Kunst im Zeitalter ihres Verschwindens
Paradoxien einer individualistischen Gesellschaft
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Manche Diagnostiker des Zeitgeistes bezeichnen den kulturellen Zustand, in dem die gegenwärtige Menschheit sich befindet, als Postmoderne. Ein Merkmal der Postmoderne ist ihre unüberwindliche Neigung zum Individualismus. Mit den Paradoxien einer individualistischen Gesellschaft und möglichen Lösungen befasst sich der folgende Artikel.(1)
1. Das Paradoxon der Erkenntnis oder des Wissens
Unsere Gesellschaft wird vom Wunsch nach verbindlichen und zugleich einfachen Wahrheiten beherrscht, die Orientierung in unserer in rasendem Wandel begriffenen Welt ermöglichen und Handeln leiten sollen. Gleichzeitig ist die Überzeugung verbreitet, dieser Wunsch sei unerfüllbar, wenn nicht sogar gefährlich und beruhe auf einer grundlegenden Illusion.
Die Naturwissenschaften haben den Begriff der Wahrheit durch den Begriff der Verisimilität, der Wahrheitsähnlichkeit oder Wahrscheinlichkeit ersetzt. Ihre Wahrheiten wollen keine Wesenserkenntnis vermitteln, da es für sie kein Wesen gibt, das erkannt werden könnte. Das Wesen ist nichts als die Summe seiner Eigenschaften, und wer im Sinne dieses nominalistischen Wesensverständnisses Eigenschaften beschreibt, hat auch das Wesen beschrieben. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis beschränkt sich angeblich darauf, zu beschreiben, wie etwas funktioniert und ihre Propagandisten behaupten stolz, die Sinn- und Zweckfragen aus ihren Welterklärungsversuchen verbannt zu haben, die ohnehin keine wissenschaftlichen Fragen seien und demnach auch nicht wissenschaftlich beantwortet werden könnten. Diese angeblich unwissenschaftlichen Fragestellungen werden den Philosophen und Theologen überlassen.
Die Geisteswissenschaften stehen vor einem ähnlichen Dilemma. Hier vernichtete die exponenzielle Vermehrung des Wissens und dessen Historisierung im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts das Heraufkommen der geschichtlichen Betrachtungsweise der Erkenntnis-, der Gesellschafts- und Lebensformen Geltungsansprüche, die von den Vorläufern der heutigen Geisteswissenschaften erhoben worden sind, weil sie ihre Aufgabe darin gesehen haben, allgemein-verbindliche Weltinterpretationen zu erzeugen. Das war noch bei Fichte, bei Hegel, selbst bei herausragenden Aufklärern wie Lessing oder Voltaire der Fall, die sich der großen Erzählung der Moderne, der Erzählung vom unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit im Bewusstsein ihrer Freiheit, verpflichtet fühlten.
Heute ist an die Stelle der Wesenserkenntnis in den Geisteswissenschaften eine Art Genealogie getreten, in der Entstehungsgeschichten von Wissenstraditionen erzählt werden, die alle gleich gültig und damit gleich relativ und gleich beliebig sind. Bestenfalls wird die Geschichte des Geistes dekonstruiert und unter der abbröckelnden Patina das somatische Mauerwerk sichtbar, auf das die Fresken der einzelnen Entwicklungsepochen des Geistes aufgetragen wurden. Zuletzt aber stößt diese Betrachtungsweise auf Mörtel, der in den Fingern des Forschers zerbröselt und nichts übrig lässt, als die Gewissheit von der Vergänglichkeit des Seienden.
2. Das Paradoxon der Ästhetik oder des Schönen
Unsere Gesellschaft ist geprägt durch eine obsessive Sehnsucht nach dem Glanz der Schönheit und der Jugend und zugleich dem unerschütterlichen Bewusstsein ihres unwiederbringlichen Verlustes. Aus dieser obsessiven Sehnsucht nach dem Genuss des Schönen lassen sich eine Reihe von gesellschaftlichen Phänomenen erklären:
Das blinde Streben nach Reichtum, weil man sich der Illusion hingibt, dass Reichtum den Genuss der Schönheit anhaltend zu sichern vermöge.
Das blinde Streben nach Macht, weil Schönheit sich angeblich stets zur Macht geselle und sich im Umkreis der Macht von selbst vermehre.
Die unbegrenzte Vermehrung von Simulakren, von Abbildern des Kunst- und Naturschönen durch die Mittel der technischen Reproduktion, weil die Sucht nach dem Schönen wie jede andere Sucht steter Wiederholung jener Handlungen bedarf, die den Süchtigen in den Besitz seines Suchtmittels setzen. Weil aber der Vollzug der Suchthandlungen die Suchtmittel verbraucht, müssen diese stets von Neuem hervorgebracht werden.
Die Ästhetisierung der Lebenswelt. Die klassischen Künste sind längst aus ihren traditionellen Pflegestätten, den Museen, Theatern und Opernhäusern ausgewandert und in den Alltag, in die Fußgängerzonen und Bahnhöfe eingedrungen. In Gestalt des Designs ästhetisieren sie jeden Gebrauchsgegenstand: Wir erwarten von einem Auto, einem Telefon nicht nur Funktionalität, sondern ansprechendes Design. In vielen Lifestyle-Magazinen wird die permanente Ästhetisierung der Welt, zu der auch der menschliche Körper gehört, als höchstes Lebensziel zelebriert.
Für die Jäger und Sammler der Steinzeit war die künstlerische Produktion ein magischer Akt der Beschwörung des Numinosen, das außerhalb ihrer Wohnhöhle weste, während wir uns ganz an unsere Immanenz verausgabt haben, was sich auch an unserem atemlosen Streben zeigt, diese Immanenz selbst in unserer Wohnhöhle mit Hilfe der Informationstechnologie, mit Hilfe des Fernsehens, Telefons, Rundfunks, Internets permanent präsent zu halten.
Das Verschwinden jeglicher Transzendenz aus unserem Lebensalltag zwingt uns die suchtartige Hingabe an das Schöne auf, weil in diesem Schönen das Endliche, Diesseitige sich selbst den Schein der Vollkommenheit, der Göttlichkeit verleiht und seine Endlichkeit vorübergehend transzendiert.
Im Gegensatz zu Rilke ist deshalb im Schönen nicht des Schrecklichen Anfang zu sehen, sondern vielmehr des Schrecklichen wenn auch nur vorübergehendes Ende. Das Schöne ist das Aphrodisiakum (nicht das Opiat), das uns über den Anblick des Schrecklichen hinwegtröstet. Aphrodisiakum deshalb, weil es in unserer Zivilisation nahezu untrennbar mit Sexualität und Erotik verschwistert ist. Verstünden wir das Schöne als Opiat, würde es uns lediglich betäuben. Als Aphrodisiakum berauscht es und ruft in uns ein Gefühl der Lebendigkeit hervor, das zwar vorübergehend ist und deswegen ständig erneuert werden muss, das aber von uns nicht wie eine Herabdämpfung des Bewusstseins erlebt wird, sondern wie eine Steigerung.
3. Das Paradoxon der Moral oder des Guten
Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Glauben an die Realisierbarkeit einer gerechten Weltordnung der besten aller möglichen Ordnungen , während das individuelle und gesellschaftliche Leben immer mehr durch Bindungslosigkeit, durch mangelnden Gemeinsinn, durch das Vorwalten persönlicher Egoismen und Gruppenegoismen dominiert wird.
In Wahlperioden beschwören Parteipolitiker das Gemeinwohl, was immer sie im Einzelnen darunter verstehen mögen. Haben sie die angestrebten Positionen erreicht, handeln sie im Interesse des Eigenwohls, allein schon deshalb, weil sie die erreichten Positionen behalten wollen. Sie handeln aber auch im Interesse des Wohls jener realen gesellschaftlichen Mächte, denen sie und ihre Partei ihre Existenz verdanken (Spendenaffären). Diese realen gesellschaftlichen Mächte sind in der Regel nicht die Bürger, die sie angeblich repräsentieren. Unsere Demokratie ist in Wahrheit eine Partitokratie. Aber hinter den Parteien stehen ihre Geldgeber, die Plutokraten und hinter der Partitokratie die grenzübergreifende Internationale der Plutokraten. Doch machen wir uns nichts vor: Die Plutokraten können uns nur beherrschen, weil wir selbst Plutokraten sind. Besessene, die von Besessenen regiert werden. Sind wir doch alle mehr oder weniger der Faszination der Gewinnoptimierung unter möglichst geringen Anstrengungen erlegen, wie an der zunehmenden Beliebtheit des Börsenspiels sichtbar wird.
Andererseits: Die Politikverdrossenheit, die regelmäßig nach Wahlen mit Blick auf die abnehmende Wahlbeteiligung thematisiert wird, ist ein Zeichen für die zunehmende Wirkungslosigkeit einer Suggestion: der Suggestion, der Bürger könne sich durch das Ritual der Stimmabgabe an der Gestaltung seiner Gesellschaft beteiligen.
Das Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung ist ein Zeitalter neuer Migrationen. Diese Migrationen sind in der globalisierten Welt Binnenwanderungen: Humane Ressourcen wandern stets dorthin, wo ihnen das größte Glück, der schnellste Aufstieg, die glänzendste Karriere, das höchste Einkommen winken jeder Schritt auf der Karriereleiter hinterlässt zerbrochene Herzen.
Menschliches Leben und damit auch Kultur im Zeitalter der Globalisierung ist durch den radikalen Verlust von Heimatlichkeit gekennzeichnet. Mit der Beheimatung verlieren wir die Erinnerung, die Tradition und das Wissen um das Gute, das sich bewährt hat.
4. Therapie: Pneumatoanalyse
Diese keineswegs erschöpfende Diagnose unseres gegenwärtigen Kulturzustandes verlangt nach einem Therapievorschlag. Nur durch Selbsterinnerung, durch Selbstbesinnung, durch eine Art von pneumatischer Archäologie, scheint es möglich, die verlorene Erinnerung wiederzugewinnen. Das Forschungsprojekt der Psychoanalyse muss nicht sistiert, sondern erweitert und verschärft werden. Psychoanalyse muss zu einer Pneumatoanalyse weiterentwickelt werden, durch die wir in die Schächte unseres Geistes und unserer Seele hinabsteigen, um vergessene oder verdrängte Erfahrungen wieder heraufzuholen. Klar ist, dass eine solche Therapie keine kollektive, sondern stets nur eine individuelle sein kann. Aber eine Gesellschaft kann nur aus den Wurzeln der einzelnen Individualität erneuert werden, nicht aus den Bottichen der Kollektivität.
Besinnen wir uns auf unsere eigenen Ursprünge: Die beschriebenen Paradoxien lassen sich vor dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Wurzeln weitaus besser verstehen, als wenn der Blick allein auf die Gegenwart fixiert ist. Die Frage nach den Ursprüngen führt uns zum griechischen Denken. Innerhalb dieses Denkens tritt uns, Antike und Mittelalter majestätisch überwölbend, der platonische Ternar entgegen und frägt wie die thebanische Sphinx nach seiner Bedeutung und Verbindlichkeit für unser individuelles, kulturelles und gesellschaftliches Selbstverständnis. An unserer je individuellen Antwort auf die Sphingenfrage entscheidet sich, ob das metaphysische Kalokagathon2 in den Tiefen unserer Lebenswelt seine Resonanz findet oder ein bloßer Worthauch bleibt.
5. Der platonische Ternar
Der platonische Ternar schließt ein: das Wahre als Gegenstand der Erkenntnis; das Schöne als Gegenstand des Wohlgefallens; das Gute als Gegenstand der Verehrung und des Strebens. Genauer: Für Plato schließt die Idee des Guten das Wahre und das Schöne in sich.
Das Gute, to agathon, ist der philosophische Name Gottes. Der Gott der Philosophen ist nicht nur ewig gegenwärtiger Urquell alles Guten, er trägt auch alles Schöne in höchster Vollendung in sich und ist Inbegriff aller Wahrheit. Die Idee des Guten ist Mittelpunkt und Umkreis der Ideenwelt zugleich: Alle Ideen sind auf die Idee des Guten bezogen und diese Idee umschließt alle anderen.
Die Idee des Guten ist nicht nur der Garant für die Einheit der Ideenwelt, sondern auch für deren in sich vollendete Harmonie, deren Zusammenstimmen zu einem Ganzen unter Einschluss des Widerspruchs und des Gegensatzes. Diese innere Harmonie der Ideenwelt ist Schönheit in ihrer höchsten Vollendung. Allein schon die Kenntnisnahme dieses Philosophems kuriert uns von der durch Karl Popper vorgebrachten verleumderischen Anschuldigung, Plato gehöre zu den Feinden der »offenen Gesellschaft«. Denn das Ganze kann nur unter Einschluss des Widerspruchs und des Gegensatzes gedacht werden, nicht unter Ausschluss derselben. Schon für Plato gilt, was Hegel im Satz zusammenfasste: verum index sui et falsi (das Wahre beinhaltet sich selbst und sein Gegenteil).
Die Ideenwelt ist Inbegriff alles Denkbaren und damit Inbegriff alles Wahren: Die Idee des Guten garantiert die Entfaltung der Totalität aller Seinsmöglichkeiten, denn zur Vollkommenheit des Guten gehört auch seine Vollständigkeit. Platos Ideenkosmos darf nicht als Inhalt eines ontologischen Jenseits missverstanden werden, sein richtiges Verständnis erschließt sich vielmehr durch einen pneumatologischen Denkansatz.
6. Geistesschau: Erinnerung des Vergessenen
Plato erzählt im Mythos, der Mensch lebe vor der Empfängnis in dieser Ideenwelt. Diese sei eine Welt von geistigen Bildekräften, mit denen die präexistente Seele durch reale Lebensbeziehungen verbunden sei. Dieselben Bildekräfte manifestierten sich nach der Empfängnis in der Bildung der menschlichen Gestalt, im Wachstum des menschlichen Organismus und später auch im Wachstum des Bewusstseins, einer Metamorphose der organischen Bildekräfte. Dieselben ihm eingeborenen geistigen Bildekräfte bringe der Mensch auch in seinem künstlerischen Bilden und Gestalten, in seinem Erkennen und Handeln zur Anwendung. Wir besitzen nach dem platonischen Mythos ein vorgeburtliches Wissen von der Wahrheit, eine Anschauung des urbildlich Schönen und eine Erfahrung des schöpferisch Guten. Mit dem Beginn unserer Inkarnation jedoch, der Empfängnis, verdunkelt sich unser Bewusstsein. Plato drückt dies mythisch so aus, dass die Seelen Wasser vom Fluss des Vergessens, des Lethestromes, trinken: Daraufhin torkeln sie wie Kometen trunken und selbstvergessen durch die Astralwelt, die Welt der Gestirne, ihrem Leib entgegen. Das Eintauchen in den Leib kommt für die Seele einer existenziellen Amnesie gleich: Sie verliert nicht nur das Bewusstsein der göttlichen Welt, der sie wesensgleich ist, sie verfällt auch in Selbstvergessenheit.
Platos Mythos will sagen, dass Ursprung und Ziel des Menschen identisch sind, dass sich Abkunft und Heimat in der Zukunft und Fremde wiederfinden, weil alles Seiende derselben Wirklichkeit angehört: Alpha und Omega sind eins. Selbstvergessenheit und Weltverlorenheit sind Verdunkelungsgestalten des Bewusstseins. Aber alle Gestalten sind vorübergehende Wandlungen des allgestaltenden Geistes. Das Vergessen ist vorübergehend. Deswegen kann es durch einen Vorgang der An-Amnesis, der Selbsterinnerung, wieder erhellt und erweckt werden. Diese Erweckung geschieht mit jeder Sinneswahrnehmung, denn im sinnlich Wahrnehmbaren ist das Nichtsinnliche präsent: das mit sich Identische im Differenten, das Unwandelbare im Wandelbaren. Der einzelne, sinnlich wahrnehmbare Gegenstand, dem die Idee, deren Repräsentation er ist, innewohnt, erweckt in uns die Anschauung jener Idee, die wir mit dem geistigen Auge unserer Seele betrachten: erst undeutlich, dann je mehr wir uns in diesem Anschauen üben immer deutlicher. Die Aufhebung des Vergessens ist nicht ein Herauskramen von verstaubten Karteikarten aus den Schubladen des Unterbewussten, sie ist eine Selbstbefähigung der Seele zur tätigen Anschauung der Idee. Die Seele erweckt sich selbst angeregt durch die Sinneserfahrung zum Denken und wird sich in der Betätigung ihres Denkens ihres geistigen Ursprungs und des geistigen Ursprungs der Welt bewusst, in den sie eingebettet ist, weil sie in allen Erscheinungen eine vorübergehende Repräsentation einer sich dem geistigen Blick vergegenwärtigenden Urform erkennt.
Die Idee des Guten ist im Platonismus und im platonisch gefärbten Christentum des Mittelalters, das Platos agathon mit dem Schöpfergott gleichsetzte, Gegenstand höchster religiöser Verehrung. Sie schließt aber auch das Wahre als Gegenstand der Erkenntnis und das Schöne als Gegenstand der künstlerischen Produktion und des ästhetischen Erlebens ein. Das heißt, das wissenschaftliche Erkennen, das künstlerische Hervorbringen und Erleben sind Teil des religiösen Lebens, sie sind Gottesdienst.
Entzündet die Idee des Guten, einmal erblickt, ihr heiliges Feuer in unserer Seele, streben wir danach, uns ihr anzugleichen: Wir wollen teilhaben am Guten, Schönen und Wahren, das heißt, wir wollen sie in uns und durch uns verwirklichen.
Das vermögen wir nur, wenn wir uns selbst durch die Idee verwandeln. Als das Gute verleiht sie uns die Kraft, gegenüber unserem Begehren nach dem Vergänglichen Besonnenheit zu entwickeln: die Kraft der sophrosyne. Als das Schöne beflügelt sie uns dazu, Starkmut und Standhaftigkeit gegenüber den ständig wechselnden Zu- und Abneigungen zu bezeugen, weil die wahre Schönheit unwandelbar ist und nur vom Unwandelbaren erfasst werden kann: die Kraft der andreia. Als das Wahre erfüllt sie unseren Verstand mit dem Licht der Einsicht und verleiht uns die Weisheit, die wir benötigen, um nicht der Verwechslung von Schein und Wesen zu erliegen: die Kraft der sophia.
Die Entwicklung dieser Kräfte kommt einer Selbstbefähigung zum Gerechtwerden gleich, denn sie erlaubt uns, jede einzelne unserer Fähigkeiten zur optimalsten Entfaltung zu bringen und sie in harmonischer Weise zusammenwirken zu lassen. Durch die platonische paidagogia, die nichts mit falscher Askese oder mönchischer Kasteiung zu tun hat, in der der Eros als die Kraft der Liebe, die uns zur freiwilligen Hingabe an die Ideen beflügelt, eine zentrale Rolle spielt, entfaltet der Einzelne die in ihm schlummernden Seinsmöglichkeiten.
7. Emanzipation als historische Amnesie
Das Christentum des Mittelalters adaptierte zwar das platonische Weltbild, deutete es jedoch zugleich um. Das der Antike Gegenwärtige wurde im Mittelalter zum Vergangenen. Die Antike betrachtete das wissenschaftliche Forschen, das künstlerische Hervorbringen und Genießen als sakramentale Handlungen, als präsentische Epiphanien des Göttlichen im und durch den Menschen. Die drei Lebensgebiete Kunst, Wissenschaft und Religion durchdrangen sich, waren eine Einheit. Das Mittelalter transzendentalisierte die gegenwärtige Einheit Gottes und versetzte den platonischen Ternar in Gestalt der göttlichen Trinität an den Anfang der Welt. Zugleich setzte es die in Form der Kirche und der Kulthandlungen vergegenständlichte Religion an die erste Stelle und duldete Wissenschaft und Kunst nur, insofern sie sich der Religion unterordneten. Nicht nur die Philosophie, auch die Kunst war im Mittelalter ancilla theologiae, eine Stellung, die sie jedoch nicht daran hinderte, bewundernswerte Leistungen hervorzubringen, allerdings nicht wegen, sondern trotz der Religion.
Mit der italienischen Renaissance begann ein Emanzipationsprozess, durch den sich Wissenschaft und Kunst aus ihrer Abhängigkeit von der Religion und damit auch von der Suprematie einer erinnerungsförmigen, ideologisch gewordenen Geistesmacht befreiten. Dieser Prozess fand in den bürgerlichen Revolutionen des 18./19. Jahrhunderts, die in die technische Revolution übergingen, seinen Abschluss. Kunst und Wissenschaft hatten sich von der Religion und voneinander vollständig emanzipiert. Fortan brauchte Wissenschaft weder gut noch schön zu sein, die Kunst musste sich keiner religiösen Dogmatik mehr unterwerfen, musste keiner ästhetischen und moralischen Norm mehr genügen.
Die Neuzeit brachte das selbstbewusste Subjekt, das autonome Individuum, den mündigen Bürger hervor. In der Tat war aber auch die Einheit, die der platonische Ternar verhieß, in diesmal historische Vergessenheit versunken. Seither verstehen wir unser Handeln im wissenschaftlichen Forschen und in der künstlerischen Produktion nicht mehr als Anamnesis, als Vergegenwärtigung einer anwesend-abwesenden, das einzelne Individuum umgreifenden, ideellen Seinsmacht, sondern als unsere originäre Schöpfung, als Ausdruck unserer individuellen Schaffenskraft, als unsere höchst-eigene Leistung.
Während im Altertum und im Mittelalter die Techne, das Hervorbringen und Verfertigen von Werkstücken, allein Aufgabe der verschiedenen Künste war, ist die Technegesinnung, das technologische Verständnis des menschlichen Handelns und damit der menschlichen Existenz in der Neuzeit in alle Lebensbereiche eingedrungen. Die beispiellose Vermehrung der maschinellen Technologien ist lediglich eine Folge der Infiltration unserer gesamten Zivilisation durch diesen Geist der Techne.
8. Die Furie des Verschwindens ruft zu neuem Schöpfertum
Wir leben in einer Zeit, in der die Furie des Verschwindens durch die Alleen der Geschichte rast und deren weiten Mantel zerreißt.
Die Kunst als besonderes Lebensfeld, auf dem sich die schöpferische Produktivität manifestiert, beginnt in der Neuzeit zu verschwinden, weil der Technebegriff und die Technefertigkeit, die einst das gehütete Privileg der einzelnen Künste waren, in andere Lebensfelder auswandern und in diesen diffundieren. Wir sind nicht nur Schöpfer unserer Bauwerke, Bildnisse, Dichtungen, unserer musikalischen Kompositionen usw., wir sehen uns auch als Schöpfer unserer eigenen freien Moralität: Der Verlust und die Außerkraftsetzung der traditionellen Wert- und Moralvorstellungen, der seit der Aufklärung andauernde Entmythologisierungsprozess, zwingt uns dazu.
Wir werden auch Schöpfer unserer eigenen Religion, was sich am Eklektizismus der New-Age-Bewegung und der Esoterikszene beobachten lässt. Die großen religiösen Traditionen werden zunehmend durch Privatreligionen, Privatmythologien, Privatoffenbarungen ersetzt, die aber im selben Sinn als Kunstwerke bezeichnet werden können wie Kunstwerke im herkömmlichen Verständnis.
Wir sind auch Schöpfer unserer Erkenntnisse, die wir als unser geistiges Eigentum betrachten, auf deren alleiniger wirtschaftlicher Verwertung wir als unserem persönlichen Recht bestehen.
Wir leben gegenwärtig in den Folgen dieser Entwicklung: In einer Zeit des radikalen Individualismus, in der Ströme nomadisierender Individuen aus ihren früheren Behausungen und Beheimatungen auswandern, um neue Höhlen zu suchen, die ihnen jenes verlorene Gefühl oder Bewusstsein der Beheimatung zurückgeben. Wir können unsere neuen Beheimatungen in der Welt aber nur finden, wenn wir sie schöpferisch hervorbringen.
Dieser geistige oder kulturelle Nomadismus zeigt sich in der Kunst darin, dass jeder Künstler seine eigene Kunstform und die Normen der Beurteilung dieser Kunstform selbst hervorbringt. Wir leben in einer Zeit, in der jeder Mensch zum Künstler werden muss, weil es im Prinzip kein Lebensgebiet mehr gibt, das nicht wesentlich von der individuellen schöpferischen Produktivität abhängt. Gerade weil die Kunst allgegenwärtig wird, weil die schöpferische Produktivität, die sich in ihr auslebt, nicht mehr auf das Hervorbringen von Kunstwerken im herkömmlichen Sinn beschränkt bleiben kann, verschwindet die Kunst als besondere Lebensform.
Wo verschwindet sie? Nicht im Abgrund der Beliebigkeit oder im Nirwana der Virtualität: sie verschwindet im einzelnen Menschen. Sie kann nur fortdauern, sofern der Einzelne seine auf sein ganzes Leben bezogene schöpferische Produktivität zu entfalten vermag. Das aber bedeutet: dass er seine Biografie, sein individuelles Leben als eine Aufgabe begreifen muss, als eine Herausforderung seiner schöpferischen Produktivität, seines Künstlertums, was nur möglich wird, wenn er dieses Leben nicht für das einzige hält, das er lebt.
Auch die Religion verschwindet. Sie verschwindet nicht im Abgrund der Irreligiosität, sie verschwindet im Menschen. Sie kann nur fortdauern, sofern der Einzelne die religiöse Dimension seiner Existenz neu realisiert, die darin besteht, dass er zum Schöpfer seines Guten werden muss, seiner individuellen Moralität, die die Anderen einschließt und nicht etwa ausschließt. Das aber heißt, dass die Begegnung mit dem Anderen, mit dem Du, zu einer religiösen Erfahrung werden muss, weil uns in ihm das Heilige begegnet, das von den Rändern des Himmels verschwunden ist und Einzug genommen hat in die Seele des anderen Menschen wie in unsere eigene Seele, sofern wir uns denn seiner erinnern. Die Begegnung mit dem anderen Menschen ist der Ort, wo sich uns heute die Transzendenz allein noch mitteilen kann, die das Mittelalter im goldgrundgefärbten Himmel suchte.
Schließlich verschwindet auch die Wissenschaft. Sie verschwindet nicht im Abgrund einer neuen Irrationalität, auch sie verschwindet im einzelnen Menschen. Sie kann nur fortdauern, sofern es dem Einzelnen gelingt, sich mit Hilfe seiner Beobachtungsfähigkeit und seines Denkvermögens aus der Selbstvergessenheit herauszufinden, in die die gegenwärtigen universitären Wissenschaften geführt haben. Denn obwohl die Wissenschaften zu Beginn der Neuzeit ausgezogen sind, den Menschen zu suchen, haben sie diesen aus dem Blick verloren, haben vor allem die Wissenschaftler sich selbst aus dem Blick verloren: sie haben in ihrer existenziellen Amnesie, in ihrer Selbstvergessenheit auf der Suche nach Objektivität vergessen, dass sie es sind, die das wissenschaftliche Bild der Welt erzeugen, dass sie allein durch ihre schöpferische Produktivität, durch die Kraft ihres Geistes ein Bild der Welt hervorbringen, in dem paradoxerweise der Geist nicht mehr vorkommt. Die Wissenschaft wird nur fortdauern, wenn es ihr gelingt, sich aus der Fesselung durch den Pragmatismus der Anwendungsorientierung zu befreien und wenn Forscher sich selbst wieder in ihrer geistigen Existenz in den Forschungsprozess einbeziehen.