Organisches Bauen Paulgerd Jesberg: »Architektur am Jahrtausendende am Ende?«/ »Organisches Bauen als ingeniöse Tätigkeit« (10/99, S. 17f., S. 47f.)
Im Oktoberheft hat Paulgerd Jesberg zwei verdienstvolle Essays über die Aufgabe des organischen Bauens geschrieben. Er zeigt über die engen Grenzen schauend die Wurzeln auf, aus dem sich humane Architektur entwickelt hat. Es ist gut, wenn hier die Tradition der mitteleuropäischen Baukunst im Blick bleibt. Obwohl auch die Lehmarchitektur aus den arabisch-afrikanischen Ländern Beispiele für organische Hausformen aufzeigen könnte. In unserem Kulturkreis, so denke ich, hat sich aus der Antike ein dialogisches Formprizip entwickelt. Wo die religiös gestimmte Bauweise babylonischen und ägyptischen Ursprungs das statisch Aufragende also immer wieder mit bergend weiblichem Vokabular in Verbund traten. Wie es sich dann in der römischen Architektur als Zueinander von Säulen, Apsiden und Überwölbung im klassischen Dialog manifestiert. Diese dann von der christlichen Kirche übernommene Formverbindung findet in den Bauten des späten Barock ihren Höhepunkt. Immer wieder erlebe ich im Innenraum der Abteikirche Neresheim, dem letzten Bau Balthasar Neumanns, dieses Durchdringen von ovalen und gewölbten Baukörpern, in dem sich selbst die herrschaftlichen Säulen in die sich dehnenden Rundungen einfügen. Es ist wohl das letzte und lichteste Manifest einer heiteren Zusammenfügung von Orient und Okzident, eines jüdisch, griechisch, christlichen Kosmos?
Die morphologischen Naturbetrachtungen Goethes wurden dann Anlass, plastische Gegenstände in organischen Formen herzustellen. Ich bin Herrn Jesberg dankbar für den Hinweis, denn in der Tat sind ja organische Formen dann bei Rudolf Steiners zweitem Goetheanum in Dornach zur Entfaltung gekommen. Bezeichnend ist auch, dass der Bezug zum Gewachsenen vor hundert Jahren scheinbar in der Luft lag, obwohl der gleichzeitige Jugendstil seine floralen Formenwelt von weither aus der japanischen Druckgrafik entwickelt hatte. Wichtig ist mir auch die Aussage in dem Essay, dass Steiners Stilausformungen nicht unabänderlich sein müssten. Sicher haben sie viele anthroposophische Gebäude beeinflusst, wobei die abgeschrägten Fenster zum manieristischen Markenzeichen wurden. Es sind manche Waldorfschulen gebaut worden, in denen trotz oder ohne diese formalen Nachklänge humane Räume entstanden, in denen ein »unperfekter« lebendiger Geist webt. Dass darin auch große soziale Leistungen verborgen sind, kann ihre Bedeutung nur erhöhen.
Im gleichen Heft sind Arbeiten von unterschiedlichen Architekturbüros vorgestellt, die von den Entfaltungsfreiheiten zeugen, die viele Planer für sich heute nutzen. Nur, wenn Freiheit sich mit modischen Tendenzen vemählen, geht manchmal etwas daneben. Bei dem vorgestellten Rathaus im holländischen Zutphen scheint mir das der Fall zu sein. Manche leere Form lässt sich zum Symbol erheben und für manche Symbolisierung lässt sich ein Grund finden. Mir scheint: die Crux vieler antrophosophischer Kunstäußerungen liegt halt in der Überladung mit Symbolen. Meist reicht die gestalterische Kraft nicht, um die Menge der Gedanken und Anspielungen zu tragen. Eine Ökonomie der Mittel, wie sie die Renaissance um 1450 erarbeitet hat, wäre auch heute zeitgemäß. Zum Glück zeigte das Heft Ansätze davon.