Natur & Umwelt




Januar: Mistel

Nun im Winter, da die Bäume kahl stehen, entdeckt man die immergrünen Mistelbüsche im Geäst recht leicht. Die Mistel ist eine halbschmarotzende Pflanze, die vor allem durch ihre exakte Kugelgestalt auffällt. Sie ist je nach Neigung und Bildung der betrachtenden Person mit zahlreichen Assoziationen besetzt.


Die jüngere Generation wird bei der Mistel wohl unweigerlich an den Druiden Miraculix aus »Asterix und Obelix« denken. Bei Vollmond stieg dieser auf die Eichen, um mit der goldenen Sichel die Misteln für den »Zaubertrank« zu schneiden. Der Mond und die Mistel scheinen eine besondere Beziehung zueinander zu haben, wie dies die Gallier, die Kelten und wohl auch allgemein die älteren und heidnischen Kulturen noch gewusst oder zumindest deutlich geahnt haben. Weiterhin gibt es den Weihnachtsbrauch vom Mistelzweig über der Haustüre, der es erlaubt, der oder dem Eintretenden einen Kuss zu rauben.

Die Mistel wird und wurde in der Volksmedizin immer hoch geschätzt, sie wird u.a. bei Arterienverkalkung und hohem Blutdruck als Teedroge verwendet. Mehr aus dem inneren Sinnbild des wuchernden und sich nicht in den Gesamtrhythmus einfügenden »Gewächses« lässt sich ihre Verwendung in der Tumortherapie erklären. Für den medizinisch Interessierten ist mit der Mistel daher wohl die Tür zur anthroposophisch erweiterten Heilkunde am weitesten aufgestoßen. Die Misteltherapie für an Krebs erkrankte Menschen ist weitgehend etabliert, und nachdem diese Krankheit in unserer Zeit und Kultur sehr verbreitet ist, auch recht bekannt.

Ohne nun auf die tieferen Hintergründe dieses geisteswissenschaftlichen Ansatzes näher einzugehen, kann doch schon die gewöhnliche sinnliche, mit sensiblen Wahrnehmungen und Analogien bereicherte Anschauung das Wesen der Mistel – das hier die Heilung begünstigen soll – näher rücken. Die Mistel ist ein Strauch, der hoch oben auf Bäumen wächst. Er wurzelt nicht in und auf der Erde, sondern auf den Ästen anderer Pflanzen. Man könnte sagen, er flieht der Erde, er kann nicht so existieren wie das gewöhnliche Pflanzen tun. Da er aber Flüssigkeit und Nährstoffe braucht, parasitiert er seine Wirtsbäume, indem er den »Saft« anzapft. Die Photosynthese bewerkstelligt die Mistel mit ihrem grünen Laub jedoch selbst.

Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist die sorgfältig runde Wuchsform: Sie kennt kein Oben und Unten, als würden die Schwerkräfte, die Fliehkräfte, die zentripedalen und die zentrifugalen Ströme, das nach Oben zur Sonne und das nach Unten zur Erde für die Mistel keine Bedeutung haben. Auch hält sie sich nicht an die normalen vegetativen Rhythmen. Sie blüht im zeitigen Frühjahr, wenn normalerweise Vegetationsruhe herrscht. Zur Weihnachtszeit trägt sie ihre weiß glänzenden, schleimig-klebrigen Früchte, die sehr stark an etwas Mondenhaftes erinnern. Die Vögel verzehren sie gerne und sorgen damit sowohl für die Keimfähigkeit als auch für die Verbreitung der Samen. Die Ästchen der Mistel, sie wächst jedes Jahr um eines, sind seltsam gegliedert, und dabei an den Noden sehr leicht zu brechen. W. C. Simonis beschreibt sehr treffend die Ähnlichkeit mit Insektenbeinen.
Insgesamt macht die Mistel eben den Eindruck, keine so sehr irdische Pflanze zu sein. Sie lebt ein in gewisser Weise emanzipiertes Dasein. Sie bildet einen eigenen Raum im Raum, einen Strauch im Baum, ein Leben im Winter.

Martin Sinzinger

Naturkundliche Exkursionen, Kurse für Naturfotografie in der
»Schule für Naturbegegnung« Martin Sinzinger, Stadtgartl 1,
84529 Tittmoning, Tel. /Fax 08683/1679.



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