
Hans Paul Fiechter
Stufen einer Biografie.
Der Siebenjahres-rhythmus bei Franz Kafka (1)
(Bitte beachten Sie, daß die Online-Version ohne Anmerkungen veröffentlicht wird!)
Der Siebenjahresrhythmus, eine von Rudolf Steiner gründlich erforschte allgemeine biografische Gesetzmäßigkeit,2 ist bei Kafka (1883-1924) deutlich zu erkennen. Seine Biografie eignet sich besonders dazu, eine konkrete Anschauung dieser Gesetzmäßigkeit zu gewinnen, da zu den äußeren Daten wie auch zu den intimsten Seelenregungen ein so außerordentlich reiches Material zur Verfügung steht. Und umgekehrt wird vieles in Kafkas Biografie verständlicher, wenn man auf die leiblich-seelische Entwicklung im Siebenjahresrhythmus achtet, was bisher, soweit ich sehe, in der Kafka-Forschung noch nicht geschehen ist.
Im ersten Jahrsiebt, bis zum Zahnwechsel, wird vor allem die Konstitution des physischen Leibes ausgestaltet, im zweiten, bis zur Geschlechtsreife, der Bildekräfteleib, die leibliche Lebensorganisation. Dementsprechend wird die Welt im ersten vorwiegend räumlich, im zweiten stärker zeitlich erlebt, was in Kafkas Erinnerungen an die Vorschulzeit einerseits, an die Schulzeit andererseits sehr deutlich zutage tritt. Im dritten Jahrsiebt bildet sich der Empfindungsleib aus, die Leibesgrundlage der Seele. Es entsteht eine neue Innerlichkeit, stärker von der Außenwelt abgegrenzt als beim Kind, und ein neues Bewusstsein für die eigene Leiblichkeit, an die das Welterleben noch stark gebunden bleibt. Auch die seelische Entwicklung des Erwachsenen vollzieht sich, wenn nicht vorzeitig eine Stagnation eintritt, in drei Stufen. Zunächst kommt im vierten Jahrsiebt die Empfindungsseele, der leibbezogene Seelenorganismus, zur Entfaltung. Daraus erklärt sich die natürliche, gerade bei Kafka so auffallende Empfänglichkeit für Eindrücke, der Erlebnishunger auf dieser Entwicklungsstufe. Im fünften Jahrsiebt kann auf der Grundlage der Lebensorganisation die Verstandes- und Gemütsseele, der innerlichere, weniger sinnenbezogene Seelenorganismus, ausgebildet werden. Im sechsten Jahrsiebt schließlich kann das Kraftgefüge des physischen Leibes zur Grundlage einer Entwicklung der Bewusstseinsseele, des geistgerichteten Seelenorganismus, werden.
Der Blick nach innen, den Kafka in der zweiten Hälfte seines Lebens (er wurde knapp 41 Jahre alt) auf die erste richtet, fällt auf die ehernen Gesetzestafeln dieses Lebens. Dessen Notwendigkeiten, das Mögliche und Unmögliche sind in den Kindheitserinnerungen vorgebildet. Je weiter der innere Blick in die Kindheit zurückgeht, desto unerbittlicher, lapidarer, archaischer stehen diese Gesetzestafeln da, umso mehr beziehen sie sich auf elementare körperliche Existenzbedingungen. Franz Kafkas Blick in die Kindheit ist derjenige in das Alte Testament seines Lebens. Der Vater erscheint darin als der unbegreifliche, allmächtige und zürnende Gott. Eine der frühesten Erinnerungen, das Urerlebnis Franz Kafkas ist, vom Vater nachts, weil er nicht still war, aus dem Bett geholt, auf den Balkon getragen und ausgesperrt zu werden.
»Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren, Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiss nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, dass das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen innern Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragen-Werdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war« (Brief an den Vater).
Dies ist Franz Kafkas Schlüsselerlebnis des ersten Jahrsiebts, der Vorschulzeit. In diesem Alter stehen die körperlichen Erlebnisse im Vordergrund. Nie im Leben lernt der Mensch so viel, nimmt er die Welt mit so frischen Sinnen auf, formt sie ihn so entscheidend, bis in die Ausgestaltung der leiblichen Konstitution hinein, wie in der frühen Kindheit. Die »Unternehmungen voll Mark und Nachdruck« des Kleinkindes sind noch nicht »von des Gedankens Blässe angekränkelt«, wie Shakespeares Hamlet es bei sich selbst beobachtet. Es kann auch seine Erlebnisse noch nicht relativieren, durch das Denken in einen Zusammenhang einordnen und Distanz zu ihnen gewinnen. Dadurch haben sie eine unmittelbare Wucht.
Im dritten bis fünften Lebensjahr erlebte Franz Kafka die Geburt und den Tod zweier Brüder und mehrere Umzüge. Die Geburten und Todesfälle führten dazu, dass die Mutter, die tagsüber dem Vater im Geschäft helfen und abends mit ihm Karten spielen musste, sich um ihren Ältesten wohl am allerwenigsten kümmerte. Dieser entwickelte Hassgefühle gegen seine Brüder und später Schuldgefühle, da er sich die Schuld an ihrem Tod zuschrieb. Den Vater sah er selten, er machte dadurch einen umso tieferen Eindruck auf ihn, der sich kaum je zur Gewöhnung verflachte. Durch die häufigen Wohnungswechsel der Familie mag ein Gefühl der Heimatlosigkeit, der Unsicherheit des Wohnens auf dieser Erde, das den Helden Kafkas bis ins Spätwerk hinein und besonders in diesem eigen ist, früh veranlagt worden sein.
In den ersten Schuljahren zeigte sich Franz Kafka als körperlich wohlgebildetes und gesundes, seelisch empfindsames Kind, beherrscht von übergroßer Ängstlichkeit. Diese wurde beispielsweise genährt durch die tägliche Drohung der Köchin, die ihn zur Schule brachte, sie werde dem Lehrer erzählen, wie unartig er zu Hause gewesen sei. Dabei werden Schule und Elternhaus anfangs noch als zwei getrennte Welten erlebt. Das Kind nahm
»die Drohung der Köchin nicht leicht. Doch glaubte ich zunächst, dass der Weg in die Schule ungeheuer lang sei, dass da noch vieles geschehen könne (aus solchem scheinbaren Kinderleichtsinn entwickelte sich allmählich, da ja eben die Wege nicht ungeheuer lang sind, jene Ängstlichkeit und totenaugenhafte Ernsthaftigkeit) auch war ich, wenigstens noch auf dem Altstädter Ring, sehr im Zweifel, ob die Köchin, die zwar Respektsperson, aber doch nur eine häusliche war, mit der Welt-Respekts-Person des Lehrers überhaupt zu sprechen wagen würde« (Brief an Milena, Meran, 21. Juni 1920).
Eine andere Erinnerung an die Schulzeit zeigt charakteristisch das Lebensgefühl im zweiten Jahrsiebt. Hier steht das eigene Erleben im krassen Gegensatz zu dem durchweg guten Eindruck der Lehrer und Mitschüler. Das Erleben ist jetzt stärker zeitlich, nicht mehr so elementar räumlich wie das frühkindliche. In der unbegründeten Angst des »Musterschülers« sitzen zu bleiben sind schmerzliche Entwicklungshemmungen und Ängste der späteren Biografie vorweggenommen:
»Niemals würde ich durch die erste Volksschulklasse kommen, dachte ich, aber es gelang, ich bekam sogar eine Prämie; aber die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium würde ich gewiss nicht bestehn, aber es gelang; aber nun falle ich in der ersten Gymnasialklasse bestimmt durch, nein, ich fiel nicht durch und es gelang immer weiter und weiter. Daraus ergab sich aber keine Zuversicht, im Gegenteil, immer war ich überzeugt und in Deiner abweisenden Miene hatte ich förmlich den Beweis dafür dass, je mehr mir gelingt, desto schlimmer es schließlich wird ausgehn müssen. Oft sah ich im Geiste die schreckliche Versammlung der Professoren (das Gymnasium ist nur das einheitlichste Beispiel, überall um mich war es aber ähnlich), wie sie, wenn ich die Prima überstanden hatte, also in der Sekunda, wenn ich diese überstanden hatte, also in der Tertia u.s.w. zusammenkommen würden, um diesen einzigartigen himmelschreienden Fall zu untersuchen, wie es mir, dem Unfähigsten und jedenfalls Unwissendsten gelungen war, mich bis hinauf in diese Klasse zu schleichen, die mich, da nun die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt war, natürlich sofort ausspeien würde, zum Jubel aller von diesem Albdruck befreiten Gerechten« (Brief an den Vater).
Mit der Pubertät beginnt die kleine, auf Familie und Schule beschränkte Welt des Knaben sich zu erweitern, und zwar in zwei Richtungen: nach außen und nach innen. Freundschaften, Ideen und Literatur werden wichtig. Der Vierzehnjährige ist begeistert von Spinoza und vom Sozialismus, der Sechzehnjährige von Darwin und Haeckel. Er entdeckt die deutsche Literatur von Goethe, für den er sein Leben lang eine besondere Verehrung behalten wird, über Nietzsches »Zarathustra« bis zu den Gedichten des jungen Hofmannsthal. Vor allem aber entdeckt er seine eigene innere Welt: er beginnt zu schreiben. Die damals entstandenen Manuskripte hat er später vernichtet. Eine Tagebucheintragung des Siebenundzwanzigjährigen über die ersten Schreibversuche und ihre Aufnahme in der Familie vermittelt uns ein besonders charakteristisches Bild dieser dritten Entwicklungsstufe:
»Mit welchem Jammer (dem gegenwärtigen allerdings unvergleichbar) habe ich angefangen! Welche Kälte verfolgte mich aus dem Geschriebenen tagelang! Wie groß war die Gefahr und wie wenig unterbrochen wirkte sie, dass ich jene Kälte gar nicht fühlte, was freilich mein Unglück im Ganzen nicht viel kleiner machte. Einmal hatte ich einen Roman vor, in dem zwei Brüder gegeneinander kämpften, von denen einer nach Amerika fuhr, während der andere in einem europäischen Gefängnis blieb. Ich fing nur hie und da Zeilen zu schreiben an, denn es ermüdete mich gleich. So schrieb ich einmal auch an einem Sonntagnachmittag, als wir bei den Großeltern zu Besuch waren und ein dort immer übliches besonders weiches Brot mit Butter bestrichen aufgegessen hatten, etwas über mein Gefängnis auf. Es ist schon möglich, dass ich es zum größten Teil aus Eitelkeit machte und durch Verschieben des Papiers auf dem Tischtuch, Klopfen mit dem Bleistift, Herumschauen in der Runde unter der Lampe durch jemanden verlocken wollte, das Geschriebene mir wegzunehmen, es anzuschauen und mich zu bewundern. In den paar Zeilen war in der Hauptsache der Korridor des Gefängnisses beschrieben, vor allem seine Stille und Kälte; über den zurückbleibenden Bruder war auch ein mitleidiges Wort gesagt, weil es der gute Bruder war. Vielleicht hatte ich ein augenblicksweises Gefühl für die Wertlosigkeit meiner Schilderung, nur habe ich vor jenem Nachmittag auf solche Gefühle nie viel geachtet, wenn ich unter den Verwandten, an die ich gewöhnt war (meine Ängstlichkeit war so groß, dass sie mich im Gewohnten schon halb glücklich machte) um den runden Tisch im bekannten Zimmer saß und nicht vergessen konnte, dass ich jung und aus dieser gegenwärtigen Ungestörtheit zu Großem berufen war. Ein Onkel der gern auslachte nahm mir endlich das Blatt, das ich nur schwach hielt, sah es kurz an, reichte es mir wieder sogar ohne zu lachen und sagte nur zu den andern, die ihn mit den Augen verfolgten »Das gewöhnliche Zeug«, zu mir sagte er nichts. Ich blieb zwar sitzen und beugte mich wie früher über mein also unbrauchbares Blatt, aber aus der Gesellschaft war ich tatsächlich mit einem Stoß vertrieben, das Urteil des Onkels wiederholte sich in mir mit schon fast wirklicher Bedeutung und ich bekam selbst innerhalb des Familiengefühls einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt, den ich mit einem Feuer erwärmen musste, das ich erst suchen wollte« (Tagebuch, 19.1.1911).
Es ist deutlich, dass es sich auch hier um ein Schlüsselerlebnis handelt. Das Erlebnis, ausgestoßen zu sein, das beim Kleinkind ein körperliches war, ist hier beim Jugendlichen ein seelisches. Auf der ersten Entwicklungsstufe wird die Welt räumlich erfasst; das Kleinkind lebt in der Gegenwart. Auf der zweiten gewinnt das zeitliche Erleben an Bedeutung; das Gedächtnis und Vorstellungen von der Zukunft werden wichtig. Die dritte eröffnet dem Bewusstsein einen Seelenraum, die eigene Innerlichkeit. Das noch unsichere, auf Bestätigung von außen angewiesene Selbstbewusstsein regt sich zum ersten Mal; die Kluft, die zwischen dem eigenen Inneren und der Welt aufgebrochen ist, wird sichtbar. Der innere Blick ist hier am Ende der Kindheit angekommen, an der Schwelle zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensdrittel des Dichters. Das Kind hatte die Welt der Familie und Schule fraglos als die Welt schlechthin erlebt jetzt beginnt die Zeit des Suchens nach der eigenen Welt.
Vom Kleinkind wird der Vater als überwältigende körperliche, von außen kommende Macht erlebt (Pawlatsche-Erlebnis). Später bleibt er im Hintergrund, von seiner Miene werden die Urteile abgelesen, denen das eigene Leben unterworfen ist. Seine Stellvertreter, die neuen zusätzlichen Autoritäten, sind die Lehrer. Für den Jugendlichen kann schließlich, wie in der Erinnerung an die ersten Schreibversuche und im Amerika-Roman, auch ein Onkel an seine Stelle treten, das Entscheidende aber ist, dass jetzt im eigenen Inneren das Urteil gebildet, die väterliche Instanz erlebt wird. Damit kann die Kindheitsentwicklung als ein Weg von außen nach innen, vom leibbezogenen zum seelischen Erleben begriffen werden. Die göttliche Instanz, deren Gesetzen das Leben unterworfen ist, kommt am Anfang dieses Weges von außen heran; an seinem Ende spricht sie im eigenen Innern. Die individuelle Biografie des Dichters folgt damit dem Grundmuster des Alten Testamentes, der Biografie des jüdischen Volkes, die von den Büchern Mose, vom Erleben der leiblichen Kindschaft, bis zu den Makkabäerbüchern, zum Erleben der Unsterblichkeit der Seele, führt.3
Um das 21. Lebensjahr herum (zwischen 18 und 23) wird das Ich die führende Instanz im Menschen und in seinem Lebenslauf. (Das bedeutet natürlich nicht, dass es vorher nicht auch schon, wenn auch noch weniger wachbewusst, wirksam war und dass es von nun an plötzlich allein bestimmend wäre.) In Kafkas Biografie ist dieser Vorgang besonders deutlich ablesbar an seinem Verhältnis zu Freunden und zu Büchern. Die Jugendfreundschaft mit dem reiferen Oskar Pollak, den er bewundert, wird jetzt abgelöst von der Lebensfreundschaft mit dem etwas jüngeren Max Brod, von dem er selbst bewundert wird. Jetzt liest er Meister Eckehart, Marc Aurel und Hebbels Tagebücher (an 1800 Seiten) in einem Zuge. Der Jugendliche hatte sich für Sozialismus, Atheismus, Darwinismus, den Burenkrieg und Nietzsches »Zarathustra« begeistert und im Stil der Zeitschrift »Der Kunstwart« literarischen Schwulst (wie er es im Rückblick nennt) produziert. In der zweiten Lebenshälfte des Dichters manifestiert sich das starke Ich immer mehr in strenger Selbstdisziplin, asketischer Lebensführung und nicht zuletzt in der sich bis zum dreißigsten Lebensjahr herausringenden eigenen Sprache. Ab 1910 das Tagebuch und ab Herbst 1912 auch das literarische Schaffen werden schließlich die alles andere dominierenden Organe des Ich. Wie stark dieses Ich ringt in seinem Gegensatz zur Welt auch zu dem, was am eigenen Leib und an der eigenen Seele Welt ist , kommt noch in Äußerungen vom Januar 1911 zum Ausdruck:
»Im letzten Jahr bin ich nicht mehr als fünf Minuten aufgewacht; zu Brod: Ich wünsche mich täglich von der Erde weg. Brod: »Was fehlt dir?« Kafka: Nichts fehlt mir, außer ich selbst. «
Das Ich als geistiger Mittelpunkt arbeitet sich nun teils bewusst, teils unbewusst durch das leiblich-seelische Gefüge und die bisherige Biografie hindurch, arbeitet diese um. Auch dies geschieht dreistufig wie die Kindheits- und Jugendentwicklung selbst und zwar einer menschenkundlichen Gesetzmäßigkeit entsprechend rückläufig: allgemeinmenschlich, nicht individuell, wird im vierten Jahrsiebt zunächst vor allem das dritte vom Ich ergriffen und seelisch verinnerlicht, im fünften das zweite, im sechsten das erste.4
Die Zeit von 14 bis 28 (12 bis 30), die Jugend im weiteren Sinn, kann man als die weltoffene bezeichnen. Mit der Pubertät ist ein starkes Interesse für die Welt, über Familie und Schule hinausgehend, erwacht. Besonders empfänglich ist im dritten Jahrsiebt der Empfindungsleib, der Seelenleib, in dem im vierten das Ich noch weitgehend aufgeht und ihn dadurch zur Empfindungsseele, zur an die leiblichen Sinneseindrücke hingegebenen, denkenden Seelenorganisation umwandelt. Kafkas Rückzug von der Welt mit 29 Jahren5 spiegelt die Öffnung für die Welt mit 13, ist eine Art vom Ich rückläufig durchlittene, hier besonders dramatisch verlaufende umgekehrte Pubertät. Das von der Natur in der Pubertätszeit geschenkte Empfinden, zur Welt zu gehören, aus der Geborgenheit der Familie heraus zu Großem berufen zu sein, geht dem Erwachsenen vom siebenundzwanzigsten Jahr an wieder verloren.
Im vierten Jahrsiebt seines Lebens zeigt Kafka noch mehr alterstypische Züge als später. Was im dritten wichtig war, ist es immer noch: Ideen und Freunde. Mit Max Brod, Felix Weltsch und Oskar Baum bildet sich ein Freundeskreis, der sich auch später regelmäßig zu Gesprächen und zum Vorlesen der eigenen Werke trifft Letzteres bis etwa 1910 noch ohne Kafkas aktive Beteiligung. Der junge Franz Kafka geht ins Theater, hört Vorträge über die neuesten geistigen Strömungen und Errungenschaften, über Quantentheorie, Relativitätstheorie (Einstein), Psychoanalyse und okkulte Physiologie (Steiner), verkehrt zeitweise in den Kreisen der Schüler Franz Brentanos im Café Louvre und im kulturellen Salon von Berta Fanta am Altstädter Ring. Er hat Geschmackssicherheit gewonnen; die Gymnasialzeit, in der man »Werke schuf«, wenn man Schwulst schrieb, hat er hinter sich. Weniger Schwärmerei und Weltschmerz, mehr Humor, auch Sarkasmus. In den Ferien wird Motorrad gefahren, gebadet, geflirtet. Mit der Schonungslosigkeit eines Kindes, dem kalten Verstand eines Erwachsenen und dem forschen Gehabe eines Jugendlichen beschreibt er seinem Freund brieflich eine neue Freundin. In Studium und Arbeit zeigt er sich pflichtbewusst; nachdem er mit Widerwillen die Prüfungen absolviert hat er nährt sich dabei geistig förmlich von Holzmehl, (
) die widerliche römische Rechtsgeschichte zwischen den Zähnen , promoviert er mit dreiundzwanzig Jahren zum Doktor der Rechte und tritt nach einjähriger Rechtspraxis im Landesgericht und im Strafgericht zunächst in die Versicherungsgesellschaft »Assicurazioni Generali« ein, weil er hofft, bald in ferne Länder versetzt zu werden und aus den Bureaufenstern Zuckerrohrfelder oder mohammedanische Friedhöfe zu sehn, wechselt aber bald zur »Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt«, wo ihm bei viel kürzerer Arbeitszeit für das Schreiben Zeit bleibt. Auch hier gibt es allerdings manchmal Überstunden:
»Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen von meinen übrigen Arbeiten abgesehn wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinaufgibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.«
In den ersten Gymnasialjahren war er ein ausgezeichneter Schüler; jetzt stellt ihm sein Vorgesetzter, den er liebt und verehrt, folgendes Zeugnis aus: »Dr. Kafka ist ein eminent fleißiger Arbeiter von hervorragender Begabung und hervorragender Pflichttreue.« Bei allen Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen ist er sehr beliebt und geachtet. Im Innern sieht es jedoch anders aus: hier herrschen Traurigkeit und Unzufriedenheit vor.
Das Ende des vierten Jahrsiebts ist gekennzeichnet durch eine tiefgehende seelische Krise, die sich im 1909 begonnenen Tagebuch spiegelt und im Herbst 1912 ihren Höhepunkt erreicht: einerseits der literarische »Durchbruch« mit der Geschichte »Das Urteil«, andererseits Selbstmordgedanken, weil ihn familiäre Verpflichtungen (Aufsicht nach Dienstschluss in den »Prager Asbestwerken«, an denen er finanziell beteiligt ist) von dem abhalten, was er gerade deutlicher als je als seine Bestimmung erkannt hat: dem Schreiben.
Im fünften Jahrsiebt spiegelt sich im inneren Erleben das zweite, die Zeit von der Pubertät zurück bis zum Zahnwechsel. Die Empfänglichkeit für Welteindrücke und beispielsweise auch die Sehnsucht nach fernen Ländern nehmen ab, die Entwicklungsnöte in der Welt von Familie und Schule (jetzt: Amt, Beruf) werden wieder bestimmend. Das Ich lebt sich in diesem Jahrsiebt am intensivsten in dasjenige seelische Organ ein, das denkend und fühlend gleichsam das innerliche Intervall zur Welt ausbildet, die Verstandes- und Gemütsseele. Die Auseinandersetzung zwischen Ich und Welt ist diejenige des Schriftstellers mit seiner Familie der Dreißigjährige wohnt noch immer in der elterlichen Wohnung , die Entwicklungshemmung (im Leben, nicht im Schreiben) wird im Scheitern der eigenen Familiengründung mit der Berlinerin Felice Bauer durchlitten. Das Familienleben wird auch äußerlich noch in der Kindheitswelt durchlebt, nicht auf einer neuen Stufe aus der Elternperspektive.
Im Gegensatz zur Welt, repräsentiert auf dieser Entwicklungsstufe wieder in erster Linie durch die Familie, prägt sich jetzt die Physiognomie des Ich deutlicher aus. Kafka ist ein Spätentwickler, anders als etwa Hofmannsthal und seine frühreifen Freunde Brod und Werfel. Weit über das 20. Jahr hinaus bleibt er sehr empfänglich für Eindrücke, wirkt gar nicht selbstsicher. Seit der Pubertät, stärker noch seit dem 21. Jahr, regt sich zwar schon in ihm die Eigenart seiner starken Persönlichkeit, dies wird aber erst von der späteren Entwicklung her erkennbar. Wäre Kafka mit 28 Jahren gestorben, wir hätten ein ganz anderes Bild von ihm. Mit 28 beginnt er nachzuholen und ist zwischen 30 und 40 umso sicherer in der eigenen Persönlichkeit gegründet, was auch einer der Gründe seiner starken Wirkung auf junge Menschen sein mag.
Das Ende des vierten Jahrsiebts ist gekennzeichnet durch den Rückzug auf die eigene innere Welt. Das Interesse für die äußere ist im fünften als allgemeines Interesse geringer geworden, zugleich aber gezielter. Die der Außenwelt zugewendete Seite der Seele ist immer mehr zur Fassade geworden, hinter der das Drama der inneren Biografie durchkämpft und durchlitten wird. Die äußeren Lebensformen sind formelhaft, erstarrt in Gewohnheiten. Am Ende dieses Lebensabschnitts wird der Kerker aufgebrochen durch die Krankheit, durch den Ausbruch der Lungentuberkulose.
Das letzte Jahrsiebt wird eingeleitet durch einen längeren Landaufenthalt Kafkas, der krankheitshalber zunächst beurlaubt ist, bei der jüngsten Schwester Ottla, die in Zürau versucht, Landwirtin zu werden, vom Bruder gegen den Vater unterstützt. Hier, und später in verschiedenen Sanatorien und in Berlin, wird im Angesicht des Todes mit Hilfe der Freunde der Zugang zum Leben erprobt.
Durch die Krankheit wird Kafka zunehmend wieder abhängig von der Fürsorge anderer. Wir können darin in Bezug auf die physischen Existenzbedingungen eine rückläufige Wiederholung der ersten Kindheitsentwicklung sehen: Am Anfang des letzten Jahrsiebts wird das tägliche Ins-Amt-Gehen nach und nach beendet wie am Ende des ersten das tägliche In-die-Schule-Gehen begann, und das letzte endet wie das erste begann: mit dem hilflosen Im-Bett-Liegen des Körpers. Sogar die Sprache, die im Mittelpunkt dieser Biografie stand, geht am Ende durch die Kehlkopftuberkulose wieder verloren. So schließt sich der Kreis dieses Lebens: Die erste Zeit nach der Geburt erscheint gespiegelt im Lebensende, der Zeit vor der umgekehrten Geburt.
Die äußere Konstellation am Lebensende gleicht der einer jungen Familie, wobei Franz Kafka die Rolle des einzigen, mit Hingabe umsorgten Kindes zufällt: Zwei junge Menschen, Dora Diamant und der Medizinstudent Robert Klopstock, widmen sich ganz der Aufgabe, ihn zu pflegen. In einen starken jüdischen Familienzusammenhang hineingeboren, von dem noch der im gemeinsamen Grab mit den Leibern der Eltern ruhende physische Leib Zeugnis ablegt, stirbt er von jungen »Eltern« umsorgt, deren Trauer über den Verlust des Einzigen sicher nicht geringer war als die Freude der leiblichen Eltern über die Ankunft des Erstgeborenen.
Der Kreis erweist sich bei näherer Betrachtung als Spirale: die Wiederholung spielt sich nicht auf der Ebene der Blutsverwandtschaft ab, sondern auf derjenigen der Wahlverwandtschaft. Eine zukunftsweisende Signatur des Schicksals!