Die Nachricht traf uns aus heiterem Himmel. Er war zusammengebrochen, bei einem Fest, die sofortige Hilfe konnte ihn nicht retten. Er ist gegangen, abberufen aus dem vollen prallen Leben, das er so liebte er, der zugleich so tief war, so voller Ideale, die er lebte, in der Liebe zum Handeln, bedingungslos und mit hingebender Leidenschaft.
Klaus Harms war ein journalistischer Vollprofi, mit allen Wassern gewaschen. Zu seinen beruflichen Stationen gehörte die jahrlange Leitung des Feuilletons der Stuttgarter Nachrichten. In einer Lebensphase der Umorientierung hatte er zunehmend begonnen, seine exzellenten Fähigkeiten der anthroposophischen Sache zur Verfügung zu stellen. Lange schon war er, der Familienmensch, als Schülervater der Waldorfschule verbunden. Mit der ihm eigenen Hingabekraft war er im Schulverein der Waldorfschule Kräherwald engagiert. Zuletzt arbeitete er für die Drei, für die Weleda, den Bund der Waldorfschulen und die baden-württembergische Landesarbeitsgemeinschaft als Autor, PR-Fachmann, Zeitungsmacher (z.B. auch für das neue Blatt »waldorf«).
Er wollte journalistisch der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik Brücken bauen in eine größere Öffentlichkeit, oder umgekehrt dieser Öffentlichkeit Brücken zur Anthroposophie. Dass für ihn beides ein- und dasselbe war, entsprang einer Haltung, die Anthroposophie nicht anders denken konnte denn als etwas, was sich der Welt zur Verfügung stellt.
Wir trugen ihm unsere Ideen zur Weiterentwicklung der anthroposophischen Publizistik vor, und von der Stunde an war er ganz im Boot. Er hatte die Fähigkeit, große Entwürfe, »Visionen« zu entwickeln. Aber er besaß auch die Fantasie und das Know-how, um Wege zu ihrer Umsetzung konzipieren zu können. Was ihm und uns einzig fehlte, war vielleicht die Fantasie, den Widerstandswillen gegen notwendiges Neues vorherzusehen, der aus der Fantasielosigkeit gespeist wird. Er träumte mit uns von einer anthroposophischen Wochenzeitung, die sich den Zeitfragen stellt und die Sprache der Menschen spricht, denen sie eine Anregung und Hilfe sein möchte. Er hatte den Blick für das gewaltige Potenzial der Dreigliederung des sozialen Organismus , das er durch eine solche Zeitung wirksamer werden sah. Er musste bitter erfahren, wie wenig Kraft für ein solches Projekt dort vorhanden war, wo er sie erhofft und vermutet hatte.
Mancher, der nicht einmal ahnen mochte, welchen Spagat dieser Mann versuchte, nahm ihn gar in eine Art Sippenhaft für Erscheinungsformen des heutigen Journalismus, deren Bekämpfung er doch gerade als Lebensaufgabe ansah. Denn wenn etwas für ihn charakteristisch war außer seiner warmen Herzlichkeit, seiner Tatkraft, seiner gänzlichen Unfähigkeit, anders als auf gleicher Augenhöhe mit seinen Mitmenschen zu verkehren , dann seine absolute Gewissenhaftigkeit und Verantwortlichkeit gegenüber dem Wort, die den Kern seines Begriffs von journalistischer Professionalität bildeten.
Zu seiner Berufsauffassung gehörte es auch, den Medien als Recherchequellen gegenüber skeptisch zu sein, bestimmte Informationen über einen Menschen nur gedeckt durch den persönlich-menschlichen Eindruck seinerseits dem Medium Zeitschrift anvertrauen zu wollen. Gestaltungswille bis ins Äußere des Hefts beruhend auf einem Sinn für den notwendigen Zusammenhang von Form und Inhalt war ihm eigen.
Kritik war für ihn Ressource, und er verlangte deshalb von sich und anderen, sie zu ertragen. Wie er sie äußerte und wie er sie entgegennahm, war wohltuend, professionell und menschlich zugleich, geprägt von dem so gänzlich Uneitlen und Kameradschaftlichen seines Wesens. »Wir müssen uns alles sagen können«, war einer jener Sätze, die haften bleiben. Ausdruck für seine absolute Souveränität auch dieses: Wenn er einen Text abgeliefert hatte, der zu lang geraten war, sagte er: »Kürz es! Schneid's ab «
Sein Witz konnte scharf sein da, wo Konvention, Phrase, Routine, Nabelschau und Schlimmeres ihm entgegenkamen. Aber er war nie verletzend, denn am Grund dieses Witzes war Trauer über das Unvollkommene aus Liebe zum Schaffen des Neuen. Seine Lebensbejahung war unterschütterlich und ansteckend.
Dem Vielbeschäftigten blieb oft wenig Zeit für Lektüre. Dafür lernte er umso mehr im Gespräch. Unsere Zusammenarbeit war in aller Hektik des Alltagsbetriebs ein Dauergespräch über tiefste anthroposophische Fragen. Und was er aus solchen Gesprächen mitnahm deren Fruchtbarkeit oft aus der Art seines Fragens erst entstand , das arbeitete er in sich noch einmal um, machte es ganz zur eigenen Einsicht und gab ihr dann wir erinnern uns an einen Kommentar zur Jugendgewalt im Goetheanum eine eigene, authentische und den Leser ergreifende Wortgestalt.
Unter so vielen, die aufgehört haben zu fragen, die fertig sind, mit sich und der Welt, war er immer noch unterwegs, Weg-Genosse, Mit-Streiter, Freund. Du wirst uns fehlen. Und wir werden mit dir verbunden bleiben.