Die eigentliche Tiefe des Ereignisses der Jahrtausendwende wurde von der Fixierung auf die Technik überlagert.
Endlich ist die Zukunft Vergangenheit. Mit der Jahrtausendwende war es schon so eine Sache gewesen. Und das lange bevor sie unmittelbar aktuell wurde. Einerseits hatte sich kaum jemand die Gelegenheit nehmen lassen, sich brüsk über das Getöse zu empören, das um das bevorstehende Ereignis gemacht wurde. Es sei ein Tag wie jeder andere, und überhaupt beginne ja das neue Jahrtausend ohnehin erst in zwölf Monaten. Andererseits blieb stets die Frage, was denn nun in der Tat mit diesem besonderen Datum anzufangen wäre. Denn: eine gewisse Magie war diesem Augenblick nie abzusprechen. Das Ereignis warf seine Schatten voraus und schlug mehr Menschen in seinen Bann, als es vielleicht zunächst scheinen konnte.
So wich die gespannte Erwartung »fünf vor zwölf« bei Vielen gemäßigter Panik. Mancher sah einen düsteren Start ins 21. Jahrhundert voraus. Dabei kreisten die meisten Gedanken um das »Jahr-2000-Problem«. Viele meinten, es wäre allemal wahrscheinlicher gewesen, die Welt hätte an diesem 31. Dezember 1999 ihr letztes Sylvester gefeiert. Manch einer hatte ein infernalisches Ende prophezeit. Während sich der sorglose Westen noch mit Böller und Schampus den Wechsel versüßt hätte, wäre irgendwo in Mittelrussland ein Kanonenschlag ganz anderer Art losgegangen. Atomraketen hätten sich verselbständigt, von wendeuntauglichen Rechnern aus der computertechnischen Steinzeit fälschlich zum Abschuss gebracht. In der Zwischenzeit wäre in irgendeinem chinesischen Atommeiler vielleicht ein Brennstab geschmolzen. Die Technik, die hier zum Einsatz kommt, käme bei uns durch keinen TV.
Und hätten Sie selbst nicht aufgepasst beim Knallen, Sie hätten eine Reihe ganz unmittelbarer Probleme gehabt. Zum Beispiel mit ihrem Herzschrittmacher, der sich im Datum irrt. Kein Krankenhaus hätte Ihnen helfen können, ganz ohne Strom. Kein Taxi hätte sie gefahren, von wegen der Bordcomputer. Ihr Zuhause wäre ein ungemütliches Heim geworden, weil ohne Heizung. Der Kühlschrank hätte versagt, weil ohne Strom. Wasser hätte es ohne Wasserwerk ohnehin nicht gegeben, denn das war ja seinerseits vom Strom abhängig. Und hätten Sie beschlossen zu flüchten, sie wären nicht weit gekommen. Kein Flugzeug ohne hunderte Kabelkilometer und ein paar Dutzend Computer. Kein Auto ohne die verflixte Elektronik, die Alarmanlage, Starter und Wegfahrsperre regelt. Ohne Computer bewegt sich ein Auto heute keinen Meter. Und dasselbe gilt für nahezu jedes Fortbewegungsmittel unserer Zeit. Die Bahn wäre nicht verschont geblieben, sodass man gar durchsetzte, alle Züge für eine halbe Stunde anzuhalten. Nur zu Ihrer Sicherheit.
Zugegeben, die Feierlaune vor tausend Jahren ist wohl zumindest in dieser Hinsicht unbeschwerter gewesen. Keine Flugzeuge, keine Schiffe oder Automobile, keine Elektronik mit Eigenleben, sondern nur einfachste Mechanik ohne jede künstliche Intelligenz. Kein Leben, das in seiner eigenen Funktion unmittelbar vom Funktionieren einer Apparatur abhängig gewesen wäre. Nicht dass der Schritt zum neuen Jahrtausend dadurch an Bedeutung verloren hätte. Aber die Erwartung des bevorstehenden Untergangs war eben nicht auf Materielles bezogen, sondern in geistiger Erwartung gegründet. Sie nährte sich aus einer allgemein tätigen Wirkkraft: der Religiosität, genauer: dem christlichen Glauben. In seiner, mit der Gegenwart verglichen, erheblich stärkeren Wirkung auf den Lebenswandel der Menschen trieb er zuerst im Jahr 1000 und dann 1033 n.Chr. Menschen in die Verzweiflung. Man erwartete, das jüngste Gericht stünde unmittelbar bevor. Da kann es uns scheinen, dass wir unvergleichlich besser dran sind heute. Kein Kannibalismus, keine Verzweiflung, keine Selbstmorde, keine allgemeine Panik.
Aber vielleicht ist der Unterschied doch gar nicht so groß. Was uns Angst machte, war ein Computerproblem, dass jedem modernen Zeitgenossen Jahre vor dem Stichtag bekannt gewesen war. Selbst wer nichts mit Technik zu tun hatte, musste befürchten: Schlag zwölf stürzen die Computer ab! War das Problem zunächst ganz verharmlost worden, steigerten sich die wohlwollenden Mahnungen zuletzt zu hysterischen Drohungen. Tue man nichts, stünde am Ende gar die menschliche Zivilisation auf dem Spiel. Führt man sich die ideologischen Hintergründe vor Augen, war auch das »Jahr-2000-Problem« eine Form der Endzeiterwartung. Wenn auch in besonderer Hinsicht. Wie der christliche Glaube steht auch das »Jahr-2000-Problem« symptomatisch für ein starkes und allgemein wirksames Paradigma im Denken. Wir wissen, dass seine »Verehrung« in den vergangenen zweihundert Jahren vielerorts Ähnlichkeiten zur religiösen Verehrung aufwies. Und wir wissen, dass der Computer in mancher Hinsicht sich tauglich erweist als Sinnbild religiösen Fundamentalismus im Dienste einer Idee. Ist dieses Paradigma wirklich so verschieden von jenem, das Menschen vor tausend Jahren in die Verzweiflung oder gar den Tod trieb? Wer wollte bestreiten, dass die Allmacht der naturwissenschaftlichen Denkweise sowohl in ideeller, als auch in materieller Hinsicht ein in seiner Wirkung kaum zu unterschätzender Glaube an einen Fetisch ist. Ihr universeller Erklärungsanspruch definiert die Welt und damit unser Bild von ihr in subtiler Weise. Selten wird uns das frühzeitig bewusst. Das Ideal der Machbarkeit, an dem wir seit der beginnenden Moderne in der Feier der Technik teilnehmen, ist ein gemeinsames. Es umspannt heute als Ideologie den Globus. Seine Wirkung prägt unser Denken und Handeln. In einem Maße, dass mancher die zivilisierte Welt bis vor kurzem vor dem Untergang wähnte. Können wir nicht behaupten, dass die just verstrichene Wende zum dritten Jahrtausend in ihrer Bedeutung für die ekstatische Menschheit eine bedeutend größere war, als die letzte vor tausend Jahren: Im Gegensatz zum Christentum ist das technische Ideal, das am Beginn des 21. Jahrhunderts in Technikidolatrie umschlägt, ein globaler Fetisch. Davon konnte um 1000 keine Rede sein, war doch die christliche Welt eine europäische.
Das sind eine Menge Analogien. Sie können Bedenken wachrufen. Ist denn die Situation ganz die gleiche? Sicher nicht. Im Gegensatz zum mittelalterlichen Menschen sind wir nicht mehr blind für uns selbst. Der Mensch um 1000 galt sich selbst das Wenigste vor der Prophezeiung. Das Leben war Warten auf das Unausweichliche. Die Akzeptanz der Sünde von der Geburt an erklärte das Leben nurmehr zum Vollzug seines eigenen Endes. Als Ausgangspunkt galt es nichts. Das Ereignis selbst war vorgefühltes Ende und nie und nimmer zu verwandeln im Geiste für den, der es durchleben sollte. Das Ende als endgültiges war nicht in Frage zu stellen. So wählte man zu Hunderten das Extrem des Todes. Aus Angst um das womöglich schmachvolle Ende seines Erdenlebens. Versagte der Mensch damals für sich vor der am Zeithorizont drohenden Gottheit, so versagt heute der Geist der Maschine in seinen Produkten vor seinen eigenen Grenzen. Die Maschine stellt sich selbst ein Bein. Das in den Geräten ins Äußere gekehrte Menschsein versagt, weil es maschinengemäß sich treu an zwei fehlenden Ziffern scheitert.
So war die letzte Jahrtausendwende ein Ereignis, das von den meisten durch die technische Brille wahrgenommen wurde. Nicht nur ganz faktisch: dass es vermutlich Milliarden von Menschen waren, die das Ereignis vor dem Fernseher oder im Internet mitverfolgten, sondern vor allem auch in ideologischer Hinsicht. Am »Jahr-2000-Problem« wird uns deutlich, welch herausragende Rolle die Informationstechnologien im Besonderen und die Technik im Allgemeinen im Leben spielen. Durch ihr Geheische nach Aufmerksamkeit lenken sie eben diese ab von der Tiefe eines Ereignisses, wegen der Menschen vor Zeiten freiwillig den Tod wählten. Weil sie im Innersten betroffen waren. Welch eine eigentümliche Vorstellung für uns Medienmenschen. Die Jahrtausendwende war kein individuell erfahrenes Ereignis mehr, sie war der konsumierte Event. Aber: weil die Geschichte sich in einer Hinwendung zur Bedeutung des Individuums geäußert hat seit der letzten Wende, weil wir heute auf uns selbst blicken können, wenn ein Ereignis wie dieses geschieht, könnten wir die Reflexion der Wende wagen. Das just vergangene Ereignis kann verwandelt werden, kann Aufruf sein: Jetzt nicht wieder in die Feier der üblichen Vorsätze abzugleiten, sondern die Jahrtausendwende zur persönlichen Wende zu machen. Wo sind wir, wo erleben wir anders, im Vergleich zum letzten Mal, weil wir andere geworden sind? In ihrem Reflex verwandelt sie sich vom genossenen Zauber zur erlebten Betroffenheit. Was wären ihre Gegenstände? Natürlich ganz unausweichlich all die Probleme menschheitlichen Maßstabs, an deren Schwelle wir heute stehen. Sie scheinen in ihr wider. Dass sich die Gemeinschaft einer Reflexion der Wende verweigert, ist eines von ihnen und kann auf etwas hinweisen: die Spitze eines Eisberges.
Und was ist dann das Besondere in der Wende, wenn sie nicht nur bloßes Ereignis der Besinnung, wenn sie nicht wie jede andere Wende zu einem neuen Jahrhundert ist? Wohl, dass der Mensch sich aufgehoben erfährt. Auf eigentümliche und besondere Weise und in der christlichen Tradition geschichtlich verwirklicht. Und natürlich: Warum sollte die Jahrtausendwende kein Fest sein? Sie ist es für den Menschen im Jetzt und Hier. Aber sie ist eben auch ein Fest der Geschichtlichkeit des Menschen vor einem spirituellen Folio, das auch nach zweitausend Jahren jetzt erst recht noch nachdenklich stimmt.