Zeitenwechsel der Menschheit
Verstand steht. Freiheit lebt
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Widersprüchliche Errungenschaften
Das Leben, sagt man, schreibe die besten Geschichten. Welche es nicht schreiben kann? Das sind jene, in denen es sich selbst überholt. Zum Beispiel diese: Man stelle sich einen derben Bauernburschen auf einem Acker bei Speyer im Jahre 1050 nach Christi Geburt vor, fluchend über den sperrigen Holzpflug und die steinige Erde. Plötzlich ein grausig anwachsendes Tosen unterm Himmel. Ein Jumbojet (das wissen wir, er weiß es nicht!) düst über den armen Kerl hinweg. Ortswechsel: Nach einem Tag harter Arbeit im Reisfeld nahe Peking kommt Lung Chi, der Tagelöhner, am 23. Februar 1217 heim in die finstere, hölzerne Hütte. Wir sind schon da und schalten für ihn die neuesten Nachrichten von CNN über den Tod im Kosovo im Fernsehen an. Orts- und Zeitwechsel, ins Jahr 1999: Auf dem Potsdamer Platz in Berlin würde ein Mann gevierteilt, danach eine Frau als Hexe verbrannt nicht im Fernsehen, sondern »in echt«. Wie würden die Menschen in diesen beiden Fällen, die Anfang und Ende dieses Jahrtausends illustrieren, reagieren?
Wir ahnen es. Ungläubiges Staunen, entsetztes Aufschreien, Weglaufen, vorsichtiges Wiederannähern? Vielleicht, denn der Mensch ist ein neugieriges Wesen, er ist entwicklungsfähig und seine Zukunft ist offen. Nur was sein Leben tatsächlich ausmacht, ist erfahrbare Wirklichkeit im Kontinuum der Zeit. Die prägte den Menschen im zweiten Millennium zwischen Gutenberg und Gates auf vielfache, atemberaubende Weise. Die menschliche Spezies taumelte zwischen den Gesängen Walthers von der Vogelweide und den Attacken der Tartaren, zwischen der Gelehrsamkeit der arabischen Wissenschaft und den Dogmen der Päpste, zwischen dem Himmel Mozartscher Harmonie und der Hölle von Auschwitz. Eine Bilanz des Jahrtausends macht nicht nur die Vergänglichkeit von allem in der Welt bewusst. Sie macht auch deutlich, dass Geschichte ein ständiges Vorandringen einzelner Menschen ist, denen andere folgen. Geschichte ist »hinten« und »vorne« offen, ist eine große Frage, die durch die Wirklichkeit beantwortet wird, eine erfahrbare Realität, welche durch Menschen, ihre Handlungen und ihr Denken bestimmt wird.
Eine Jahrtausend-Bilanz zeigt, dass der Mensch beratungsresistent ist gegenüber allen Mahnungen zur Vernunft und zugleich doch lernfähig. Seine Handlungen in diesem Jahrtausend enttäuschen keine Befürchtungen über das Böse in ihm. Andererseits gibt es unzählige Anlässe, das »Prinzip Hoffnung« nicht fahren zu lassen. Allein das darf Anlass sein, angesichts des Jahrtausendwechsels nicht den Kopf hängen zu lassen. Weit hat es der Mensch in den vergangenen tausend Jahren gebracht. Eine kleine, keineswegs vollständige Auflistung der Entwicklung seiner Talente und Fertigkeiten über die Jahrhunderte hinweg mutet an wie das Horrorszenario von Dekadenz und Missratenheit. Einerseits. Andererseits erscheint sie wie das Register edlen Kulturfortschritts und zivilisatorischen Höhenflugs.
Was für eine Zeit: In keinem Jahrtausend zuvor beschleunigte sich die technologische Entwicklung so radikal wie zwischen den Jahren 1000 und 2000, vor allem in den letzten 100 Jahren. Wie in keinem Millenium zuvor entdeckte der Mensch die Welt, damit sich selbst und seine Grenzen.
Europäische Impulse
Er offenbarte in der Malerei mit Giotto die Perspektive und mit Kandinsky das Wesen der Abstraktion. Er eroberte sich den Kosmos der Musik von der einstimmigen Gregorianik bis zu Mahlers endzeitlichen Klanggebirgen. Er trat zugunsten von Gesundheit und Lebensdauer die Reise ins eigene Innere an durch die Entdeckungen in der Medizin, von den ersten wissenschaftlichen Arbeiten des Paracelsus bis zur Transplantations- und Gen-Medizin. Er sattelte um vom Kutschbock in die Formel 1. Er entfesselte das Atom und betrat den Mond. Er machte sich in Literatur, Philosophie und Kunst von Hartmann von Aue über Thomas von Aquin bis zu Nietzsche, Freud und Andy Warhol ein Bild von sich und seiner Welt, schön und schaurig, hell und oft, wie Faust, am Abgrund seiner selbst.
Aufopfernde Selbstlosigkeit und sich blähende Eitelkeit, soziale Toleranz und machtversessene Ideologie lagen in diesem Jahrtausend ständig im Widerstreit, führten auf kulturelle Höhen und in katastrophale Niederungen. Der Mensch nahm Abschied von religiösen, politischen Feudalordnungen und Wertvorstellungen des Mittelalters und trat ein in die »Neuzeit«. Rationalität, Wissenschaft und Zweckinteresse lösten irdische Hörigkeit und Jenseitsglaube ab. Mit der neuen Zeit, ihren humanistischen Idealen und politischen Befreiungen, technischen Triumphen und wirtschaftlichen Erfolgen eroberte der Mensch sich das Bewusstsein seiner Individualität und damit von seiner Freiheit in einer pluralen Welt: Ein evolutionärer Schritt.
Dieses zu Ende gehende Millenium hob den Menschen auf, ganz im Hegelschen Sinne in dreierlei Art des Bewahrens, des Vergessens und des Erhöhens: Der Mensch erhob sich aus dem Bewusstseinsdunkel des Mittelalters ins Licht des individuell denkenden, kulturell gestaltenden, politisch handelnden Lebewesens mit einem Bewusstsein von sich selbst. Parallel dazu bewahrte er sich die in ihm veranlagten Vorzüge und Leidenschaften wie Liebe, Nächstenliebe, Toleranz und sein Streben nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Gleichzeitig aber hob dieses Jahrtausend diese Tugenden immer wieder auf, die böse Fratze des alten Adam mit seinem Hass, seiner Gewalt, seinem Morden verließ keines der Jahrhunderte. Der Schritt des Menschen in den Raum seiner Freiheit hat in diesem Jahrtausend immer auch den Weg in seine Schattenseite bedeutet.
Dabei war Krieg immer eine Option seiner Geschichte. Verfolgungen von Minderheiten in vielen Ländern bis in die Gegenwart, Feudal-Diktaturen mit dem Sensenmann als Generalissimus quer durch die Welt, hundert- und dreißigjährige Kriege, mörderische Befreiungskämpfe, zwei Weltkriege mit Abermillionen Toten und der beispiellose Genozid an den Juden durch die Nazis das sind die finsteren Kapitel dieses Jahrtausends, das bei aller Wertschätzung für den »neuen Kultur- und Vernunftmenschen« auch ein Millenium des Todes war.
Viele Blutspuren begannen in Europa. Die Betrachtung des Weltgeschehens durch die westlich-europäische Brille vom Katholizismus über den Kolonialismus bis zum Kapitalismus entlarvt einen Krankheitsherd dieser tausendjährigen Geschichte: Die Arroganz der »abendländischen« Zivilisation gegenüber anderen, vermeintlich »unterentwickelten« Kulturen der Erde, von Asien bis Südamerika. Erst langsam begreifen wir »Abendländler« heute, was es heißt, mit anderen, uralten Kulturen global zusammen leben zu müssen. Der amerikanischen Sozialwissenschaftler Samuel Huntington hat erst kürzlich darauf hingewiesen, dass nach dem Ende des Kommunismus und des Ost-West-Konflikts nun ein »Kampf der Kulturen« die Welt bedrohen könnte.
Dass ein Blick auf dieses zweite Jahrtausend aus der Sicht eines Inders oder eines Afrikaners anders ausfällt als der eines Europäers, ist logisch. Wie fragwürdig ein europäischer »Alleinvertretungsanspruch« auf Welterklärung in diesem Jahrtausend war, zeigen nicht nur die bei Kreuz- und Raubzügen im Nahen Osten und in Amerika Millionen Ermordeten und ein lange währender, übler Kolonialismus. Auch aktuelle Ereignisse belegen, dass europäische Aufklärung und dumpfer Rassenhass in der Gegenwart der Postmoderne auseinanderklaffen. Weltbürgernde Zigaretten-Werbespots des »Come together« und Ausländerfeindlichkeit illustrieren den Zwiespalt, in dem die europäische Welt heute steht. Lifestyle verbürgt noch kein Menschenrecht. Eine Bilanz dieses Milleniums würde gewiss anders geschrieben aus der Sicht eines Thailänders oder einer Nigerianerin. Dennoch: Unbestritten ist, dass in diesem Jahrtausend wesentliche Impulse der Menschheitsentwicklung und -veränderung von Europa ausgingen, positive wie negative. Im Übrigen: Der Wert der in Europa und Amerika ausgerufenen Menschenrechte, das darf man nicht vergessen, besitzt in vielen Weltkulturen vom Islam bis zum Buddhismus einen ganz anderen Stellenwert. Und: Der Jahrtausendwechsel ist heute für die halbe Menschheit kein Thema. In Mekka ticken die Uhren anders als in Rom.
Die Entdeckung des eigenen Bewusstseins
Die Welt veränderte ihr Gesicht radikal. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg, Luthers Reformation, die Revolutionen in Amerika und Frankreich sorgten für folgenschwere Knicks. Luthers 95 Thesen gegen den obskuren Ablasshandel der Päpste an der Tür der Wittenberger Schlosskirche (sofern er sie dort tatsächlich angeschlagen hat, was nur einem von Philipp Melanchthon verbreiteten Gerücht entspricht) waren so etwas wie das »Plakat des Jahrtausends« ein christliches Revolutionsfanal zum Aufbruch aus dem Machtblock des Papsttums. Noch heute spürt die Welt die alten Dogmen, etwa in den Fragen der Unterbrechung von Schwangerschaft, der Verhütung, dem Zölibat und der Frauenordination.
Endlose soziale Drangsal im Mittelalter, in dem man die kulturellen Erfolge der Demokratie in der Antike »vergaß«, Krankheit und Hunger, Sklavendasein und Zinslasten, ewige Kriege und ihre Tribute stauten mit den Jahrhunderten einen gewaltigen inneren Zorn im Bewusstsein der Zeit. Daran änderte sich zunächst auch nichts, als Europa im 15. und 16. Jahrhundert mit der Renaissance eine kulturell einzigartige Blüte erlebte mit geistigen Rückgriffen auf die Antike. Erst die couragierte Entdeckung des eigenen Bewusstseins führte den Menschen nach und nach zur Befreiung aus politischer Knechtschaft und sozialer Benachteiligung. Das »Cogito ergo sum«, das »Ich denke, also bin ich« des René Descartes kann man als eine philosophische Signatur für die geistige Emanzipation des Menschen von der ihn umgebenden Natur und Welt in diesem Jahrtausend ansehen. Eine andere Erkenntnis, die des englischen Denkers Thomas Hobbes, beschreibt die Nachtseite dieses emanzipierten Menschen: Hominus hominem lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Aber beide Philosophen blieben wie alle Aufklärer bis hin zu Kant im »erdzugewandten« Rationalismus stecken, in einem rationalen Deismus, dessen »Gott« allein die Aufforderung zum Gebrauch des eigenen Verstandes ist. Aber ist der Mensch nicht mehr als nur »Verstand«? Gewiss, es war ein Jahrtausend der Befreiung. Der Sturm auf die Bastille 1789 in Paris fand nicht nur statt, weil das Volk Jahrzehnte hungerte, während die oberen Zehntausend bei Völlerei und Luxus im Staat des »Sonnenkönigs« jedes Maß verloren hatten.
Im Windschatten von Absolutismus, Feudalherrschaft und Ständestaat legte der Mensch Zeitzünder an das alte System von Ausbeutung und Hierarchie in der Wissenschaft. Erkenntnisse über Maß und Zahl von Galilei über Newton bis zu Einstein erschütterten die Interpretations- und Machtmonopole kirchlicher wie weltlicher Herrscher. Dass die Erde keine Scheibe ist, sondern eine Kugel diese Wahrheit musste erst einmal verdaut werden (obwohl Ptolemäus schon viel früher davon sprach!). Die Entdeckung der Erde als Satellit der Sonne, ihre endliche Einheit und die Statistenrolle der Menschheit in einem offenbar endlosen Universum, geistige Aufklärung und Demokratisierung, längere Lebensdauer, globale Mobilität, Triumphe in Wissenschaft und Technik und die Erkenntnis von Wahrheit durch den Spiegel der Kunst haben die Menschheit in einer historischen Epoche immer rasanter werdender Wandlungen zivilisiert, kultiviert, technisiert ihr damit aber auch neue und größere Probleme bereitet.
Das letzte Jahrhundert des Milleniums war das dunkelste, grausamer als das angeblich finsterste Mittelalter: Zwei Weltkriege und der Holocaust illustrierten auf furchtbare Weise die Abgründe des Menschen, den Terror einer tödlichen Vernichtungsbürokratie und die Verletzbarkeit von Menschen- und Völkerrecht. Hitler und die Nationalsozialisten stürzten die Welt in ein beispielloses Verderben. Der Sprung in ein neues Jahrtausend wird die Distanz zu den größten Verbrechen des Milleniums vielleicht äußerlich vergrößern. Tatsächlich aber wird es auch im 21. Jahrhundert darum gehen, sie weiter im Bewusstsein zu halten, um Wiederholungen zu verhindern und ihre Folgen zu beheben. Die Abwesenheit politischer Rationalität war häufig ein Kennzeichen der sogenannten »Moderne«: Rassismus und Klassenkampfwahn waren Gespenster dieses 20. Jahrhunderts. Und die Toten von Hiroshima waren die ersten Opfer eines neuen Dämons, der den Untergang der ganzen Welt möglich machen könnte: die Atombombe. Bis heute ist diese Grundgefahr unserer Zeit nicht gebannt, die lange den Kalten Krieg und die deutsche Teilung bestimmt hatte. Geschichte wurde gemacht durch Kriege und Verträge, durch Wissenschaft und Technik. Aber eben auch durch Volksabstimmungen mit den Füßen wie 1989 in der DDR. Eine beispiellose friedliche Revolution brachte den Deutschen die Einheit zurück, vorbereitet vom »Totengräber« des Kommunismus, Michail Gorbatschow. Der Bankrott eines totalitären Weltreichs, dass die sozialen Utopien von Marx und Engels mit Unterdrückung, Hunger, Not und Tod pervertierte, war nicht mehr aufzuhalten.
Zwischen Individualisierung und Egotripp
Die schöne bunte Welt der Individualisierung und die »Kultur« des Egotrips gehen heute Hand in Hand. Der Mensch macht die widersprüchliche Erfahrung eines gemeinsamen Alleinseins unter Millionen von Einzelgängern. Sein Alltag ist nicht mehr das, was »alle Tage wieder« geschieht, was eine Einheit von Handlungs-, Bewusstseins- und Lebensformen bedeutet wie früher. Sein Alltag unterliegt einerseits einem immer bedeutsamer werdenden Spezialistentum, das ihn dem Bewusstsein von Zusammenhängen in der Arbeitswelt immer weiter entfremdet. Andererseits sieht er sich einem Medienbombardement ausgesetzt, das jeden Tag Neues, Anderes, Fernes bringt und ihn darin sozial nivelliert. Eine jahrtausendalte analoge Welterfahrung von Natur und zyklischer Zeit zerstiebt im digitalen Kosmos der Mikroelektronik. Dort ist Zeit Geld. Im Mittelalter hat man Zeit noch wörtlich »verbraucht«. Der moderne Mensch von heute plant sie ein, investiert in sie und lässt sich von ihr verbuchen. Das Mittelalter lebte aus der persönlichen Bindung niemand, der nicht seinen »Herrn« gekannt hätte. Der Mensch am Ende des Jahrtausends lebt in Anonymität, nennt sich auch Single, ist sein eigener Herr und weiß oft nicht mehr, wer das eigentlich nun ist.
Der Eintritt des Menschen in sein »Bewusstseinsalter« durch die Entdeckung der Welt im 15. und 16. Jahrhundert (die erste Globalisierung), sein Aufbruch in einen Kosmos rechnenden Selbstbewusstseins durch den Humanismus (die Ästhetik des mechanistischen anstelle des aristotelischen Weltbildes), die Loslösung von den Doktrinen einer pervertierten Glaubensverordnung in der Reformation (das wahre Christentum), die Emanzipation im Denken durch die Aufklärung (Menschenrechte) und der Primat des Rationalismus (Nominalismus, Selbst-Bewusstsein und Ausgrenzung geistiger Transzendenz), der Triumphzug des naturwissenschaftlichen Denkens im Verbund mit zweckorientierten Gesellschaftsideologien (Einschlag des Materialismus) und der Einbruch des Bösen im 20. Jahrhundert durch Stalinismus, Faschismus und grenzenlosen Kapitalismus illustrieren den Weg des Menschen in diesem Jahrtausend. Es ist in den technisierten Ländern der Erde und das ist deren Nordhälfte ein Weg in die Niederungen materialistischer Selbstbegrenzung, ein Weg der Ausschaltung geistiger Potenziale des Menschen durch die Herrschaft des Sinnlichen.
An dessen Ende regieren in einer vermeintlich aufgeklärten Welt Vernunft und Freiheit. Doch was ist das für eine Freiheit? Es ist die Freiheit des ökonomischen, des medizinischen, des technischen Fortschritts, der die existenziellen Grenzen des Menschen weiter zieht als bisher. Das »Hier und Jetzt«, das »Sein« und daraus abgeleitet das künftige »Sein-Wollen« sind der Motor des Fortschritts; Neugier, Wissensdrang und Machbarkeit sind seine Treibmittel. Wenn diese Freiheit aber nicht nur eine Unterordnung unter die Knute der Philosophie des Zwecks bedeuten und die Vernunft sich nicht im Götzendienst am selbst gewählten Kommerz verlieren soll, ist ein neuer geistiger Griff im Denken nötig, ein Impuls für das, was im Geistigen jedes Menschen individuell angelegt ist.
Die Beschleunigung der Geschichte: eine Reduktion
Die Kräfte im Geistigen: Wer sagt denn, dass 1 und 1 immer nur 2 sein muss, nur weil es die Welt seit Galilei und Newton »glaubt«? Wissenschaftsgläubigkeit ist freiwillige Unterwerfung unter die Gesetze des konventionell Erfahrbaren. Die Spiritualität unserer Zeit besteht maximal in der »offiziellen« Übereinkunft, dass ein Urmeter ein Urmeter ist und die Schwingung eines Atoms die Grundeinheit der Zeitmessung. Aber was außer das wir damit unsern Alltag in Tokio, Frankfurt und Los Angeles gleichermaßen meistern können hilft uns das wirklich? Ist der Mensch damit nicht gefangen in einer selbst geschaffenen Immanenz? Wir haben viel erreicht. Aber gibt es hinter der naturwissenschaftlichen Berechnung der Welt nicht auch noch den anderen Kontinent im Geistigen? Eine große geistige »Wissenschaft« in diesem Sinne ist die Kunst. An ihr können wir ablesen, was sich »hinter den Dingen« verbirgt. Sie liefert Ahnungsbilder von der Wahrheit des Lebens und erhebt sich flügelschwingend weit über das hinaus, was sich mit Maß und Zahl berechnen lässt. Deshalb auch kann Kunst qualitativ eine sehr gute »Therapie« zur weiteren Bildung des Menschengeschlechts und seiner Zukunft sein. Denn können, beispielsweise, die Gesetze der materiellen Gravitation, welche der Mensch in diesem Jahrtausend entdeckt hat, nicht im Geistigen eine dialektische Entsprechung finden, eine Bewegung des Denkens durch Entschleunigung des konventionellen, sinnlichen Nur-Beobachten-Könnens in einen dynamischen geistigen Aufbruch nach »oben«?
Mathematik bestimmt unsere Welt im Materiellen. Aber kann es nicht auch eine reine Mathematik des Denkens geben, die es möglich macht, neue, geistige Kontinente im übersinnlichen Wesen des Menschen selbst auszumachen, auf denen er seine wahre Identität und damit Freiheit entdeckt? Für zwei Drittel der Menschheit ist Transzendenz eine Lebenswahrheit. Warum soll uns Menschen in den sogenannten »zivilisierten« Hochtechnologieländern allein das Dogma des Materialismus an die sinnlich wahrnehmbare Realität ketten? Das größte Abenteuer steht dem Menschen in diesem Sinne erst noch bevor: Die Entdeckung des eigenen Denkens, dessen Beobachtung und damit die Erkenntnis seines Wesens und seiner selbst.
Das ist beileibe kein Fluchtprozess aus dieser realen Welt, sondern im Gegenteil ein produktiver Weg zu ihrer Erkenntnis und ihrer Gestaltung. Philosophie war und ist zumeist ein von der Wissenschaft gern benutztes Vehikel, ein »Drittmittel« ihrer Forschung. Aber alle Philosophen stießen immer wieder auf »letzte« Fragen, unlösbare Fragen. Diese Fragen sind wie eine Tür, hinter der sich ein Korridor mit weiteren, vielen Türen auftut, hinter denen sich jeweils weitere Korridore mit vielen weiteren Türen verbergen und so weiter und so fort. Der Schlüssel für die »richtige« Tür aber liegt im Menschen selbst, in seinen geistig zu disziplinierenden Fähigkeiten der Imagination, Inspiration und Intuition. Das alles ist möglich, indem die materielle und seelische Trennung von Ich und Welt, die in diesem Jahrtausend vollzogen wurde, geistig wieder aufgehoben wird.
Die Beschleunigung der Geschichte im 20. Jahrhundert ist die Geschichte einer Reduktion: Es ist die Eingrenzung auf das Ego des Menschen in vielfältiger Form durch Nationalismus, Kapitalismus, Rassismus, Bürokratismus und übersteigerten Individualismus. Wenn es ein sogenanntes »Jahr 2000-Problem« gibt und dieses mehr bedeuten soll als nur die Antwort auf die Frage, wie ich meinen Computer vor dem »Absturz« wegen eines elektronischen Kalenderfehlers bewahre, dann ist es die Frage, wie sich individuelle geistige Freiheit, soziale Freiheit und politische Freiheit miteinander vertragen im 21. Jahrhundert, in einen versöhnenden Einklang von Natur und Mensch kommen. Der Mehltau des Materialismus, der sich im Zuge der Globalisierung über die Welt legt und Kultur und Politik, geistiges und soziales Leben zu ersticken droht, muss durch den frischen Wind einer geistigen Erneuerung weggeblasen werden.
Objektive Geschichte: Die Summe ihrer Subjekte
Jahrhunderte lang wurde Weltgeschichte als Heilsgeschichte gedacht, glaubte der Mensch, dass sich alles zum Besseren wenden würde in einer »Zukunft« wobei das Datum 2000 wie ein magische Grenzzahl stand. Man muss sich nicht Skeptiker nennen lassen, wenn man feststellt, dass, je näher dieses Datum rückte, desto nüchterner die Hoffnungen darüber wurden, was die Zukunft überhaupt noch bringen könnte. Ohnehin ist ein »Denken in Jahrtausenden« in der Vergangenheit alles andere als Frieden stiftend gewesen, weil es immer Gefahr lief, konkrete Lebensbedingungen durch krude »Machbarkeitsphantasien« und revolutionäre Gesellschaftsentwürfe zu relativieren unter Inkaufnahme von massenhaftem Tod. Die Vorstellung von der »Einheit der Geschichte« unter Einbeziehung auch ihrer Zukunft ist ein Kennzeichen der Neuzeit. Diese Vorstellung wurde von Einsteins Relativitätstheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark erschüttert. Die Relativität der Zeit und damit auch die Geschichte ihrer Zukunft ist danach dem subjektiven Faktor Individualität geschuldet. Daraus ergibt sich die Perspektive des Menschen für die Erschließung seiner Zukunft: Objektive Geschichte ist die Summe ihrer Subjekte. Es gibt heute in zahlreichen Wissenschaftsbereichen Prognosen, nach denen die Handlungsfreiheit dieser Subjekte auf der Erde stark beschnitten ist. Grenzenloses Wachstum? Gentechnologie? Atomenergie? Umwelt? Das sind nur einige Felder, auf denen Verantwortung für die Zukunft Grenzen zieht. Und in den vergangenen Jahren wurde wiederholt gar ein »Ende der Geschichte« postuliert. Aber haben wir uns tatsächlich nichts Neues mehr zu sagen? Nichts Neues zu denken? Keine weitere Erkenntnisentwicklung? Alles schon dagewesen? Alles ausgeforscht? Der große, endgültige Knall? Das wohl nun doch nicht. Denn es ist die Verantwortung des Einzelnen und sein geistiges Bewusstwerden von sich in der Welt, die neue Gestaltungsräume öffnet. Verstand steht. Freiheit lebt.