denke z.B. an die »Achtundsechziger« des 20., die »Stürmer und Dränger« des 18., die »Zisterzienser« des 12. Jahrhunderts. Man rechnet eine Generation mit rund 33 Jahren; drei davon gehen auf ein Jahrhundert. Aber damit lässt sich keine Rechnung anstellen, doch mit einem »locker« über die Zeiten gehenden, gleichsam »imaginativen« Blick findet man im Verlauf der Jahrhunderte gewisse Wellen und Wellentäler, dynamische Knoten ebenso wie kraftloses Zurücksinken. Atemholen und Atementlassen, Zeiten der Kraft und der Erschlaffung, die sich freilich in den einzelnen Lebensgebieten oft genug überlagern.

Will man daraus, allzu kühn vielleicht, auf einen Rhythmus innerhalb der Jahrhunderte schließen, so ist es der eines oft mächtigen Aufschwungs zur Jahrhundertwende, der sich in den vorher Geborenen anstaut, eine Zeit der Frische, dann Abgleiten und Krise, dann Steigerung bis zu einem Umschwung in der Mitte, ein Auslaufen in ein »Fin de siècle«, unter dessen Decke sich schon wieder eine Aufbruchs-Generation regt… In das »Fin de siècle« schlägt oft genug schon das auf ein neues Zeitalter zielendes Wendeereignis ein: 1389 – 1492 – 1588 – 1688/89 – 1789 … 1989 …, das sich als solches manchmal erst später enthüllt.

Ein Jahrhundert als ein Geflecht solcher dynamischer Bewegungen zu erleben, hervorrauschende Wellen zu entdecken und charakteristische Färbungen des Zeitenstroms zu empfinden –, das zu beschreiben mag als legitime Annäherung an ein Saeculum erlaubt sein. Damit wird seine dezimale Struktur ein wenig »aufgeweicht« und mehr lebendig wesenhafte Charakterzüge treten hervor.

Das selbstbewusste Ich des Menschen macht sich geltend

Versuchen wir, in diesem Sinne uns in aller Kürze dem 15. Jahrhundert zu nähern. Grenzen wir es zunächst in zwei polare Bilder ein. Am Anfang steht, zwar nicht mehr ungebrochen, doch immer noch herrschend das Bild Christi als Sonne über dem Abendland. Um 1400 kannte die Kunst, insbesondere nördlich der Alpen, noch kein Porträt. Allenfalls wagte es der Maler, im Gewande der biblischen Personen, die er malte, sich selbst oder andere identifizierbare Personen zu verstecken, oder er reichert den Hintergrund seiner biblischen Szenen mit Gegenwarts- und Realitätsbezügen an. Im höchsten Range aber bleibt das Bild der Gottesmutter oder dasjenige Christi, wie es uns etwa das »Vera Icon« des Meisters Bertram von Minden zeigt, gemalt zwischen 1390 und 1400 in Hamburg.



Am Ende des Jahrhunderts, gemalt in Nürnberg im Jahre 1500, steht Dürers »Selbstbildnis im Pelzrock« – jenes fast vollkommene und beinahe unheimlich genaue Selbstporträt Dürers, auf dem sich der Meister streng frontal und in eben der Haltung abbildet, die früher dem Antlitz Christi vorbehalten war. Deutlicher kann es sich nicht zeigen: Im Laufe des 15. Jahrhunderts nimmt das selbstbewusste »Ich« des Menschen die Stelle ein, die ein Jahrhundert zuvor noch ganz allein dem Gotte gebührte.

Kann man diese Wandlung an den Ereignissen dieses Jahrhunderts symptomatisch ablesen? Und weiter: Was waren die inneren Triebkräfte dieser Entwicklung? Auf beide Fragen können wir hier nur andeutungsweise antworten und eher Anregungen zu eigenem Forschen als ausgeführte Bilder geben. Folgen wir zunächst der Spur der »äußeren« Geschehnisse und Entwicklungen.

Die Spur des äußeren Geschehens

Europa bestand am Ende des 14. Jahrhunderts aus einem bunten Strauß feudaler Königreiche, die sich auf ihren nationalen Territorien zu konsolidieren versuchten. Nationalstaaten im heutigen Sinne waren das noch lange nicht. Das einigende geistige Band des Mittelalters, die Papstkirche, war geschwächt und ihre Autorität untergraben. Das »Exil« der Päpste von Avignon (1309-1378) im gerade verflossenen Jahrhundert endete im »großen Schisma« (1378-1417), der Herrschaft zweier Päpste: in Rom und Avignon. In den großen Reformkonzilien von Konstanz, Ferrara und Florenz und schließlich Basel versuchte man vom Beginn des Jahrhunderts an, die Kirche wieder neu zu gründen. Das Schisma wurde zwar beseitigt, aber die innere Konsolidierung misslang, und das Papsttum gewann eine neue, bald zu schlimmster Entartung führende Macht: Es kam die Zeit der sog. Renaissance-Päpste mit dem berüchtigten Alexander VI. (Borgia) als Gipfel. Ihm war zu Machtgewinn und Bereicherung jedes Mittel recht, auch vielfacher Mord, bis er – sozusagen durch einen »Unfall«, also unfreiwillig – an seinem eigenen Gift starb. Andererseits waren diese Renaissance-Päpste die größten Förderer der Künste, denen wir viele unsterbliche Werke verdanken. Aber damit greifen wir schon in den Anfang des nächsten Jahrhunderts voraus.

Symptomatisch für den Aufbruch am Jahrhundertbeginn des 15. war vor allem das Konzil zu Konstanz (1414-1418), vor dem Jan Hus aus Prag seine noch recht moderaten Reformwünsche an die Kirche rechtfertigen sollte. Dass er sich weigerte, seine Anschauung zu widerrufen, ist ein zeichenhaftes Sich-Geltendmachen des Individualismus. Dass er als Ketzer verurteilt und verbrannt wurde, ohne dass ihm Gelegenheit gegeben wurde, sich ordentlich zu verteidigen (1415), löste mit religiösem Impuls zwar eine erste national gefärbte Bewegung aus: den Hussitismus, der dann in blutigen Kriegen Mitteleuropa überzog.

Der Scheiterhaufen zu Konstanz ist wie das Fanal eines neuen Zeitalters; gilt doch nach alten Traditionen, die Rudolf Steiner aufgreift und ausgestaltet, das Jahr 1413 als der eigentliche Beginn des sog. fünften nachatlantischen Zeitalters. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch die Fähigkeit erlangt, sich selbst wie der umgebenden Natur ganz objektiv, gleichsam wie ein Fremder gegenüberzutreten. Das ermöglicht einen höheren Grad sowohl an Selbstbewusstsein wie an forschender Hingabe an das Objekt, birgt aber auch die Gefahr, der Welt vor allem als kühl-distanzierter Beobachter und Egoist gegenüberzutreten. Das Zeitalter der Bewusstseinsseele beginnt. Es war umlodert von den Flammen der Scheiterhaufen, auf denen man Hus, Jeanne d' Arc und Savonarola verbrannte, die jeweils auf ihre Art ein neues Bewusstsein anmahnten oder vertraten.

Die Habsburger: Erheiratung Europas

Doch zurück zum Verlauf der Ereignisse. Die andere Universalmacht des christlichen Abendlandes, das mitteleuropäische Kaisertum der Luxemburger, das dann im 15. Jahrhundert (1438) an die Habsburger überging, versuchte sich durch seine »Hausmachtpolitik« dem erwähnten territorialen Herrschaftsprinzip anzupassen. Das verband sich mit den alten Bluts- und Geschlechtskräften, ins Machtpolitische gewendet: Man erheiratete sich »seine« Länder, gestützt auf eine Verrechtlichung des Erbwesens. Meister war darin der Habsburger Friedrich III., deutscher Kaiser durch ein halbes Jahrhundert (1440-1493), durch irgendwelche Taten kaum bekannt, berühmt aber durch die Heiraten, die er stiftete. Auf ihn dichtete spottend Matthias Corvinus, der ungarische König und Humanist: »Alii bella gerant, tu, felix Austria, nube!« (»Andere mögen Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate!«) Friedrichs III. Wahlspruch lautete: AEIOU, was bedeuten sollte: »Austria Est In Orbe Ultima« oder, in einer deutschen Fassung: »Alles Erdreich Ist Österreich Untertan«. Das von ihm geschaffene System wurde bei seinem Urenkel Kaiser Karl V. zum »Reich, in dem die Sonne nicht untergeht« und bestand ja in modifizierter Form als k.u.k Doppelmonarchie bis 1918 fort.



Von nichtchristlichen, außereuropäischen Mächten an seinen Grenzen bedroht stand das Europa des 15. Jahrhunderts im Südwesten – in Spanien – und im Südosten – auf der Balkanhalbinsel – in heftigen Abwehrkämpfen. Auf der Iberischen Halbinsel führten diese Kämpfe, die sog. »Reconquista« noch vor Abschluss des Jahrhunderts zur Rückgewinnung ganz Spaniens durch die Christen: Isabella von Kastilien eroberte 1492 Granada, das letzte Reich der Mauren auf europäischem Boden, und der Geberlaune der Siegerin verdankt Kolumbus die Mittel zur Ausrüstung seiner drei Karavellen, mit denen er Amerika entdeckte. Kolumbus seinerseits war Erbe und Nutznießer der Seefahrts-Tradition, die der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer mit seiner planmäßigen Verbesserung der Nautik und seinen systematischen Entdeckungsfahrten vom Westrand Europas nach Afrika inauguriert hatte.

Im Südosten Europas verloren die Christen dagegen Land um Land, bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts die ganze Balkanhalbinsel bis nach Ungarn und an den Karpatenwall heran osmanisch wurde. Nur in Morea (auf der Peloponnes) und in Konstantinopel hielt sich das christliche Byzantinertum zunächst noch. Und doch war es von zeichenhafter Bedeutung, dass in diesem Saeculum das alte Byzanz untergehen musste. Am 2. Mai 1453 erstürmte Mehmet der Eroberer mit seinen Scharen Konstantinopel, das zweite Rom, das 330 n.Chr. das erste Rom als Hauptstadt des Abendlandes abgelöst und viele antikisch-römische Traditionen bewahrt und in die Kultur des Mittelalters hatte einfließen lassen. Die beginnende Renaissance erhielt kräftige Impulse durch die geflüchteten Gelehrten, die aus dem bedrohten Byzanz zu den Konzilien in Ferrara und Florenz kamen (1437).

Wichtig wurde aber vor allem die Linie der Sukzession, die vom zweiten zum dritten Rom führte. Wieder ist es eine Heirat, die des Moskauer Großfürsten Iwan III. mit der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, die dadurch machtpolitisch wirksam wird, dass Iwan III. sich nun zum Zaren (=Cäsar), also zum Nachfolger der römischen und byzantinischen Kaiser erklärt und Moskau zum »dritten Rom« erhebt, zum Hort einer zwar christlichen, aber unter orientalischem Einfluss erstarrten Autokratie.

So sehen wir, wie drei der im nächsten halben Jahrtausend wirkenden politischen Gebilde oder Systeme dem Schoß des 15. Jahrhunderts entsteigen: das habsburgische, sich mit dem römischen Papsttum verknüpfende mitteleuropäische Kaisertum; das spanisch-portugiesische Kolonialsystem, das eine halbe – die »neue« – Welt latinisierte, christianisierte, ausbeutete und prägte; das russische Zarentum, das die Decke einer erstarrten byzantinischen Orthodoxie und einen mongolisch beeinflussten Herrschaftswillen über ein Osteuropa ausbreitete, das seinem Wesen nach ganz anders geartet war und ganz andere Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätte, deren Keime man im vormongolischen Russland studieren kann.

Dafür zeichenhaft ist, dass Iwan III. (1462-1505), dem die Geschichte den Beinamen »der Große« gegeben hat, den letzten Ausläufer dieser Kultur, deren Exponent die freie Handelsrepublik Groß-Novgorod am Ilmensee war, 1478 eroberte und zerstörte.

Die eigentlichen »Kern-Mächte« der beginnenden »Neuzeit« aber, England und Frankreich, rangen damals im 15. Jahrhundert erst um die Vorbedingungen zur Entfaltung ihrer jeweils eigenen Mission: der »Hundertjährige Krieg« zwischen England und Frankreich trennte die beiden einst durch die Normannen verknüpften Reiche. Endgültig geschah das im Frieden von Picquigny am 29. August 1475. Er war die Folge davon, dass die Lichtgestalt der Jeanne d'Arc Frankreich zu einer nationalen Wiedergeburt geführt hatte. Dass die Engländer die Jungfrau von Orléans am 30. Mai 1431 in Rouen den Flammen des Scheiterhaufens übergaben, machte Jeanne d'Arc zur großen Märtyrerin Frankreichs und verhinderte nicht, dass England sich fortan mit seiner Insel bescheiden musste – und dafür später die Welt gewann.

Das mag als andeutender Überblick über die politischen Entwicklungen des Jahrhunderts genügen. Aber diese Betrachtung wäre gänzlich unvollständig, wenn wir nicht auch einiger der Menschen gedächten, die von innen heraus das alte Zeitalter sprengten und die Horizonte des neuen eröffneten.



Persönlichkeiten des 15. Jahrhunderts

Eine ganze Welle von Künstler-Persönlichkeiten wurde zum Beispiel in Italien gegen Ende des 14. Jahrhunderts geboren. Es waren die, die etwa in Florenz glanzvoll die Renaissance heraufführten. In unser Bewusstsein getreten sind vor allem die »vier Brüder«2 Lorenzo Ghiberti, Filippo Brunelleschi, Donatello und Massacio. Des Brunelleschi geniale Kuppel des Domes von Florenz überwölbt gleichsam als Wahrzeichen das 15. Jahrhundert ebenso wie die Kuppel Michelangelos in Rom das 16. Jahrhundert.

Eine Gestalt aber fasst alle Facetten dieser Zeitenwende in sich zusammen und bringt sie zur Erscheinung, von der tiefsten Mystik bis hin zu hochpolitischem Wirken: der geniale Nikolaus von Kues (1400-1464). Geboren und aufgewachsen als Fischersohn an der Mosel, wird er Priester, Gelehrter, Philosoph, Naturforscher und Kirchenfürst. Er fasst noch einmal die geistige Tradition und das okkulte Wissen des Mittelalters zusammen, verknüpft das aber mit ganz neuen, ganz eigenen geistigen Schau-Erlebnissen. Aus diesen gewinnt er die Einsichten, die ihn zu solchen rätselvollen philosophischen Begriffen wie der »docta ignorantia« – der »gelehrten Unwissenheit« – und der »coincidentia oppositorum« – des »Zusammenfalls der Gegensätze« führen. Die äußere Beobachtung seines Zeitalters hätte ihn diese Begriffe nicht finden lassen, wo ja gerade die äußersten Gegensätze unversöhnt aufeinandertrafen.

Tief erschütterte ihn der Fall Konstantinopels, einer Stadt, deren Größe, Schönheit und geistigen Hintergrund er gut kannte, sodass er zur Schau eines himmlischen Konzils der Erzengel entrückt wurde, die ihn ein inneres Gegenbild zu den Völkerkämpfen seiner Zeit erblicken ließen. Auf der anderen Seite steht das Faktum, dass seine Abhandlung über die Waage die erste, rein auf Experiment und Beobachtung fußende naturwissenschaftliche Untersuchung ist.

Von Cusanus stammt das Projekt zu einem berichtigten Kalender, der dem neuen Zeitalter seine Zeitrechnung gab. Berechnet war er für das Basler Konzil auf einen Beginn im Jahre 1440; eingeführt hat ihn dann erst der spätere Papst Gregor XIII. 1582, weshalb er eben »gregorianischer« und nicht »cusanischer Kalender« heißt, wie es wohl eigentlich angemessen wäre!



Ungleich wirkungsvoller und schneller als die Gedanken des Cusanus veränderte seit der Mitte des Jahrhunderts Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks alle Lebensverhältnisse. Vom Buchdruck gefördert wurden auch die Bestrebungen der Humanisten. Diese Gelehrten erweiterten und säkularisierten im Blick auf die Antike das Weltbild ihrer Zeit grundlegend. Sie stützten sich dabei auf das griechische und lateinische Erbe, ohne mit der Kirche zu brechen. Am Ende des 15. Jahrhunderts begann eine Blütezeit des Humanismus. Er wurde zum Erzieher der mächtigen Welle einer neuen Generation großer Geister, die den Beginn des 16. Jahrhunderts zu einer Glanzzeit des Abendlandes machten. Sie alle wurden von der Mitte des 15. Jahrhunderts an geboren, die ihre größten, reifsten Werke erst im 16. Jahrhundert schufen: Leonardo da Vinci, Michelangelo Buonarotti, Raffael – wobei Leonardos »Abendmahl« ja noch dem 15. Jahrhundert angehört (1495-1498); Luther und Zwingli; Altdorfer und Dürer; Cranach und Grünewald; Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus; Kopernikus und Paracelsus – um nur einige, unzusammenhängende Namen aus der Fülle herauszugreifen.

Beim Blick auf diese Namen scheint es so, als sei das 15. Jahrhundert nur die Vorstufe zu den Gipfelhöhen am Beginn des 16. Jahrhunderts. Doch der Eindruck täuscht: Bei einer Treppe ist jede Stufe wichtig.

Einer der Brennpunkte des Jahrhunderts war die Stadt Florenz mit der Herrschaft und dem Mäzenatentum der Medici (Cosimo der Alte 1434-1464) und Lorenzo il Magnifico (1469-1492) mit der erneuerten »platonischen Akademie« des Marsilio Ficino (ab 1440).

Der andere Brennpunkt lag im Norden, in Flandern und Brabant, in dem damaligen »Zwischenreich« Burgund. In diesem ziemlich kurzlebigen politischen Gebilde, das sich mit einer großen Dynamik zwischen Frankreich und Deutschland schob, blühten Handel, Gewerbe (Tuchmacherei) und nicht zuletzt die Kunst. Die Brüder van Eyck, Rogier van der Weyden (der die gleichen Lebensdaten hat wie Nikolaus von Kues: 1400-1464) und Hans Memling begründeten – zunächst noch im mittelalterlichen Gewande – die Kunst der Neuzeit mit ihren realistischen Porträts und ihrer perspektivischen Räumlichkeit – in ganz anderer Art als die Italiener. In Brügge, Gent, Antwerpen und Brüssel blühte eine reiche bürgerliche Kultur, wie sie Johann Huizinga so glänzend in seinem Buch »Herbst des Mittelalters« beschrieben hat.3

Aber diese Kultur war nicht nur »Herbst«. Unter der Decke und im Gewande des Alten war sie zugleich frühlingshafter Aufbruch in die Neuzeit. Zum Abschluss dieser Betrachtungen sei daher auf ein Bild geblickt, das so recht die Spannweite dieses Jahrhunderts, das Neben- und Ineinander von Alt und Neu zeigt: Rogier van der Weydens berühmtes Bild: »Der Evangelist Lukas malt die Madonna« (1440, heute in Boston).



Was ist das Besondere dieses Bildes, das den heiligen Lukas in rotem faltenreichen Gewand im Halbprofil zeigt, die nicht minder prächtige Madonna malend, die gerade dem Kinde die Brust gibt? Nicht nur das Motiv, vor allem die Darstellungsweise ist es. Der prachtvolle Innenraum weitet sich zur »Loggia«; durch die mittlere Öffnung zwischen zwei kunstvoll gedrechselten Säulen schaut man hinaus in die Landschaft. Dorthin lenkt der Maler unseren Blick, über eine Gartenterrasse hinweg zu einer zinnenbekrönten Brüstung. Vor der stehen ein Mann und eine Frau als Rückenfiguren und schauen hinaus in die Ferne. In die strömt ein buchtenreicher blauer Fluss zu einer Fels- und Hügellandschaft hin, die unter einem weißlich aufgehellten Himmel am Horizont liegt. Dort ahnt man den Fluchtpunkt des Bildes. Der Goldgrund des Mittelalters, der die spirituelle Welt zugleich abbildete und verstellte, ist verschwunden, und der Zielpunkt alles Blickens, Sehnens und Trachtens liegt nun fern zwar, aber im endlichen Raume vor uns. Den gilt es jetzt mit den Sinnen und Gedanken forschend zu durchdringen. In einen solchen Raum hinein ist Fortschritt möglich, und dahin macht sich die Menschheit im 15. Jahrhundert auf den Weg. Noch aber ist es nur ein Blick – ein Vor-Blick: Es ist (auf unserem Bilde) die senkrechte, perspektivische Längsachse, die in die räumliche Tiefe des Bildraums führt.

Eine waagerechte Querachse »durchkreuzt« die andere: Der Blick des Lukas, in dem der Maler Rogier van der Weyden sich selbst porträtgenau darstellt, geht zur Madonna, die auf das Kind hinabschaut. Die Pracht der faltenreich zu Boden fließenden Gewänder, des Baldachins, unter dem Maria sitzt, des kunstvoll gefliesten Bodens ist als realistisch gemalte »Stofflichkeit« greifbar; der Maler selbst setzt sich als »Augenzeugen« an die Stelle des heiligen Evangelisten. Die alte Sinn(bild)haftigkeit des Motivs wird ins Unauffällige und Versteckte abgedrängt: In einem dunklen Nebengelass unter dem Lesepult liegt der »Stier« des Lukas. Auf der Schnitzerei der Lehne an der Bank, vor der Maria sitzt, sind Adam und Eva zu erkennen. Das ist wie ein »verschämter« Hinweis auf die Austreibung aus dem »alten« Paradies. Das ganze Bild aber ist wie ein Sich-Öffnen in das neue Paradies der irdisch-sinnlichen Welt, in ein Paradies, in dem der »neue« Adam des Giovanni Pico della Mirandola sich regen und entfalten kann. Es ist, als wollte das Bild uns sagen: Lukas malte einst die Madonna; Rogier versetzt sich nicht nur in den Lukas und damit in das heilige Geschehen der Vergangenheit, er vergegenwärtigt es und malt darüber hinaus die Zukunft: die Fernen, die Weiten, die Räumlichkeit der Welt – der neuen Welt, in die es aufzubrechen gilt!



Taste Zurück zum Inhaltsverzeichnis