Feuilleton

Schicksalsdeutung

Orakel – Der Blick in die Zukunft

Ausstellung im Museum Rietberg Zürich, bis 20.2.2000





Ein Mensch befindet sich im Zentrum eines Steinkreises. Er markiert einen geschützten Raum, Ort der Konzentration. In der Mitte des Kreises sitzend und sich durch die konzentrisch angeordneten Steine für jeden erkennbar von der Umgebung abschirmend, wahrsagt dieser Mensch aus der Anordnung der vor ihm liegenden Steine Zukünftiges. Der Situation ist eine tiefe Symbolik zu eigen.

An Fallbeispielen thematisiert »Orakel – Der Blick in die Zukunft« das Ringen um Antworten auf existenzielle Fragen. Gezielt beschränkte man sich beim bisher aufwendigsten Projekt des Museums auf sechs Spielarten der Schicksalsdeutung – und geografisch auf den Mittelmeerraum, Asien und Afrika. Der Züricher Beitrag zur Jahrtausendwende erweist sich deshalb als besonders aussagekräftig und entgeht der Gefahr, Besucher mit Exponaten zuzuschütten.

Rund 150 ausgewählte Objekte bezeugen die Rolle unterschiedlichster Divinationstechniken in der Vergangenheit und deren bemerkenswerte globale Aktualität.

Aus den mit glühendem Hartholz in Knochenpanzern von Schildkröten erzeugten Rissen wurde im China der Tang-Dynastie (1600-1100 v.Chr.) die Angemessenheit von Opfern für die Götter gedeutet. Keilschriftzeichen einer neuassyrischen Tontafel (650 v.Chr.) berichten, dass bei spezieller Konstellation des Planeten Venus »die Könige einander Grüße zuschicken«. Über Prophezeiungen aus übersinnlicher Inspiration oder die etruskische Eingenweideschau informieren der dreieckige, kupferlegierte pergamenische Orakelapparat aus der Berliner Antikensammlung ebenso wie der Kampf des Herakles mit Apollon um den delphischen Dreifuß auf einer attischen Halsamphora. Nicht zu vergessen das berühmte Modell der bronzenen Schafsleber aus Piacenza (1.Jh. n.Chr.).

Eine für die Ausstellung produzierte Fotoreportage des vom Dalai Lama regelmäßig konsultierten tibetischen Staatsorakels in Dharamsala, dem Ort der Exilregierung, macht die Befragung in Trance zusammen mit einer Tonbildschau überaus deutlich. Ausgestellt ist auch das rund 40 Kilo schwere Ritualgewand vom Neujahrsorakel 1999.

Ein Elfenbeindiptychon aus Nordfrankreich (14. Jh.) mit dem Bild des bethlehemitischen Sterns, welcher die drei Könige zum Geburtsort Jesu Christi führte, fokussiert den zentralen Einfluss der Sterne und Planeten auf irdisches Geschehen im christlichen Kulturkreis. Für den islamischen Bereich leistet dies das farbenprächtige Geburtshoroskop des Sultans Iskandar aus dem Jahre 1411. Übrigens ein typisches Beispiel der Missverständlichkeit von Weissagungen, hatte das Horoskop dem 29-Jährigen doch eine glänzende Zukunft verkündet –, nicht aber die Hinrichtung durch seinen Halbbruder Rustam nur drei Jahre später.

Traumdeutung ist seit C. G. Jung Allgemeingut. Die Bibliomantie indes, also das bedeutungsschwere zufällige Aufschlagen von Büchern, dürften heute nur wenige pflegen. Nicht so früher, wie ein islamisches Omenbuch des 17. Jahrhunderts beweist.

Eine weite Reihe von Objekten – Würfel, Knochen, Stäbe oder Figürchen etwa – zeigen die lebendige Vielfalt afrikanischer Orakel. Ihre Aufzählung liest sich wie das Who-is-Who der Orakeltechnik: Fa-Orakel, Flaschenkürbis-, Korb-, Tier-, Reib-, Schnur-, Wurf-Orakel, Trance-Wahrsager, Geistmedien usw. Es ist anregend, dass im Kontext afrikanischer Kunst die üblichen Masken fehlen.

Den Abschluss bildet eine Multimediainstallation. Sie vergleicht drei der verbreitesten Orakeltraditionen: das chinesische Yijing (I-Ging), das nigerianische Ifa-Orakel und das europäische Tarot. Da die auf das norditalienische Visconti-Sforza-Spiel von 1441 zurückgehenden Tarot-Karten Europäern vertraut sein dürften, weniger aber das Auszählen von Schafgarbenstängeln (Yijing) und das Hantieren mit Palmnüssen (Ifa), ist hier ein ergänzender Blick in den qualitätvollen Ausstellungskatalog hilfreich.

In der Tat möchte man manchmal fragen: »An wen muss ich mich wenden, um das, was ich im Sinn trage, auch zu erreichen?« – Man wisse eigentlich immer genau, was man wolle, formulierte Friedrich von Hardenberg (Novalis), das Schwierige sei nur, dies auch jeweils zu bemerken.

Matthias Mochner



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